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07. 07. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Gespräch über die Schule und die Welt

Sommerinterviews, Teil 1

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Sommerinterview, Teil 1

Überall in Deutschland machen sich Menschen Gedanken über den Zustand von Bildung und Schule. Wir interviewten deshalb einige von ihnen auf den Straßen. In den nächsten Wochen veröffentlicht Bildung PLUS diese Kurzinterviews.
Den Anfang machen ein Domschweizer beim Spendensammeln im Kölner Dom, ein Obdachloser beim Betteln auf der Straße und ein Fliesenleger auf der Domplatte in Köln.


Karl-Heinz Sommer, Kaufmann, Domschweizer: "Wir sind zwar nicht für die Sicherheit des Erzbischofs verantwortlich, aber für die Sicherheit und Ordnung im Dom."

Bildung PLUS: Deutschland hatte früher einmal den Ruf, das Land der Dichter und Denker zu sein. Und heute...

Karl-Heinz Sommer, Kaufmann, DomschweizerSommer: ...das ist die große Frage und von keiner Seite kommen Antworten. Das tut mir besonders für die Jugendlichen Leid, weil sie keine Perspektiven mehr haben. Sie sind gefangen durch die Technik, durch Handy, Gameboy und wie die Dinge alle heißen. Ich bin heute in der Jugendarbeit tätig. Wenn dann die Eltern kommen und begeistert feststellen, mein Sohn hat vier Stunden mit Menschen in Japan gechattet, frage ich sie: Hat der Chatpartner sie dabei auch angeschaut? Wenn ich früher geschäftlich Verhandlungen führte, dann war es mir wichtig, meinen Geschäftspartner anzusehen. Dabei kann man viel besser miteinander verhandeln, wenn man erlebt, wie das Gegenüber reagiert. Wenn ich hingegen E-Mails schreibe, kann ich sagen "ich liebe dich" und mir dabei denken: "Du blöde Kuh", nicht so im echten Gespräch.
Ich fotografiere gerne. Einmal stehe ich morgens in aller Frühe an einer Haltestelle. Da stehen vier Männer und zwei Frauen und jeder sprach und sah dabei in eine Richtung, nur mit dem anderen haben sie nicht gesprochen. Das habe ich fotografiert. Es ist ein Bild für die Götter: Kommunikation ohne Blickkontakt und ohne Menschlichkeit.

Bildung PLUS: International stehen die Schülerinnen und Schüler in Deutschland nicht gut da. Sind die Schüler zu dumm oder die Lehrer zu blöd, die Schüler schlau zu machen?

Sommer: Der Prozess der Verblödung dauert schon sehr lange an. Mein Sohn ist 33 Jahre und ich war in der Elternpflegschaft. Da hat der Lehrer sich über die Beteiligung des Elternhauses beschwert. Daraufhin habe ich ihm gesagt, wenn Sie den Einfluss des Elternhauses auf die Schule unterbinden, dann unterbinden sie gleichzeitig ihre Autorität. Es muss eine gewisse Autorität geben. Ich bewundere immer noch Konrad Adenauer und Helmut Schmidt, die sich verschiedene Standpunkte angehört haben und dann gesagt haben: Das wird jetzt so gemacht. 

Bildung PLUS: Was ist für Sie eine gute Schule?

Sommer: Eine gute Schule macht aus, dass dort echt gelernt und gefordert wird. Und dass die Schüler, wenn sie eine gute Leistung erbracht haben, dafür gelobt werden, damit sie mal stolz auf sich sein können. Ein Lob braucht jeder Mensch. Ein Klaps macht die Menschen übrigens weniger fertig, als wenn sie mit Worten auseinander genommen werden.

Bildung PLUS: Was lehrt Sie das Leben?

Sommer: Das ist natürlich eine enorme Frage, was lehrt uns das Leben. Das Leben ist da und kommt. Nur was derjenige darin erkennt und herausfiltert, ist eine persönliche Sache, wie Glauben auch eine persönliche Sache ist. Mein Gott ist vielleicht ein anderer Gott als Ihr Gott. Man muss selbst zu seinem Lebensgrund finden, dann ist man auch im Leben stark.

