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11. 07. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Die richtige Entscheidung kann nur die Schule selbst treffen"

Rheinland-Pfalz erprobt die selbstverantwortliche Schule

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Karl-Heinz Held

Bildung PLUS: Rheinland-Pfalz startet im kommenden Schuljahr mit dem Modellversuch "Selbstverantwortliche Schule". Wie selbstständig sollen Schulen denn sein?

Held: Die Antwort hat schon PISA gegeben: Fast alle Länder, die in dieser Studie erfolgreich abgeschlossen haben, gewähren ihren Schulen mehr Selbstständigkeit als dies hierzulande der Fall ist. Natürlich müssen Schulen staatliche Zielvorgaben erfüllen, aber der Weg dahin kann durchaus unterschiedlich sein. Ich denke, dass Deutschland in punkto selbstständige oder selbstverantwortliche Schule noch Nachholbedarf hat. Die Grenzen der Selbstständigkeit sind ebenfalls klar abgesteckt. Denn es versteht sich von selbst, dass es keine Autonomie bei einer staatlichen Schule geben kann. Mit den Konzepten für mehr Selbstständigkeit oder Selbstverantwortlichkeit ist eine große Bandbreite an Handlungsmöglichkeiten verbunden - von der Erprobung neuer Unterrichtsformen über die Schaffung effektiver Entscheidungsstrukturen oder auch die regelmäßige Durchführung einer  Selbstevaluation mit ergänzender Rechenschaftslegung nach außen.

Bildung PLUS: In einigen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern gibt es bereits Modellversuche. Allerdings hat jedes Bundesland seine eigene Herangehensweise. Welchen Ansatz verfolgen Sie in Rheinland-Pfalz mit der "selbstverantwortlichen Schule"?

Held: Im Vergleich zu anderen Bundesländern haben wir mit derzeit 8 teilnehmenden Schulen natürlich rein zahlenmäßig einen kleinen Modellversuch auf den Weg gebracht, aber dieser kann in Rheinland-Pfalz das I-Tüpfelchen einer nachhaltigen Schulentwicklung sein. Durch eine Schulgesetzänderung im vergangenen Jahr haben wir die Selbstständigkeit der Schulen schon entscheidend gestärkt - u. a. bei gewünschten Kooperationen mit dem schulischen Umfeld. Selbstständigkeit und Selbstverantwortung sind gepaart mit Offenheit und Beteiligung. In der Projektgruppe, die den Modellversuch auf Landesebene begleitet, sind die teilnehmenden Schulen vertreten, die Schulaufsicht, die pädagogischen Institute, ein Schulberater, die Industrie- und Handelskammer und der Landeselternbeirat.

Bildung PLUS: Es gibt auch Kritiker der selbstständigen Schule. Gewerkschafter fürchten den Einfluss der Wirtschaft auf schulinterne Entscheidungen. Können Sie diese Kritik verstehen?

Held: Nein. Die Wirtschaft stellt bei diesem Schulversuch in Rheinland-Pfalz zum Beispiel keine Anforderungen, sondern begleitet ihn. Natürlich muss man die Wirtschaft mit ins Boot holen und ihren Rat hören. Schließlich ist das Ziel von besserem Unterricht und individueller Förderung, dass Schülerinnen und Schüler später einmal auch gute Berufsaussichten haben. Bundesweit sind es vor allem auch die Wirtschaftsverbände, die den Weg der Schulen zu mehr Selbstständigkeit unterstützen, weil sie aus eigener Erfahrung wissen, dass man neue Wege ausprobieren, Menschen motivieren und die Kreativität fördern muss.

Bildung PLUS: Gibt es zwischen der selbstverantwortlichen Schule und dem Ausbau der Ganztagsschulen eine Schnittmenge oder ist es ein freundliches Nebeneinander?

