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15. 12. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Berufswunsch Lehrer

Motivationen für den Lehrerberuf

Bereitet das Studium Studentinnen und Studenten hinreichend auf den Schulalltag vor? Wo liegen die Schwächen in der Lehrerausbildung, und warum wollen junge Menschen heute überhaupt noch an die Schule gehen? Bildung PLUS hat sich unter den Lehrerinnen und Lehrern der Zukunft umgeschaut und nachgefragt. Unsere Interview-Partner sind:

  • Kathrin Höhner, 25 Jahre, im Referendariat; Studienziel: Staatsexamen Sekundarstufe I, Fächerkombination: Sport/Biologie
  • Leonhard Kreuzer, 26 Jahre, im zehnten Semester; Studienziel: Staatsexamen Sekundarstufe I + II, mit Magister, Fächerkombination: Biologie/Anglistik/Philosophie
  • Arndt Kremer, 32 Jahre, in der Endphase seiner Promotion, will nun ins Referendariat; Studienziel: Staatsexamen, Sekundarstufe I + II, Fächerkombination: Deutsch/ Philosophie
  • Jens Müller-Alander, 27 Jahre, Staatsexamen, Sekundarstufe I und II, Abschluss im siebten Semester, will nun ins Referendariat; Fächerkombination: Englisch/Philosophie
  • Nora Wolf, 24 Jahre, im zehnten Semester; Studienziel: Staatsexamen Sekundarstufe I + II; Fächerkombination: Germanistik/Anglistik/Philosophie


Kathrin HöhnerKathrin Höhner

Bildung PLUS: Was war dein prägendstes Erlebnis mit Lehrern/Schülern?

Höhner: Jeder Tag in der Schule ist ein prägender Tag. Eines meiner interessantesten Erlebnisse war bislang eine Skifahrt mit 90 Schülerinnen und Schülern - ein Abenteuer... Aber es ist schön, wenn man gebraucht wird.

Bildung PLUS: Hast du das Gefühl, an der Uni gut genug auf die Praxis an der Schule vorbereitet worden zu sein?

Höhner: Einige wichtige pädagogische Themen werden in der erziehungswissenschaftlichen Ausbildung zwar angesprochen, helfen einem in der Praxis aber nicht wirklich weiter. Die fachliche Ausbildung im Fach Biologie hat nichts mit der Didaktik oder den fachlichen Inhalten in der Schule zu tun. Wie man problemorientierten Biologieunterricht gestaltet, lernt man nicht beim Studium des Faches Biologie.

Bildung PLUS: Welche Fähigkeiten braucht man als Lehrerin oder Lehrer heute? Was würdest du an der Lehrerausbildung ändern?

Höhner: Ich denke, dass es durchaus schwierig ist, alle Aufgabenfelder des Lehrerberufes, also Erziehen, Unterrichten, Beraten, Diagnostizieren, Evaluieren, Verwalten, Organisieren, Innovieren und Kooperieren als Lehrer gleichermaßen zu erfüllen. Es findet immer eine individuelle Schwerpunktsetzung statt.
Aber eine Fähigkeit, die ich persönlich im täglichen Umgang mit Schülerinnen und Schülern besonders wichtig finde, ist Empathie.
Die Lehrerausbildung müsste endlich einmal grundlegend reformiert werden. Die Trennung der Lehrerausbildung zwischen Studium und Referendariat sollte abgeschafft werden. Von Anfang an sollte eine viel stärkere Einbindung des Lehramtsanwärters in die Schule stattfinden, mindestens ein ganzes Praxissemester Pflicht sein.
Ich finde ich es schon nahezu lächerlich, dass ein BWL Student einen Kurs in Rhetorik belegen muss, während Lehramtstudenten so etwas anscheinend nicht nötig haben.

Bildung PLUS: Der Lehrerberuf ist nicht besonders angesehen in diesem Land. Was sind deine Motivationen für den Beruf Lehrerin?

Höhner:Liebe zu Kindern und Spaß an der Gestaltung von Unterrichtsmaterialien. Der tägliche Umgang mit den Kindern motiviert und bestärkt einen in der Arbeit gerade dann, wenn die Kinder keinen anderen Fürsprecher mehr haben.


