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18. 07. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Sich nicht aus Angst in einer Ecke verkriechen"

Die GEW sieht die selbstständige Schule mit gemischten Gefühlen

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Marianne Demmer

Bildung PLUS: Wie selbstständig dürfen Schulen sein?

Demmer: Die GEW ist sehr dafür, dass Lehrerinnen und Lehrer mit mehr pädagogischer Selbstständigkeit ausgestattet werden. Wir ziehen aber eine klare Linie zwischen einer pädagogischen und einer ökonomischen Selbstständigkeit, die ja ebenfalls zur Diskussion steht. Die ökonomische Selbstständigkeit ist im Grunde eine Scheinselbstständigkeit, weil die Schulen ja nicht selbst Finanzmittel aquirieren können, sondern nur einen Teil des Budgets verwalten. Es gibt auch einige in der GEW, die überzeugt sind, dass die selbstständige Schule der Versuch ist, die Schulen Stück für Stück zu privatisieren. Innerhalb der GEW bilden wir die komplette Bandbreite der Diskussion über selbstständige Schulen ab - von einem klaren Ja zu mehr Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit bis hin zu einem großen Fragezeichen zu Tendenzen, die in Richtung Privatisierung gehen könnten.

Bildung PLUS: Lassen sich bei der Selbstständigkeit von Schulen Ökonomie und Pädagogik überhaupt trennen ?

Demmer: Das ist unter Umständen in der Tat sehr schwierig. Das macht sich aber an Einzelfragen fest. Zum Beispiel an der Frage, welche Rolle die Schulleitung innehat? Ist der Schulleiter ein "Primus inter pares" oder ist er ein Dienstvorgesetzter mit eigener Personalkompetenz? Die zweite Frage ist mit dem Budget verknüpft: Hat die Schule ein Globalbudget, bei dem sie selbst entscheiden kann, wie viel sie für Personal und Sachmittel ausgibt? Das sind die beiden Knackpunkte in der Diskussion. Wir beobachten im Moment noch, dass die meisten Bundesländern sich diesen Punkten sehr vorsichtig nähern. Die Schulleitung hat eben nicht die alleinige Personalkompetenz und es gibt auch keine Globalbudgets. Wir haben in Deutschland ganz deutlich eine Tendenz zur Teilautonomie.

Bildung PLUS: Wenn Sie vor zu viel Autonomie warnen, dürfte diese Tendenz ja ganz in Ihrem Sinne sein?

Demmer: Wenn geregelt ist, dass neben dem gestärkten Schulleiter auch die Partizipation und Mitbestimmung der Beschäftigten gesichert ist, dann können wir damit auch gut leben. Die Personaleinstellung sollte aber weiterhin bei der Schulaufsicht liegen und nicht der einzelnen Schule überlassen werden. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens haben wir selber noch leidvoll miterlebt, wie Schulen in ländlichen Regionen schlichtweg keine Lehrer fanden. Auch heute haben Hauptschulen schon Probleme, Lehrer zu bekommen. Wenn man sich jetzt vorstellt, dass sich Schulen alleine auf einem leergefegten Lehrerarbeitsmarkt umschauen müssen, kann man heute schon prophezeien, dass die wenig attraktiven Schulformen und Regionen auf jeden Fall den Kürzeren ziehen werden.

Der zweite Grund ist, dass die pädagogische Tätigkeit an Schulen eigentlich kein hierarchisches System verträgt. Ein Schulleiter, der auch mit Entlassung drohen kann, begibt sich in Gefahr, das notwendige Konsens- und Teamprinzip im Kollegium zu gefährden.

Deshalb sagen wir: Seid vorsichtig, wenn ihr die Personalkompetenz auf die Schulen verlagern wollt. Kleinere Personalentscheidungen, bei Aushilfen und Vertretungen, sollten dagegen von der Schule vor Ort geregelt werden. Damit haben wir überhaupt kein Problem.

Bildung PLUS: Andere Länder haben schon mehr Erfahrung mit selbstständigen Schulen. Wo kann sich Deutschland denn etwas abschauen?

Demmer: Mit dem Abschauen ist es so eine Sache, denn oftmals sind die Situationen nicht zu vergleichen. Ich habe zum Beispiel nie verstanden, wie man lange Zeit in Deutschland denken konnten, wir können die Niederlande einfach kopieren. Dort ist nicht nur das Schulsystem völlig anders, sondern auch die Schulträgerschaft ist in anderen Händen. Die skandinavischen Schulen sind auch nicht den Weg der Autonomisierung von Einzelschulen gegangen. Die Schulen selbst sind zwar pädagogisch selbstständig, aber die Kommunen üben in Skandinavien einen großen Einfluss auf die Schulen aus.

Bildung PLUS: Es gibt einen aktuellen Beschluss der GEW, in dem vor vielen Gefahren bei selbstständigen Schulen gewarnt wird. Dabei sollen sich die Schulen doch gerade nach außen öffnen. Ist das nicht eine rückwärtsgewandte Denkweise der GEW?

Demmer: Die zentrale Sorge ist, dass die Wirtschaft im Grunde zu viel Einfluss auf die Schulen nimmt - zum Beispiel im Zusammenhang mit Sponsoring und Angeboten zur Qualitätssicherung. Die Wirtschaft ist in diesem Bereich sehr aktiv und für viele in der GEW besteht deshalb die Sorge, dass die Schule zu "wirtschaftslastig" werden könnte. Die zweite Sorge ist, dass in manchen Regionen, in denen die Kommunen großen Einfluss auf die Auswahl der Schulleitung haben, Schulen zwischen die Fronten der Parteipolitik geraten. Im Prinzip befürworte ich natürlich die Öffnung der Schulen und weiß auch, was für Chancen sich den Schulen dadurch eröffnen. Ich würde sogar davor warnen, sich aus lauter Angst in eine Ecke zu verkriechen. Die Sorge vor übermächtigen Partnern, die einen in eine Richtung drängen wollen, in die man eigentlich gar nicht will, muss aber trotzdem ernst genommen werden.

 

Marianne Demmer gehört dem Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) an und ist die Leiterin des Bereichs Schule.

 


 

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 18.07.2005
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