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20. 10. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Wiedergeburt in der Schule

Eine der wichtigsten Weichenstellungen in der Kindheit: der Übergang zwischen Kindertagesstätten und Grundschule

Bild

Quelle: Photocase.com

Die Geburt eines Mädchens oder eines Jungen ist ein einschneidender Vorgang. Sie ist der erste stressige Übergang für jedes Kind. Die langfristige Folge der Geburt, die Erziehung und Bildung der Kinder, sind nicht nur eine Herausforderung für das Kind, sondern eine für die ganze Gesellschaft. Eine der wichtigsten Schwellen im Laufe der Kindheit markiert hierbei der Übergang vom Kindergarten zur Grundschule.  

Dieser Übergang ist so etwas wie eine Geburt, die eines ABC-Schützen und für die Eltern zugleich eine große Umstellung. Nun heißt es von der vertrauten Welt des Spiels in die ungewohnte Welt des kontrollierten Lernens zu wechseln. Da Kindertagesstätten kommunal verankert sind und Schulen im Land, herrscht zwischen beiden Bereichen oft Sprachlosigkeit.  

"Zur frühen Förderung von Bildungsprozessen gehört auch der intensive Dialog zwischen Kindergarten oder Schule und Eltern", stellt dazu das Forum Bildung in seinen Empfehlungen fest. Es hebt die Notwendigkeit des Dialogs hervor, weil traditionell Kindergarten und Schule voneinander abgeschottet sind. Die beiden Professionen Erzieher und Lehrer begegnen sich nicht immer auf gleicher Augenhöhe. Dies behindert natürlich das Verständnis füreinander und Kooperationen.   

Auch die Kultusministerkonferenz (KMK) sieht Handlungsbedarf. So hat sie sieben Handlungsfelder identifiziert, und damit das Areal für Modernisierung des deutschen Bildungssystems abgesteckt. Im zweiten Handlungsfeld geht es um die Übergänge zwischen Elementarbereich und Primarbereich - um "Maßnahmen zur besseren Verzahnung von vorschulischem Bereich und Grundschule mit dem Ziel einer frühzeitigen Einschulung."   

Nun gibt es in den Ländern eine Reihe von Initiativen, mit dem Ziel, die kritische Phase des Übergangs zu erleichtern - und somit eine kontinuierliche Bildungslaufbahn zu ermöglichen. Die Länder bauen an einem durchlässigen Übergang wie an einem neuen Haus mit vielen Türen zur Welt. Manche haben den Anspruch, ganzheitliche Bildungskonzepte zu realisieren, die vom zweiten Lebensjahr bis in die Jugend reichen. Und da es 16 Länder gibt, werden dementsprechend viele Häuser des Übergangs nach unterschiedlichen Bauplänen errichtet. Rheinland-Pfalz setzt die Akzente eher auf das letzte Kindergartenjahr und Thüringen auf die ersten beiden Schuljahre.  

Gesucht: das kinderfreundlichste Land
Die Haus der frühkindlichen Bildung des Landes Rheinland-Pfalz lautet: "Zukunftschance Kinder: Bildung von Anfang an". "Wir setzen damit einen Meilenstein beim Ausbau der frühen Förderung", sagt Doris Ahnen, Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz. Das Konzept "Bildung von Anfang an" sieht vor, den Kindergarten stärker als Bildungsstätte auszubauen. Mit dem Landesprogramm soll durch den Ausbau von vorschulischer Sprachförderung die Bildungsbenachteiligung abgebaut werden. Denn man weiß, Kinder mit Migrationshintergrund oder aus Familien, in denen weniger gelesen wird (bildungsferne Familien) gehen seltener in den Kindergarten.  

Alle Kinder sollen in den Kindergarten gehen und nicht nur die derzeit 96 Prozent. Das Land möchte außerdem, dass sich Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrkräfte auf gleicher Augenhöhe begegnen - "als gleichberechtigte Partner". Sowohl in das Kindertagesstättengesetz als auch in das Schulgesetz wurden Bestimmungen aufgenommen, welche die Stätten des Spiels und des Lernens zur Abstimmung der Bildungskonzepte verpflichten. Auf den Stundenplan der Pädagogen sowohl im Elementarbereich als auch im Primarbereich gehören gegenseitige Hospitationen. Also: Erzieher besuchen Grundschulen und Lehrkräfte gehen in die Kindergärten.   