Leonhard KreuzerLeonhard Kreuzer

Bildung PLUS: Was war dein prägendstes Erlebnis mit Lehrern/Schülern?

Kreuzer: Die Erfahrungen, die ich während meines vierwöchigen Schulpraktikums machte.

Bildung PLUS: Hast du das Gefühl, an der Uni gut genug auf die Praxis an der Schule vorbereitet zu werden?
Nein, präziser formuliert: Der didaktische Aspekt der Lehramtsstudien wird zugunsten fachwissenschaftlicher Veranstaltungen vernachlässigt. Das finde ich jedoch gar nicht so schlecht, denn immerhin hat man im Referendariat noch zwei Jahre Zeit, sich ausgiebig mit den didaktischen Aspekten auseinanderzusetzen.
Ich würde etwas früher angesetzte schulpraktische Studien begrüßen, damit die für den Lehrberuf weniger geeigneten Kommilitonen dies nicht erst am Ende ihres Studiums merken.

Bildung PLUS: Welche Fähigkeiten braucht man als Lehrer heute? Was würdest du an der Lehrerausbildung ändern?

Kreuzer: Eigentlich braucht man heute keine anderen Fähigkeiten als früher auch, wobei jedoch soziale Problematiken an Bedeutung gewonnen haben. Ich denke, dass eine andauernde Beschäftigung mit dem Fach, gerade in den Naturwissenschaften, wegen des sich beständig wandelnden Kenntnisstands, unabdingbar ist. Interkulturelle Pädagogik ist gerade an einem Standort wie Köln mittlerweile essentiell. Im Endeffekt ist aber Begeisterung für das eigene Fach wohl immer noch eine der entscheidendsten Vorbedingungen für erfolgreichen Unterricht.
Was ich an der Lehrerausbildung ändern würde? Das oben bereits erwähnte frühere Schulpraktikum wäre ein Aspekt. Die fachdidaktischen Seminare würde ich dahingehend ändern, dass man nicht für jedes Fach zweimal dasselbe hört.
Des Weiteren würde ich gerne die ganze Herangehensweise an die Didaktik ändern und sämtliche Aspekte des von 1968 geprägten Lehrwesens tilgen, um sie schließlich mit der notwendigen Wissenschaftlichkeit und Ernsthaftigkeit zu behandeln. Der gesamte fachdidaktische Bereich wird mit einem Augenzwinkern vermittelt, einer verklärten Humanität und dem Selbstanspruch, eher geistiges Beiwerk als essentielles Wissen und Kulturtechnik zu sein. Solange sich dies nicht ändert, wird dieser Fachbereich von den Studenten weiterhin als lockeres "Anything goes"-Fach betrachtet werden.

Bildung PLUS: Der Lehrerberuf ist nicht besonders angesehen in diesem Land. Was sind deine Motivationen für den Lehrerberuf?
Vermittlung von Wissen sowie Erziehung zu kritischen und reflektierten Menschen sind für mich die wichtigsten Argumente. Ich denke, dass die eigene Selbstverwirklichung in diesem Transfer sehr gut gelingen kann. Des Weiteren sind natürlich auch die Sicherheit, das gute Einkommen und die flexiblen Arbeitszeiten für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts reizvolle Aspekte. Im Übrigen reizt mich auch die Möglichkeit, an deutschen Schulen im Ausland zu unterrichten.


Arndt KremerArndt Kremer

Bildung PLUS: Was war dein prägendstes Erlebnis mit Lehrern/Schülern?

Kremer: Ein Grund, weshalb ich überhaupt auf Lehramt studiert habe, war meine Philosophielehrerin, eine großartige Lehrerin. Wir haben die am Anfang nicht richtig ernst genommen, sie hatte so einen leicht esoterischen Tick. Aber sie hat uns Stück für Stück für sich gewonnen, weil sie einfach einen ganz anderen Zugang zur Welt hatte. Das war ein richtiges Befreiungserlebnis nach diesem grauenhaften katholischen Religionsunterricht, wo Kritik mit schlechten Noten bestraft wurde. Mit einem Augenzwinkern kann ich sagen: So wie sie ist, möchte ich auch sein.

