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22. 12. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Studierende bekommen Rückmeldung zu ihrer Berufseignung"

Prof. Dr. Reinhoffer über den Modellversuch "Praxisjahr in der Ausbildung"

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Prof. Dr. Bernd Reinhoffer

Bildung PLUS: Das auf vier Jahre angelegte Modellprojekt "Praxisjahr in der Ausbildung" läuft seit dem Schuljahr 2004/2005 an der Pädagogischen Hochschule Weingarten (Baden-Württemberg) und ist ein bundesweit einmaliger Versuch. Was ist an diesem Modellversuch anders als an der herkömmlichen Lehrerbildung in Baden-Württemberg? Wo liegen seine Vorteile?

Reinhoffer: Im Regelfall absolvieren die Studierenden unserer Hochschule im Laufe ihres Studiums mehrere Tagespraktika und zwei vierwöchige Blockpraktika. In der zweiten Phase der Lehrerausbildung folgt in Baden-Württemberg ein eineinhalbjähriger Vorbereitungsdienst. Im Modellprojekt haben wir diese Bausteine neu kombiniert. Wir ziehen unsere fachdidaktischen Tagespraktika und Blockpraktika zusammen und nehmen ein halbes Jahr aus dem Vorbereitungsdienst dazu. Im Ergebnis bekommen wir ein ganzes Schuljahr, ein Praxisjahr für unsere Studierenden, das jetzt in der Mitte des Studiums liegt, im dritten, vierten Semester.

Der Vorteil liegt darin, dass die Studierenden auf diese Weise viel früher eine umfangreiche Begegnung mit der Praxis erfahren. Sie können überprüfen, ob das, was sie im alltäglichen Schulablauf erleben, ihrer Vorstellung vom Lehrerberuf entspricht. Sie bekommen eine Rückmeldung zu ihrer Berufseignung. Ein anderer Vorteil ist, dass wir an der Hochschule versuchen, Theorie und Praxis mehr zusammenzubringen und in eine engere Kooperation mit der zweiten Phase, also mit dem Seminar für Didaktik und Lehrerbildung treten.

Bildung PLUS: Im Rahmen des Modellprojekts arbeiten die Studierenden, die Grundschule Birkendorf bzw. die Mali-Hauptschule in Biberach, das Amt für Schule und Bildung Biberach, die Pädagogische Hochschule Weingarten und das Seminar für Didaktik und Lehrerbildung Laupheim eng zusammen. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?

Reinhoffer: Normalerweise gibt es diese enge Zusammenarbeit ja nicht. Die Hochschule ist für die Studierenden bis zum Abschluss des ersten Staatsexamens verantwortlich, das Seminar für die Lehreranwärter im Vorbereitungsdienst und das Schulamt für die Lehrkräfte, die vor Ort arbeiten bzw. auch noch für die Referendare. In der neuen Kooperation ist deshalb ein viel höherer Kommunikationsaufwand erforderlich. Es gibt regelmäßige Treffen, in denen man sich austauscht, und da kommt es manchmal natürlich auch zu Reibereien. Jede Institution vertritt naturgemäß ihre bewährte Position. Was die Abstimmungen unter den Institutionen angeht, gibt es also sicher noch Verbesserungsbedarf. Das Gute liegt aber darin, dass die Ausbildungsabschnitte durch diesen engen Austausch jetzt viel besser aufeinander abgestimmt werden können. An der Hochschule bekommen wir jetzt viel besser mit, was in der dritten Phase von den Lehrkräften erwartet wird und wir versuchen, die Studierenden schon im Laufe des Studiums in diese Richtung zu bewegen. Durch die verbesserten Abstimmungsmodalitäten können wir jetzt auch Impulse über Studierende in die Schulen hineinbringen. Und dadurch verändert sich auch unser Studiengang. Die Studierenden, die aus dem Praxisjahr zurückkommen, wollen von uns Veranstaltungen in bestimmten Richtungen erhalten. So ändert sich auch inhaltlich das Angebot an der Hochschule. Zu diesem Zweck laden wir die praxiserfahrenen Studenten sowie unsere Studiendekane zu gemeinsamen Gesprächen ein.

Bildung PLUS: Wie "machen" sich die Studentinnen und Studenten im Unterricht. Sind sie froh, ihre pädagogischen Fähigkeiten zu so einem frühen Zeitpunkt überprüfen zu können? Oder gibt es welche, die ihre Ausbildung daraufhin abgebrochen haben?

Reinhoffer: Beides. Wir haben hoch engagierte Studierende, die sich über das, was wir fordern hinaus für die Schule und für die Kinder einsetzen. Wir haben im ersten Jahr aber auch die Erfahrung gemacht, dass zwei Studierende des Jahrgangs ihr Studium abgebrochen und andere Ausbildungen begonnen haben. Aber das ist ja auch genau das, was wir mit dem Praxistest erreichen wollen: Die Studierenden überprüfen ihre Berufseignung und entscheiden sich ganz bewusst für oder gegen den Beruf, nachdem sie erfahren, was auf sie als Lehrkraft zukommt. Wenn man die Entscheidung später revidiert, geht viel zuviel Zeit verloren. Und wir alle kennen ja Lehrkräfte, die diese Entscheidung nicht getroffen haben und die dann mit großer Unlust unterrichten. Dem wollen wir möglichst frühzeitig begegnen.