Unter den fünf Pluspunkten des Landesprogramms "Zukunftschance Kinder" benennt das Land Maßnahmen, um den Übergang vom Kindergarten zur Grundschule zu erleichtern. Darunter die Beitragsfreiheit für das letzte Kindergartenjahr, also für die zumeist Fünfjährigen, flächendeckende Sprachförderung, Vorbereitung auf die Schulzeit und eine tragfähige Zusammenarbeit zwischen Kitas und Schulen. Schon ab dem 1. Januar 2006 übernimmt Rheinland-Pfalz die Kosten der Elternbeiträge (rund 25 Mio. Euro) für alle Fünfjährigen.

Je länger der Kindergartenbesuch dauert, desto geringer sind die sprachlichen Mängel bei der Einschulung. Die "pädagogische Aufwertung des Kindergartens" im letzten Kindergartenjahr dient dazu, auf das schulische Lernen vorzubereiten. Durch Feststellungen des Sprachstandes und anschließendem Sprachtraining sollen alle Kinder den Anschluss erhalten. Für die pädagogische Aufwertung bringt das Land 8 Mio. Euro auf.        

Knackpunkt Fortbildung
Ein weiterer unverzichtbarer Baustein für die Phase des Übergangs ist die Fortbildung der Erzieherinnen. Hierbei werden sie auf organisatorische und didaktische Schritte beim Übergang zwischen Kindergarten und Grundschule genauso vorbereitet wie auf Diagnosefähigkeiten, die Kniffe individueller Förderung, Sprachförderung und interkulturelle Kompetenzen. Für die Qualifizierung im Umfeld von Kindertagesstätten macht das Land 2 Mio. Euro jährlich locker.   

Wenn Kinder sich mit naturwissenschaftlichen Fragen beschäftigten, so Vera Reiß-Jung, Abteilungsleiterin im Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend, dann müssten Erzieherinnen auch darauf eingehen können. Das erfordere ihr erweitertes Professionsverständnis. Entgegen der landläufigen Meinung, Erzieherinnen und Erzieher seien wenig fortbildungswillig, stellt Vera Reiß-Jung ein hohes Engagement fest. So hätten sich zum neuen berufsbegleitenden Studiengang "Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit" an der Fachhochschule Koblenz/Remagen deutlich mehr Bewerber gemeldet als erwartet.    

Beim Übergang die Gesundheit im Blick
Thüringens neues zu bauendes Haus der Bildung lautet: "Bildung und Betreuung von 2 bis 16". Auch das Land im Osten Deutschlands führt Internationale Studien und aktuelle Erkenntnisse der Gehirnforschung an, um das Konzept zu begründen. Die Verantwortlichkeit für frühkindliche Bildung hat der Freistaat vom Sozialministerium in das Kultusministerium geholt. So schafft das Land die administrativen Voraussetzungen, vorschulische und schulische Förderung besser miteinander zu verzahnen.  

Als die wichtigsten Stützen für die Kinder beim Übergang in die Schule werden die Eltern gesehen. In Thüringen gibt es derzeit rund 80.000 Kindertagestättenplätze kommunaler oder freier Träger. Um ihren Beitrag zur frühkindlichen Bildung zu stärken, erhalten diese ein Landeserziehungsgeld (auch "Thüringer Erziehungsgeld"). Das Erziehungsgeld dient der Überbrückung der Zeit zwischen dem Auslaufen des Bundeserziehungsgeldes und des Einsetzens des Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz ab dem Alter von zweieinhalb Jahren.   

Regionale Netzwerke tragen dazu bei, Schulen und Träger der Jugendarbeit miteinander zu verknüpfen. Alle Kindertagesstätten und Grundschulen sind verpflichtet, ein Bildungskonzept gemeinsam mit den Eltern zu entwerfen. Das Ergebnis der Verständigung in der Region ist ein "gemeinsamer Bildungsplan".   

Kooperationsformen des Übergangs
Beim Übergang vom Kindergarten zur Grundschule lässt sich das Land Thüringen genauso sehr die Persönlichkeit der Kinder stärken wie ihre geistigen Fähigkeiten entwickeln.     