Bildung PLUS: Hast du das Gefühl, an der Uni gut genug auf die Praxis an der Schule vorbereitet worden zu sein?

Kremer: Von Vorbereitung kann man nicht sprechen. Die Art und Weise, wie das Ganze konzipiert ist, ist ja ein altes Konzept. Es sollen halbe Wissenschaftler an den Universitäten ausgebildet werden, und an der Schule bekommt man dann in einem zweijährigen Crashkurs, für den man mehr schlecht als recht bezahlt wird, die ganze Praxis mal eben vermittelt. Viele Leute sagen bei der Einschreibung: Dann studieren wir mal auf Lehramt. Referendariat als bezahlter Zivildienst. Sie werden aber an der Uni nicht ausreichend auf den Beruf vorbereitet und merken im Referendariat, dass das nicht das Richtige für sie ist. Sie sind dann viel zu alt, um sich noch anders zu entscheiden.

Bildung PLUS: Welche Fähigkeiten braucht man als Lehrer heute? Was würdest du an der Lehrerausbildung ändern?

Kremer: Ich würde jetzt nicht konkret sagen, dass die Lehrerausbildung schlecht ist. Die Lehrer sind in Deutschland schon gut ausgebildet. Während des Studiums sollte mehr in Schulen gegangen werden. Viele haben gar nicht registriert, dass sie in der Schule jetzt auf der anderen Seite der Bühne sind. Darauf muss man psychologisch vorbereitet sein.
Warum holt man für den Fachdidaktikunterricht nicht Lehrer von Krisenschulen, die einem erzählen, was man machen kann, wenn in der Klasse ein Schüler aufspringt und sagt: "Du dummes Arschloch!" und einem an die Gurgel will. Stattdessen werden dann irgendwelche Fachdidaktiker geholt, großartige, promovierte Leute, die aber, was den Schulalltag angeht, überhaupt nichts zu erzählen haben.

Bildung PLUS: Der Lehrerberuf ist nicht besonders angesehen in diesem Land. Was sind deine Motivationen für den Lehrerberuf?

Kremer: Dass der Lehrberuf hier nicht angesehen ist, ist ja ein sehr seltsames Phänomen, denn in vielen anderen Ländern ist er es. Deutsche Lehrer sind als Beamte überproportional gut bezahlt. Für viele scheint die Verbeamtung sowieso die einzige Motivation zu sein, an die Schule zu gehen. Ich finde das sehr problematisch. Ich würde den Beamtenstatus von Lehrer abschaffen und auch mit den Gehältern etwas runter gehen, dafür aber die Berufsituation verbessern.
Das Problem ist, dass Lehrer unter harten Bedingungen arbeiten müssen. Dass sie allein gelassen werden, dass sie tausend Dinge machen müssen, die nichts mit ihrem eigentlichen Beruf zu tun haben. Warum nicht wie in den skandinavischen Ländern zwei, drei Lehrer unterrichten lassen? Warum nicht mehr Lehrer und warum nicht einen Schulpsychologen an der Schule einstellen?
Meine persönliche Motivation ist der Spaß, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Ich habe zusätzlich eine Ausbildung als Theaterpädagoge gemacht und viel Zeit mit Kindern verbracht. Es ist eine wichtige Voraussetzung, dass man einfach Lust auf diese ganzen lebendigen Probleme hat.


Jens Müller-AlanderJens Müller-Alander

Bildung PLUS: Was war dein prägendstes Erlebnis mit Lehrern/Schülern?

Müller-Alander: Ich denke, dass sehr viel an der Persönlichkeit des Lehrers hängt, sehr viel mehr als den Lehrern vielleicht bewusst ist. Bei mir war das so, dass mich die Lehrer, die energisch, fast streng vorgegangen sind, beeindruckt haben. Da kam mehr Stoff rüber als bei denen, die lasch ihren Stoff durchgegangen sind.

Bildung PLUS: Welche Fähigkeiten braucht man als Lehrer heute? Was würdest du an der Lehrerausbildung ändern?

