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20. 06. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Stufen der Ungewissheit

Für viele unbemerkt vollzieht sich die Reform der gestuften Studiengänge nach angelsächsischen Vorbild

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Im Arkadenhof der Universität Bonn

Die drei Studentinnen der Romanistik haben es eilig. Sie huschen durch den Arkadenhof der Universität Bonn zur Vorlesung. Sie betreiben "Deutsch-Französische Studien" nach einem neuen Strickmuster und machen, wenn alles gut läuft, nach sechs Semestern den "Bachelor of Arts". Ärgerlich: Den dazu passenden Masterstudiengang gibt es noch gar nicht. Er ist in Planung. Der Arkadenhof mag in Zeiten mit mehr Muße Assoziationen zu den Wandelhallen der großen Denker geweckt haben. Heute wirkt der Hof eher wie eine Kulisse für eine Daily Soap, wo alles flüchtig und hinter den Kulissen Zeit Geld ist.

Die Studentinnen brauchen Glück und gute Noten, um sich die Chance auf die zweite Stufe, den Master, offen zu halten. Und neben Quoten sollen Noten den Zugang zum Master regeln. Im fünften Semester werden die Bachelor-Novizinnen ein Auslandssemester an der Pariser Sorbonne absolvieren müssen, das endlich mit einem dreimonatigen Berufspraktikum gekrönt wird. Sie erklimmen die Treppe zum Hörsaal, doch nicht nur diese Stufen gilt es zu nehmen.

Sie belegen eine Menge so genannter Module, etwa deutsch-französische Beziehungen und ihre Geschichte und sammeln Punkte statt Scheine. Module sind inhaltlich zusammenhängende Lehrveranstaltungen, die zu einem Block zusammengefasst werden. Ein Modul erstreckt sich über ein bis zwei Semester. Jedes Modul wird mit einer mündlichen Prüfung, Klausur oder einer Hausarbeit abgeschlossen.

Aufwand der Lerner
Gezählt wird bei der Wertung der Module der Aufwand der Studierenden und nicht mehr der Aufwand der Professoren nach dem Prinzip des durchschnittlich errechneten Arbeitsaufwands "workload". Für dreißig Stunden Arbeit gibt es einen Leistungspunkt nach dem ECTS-System, dem "European Credit Transfer and Accumulation System". In der Regel sollten 180 Leistungspunkte im Bachelorstudium erzielt werden. Das verspricht einen kontinuierlicheren Aufstieg zum Bachelor und vermeidet Gewaltmärsche, wie sie die mehrmonatigen Prüfungen zum Diplom oder Magister bedeuteten.  

Die Romanistinnen sputen sich schon deshalb, weil sie nicht wissen, wie sie das Studium bezahlen sollen, wenn die Studiengebühren kommen. Denn nach den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen wurden bei den Koalitionsverhandlungen von CDU und FDP Studiengebühren in Höhe von 500 Euro bereits für das Sommersemester 2006 angekündigt.   

Die ganze neue Studienstruktur hat bald Stufencharakter. In Nordrhein-Westfalen soll die Umstellung in drei Jahren, 2008, abgeschlossen sein. In der Stufung des Studiums nach angelsächsischem Vorbild liegen Chancen und Risiken. Wenn man Eindrücke vom Campus Bonn zum Sprechen bringt, lösen die Reformen gegenwärtig überwiegend Unsicherheiten aus.    

Der Bachelorstudiengang "Deutsch-Französische Studien" ist nach dem Studiengang Asienwissenschaften erst der zweite komplett auf Bachelor und Master umgestellte Studiengang an der Universität Bonn. Er enthält praktische Anteile und sieht internationalen Austausch vor, ganz so wie es sich die Bildungsminister in Bologna vor sechs Jahren vorgestellt haben. Viele Studierende kriegen von den umfassenden Änderungen an ihrer Universität nicht viel mit. Der Bologna-Prozess kommt in der Uni Bonn als ein Veränderungsmotor für die Hochschulverwaltung rüber und weniger als eine neue Kultur des Studierens. Zumindest noch.   