Kinderärztinnen vom Kinder- und Jugendärztlichen Dienst begleiten die Kinder vom Kindergartenalter bis zum Ende der Schulzeit. Gesundheit in der Vorschule und der Schule wird in Thüringen groß geschrieben.  

Alle für die Kinder wichtigen Personen tauschen sich in regelmäßigen Abständen bei den "Rundtischgesprächen" aus. Es geht um eine Atmosphäre der Akzeptanz der verschiedenen Professionen. Diese Gespräche werden im letzten Kindergartenjahr forciert. Während dieser Zeit lernen die Kinder den Schulweg kennen, das Schulgebäude und den Schulhof, sehen den Hort und die Turnhalle von innen und besuchen den Unterricht in einer ersten Klasse. Den Kindern wird Zeit zum Abschiednehmen eingeräumt und zur Anpassung an die Wirklichkeit der Schule.   

Die Formen der Zusammenarbeit mit den Eltern sind im Thüringer Schulgesetz festgelegt. Die Eltern informieren sich in der Übergangszeit zur Schule umfassend über die Schule, über ihr Profil, die Organisation sowie die Unterrichtsinhalte. Eine Beratungslehrerin vermittelt zwischen Kindergarten und Schule. Die wichtigsten Formen der Elternarbeit für den Übergang sind:      

  • Serie von Elternabenden
  • Schulanmeldung mit Beratungsgespräch
  • Schullaufbahngespräch
  • Vorschulnachmittage in der Schule
  • Schulveranstaltungen wie Tag der offenen Tür
  • Besuch der ersten Klasse
  • Einschulungsfeier    

Da der Übergang zwischen Kindertagesstätte und Schule mit dem ersten Schultag nicht abgeschlossen ist, rechnet Thüringen auch die flexible Schuleingangsphase zur Gestaltung des Übergangs. Die flexible Schuleingangsphase erstreckt sich von der ersten zur zweiten Klassenstufe. Schon in Kindertagesstätten lernten die Kinder in altersgemischten Gruppen. Dies können sie in der flexiblen Schuleingangsphase fortsetzen. Je nach dem Stand der Entwicklung des Kindes kann die Eingangsphase um ein Jahr verkürzt oder auf drei Jahre verlängert werden. Kinder mit langsamem Lerntempo fühlen sich nicht beschämt.

Es gibt in der Eingangsphase zunächst keine schriftlichen Noten, sondern nur verbale Bewertungen. Erst allmählich werden die Schüler an die Bewertung nach Noten herangeführt.
Die Forschung zeigt: "Kinder kommen schneller in der Schule an", sagt Ursula Carle, Professorin für Grundschulpädagogik an der Universität Bremen. Sie hat die flexible und integrative Schuleingangsphase in Thüringen wissenschaftlich begleitet.    

"Vom Kooperationsaufwand her nicht zu schaffen"
Aus den Erfahrungen des Bremer Modellprojektes "Frühes Lernen - Kindergarten und Grundschule kooperieren" hat die Forschergruppe um Ursula Carle die Konsequenz gezogen, die Elternarbeit zu verstärken und die Bildungspläne von Kindergarten und Schule systematisch zu durchforsten. Ziel müsse es sein, im Zuge eines regionalen Bildungsplans am Übergang Angebote für Kinder im Alter von vier bis acht Jahren zu entwickeln.  

Carle plädiert auch für professionelle Projektplanung auf Seiten der Kindergärten und der Schule. Die Kooperationen seien oft noch zu unsystematisch. Viele Kindergärten seien auch überlastet. Schulen in Großstädten kooperierten mit vielen verschiedenen Kindergärten. "Ohne ein schlüssiges Ortsteilkonzept ist das vom Kooperationsaufwand her nicht zu schaffen", so Carle.   

"Wenn das gesamte Set an Maßnahmen der Bundesländer in einem Land vereint wären, dann würde dies zu einer tollen Entwicklung führen", sagt die Erziehungswissenschaftlerin zu den verschiedenen Wegen der Länder, den Übergang zu gestalten. Was wir jetzt bräuchten, wäre eine positive Entwicklung in der Fläche. Das ginge nicht ohne mehr Geld, bessere Allgemeinbildung der Erzieherinnen und Erzieher und Fortbildungen im Verbund von Kitas und Grundschulen im ganzen Bundesgebiet. Dies verspricht allerdings eine schwierige Geburt zu werden.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 20.10.2005
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