Müller-Alander: Entscheidend ist, dass man sich auf die individuellen Schülerpersönlichkeiten einstellen kann. Darauf, wie sich die Klasse verhält, wie leistungsstark sie ist, wie sie sozial untereinander harmoniert.
Der allgemeine politische Tenor ist ja, dass heute alles so desaströs sei, dass es für Lehrer viel schwieriger als früher sei, zu unterrichten. Bis jetzt, drei Monate vor dem Referendariat, bin ich nicht ganz sicher, ob das stimmt. Aber sofern man sich an der Schülerseite orientiert, an deren Interessen und Fähigkeiten, glaube ich, dass es gut funktionieren kann.

Bildung PLUS: Hast du das Gefühl an der Uni gut genug auf die Praxis an der Schule vorbereitet worden zu sein?

Müller-Alander: Ich finde schon, dass die Unis relativ theorielastig sind, wobei ich bisher nicht einschätzen kann, inwiefern man diese Theorien später im Referendariat oder als "echter Lehrer" braucht.
Es gibt natürlich die Möglichkeit der Praktika und auch Verpflichtungen zu Praktika, wobei man sich da immer in einer Sonderrolle befindet. Man wird nicht ganz für voll genommen, weil man den Schülern keine Noten geben darf oder muss. Es ist die Frage, inwiefern Praktika Rückschlüsse darüber zulassen, ob man das nachher wirklich dreißig Jahre lang durchstehen kann, Lehrer zu sein.

Bildung PLUS: Der Lehrerberuf ist nicht besonders angesehen in diesem Land. Was sind deine Motivationen für den Lehrerberuf?

Müller-Alander: Ich gehe eigentlich gern mit Menschen um. Besonders bei jungen Menschen hofft man natürlich, sie noch positiv in ihrer Entwicklung leiten und ihnen positive Charakterzüge und Eigenschaften mit auf den Weg geben zu können.


Nora WolfNora Wolf

Bildung PLUS: Was war dein prägendstes Erlebnis mit Lehrern/Schülern?

Wolf: Als es mir eine Zeitlang sehr schlecht ging, haben sich viele Lehrerinnen und Lehrer um mich gekümmert und ermuntert, weiterhin am Unterricht teilzunehmen. Sie haben mir geholfen, neue Perspektiven in meinem Leben zu finden.
Negativ erlebte ich einem Sportlehrer, der einen sehr rabiaten Unterrichtsstil hatte und einmal einen Schüler im Unterricht geschlagen hat. Der ließ uns auch regelmäßig nachsitzen. Damit hat er sich als Lehrer disqualifiziert.

Bildung PLUS: Hast du das Gefühl, an der Uni gut genug auf die Praxis an der Schule vorbereitet zu werden?

Wolf: Ich denke, dass es sehr schwierig ist, an der Universität auf die Schule vorbereitet zu werden, weil man sich eben nicht an der Schule befindet, sondern in einem abgeschlossenen Raum, nämlich an einem Ort des wissenschaftlichen Arbeitens.
Ich halte es für sehr wichtig, dass man Kompetenzen erwirbt, auch wenn man sie nicht an der Schule in der Tiefe anwenden kann.
Das Eigentliche lernt man, denke ich, erst im Referendariat. Was für viele vielleicht zu spät ist, weil sie erst dann erkennen, dass sie für diesen Beruf doch nicht geschaffen sind oder sich den Erwartungen nicht gewachsen fühlen.

Bildung PLUS: Der Lehrerberuf ist nicht besonders angesehen in diesem Land. Was sind deine Motivationen für den Lehrerberuf?

Wolf: Ich habe die Entscheidung, dass ich mich zur Lehrerin ausbilden lasse, vor allem als Kompromisslösung getroffen, weil ich nicht sicher war, was ich mit einem Magisterstudium anfangen soll. Da gibt es nur die Möglichkeit, in der Medienbranche zu arbeiten oder an der Uni zu bleiben, was ich auch eigentlich gerne möchte. Im Rahmen des Pädagogischen Austauschdienstes habe ich selber Unterrichtserfahrungen sammeln können. Das hat mir wiederum viel Spaß gemacht und ich kann mir vorstellen, das einige Zeit meines Lebens zu tun.

Autor(in): Julia Trompeter
Kontakt zur Redaktion
Datum: 15.12.2005
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