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21. 07. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Stolze und Enttäuschte

Es kommt Bewegung ins Schulsystem, doch das System als Ganzes bewegt sich offenbar noch nicht genug

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Manfred Prenzel, Leiter des PISA-Konsortiums Deutschland

Das deutsche Bildungssystem mit seinen 16 Ländern ist ein schwerfälliger Tanker, der behäbig, wenn nicht unmanövrierbar geworden ist, so schien es vielen nach dem schlechten Abschneiden der 15-jährigen Jugendlichen in Deutschland nach der PISA-Studie 2000 (Programme for International Student Assessment).
Daher stellt sich die Frage, ob es die Beweglichkeit und Veränderungsfähigkeit des hiesigen Bildungssystems fördert, wenn jedes Land seinen eigenen Reform-Mix herstellt und wer von wem etwas lernen kann? Einige Antworten darauf gibt die Analyse des PISA-Ländervergleiches.

Welche Länder, so die spannende Frage vor der Veröffentlichung der zweiten PISA-E-Studie am 14. Juli 2005, würden stranden und welche würden an Fahrt gewinnen? Haben es die 16 Länder besser geschafft als vor drei Jahren, einerseits den Schülern die wesentlichen Fertigkeiten in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften zu vermitteln und gleichzeitig die Schüler aus bildungsfernen Schichten oder mit Migrationsintergrund mitzuziehen?

In den Ländern ist etwas in Bewegung geraten: "Es gibt kein einziges Land, das bei PISA 2003 schlechter abschneidet als bei PISA 2000. "Beim nunmehr zweiten PISA-E-Ländervergleich - diese PISA-Erweiterung vergleicht das Kompetenzniveau der deutschen Länder - testeten die PISA-Forscher unter der Ägide der OECD rund 45.000 Schülerinnen und Schüler. Die Stichproben, die international und national vergleichbare Erkenntnisse über das Niveau der 15-Jährigen in den Kompetenzbereichen Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen liefern sollen, kamen aus ca. 1.500 Schulen. Beim zweiten PISA-Test ging es schwerpunktmäßig darum, die Mathematikkünste der 15-Jährigen abzufragen, doch auch die Fähigkeiten im Lesen und in naturwissenschaftlichen Fächern kamen auf den internationalen Prüfstand. In der ersten PISA-Runde stand die Lesekompetenz im Zentrum des Interesses.

Bei der zweiten PISA-E-Studie von 2003 bildet Bayern in allen drei Kategorien - Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften - die Spitze und das nicht nur in Deutschland. Das Land ist dabei in die Weltspitze vorgedrungen (533 Punkte für mathematische Kompetenz) elf Punkte hinter dem Gewinner Finnland (544 Punkte). Neu ist: Baden-Württemberg, bisher Zweiter im bundesdeutschen Vergleich, wird in Mathematik, Naturwissenschaften und Problemlösen von Sachsen übertroffen. Nur noch im Lesen bleibt Baden-Württemberg auf Platz zwei. Auch Thüringen liegt in vielen Kategorien über dem OECD-Durchschnitt. Die Spitze bei PISA-E hat sich also verdoppelt. Waren bei der ersten PISA-Studie zwei Länder deutschlandweit Spitze, nämlich Bayern und Baden-Württemberg, kommen diesmal Sachsen und Thüringen hinzu.

Doch auch die Zahl der Länder, die im OECD-Durchschnitt ankommen, hat sich erhöht. In Mathematik schafften acht Länder den Anschluss ans Mittelfeld, im Kompetenzbereich Problemlösen sogar auf Anhieb zehn Länder. Nur bei der Lesekompetenz sieht die Situation gar nicht rosig aus: Hier gelang es nur vier Ländern, an den OECD-Durchschnitt von 494 Punkten heranzukommen. Acht Länder befinden sich unter Durchschnitt.

Einer der zentralen Punkte des zweiten PISA-Ländervergleichs war die Frage, wie sich die Leistungen in den Ländern seit PISA 2000 verändert haben. Festzustellen ist: Die Leistungen in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen haben sich teilweise deutlich verbessert. Am meisten Punkte hinzugewonnen haben hier Länder aus dem Osten der Republik, allen voran Sachsen-Anhalt, aber auch Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Etwas aus dem Rahmen fällt dabei Mecklenburg-Vorpommern. Insgesamt sorgen diese Länder dafür, dass sich die Schere zwischen dem Osten und Westen nicht weiter öffnet.