Held: Auch wenn zwei der teilnehmenden Schulen in Rheinland-Pfalz Ganztagsschulen sind, zielt der Schulversuch nicht auf die Ganztagsschulen ab. Die Ganztagsschulen in Angebotsform in Rheinland-Pfalz haben auch ohne diesen Modellversuch schon jetzt die Möglichkeit, besonders im Personalbereich relativ eigenverantwortlich zu handeln. Sie können zum Teil zusätzliche Lehrkräfte selbst einstellen, Themen und Inhalte bestimmen oder dem Unterricht einen neuen Rhythmus geben. Diesen Freiraum nutzen die Schulen auch sehr intensiv.

Bildung PLUS: Eine besondere Rolle nehmen die Schulleiter ein. Sie müssen über ganz neue Qualifikationen verfügen, um eine selbstständige Schule zu managen. Wie sollen Schulleiter das lernen?

Held: Wir wissen heute, dass die Bedeutung des Schulleiters oder der Schulleiterin sowie der gesamten Schulleitung auf dem Weg zu einer selbstständigen oder selbstverantwortlichen Schule sehr groß ist. Sie sind diejenigen, die Veränderungsprozesse moderieren und letztendlich auch in der Verantwortung gegenüber den Eltern und dem staatlichen Schulsystem stehen. Um diese Aufgaben meistern zu können, müssen natürlich sowohl die Führungsqualitäten der Schulleiter und Schulleiterinnen geschult als auch die pädagogischen, konzeptionellen und organisatorischen Instrumentarien weiterentwickelt werden. In Rheinland-Pfalz kümmern wir uns intensiv um diese Aspekte.

Bildung PLUS: Doch Schulleiter sollen nicht nur moderieren, sondern auch Lehrer einstellen und entlassen können. Manchen geht diese Kompetenz zu weit...

Held: Wir haben wie in anderen Bundesländern auch in den vergangenen Jahren die schulscharfen Ausschreibungen ausgeweitet. Der Schulleiter und eine Auswahlkommission in der Schule können bei einem Teil der ausgeschriebenen Stellen selbst entscheiden, wen sie an ihrer Schule einstellen wollen. Ich bin sowieso der Meinung, dass Schulleiter in Zukunft deutlich mehr Mitspracherecht bei der Gestaltung ihres Personaltableaus haben sollten. Natürlich muss eine übergeordnete Behörde prüfen, ob ein Bewerber oder eine Bewerberin die Kriterien für den staatlichen Dienst erfüllt. Auch die Arbeitsverträge werden von einer Behörde geschlossen, denn die Schulleiter sollen ja nicht auch noch die Funktion eines Sachbearbeiters übernehmen. Aber die richtige Entscheidung, ob ein Kandidat oder eine Kandidatin für ein bestimmtes schulisches Profil in Frage kommt, kann nur die Schule selbst treffen.

Bildung PLUS: Ist der Modellversuch zur "selbstverantwortlichen Schule" der erste Schritt zu mehr Autonomie für alle Schulen?

Held: Ich glaube, der Modellversuch wird uns neue Möglichkeiten aufzeigen. Er wird aber nur einige Facetten der Handlungsoptionen eröffnen können. Im Grunde geht es in Zukunft um die weitere Stärkung der Basis des Schulsystems. Für guten Unterricht kann letztendlich nicht eine Behörde verantwortlich sein, sondern jeder einzelne Kollege und jede einzelne Kollegin sowie das gesamte Kollegium einer Schule. Die Schulbehörde ist verantwortlich für die Rahmenbedingungen und sie unterstützt die selbstverantwortliche Schule.

Karl-Heinz Held, Abteilungsleiter im Bildungsministerium, zuständig für die Bereiche Kinder- und Jugendpolitik, pädagogische Grundsatzangelegenheiten und für das Leitprojekt des Landes Rheinland-Pfalz "Ganztagsschulen in neuer Form". Ab September wird er auch für den Modellversuch "Selbstverantwortliche Schule" verantwortlich sein.

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 11.07.2005
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