Ich schätze mich als fortschrittlichen Konservativen ein und möchte nicht, dass das Bewährte für Neues sofort über Bord geworfen wird. Heute wird zu viel zu schnell weggeworfen. Es kommt darauf an, den Sachen einen Sinn zu geben und einen Wert zu verleihen, egal was es ist. Und wenn es nur eine Zahnbürste ist. Es möge noch ein paar Jahre dauern oder es kann hück (sagt der Kölner für heute) oder morgen mit dem Leben zu Ende gehen.

Ich sehe das Leben heute bewusster. Wenn ich auf den Bus warte, die Vögel zwitschern, die Sonne geht auf - ein herrlicher Tag. Das ist es, was ich früher als Jugendlicher auch nicht gesehen hätte. Da kann man der Jugend keinen Vorwurf machen. Sokrates hat ja schon in der Antike gesagt, die Jugend sei verdorben. Die Jugend war schon immer anders als die Erwachsenen.

Hier gehen ja am Tag 20.000 bis 35.000 Menschen durch. Wenn da keiner wäre, dann wäre hier Huddel (kölsch und steht für Unordnung). Wenn ich durch den Dom gehe, dann genieße ich diese enorme Pracht und das Volumen des Raums. Ohne Computer, ohne alles dieses Bauwerk auszurechnen und doch steht der Dom schon seit 700 Jahren.

 

Hartmut, Obdachloser und früher Bergmann aber "erwerbstätig". Er steht jeden Morgen am Hauptbahnhof, verkauft eine stadtbekannte Obdachlosenzeitschrift und bittet: "Eine kleine Spende vielleicht..."

Bildung PLUS: Deutschland hatte früher einmal den Ruf das Land der Dichter und Denker zu sein. Und heute...

Hartmut: ...Deutschland ist heute Mist.

Bildung PLUS: International stehen die Schülerinnen und Schüler in Deutschland nicht gut da. Sind die Schüler zu dumm oder Lehrer zu blöd, die Schüler schlau zu machen?

Hartmut: Würde ich mit Ja beantworten.

Bildung PLUS: Was ist für Sie eine gute Schule?

Hartmut: Jede Schule ist eine gute Schule. Es kommt immer auf die Lehrer und die Mitarbeiter an. Ein Kind wird nur dumm gemacht, aber nie dumm geboren.

Bildung PLUS: Was lehrt Sie das Leben?

Hartmut: Nichts mehr. Auf der Schule habe ich nur meine Bergmannslehre gelernt und das war auch schon alles. Heutzutage kannst du mit einer Bergmannslehre gar nichts mehr anfangen.

 

FliesenlegerW.M. will nur sein Namenskürzel verraten. Er ist 47 Jahre alt und hat eine Ausbildung als Schlosser und Fliesenleger. Am 11. Mai bessert er Fliesen auf der berühmten Domplatte in Köln aus: Die Domstatdt putzt sich für den Weltjugendtag heraus.

Bildung PLUS: Deutschland hatte früher einmal den Ruf das Land der Dichter und Denker zu sein. Und heute...

W.M.: ... ein Land der Faulenzer und der Verwöhnten. Die Wohlstandsgesellschaft von heute macht es möglich. Wir zwei, mein Azubi und ich, gehen arbeiten, und andere machen zu Hause gar nichts. Die Lehrer haben in der Schule nicht mehr die Möglichkeit, auf die Kinder so einzuwirken, wie es früher möglich war − als Respektsperson. So sehe ich das und da leiden die Kinder enorm drunter.

Bildung PLUS: International stehen die Schülerinnen und Schüler in Deutschland nicht gut da. Sind die Schüler zu dumm oder Lehrer zu blöd, die Schüler schlau zu machen?

W.M.: Beides nicht. Es fehlt am System. Die Kinder werden auf der Schule nicht mehr in der richtigen Art und Weise ausgebildet.

Bildung PLUS: Was ist für Sie eine gute Schule?

W.M.: Im Prinzip das alte Bildungssystem mit Grundschule, Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Das hat ja über Jahrzehnte funktioniert.

Bildung PLUS: Was lehrt Sie das Leben?

W.M.: Dass ich mich in irgendeiner Art und Weise anstrengen muss, um etwas zu erreichen.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 07.07.2005
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