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08. 09. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Die Zäune in den Köpfen einreißen

Initiativen wollen Jungs für klassische Frauenberufe begeistern

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Berufsorientierung für Jungen

Zwischen mehr als vierhundert Ausbildungsberufen können deutsche Schülerinnen und Schüler heute wählen. Doch sie nutzen diese luxuriöse Bandbreite kaum. Unter anderem deshalb, weil das stereotype Rollenverständnis immer noch eine klare Grenze zwischen Frauen- und Männerberufen zieht. Die beliebtesten Berufe für Jungs sind nach wie vor Kraftfahrzeugmechatroniker, Elektroniker, Anlagemechaniker oder Maler und bei den Mädchen sind es die Bürokauffrau, Arzthelferin, Kauffrau im Einzelhandel oder die zahnmedizinische Fachangestellte. In den vergangenen Jahren entstanden immer mehr Initiativen und Projekte, die sich vorgenommen haben, die herkömmlichen Klischees und Rollenbilder in der Arbeitswelt aufzubrechen und auch den Jungs "Frauenberufe" schmackhaft zu machen. Das geschieht meist im Windschatten des großen "Girls´day", der jährlich am 28. April über 120.000 Mädchen anlockt, die sich einmal in "Männerberufen" ausprobieren wollen. Gerade weil sich die traditionellen Beschäftigungsmodelle heute radikal ändern und niemand mehr mit einer Vollzeit-Festanstellung rechnen kann, dürfen auch die männlichen Schüler nicht allein gelassen werden. Schließlich, so stellt die EU-Studie "Work changes gender" fest, betreffen diese Verwerfungen besonders Männer, weil die Erwerbsarbeit für sie mehr ist als Einkommenssicherung: "Sie ist für Männer auch die vorherrschende Form der Strukturierung von Zeit, der Vermittlung sozialer Kontakte, der Zuweisung von Status und Sozialprestige, der Konfrontation mit der äußeren Realität und für die Selbstwertschätzung."

"Neue Wege für Jungs" soll die Projekte vernetzen
Die Initiative "Neue Wege für Jungs" soll als bundesweite Plattform Initiativen und Projekte verknüpfen. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das dieses Modellprojekt zeitgleich zum diesjährigen "Girls´day" ins Leben gerufen hat, will damit Schülern von der fünften bis zur zehnten Klasse neue Perspektiven zur Lebensplanung und in der Berufswahl aufzeigen und so ihre Beschäftigungschancen erhöhen. In der Dienstleistungsbranche zum Beispiel, die seit Jahren als Jobmotor gilt, sind hauptsächlich Frauen beschäftigt. Und Erziehungswissenschaftler klagen, dass den Kindern in den Kindertagesstätten männliche Vorbilder als Erzieher fehlen würden. Bundesfamilienministerin Renate Schmidt besuchte zum diesjährigen "Girls´day" zusammen mit fünf Jungen einer neunten Klasse eine Kindertagesstätte in Berlin. Die Bundesministerin zeigte sich überzeugt: "Jungs müssen nicht immer Mechaniker werden. Wir brauchen sie auch als Erzieher". Die fünf Jungs waren in punkto Frauenberufen aber auch keine Neulinge mehr: Begleitet vom Verein Dissens e.V. in Berlin hatten sie bereits früher ein dreiwöchiges Schulpraktikum in einer Kindertagesstätte absolviert und statteten dieser nun am "Girls´day" einen zweiten Besuch ab. Das heißt aber nicht, dass alle fünf nun auch Erzieher werden wollen, die Resonanz sei "eher gespalten", so Jens Krabel von Dissens e.V.

