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30. 06. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Fordern und fördern muss das Grundprinzip sein"

Stifterverband setzt bei der Hochschulreform auch auf Dialog

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Dr. Arend Oetker

Bildung PLUS: Seit einigen Jahren bewegt sich was an deutschen Universitäten - Studiengänge werden umgekrempelt, die Universitäten erhalten mehr Autonomie und auch Studiengebühren sind kein Tabuthema mehr. Inwiefern sind die Universitäten auf dem richtigen Weg?

Oetker: Einige Universitäten sind natürlich besser aufgestellt als andere. Das Wichtige aber ist, dass sie sich langsam einem Wettbewerb untereinander stellen und wir nicht in der Zwangsjacke stecken bleiben, die für Gleichmacherei und Konformität steht. Der Stifterverband versucht durch Wettbewerbe und Ausschreibungen herauszufinden, welche Universitäten ganz oben mitspielen und wir präsentieren diese dann als Best-Practice-Beispiele. Fordern und fördern muss in der Hochschulpolitik das Grundprinzip werden. 

Bildung PLUS: An welchen Stellschrauben würden Sie ein wenig mehr oder ein bisschen weniger drehen, damit die deutschen Unis ein neues Gesicht bekommen?

Oetker: Im Moment ist mir sehr wichtig, dass die Exzellenzinitiative und der Pakt für Forschung endlich zum Durchbruch gekommen sind. Die Exzellenzinitiative ist auch ein klares Signal des Staates, dass Bildung und Forschung eine hohe Priorität genießen. Wir brauchen aber zwischen Wirtschaft und Wissenschaft noch mehr Partnerschaft und sowohl projektbezogene als auch institutionelle Zusammenarbeit. Natürlich muss die Grundlagenforschung auf der einen Seite autonom bleiben, auf der anderen Seite muss die Forschung aber auch anwendungsorientiert sein, damit wir Produkte entwickeln können, die in Deutschland hergestellt werden. In vielen Bereichen kann die enge Verzahnung von Wirtschaft und Wissenschaft noch verbessert werden.

Bildung PLUS: In der Finanzierung stehen Studiengebühren ganz oben auf der Agenda...

Oetker: Natürlich brauchen wir Studiengebühren, denn die Finanzierung der Hochschulen kann der Staat nicht mehr in dem Umfang wie bisher leisten. Wir fordern das schon seit geraumer Zeit und nun scheint es langsam Realität zu werden. Wir sehen aber auch, dass die Umsetzung nicht ganz einfach ist, denn Studiengebühren brauchen auch ein hohes Maß an Akzeptanz. Da wird es sicher noch Diskussionen über die Rahmenbedingungen geben müssen. Ich erwarte aber, dass sich das nach der Bundestagswahl rasch klärt.

Bildung PLUS: Viele Studiengänge werden auf Bachelor und Master umgestellt. Kritiker der neuen Studiengänge beklagen, dass dies eine Verflachung oder gar ein Schmalspurstudium bedeute. Können Sie diese Bedenken teilen?

Oetker: Diese Bedenken teile ich nicht. Es genügt auch ein kürzeres Studium, um berufsqualifiziert eine Tätigkeit auszuüben. Das werden Fachkräfte sein, die nicht unbedingt in der Forschung arbeiten, sondern anwendungsbezogene Entwicklungsarbeit leisten. Die wissensbasierte Gesellschaft braucht mehr Menschen, die eine höherwertige Ausbildung zum Abitur haben - und dafür bietet sich ein kurzes Studium mit dem Bachelor als Abschluss an. Ich finde die Diskussion über das Für und Wider müßig, denn natürlich ist der Bachelor nicht dazu da, tiefgreifende Forschung zu betreiben, dafür gibt es ja den Master.

Bildung PLUS: Wenn Sie sich als international tätiger Unternehmer die heutigen Absolventen anschauen - was müsste die Universität neben der Fachkompetenz noch vermitteln?

Oetker: Eigentlich sieht es gar nicht so schlecht aus. Praxiserfahrung und Internationalität sind allerdings zwei Aspekte, die ich gerne mehr im Vordergrund sehen würde. In punkto Praxis kann sich das Studium etwas bei der Berufsausbildung abschauen: Die Dualität der Ausbildung muss sich wie in der Lehre auch im kompletten Studium wiederfinden. Bei der Internationalität besteht nicht ganz so viel Nachholbedarf, denn viele Universitäten machen das schon vorbildlich mit ihren Partneruniversitäten. Diese Aspekte müssten aber noch systematischer in das Studium integriert werden und dieses so den globalisierten Lebenswirklichkeiten anpassen.