Bildung PLUS: Kann man schon sagen, wie sich das Praxisjahr auf das weitere Studienverhalten der Studierenden auswirkt?

Reinhoffer: Also, nach meinen Beobachtungen wirkt es sich in zwei Richtungen aus. Zum einen studieren die Studentinnen und Studenten, die aus der Praxis zurückkommen zielstrebiger, um möglichst schnell mit dem Studium fertig zu werden. Sie wollen rasch wieder in die Praxis zurück, die sie so schätzen gelernt haben. Und zweitens haben sie in der Praxis gelernt, was sie brauchen und genau danach suchen sie jetzt Veranstaltungen aus, die ihnen helfen, die Lücken zu schließen. Das sind didaktische aber auch fachwissenschaftliche Inhalte. Es ist meiner Wahrnehmung nach ein bewussteres Studieren.

Bildung PLUS: Wie reagieren die Schulen auf die noch jungen Studierenden?

Reinhoffer: Zunächst gab es Berührungsängste. Lehrkräfte, die ihren Unterricht über Jahre hinweg selber entwickelt haben, sahen ihn auf einmal durch die Fragen der jungen Studierenden in Frage gestellt. Und auch nicht jeder konnte auf Anhieb mit jedem gut zusammenarbeiten. Trotzdem hat sich das Ganze gut entwickelt. Und zwar auch deshalb, weil die Lehrkräfte die Studierenden inzwischen als Entlastung empfinden. Sie fühlen sich dadurch, dass sie noch jemanden im Unterricht mit dabei haben unterstützt. Es bleibt mehr Zeit, sich auch mal mehr um die stärkeren, mal mehr um die schwächeren Schüler zu kümmern. Zusätzliches Personal zu bekommen war auch ein Argument für die Schulen, sich an dem Modellversuch zu beteiligen. Auch die Schulen wollen sich weiterentwickeln. Die Mali Hauptschule beispielsweise richtet so genannte Lerninseln ein, d.h. auf den Fluren vor den Klassenzimmern gibt es Ecken, in denen kleine Schülergruppen arbeiten können. Eine einzelne Lehrkraft wäre mit so vielen verschiedenen Lerngruppen überfordert. Aber so ist es natürlich ideal, dass Studierende da sind, die die Kinder beraten können.

Bildung PLUS: Das Projekt wird von der Pädagogischen Hochschule Weingarten auch forschend begleitet. Welche Fragen stehen im Vordergrund der Untersuchung?

Reinhoffer: Für uns ist natürlich ein Vergleich mit dem herkömmlichen Studienablauf interessant. Wir sind im Moment dabei, unsere Hochschule auf so genannten Standards umzustellen, d.h. wir definieren Kompetenzen, die die Studierenden im Laufe ihres Studiums in verschiedenen Bereichen erwerben können. Dies erarbeiten wir in Kooperation mit Schweizer Kollegen. Bei unserer Beobachtung steht im Vordergrund, wie sich Studierende entwickeln, die ein Praxisjahr absolvieren, im Gegensatz zu denen, die das normale Tages- und Blockpraktikaprogramm durchlaufen. In welchen Bereichen gibt es Unterschiede, wo ist ein Praxisjahr überlegen und wo hat es Schwachstellen, die wir dann wieder über unser Studium ausgleichen sollten.

Bildung PLUS: Welche Bilanz ziehen Sie nach diesem ersten "Praxisjahr Ausbildung"?

Reinhoffer: Von der Hochschule und auch vom Seminar aus ziehen wir eine positive Bilanz. Und das Kultusministerium möchte dieses Modell sogar auf den Realschulbereich übertragen. Von daher planen wir jetzt mit dem Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Reutlingen ein entsprechendes Modell für ein Praxisjahr an der Realschule.

Bildung PLUS: Wird der Modellversuch "Praxisjahr Ausbildung" nach vier erfolgreich absolvierten Jahren fest in die Lehrerbildung integriert?

Reinhoffer: Ja, im Moment sieht es so aus. Wir bekommen sehr viele positive Rückmeldungen, so dass das "Praxisjahr" eine mögliche Variante sein könnte, wie man Lehrer in Zukunft ausbildet. Es gibt zwar auch andere Universitäten, die ein Praxissemester anbieten, aber wir bieten als einzige eine kontinuierliche Betreuung an. Solche Erlebnisse und Erfahrungen müssen reflektiert werden, sonst bleiben sie an der Oberfläche. Und wir an der Hochschule wollen ja auch wissen, was wir an unserem Angebot verbessern können.


 

Prof. Dr. Bernd Reinhoffer war lange als Lehrer an reformpädagogischen Schulen sowie als Lehrbeauftragter am Staatlichen Seminar für Lehrerausbildung (GHS) Nürtingen tätig. Im Jahr 2000 erhielt er den Preis der Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts. Von 1999 bis 2002 war er Akademischer Rat an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Seit 2002 ist er Leiter des Schulpraxisamts und Professor für Sachunterricht an der Pädagogischen Hochschule Weingarten.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 22.12.2005
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