Der "Zukunftstag" in Brandenburg ist auf die Schulen angewiesen
Nicht nur Erzieher fehlen, sondern auch Altenpfleger. In Altenheimen arbeiten fast ausschließlich Frauen, obwohl es körperlich eine sehr anstrengende Tätigkeit ist. Eine Tatsache, die unter anderem dazu beitrug, dass in Brandenburg der Zukunftstag ins Leben gerufen wurde: Seit drei Jahren soll er bei Mädchen und Jungen das klassische berufliche Rollenverständnis aufbrechen und für frischen Wind in der Berufswahl sorgen. Zahlreiche Unternehmen hatten dieses Jahr insgesamt 6000 Plätze zur Verfügung gestellt, mitmachen wollten aber nur tausend Schülerinnen und Schüler. Der Grund dafür liegt nicht am mangelnden Interesse, sondern oft in der lückenhaften Kommunikation der Schulen vor Ort. "Die Schülerinnen und Schüler wissen oft gar nicht, dass es diesen Zukunftstag gibt. Wir sind darauf angewiesen, dass die Lehrerinnen und Lehrer die Informationen weitergeben", beklagt Carola Mahncke, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit beim Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Familie in Brandenburg. Eine spezielle Vorbereitung für Jungen, die mal in einen "Frauenberuf" reinschnuppern wollen, ist noch nicht an allen Schulen vorbildlich geregelt. "Man muss einfach Geduld haben und das Problem gemeinsam mit allen Beteiligten angehen", gibt sich Carola Mahncke optimistisch. Die Vor- und Nachbereitung an den Schulen ist aber, besonders im Fall der Jungen, der Faktor, der über Erfolg oder Misserfolg entscheidet. "Der Druck im Umfeld der Schüler ist so stark, dass kaum ein Schüler ohne die nötige Unterstützung in der Schule einen für sein Geschlecht untypischen Beruf ergreifen wird", erklärt Jens Krabel von Dissens e.V. Das bedeutet, dass Jungen, die sich überhaupt mal in einen Friseursalon, ein Altenheim oder eine Grundschule trauen, durch den Spott ihrer Mitschüler und die fehlende Unterstützung der Lehrer rasch wieder auf den altbekannten beruflichen Pfaden wandeln. In diesen Fällen kann ein "Boys´day" sogar in sein Gegenteil verkehrt werden. Manche Kritiker bemängeln auch, dass die Konzentration auf einen einzigen Tag nichts bringe und sich die Idee des "Girls´day" sowieso nicht originalgetreu auf das andere Geschlecht übertragen lasse, weil es viel schwerer sei, Jungs für die auf den ersten Blick wenig attraktiven Frauenberufe zu begeistern.
Einen Lösungsansatz bietet die Studie "Zur Situation von Männern in "Frauenberufen" in Pflege und Erziehung in Deutschland", herausgegeben vom Bildungsnetz Berlin und erstellt von Dissens e.V.. Die Studie spricht sich dafür aus, sowohl die Berufsberatung als auch die Lehrerinnen und Lehrer für dieses Thema durch Fortbildungen noch viel sensibler zu machen, Schulpraktika für Jungen gezielter als bisher in sozialen Berufen anzustreben und darüber hinaus Praktika und Hospitationen auf den Zivildienst oder das soziale Jahr anzurechnen, um so Jungen für soziale Berufe zu gewinnen. Das, so die Autoren, könnte eventuell nachhaltiger wirken als ein Girls´oder Boys´day.

Ernährungswissenschaft hat nichts mit Backen und Kochen zu tun
Doch nicht nur das Handwerk und andere Ausbildungsberufe beklagen das überkommene Rollenverständnis. Auch in vielen Studiengängen sind Frauen unter sich. Vor allem in manchem naturwissenschaftlichen Studiengang wie Biologie, Ernährungswissenschaft oder Lebensmittelchemie stellen Frauen rekordverdächtige 90 Prozent der Studierenden. Ein Grund für die Uni Hohenheim in Stuttgart mit einem Aktionstag für Oberstufenschüler die Werbetrommel für männlichen Nachwuchs zu rühren. Dass Ernährungswissenschaft nichts mit Backen und Kochen zu tun hat, erfuhren die Schüler an diesem Tag spätestens dann, wenn sie einen Vitamintest machten, um ihre Fitness zu testen oder mit einer DNA-Analyse einem fiktiven Mörder auf die Spur kamen. Über fehlende Resonanz konnten sich die Veranstalter nicht beklagen: 300 interessierte Besucher fanden an diesem Tag den Weg in die Uni und Marita Baumgarten, Assistentin der Fakultätsleitung, war überrascht, wie neugierig und interessiert die meisten der Schüler gewesen seien. Auch die Dozenten zogen eine positive Bilanz: So konnten sie doch endlich einmal mit den Vorurteilen aufräumen, die ihre Studiengänge seit Jahren begleiten. Ein weiterer wichtiger Grund, warum die Uni Hohenheim auf ein Miteinander von Frauen und Männer setzt: "Wenn Frauen und Männer zusammenarbeiten, ergänzen sich ganz unterschiedliche Denkweisen. Das verbessert das Lernklima und wirkt sich positiv auf die ganze Gruppe aus", erklärte Prof. Dr. Karl Bosch, Dekan der Fakultät Naturwissenschaften an der Universität Hohenheim.

Auch wenn es noch viel Zeit und Geduld kosten wird, die gedanklichen Zäune zwischen Frauen- und Männerberufen einzureißen, winkt am Ziel nicht nur dem Einzelnen die berufliche Selbstverwirklichung, sondern auch der Gesellschaft ein vielschichtiger Gewinn.

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 08.09.2005
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