Kompetenzzuwächse gab es sowohl von Ländern, die im ersten Ländervergleich Spitzenpositionen einnahmen, als auch in solchen, die auf unteren Rängen geführt wurden. So konnte etwa Bremen in der mathematischen Disziplin im Teilbereich "Veränderung und Beziehung" 30 Punkte hinzugewinnen. Bayern erreichte in der gleichen Kategorie "nur" 24 Punkte mehr. So können Verlierer als Gewinner dastehen.

Bei der Schlüsselkompetenz Lesen haben sich auf der internationalen Skala einige Nationen verschlechtert, was den OECD-Durchschnitt insgesamt gedrückt hat. Deutschland folgt dieser Entwicklung nicht, da es sich bei PISA 2003 um sieben Punkte im Bundesdurchschnitt verbessert hat. Sachsen-Anhalt führt mit 27 hinzugewonnen Punkten im Lesen die neue Bildungsligatabelle der Länder an, gefolgt von Bremen und Brandenburg (19 Punkte). Man kann also gewinnen, ohne zugleich auch in der Rangliste der Bundesländer vorne zu liegen. Dort befindet sich Bremen in punkto Lesen immer noch am Schluss der Tabelle und Brandenburg auf Platz 14.

Stolze und Enttäuschte
Die Reaktionen der Kultusminister variieren je nach Länderergebnis zwischen Stolz und Enttäuschung. Enttäuscht ist Nordrhein-Westfalen, nicht weil es Schlusslicht in der Länderrangliste wäre, sondern weil es am wenigsten Zugewinne in mathematischen Disziplinen, etwa im Teilgebiet "Veränderung und Beziehung", verbuchen konnte. Und gerade beim Lesen büßte es gegenüber dem ersten Test sogar Punkte ein. In Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften liegt das Land unter dem Durchschnitt und rangiert zwischen dem 12. und 14. Platz. Im Unterschied zu Bayern ist die mathematische Kompetenz in NRW besonders eng an die soziale Herkunft gekoppelt. Die neue Schulministerin in NRW, Barbara Sommer, quittierte das Ergebnis als "niederschmetternd" und machte die rot-grüne Vorgängerregierung dafür verantwortlich: Es sei der "verfehlten Bildungspolitik der vergangenen Jahrzehnte" geschuldet.

Insgesamt ist festzuhalten: In der Gesamtschau haben sich die Kompetenzunterschiede zwischen den Ländern nicht wirklich verringert, so das PISA-Konsortium in Deutschland unter der Leitung von Manfred Prenzel. Es stellte allerdings fest, dass "Bildungsergebnisse auch in relativ kurzen Zeiträumen deutlich verbessert werden können".

Alle Länder, auch diejenigen, die bei dem Ländervergleich enttäuschend abgeschnitten haben, betonen die Notwendigkeit, Kurs zu halten. Da ständige Reformen und Veränderungen auch verunsichern, möchte man jetzt einen klaren Kurs fahren. Begriffe wie "Anstrengung" und "Konsequenz", die in engem Zusammenhang mit den klassischen Sekundärtugenden stehen, haben in den ersten Tagen nach der Veröffentlichung des zweiten Ländervergleichs Hochkonjunktur. Viele Länder glauben, auf dem "richtigen Weg" zu sein. "Die jetzt vorliegenden Ergebnisse ermutigen uns, den eingeschlagenen Weg konsequent fortzusetzen", sagt Senator Willi Lemke aus Bremen. Seine baden-württembergische Amtskollegin teilt diese Einschätzung und plädiert für einen weiteren Ausbau der Unterrichtsqualität.

Kurs halten bedeutet für die allermeisten Kultusminister: Korrekturen am Schulsystem, ohne das gegliederte Schulsystem insgesamt anzutasten. "Man muss sich in einer virtuellen Welt aufhalten, wenn man behaupten will, dass ein gegliedertes Schulsystem nicht zukunftsfähig sei", so Kultusministerin Annette Schavan aus Baden-Württemberg auf der Pressekonferenz in Berlin.