Bildung PLUS: Viele Vorschläge zur Hochschulreform orientieren sich pragmatisch am Arbeitsmarkt. Müssen deutsche Unis das humanistische Bildungsideal aus ökonomischen Gründen über Bord werfen?

Oetker: Ich bin selbst "Humanist" und der umfassende, ganzheitliche Ansatz der Geisteswissenschaften ist mir sehr wichtig. Das Haus Deutschland steht vereinfacht gesagt auf zwei gleichwertigen Beinen, die den Wahrnehmungsfähigkeiten der Deutschen besonders entsprechen: Das sind eben Wissenschaft und Kultur. Die Kultur regt die Phantasie an, sorgt für Kreativität und ihre Bedeutung in der Bildung sollte nicht unterschätzt werden. Und die Mischung der beiden Elemente ist oft eine Erfolgsformel für Innovation. Zum Beispiel erzielen kleine Teams, deren Mitglieder aus unterschiedlichen Bereichen kommen, oft die besten Ergebnisse.

Bildung PLUS: In der Hochschulpolitik hat der Stifterverband vier Schwerpunkte ausgemacht. Neben den großen Themen wollen Sie sich auch um den Übergang zwischen Gymnasium und Hochschule kümmern. Was heißt das konkret?

Oetker: Alle Übergänge - vom Kindergarten in die Grundschule, von der Grundschule in eine weiterführende Schule und nach dem Abitur an die Hochschule - sind von großer Bedeutung für den Bildungserfolg. Uns liegt der Übergang zwischen Gymnasium und Universität besonders am Herzen. Diese Schnittstelle spielt eine maßgebliche Rolle dabei, die hohe Studienabbrecherquote zu verringern. Man muss den Schulabgängern eine klare Orientierung bieten, was sie im Studium erwartet. Geld und Zeit in diese Orientierung zu investieren, lohnt sich auf jeden Fall. Wir brauchen auch dringend mehr Betreuung in der ersten Phase des Studiums. Das Tutorensystem in England zum Beispiel ist geradezu vorbildlich. Dort werden Neuanfänger an die Hand genommen und ihnen so die Orientierung erheblich erleichtert.

Bildung PLUS: Der Stifterverband hat viele Förderprogramme aufgelegt. Kann so ein Engagement überhaupt mehr sein als ein Tropfen auf den heißen Stein, denn die strukturellen Weichen werden ja woanders gestellt?

Oetker: Wir haben in bestimmten Bereichen große Erfolge gehabt: Unser PUSH-Programm hat die Bundesregierung animiert, die "Jahre der Wissenschaft" ins Leben zu rufen oder war mitverantwortlich dafür, dass der Bundespräsident einen Preis für Technik und Innovation ausgerufen hat. Mit dieser Wirkung bin ich gar nicht unzufrieden. Es ist ja nicht gerade leicht, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft gemeinsam ins Boot zu holen. Unsere Projekte wirken in diese Bereiche hinein und stoßen etwas an.

Bildung PLUS: Sie setzen auf Netzwerke, Dialog und Brücken zwischen den beteiligten Gruppen, bedauern aber die Fundamentaldiskussionen in Deutschland, die zu viel Zeit kosten würden. Wie hält man zwischen diesen Extremen die Balance?

Oetker: Indem man dem Einzelnen die Freiheit einräumt, sich irren zu dürfen. Es ist die große Fähigkeit der US-Amerikaner, einfach zu sagen, das machen wir jetzt und wenn es nicht klappt, dann stellen wir es eben wieder ein. Wir haben in Deutschland Angst davor, etwas einzustellen, weil es einer Niederlage gleichkommt. Natürlich weiß man nicht immer alles im Voraus, man kann nicht immer hundertprozentig sicher sein und alles bis ins letzte Detail überprüfen und damit die Zeit verschlafen. Man muss auch etwas wagen, dabei das Ganze eingrenzen und berechnen, was es kosten würde, wenn es danebengeht. Diese Einstellung - mal etwas auf Probe und mit Risiko zu versuchen - hat es schwer gegen die Absicherungsmentalität hierzulande.


Dr. Arend Oetker wurde 1939 geboren, ist verheiratet und hat fünf Kinder. Er ist Geschäftsführender Gesellschafter der Dr. Arend Oetker Holding GmbH & Co. und seit 1998 Präsident des Stifterverbandes.

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 30.06.2005
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