Wo die sozial gerechtesten Schulen Deutschlands liegen
Sprachkurse vor der Einschulung, Vergleichsarbeiten, zentrales Abitur, Impulse für die Selbstständigkeit von Schulen, Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Begabtenförderung, Qualitätstests durch Schulinspektoren, Bildungsstandards, tausende Ganztagsangebote - die Länder legen teils lange Listen mit Konsequenzen vor, die sie aus den internationalen Leistungsstudien ziehen werden und z. T. schon gezogen haben. Viele Initiativen von Bund und Ländern wie z.B. der Ausbau der Ganztagsangebote und auch die neuen vorschulischen Bildungsprogramme konnten sich dabei noch gar nicht auf die Ergebnisse der gegenwärtigen PISA-Studie auswirken, daran erinnert Doris Ahnen, Kultusministerin aus Rheinland-Pfalz. Das PISA-Konsortium macht Hoffnung, dass die neuen Qualifizierungsprogramme in den Ländern und der "Wandel des Bildungsklimas" zu einer Verbesserung der PISA-Ergebnisse in Deutschland insgesamt geführt haben könnten. Nähere Aufschlüsse über die Ursachen von Veränderungen können jedoch erst von den vollständigen Ergebnissen des Ländervergleiches erwartet werden, die im Herbst vorgelegt werden.

Neben der Frage nach Kompetenzzuwächsen in den einzelnen Ländern lautet die zweite entscheidende Frage: Gibt der zweite nationale PISA-Test Hinweise darauf, dass die für Deutschland typische enge Kopplung zwischen sozialer Herkunft, Bildungschancen und guten Leistungen in der Schule aufgebrochen wird? Die Schulforscher der OECD haben u.a. untersucht, inwieweit ein Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft der Jungendlichen und ihren mathematischen Fähigkeiten besteht. Differenziertere Aussagen zur sozialen Selektivität unserer Schulsysteme im Ländervergleich können ebenfalls erst nach Vorliegen der vollständigen Ergebnisse gemacht werden. In der nun vorgelegten Vorstudie kommen sie zu dem Ergebnis, dass der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und dem Kompetenzniveau in Deutschland "noch immer ausgeprägt ist". Auch wenn es große Unterschiede zwischen den Bundesländern gibt. Im internationalen Maßstab gesehen, leisten sich nur Belgien und Ungarn noch selektivere Schulsysteme als Deutschland.

Allein einzelne Länder stehen besser da. Eine hohe mathematische Kompetenz mit geringer Kopplung der sozialen Herkunft findet sich in Bayern, Sachsen und Thüringen, während umgekehrt ein geringes Kompetenzniveau bei gleichzeitig enger Kopplung sozialer Herkunft in Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Bremen besteht. Die geringste Kopplung von Herkunft und Bildungserfolg kann das Land Brandenburg für sich verbuchen, das daher sein Schulsystem als "das sozial gerechteste Schulsystem Deutschlands" feiert.

"Wir müssen auf die Gesamtentwicklung sehen und nicht auf die einzelnen Länderpositionen", sagt Jürgen Zöllner, Wissenschaftsminister von Rheinland-Pfalz. Auch der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Ludwig Eckinger betont die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen den Ländern und warnt vor der Selbstzufriedenheit. Gebot der Stunde sei ein "kooperativer Föderalismus". "Wir müssen aufpassen, dass die Bildungspolitik der Länder nicht zum Strohfeuer wird, sondern endlich langfristig konzipiert und umgesetzt wird", wettert Eckinger.

Wer will einen Flickenteppich fördernder und benachteiligender Schulen?
Was würde es bringen, wenn ein Bundesland alleine in die internationale Spitzengruppe vordringen würde, während in den Nachbarbundesländern die Chance auf gute Schulleistungen und hohe Abschlüsse immer noch vom Geldbeutel des Elternhauses abhängt? Konsequent auf Leistungszuwächse hinzuwirken, dabei aber den fragwürdigen Weg eines selektiven Bildungssystems weiter zu beschreiten, hilft auch nicht weiter. Mit einem Flickenteppich von fördernden Schulen und benachteiligenden Schulen wird der Ruf der deutschen Schulen in der Welt nicht besser. Und die Menschen werden nicht zufriedener. Eins ist sicher: Von Bildungsgerechtigkeit ist Deutschland noch weit entfernt, auch wenn erste Schritte zur Verbesserung sichtbar werden. Hier haben die Länder ihre Hausaufgabe des Umsteuerns erst noch zu machen.

Detaillierte und aussagekräftige Analysen der PISA-E-Studie erwartet niemand vor dem 3. November, wenn auf einer Fachtagung die vollständigen Ergebnisse des Ländervergleiches vorgestellt und die ausführliche PISA-E-Studie diskutiert werden. Vielleicht geben sich die Stolzen dann wieder bescheidener und die Enttäuschten zuversichtlicher. Das wäre sinnvoll, um gemeinsam die richtigen Konsequenzen für alle Schülerinnen und Schüler in Deutschland zu ziehen.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 21.07.2005
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