"Qualität geht vor Geschwindigkeit"
Hinter den Kulissen werden im Zuge der Studienreform an der Uni Bonn ganze Fakultäten umgestrickt. So werden von 34 einzelnen Instituten der Philosophischen Fakultät am Ende 10 Institute (zunächst wurden sie als "Departments" bezeichnet) übrig bleiben. Große Institute wie die Anglistik oder die Psychologie bleiben als solche bestehen, während kleine wie die Tibetologie in der Asienwissenschaft aufgehen, die acht bis neun Studiengänge zusammenfasst. "Kleinstinstitute sind nicht mehr existenzfähig", sagt Pressesprecher Andreas Archut.   

In Bonn sind erst rund 400 von 30.375 Studentinnen und Studenten für Bachelor- und Masterstudien eingeschrieben, das sind 1,3 Prozent aller Bonner Studierenden. Das Motto bei der Umstellung in Bonn lautet: "Qualität geht vor Geschwindigkeit", so Andreas Archut. Der Anteil der Studienanfänger in Bachelor- und Masterstudiengängen ist landesweit deutlich höher.  

Nordrhein-Westfalen belegt mit 15 Prozent der Studienanfänger im Ländervergleich Platz drei. Das liegt wohl an Hochschulen wie den Universitäten in Bochum und Bielefeld, die bereits alle Studiengänge reformiert haben. Das hat Vorteile, denn die Verunsicherung unter den Studenten in der Phase des Umbruchs ist groß. Ganz vorne beim Anteil von Studienanfängern in den neuen Studien liegen Bremen (18 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (16 Prozent), Schlusslicht ist Rheinland-Pfalz mit rund 2 Prozent der Studienanfänger.  

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung geht für das Sommersemester von bundesweit 2.900 verschiedenen gestuften Studiengängen aus. Bei der Internationalisierung des Studiums können Bildungsstatistiker auf allen Feldern Zuwachs verzeichnen: mehr neue Studiengänge, darin mehr Studienanfänger, mehr ausländische Studierende. Fast 110.000 junge Menschen haben sich bis 2003 für einen Bachelor- oder Masterstudiengang eingeschrieben. Das sind über 5 Prozent aller Studierenden.    

Akzeptanz gewachsen?
Die Akzeptanz der neuen Studiengänge bei Studierenden und Arbeitgebern sei "deutlich gewachsen", frohlockt der Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Wolf-Michael Catenhusen am 7. April 2005. Ganz so rosig sieht das die Slawistin Anna S. Fischer nicht, denn sie hat "Angst, dass sie nicht mehr zu Ende studieren kann". Auslöser der Angst sind die gestuften Studiengänge genauso wie die bevorstehende Einführung von Studiengebühren. "Studiengebühren sind eine 100-prozentige Hürde", sagt die 24-Jährige Studentin, die im vierten Semester Slawistik und Politischen Wissenschaften studiert und einen Magisterabschluss anstrebt. Viele Studenten würden finanziell bereits aus den letzten Löchern pfeifen. Wie solle man da zügig studieren, ob als Magister oder Master?   

Durch die wahrscheinliche Einführung von Studiengebühren in Nordrhein-Westfalen werde die Schere zwischen reichen und armen Studenten größer. Wer reich sei, mache den Master, wer nicht, bleibe auf der Stufe des Bachelor stehen. Die international vergleichbaren Studiengänge schafften auch bisher ungekannte Abstufungen zwischen Absolventen von Massenstudiengängen und Exklusivstudiengängen, meint ein 23-jähriger Asienwissenschaftler. "Weltfremd" findet er die Beschwichtigungsversuche, wonach Studierende nur ein paar Nachhilfestunden mehr leisten müssten und schon könnten die Studiengebühren bezahlt werden: "Die Belastung wird nur für die Eltern größer" sagt er, die "so wie meine" das Studium ihrer Kinder mitfinanzieren.    

Wenn die Grenze zwischen Schule und Hochschule verschwimmt
Für die Studenten hat es den Anschein, als würde durch die gestuften Studiengänge vieles nur verschulter. "Wo ist noch der Unterschied zwischen Schule und Hochschule", fragt sich die Slawistin Fischer. Die Erziehung zur Selbstständigkeit und Eigeninitiative, die das Magisterstudium noch voraussetzte, sieht sie unter die Räder eines Turbostudiums gekommen. Die Studienreform gleiche einer Treppe, in der immer mehr Stufen eingezogen werden, von denen niemand vorher etwas wusste und die mühselig erklommen werden müssten.    

David Schreiner, 26 Jahre, im siebten Semester Islamwissenschaft, Literatur und Politik auf Magister studierend, kann dem neuen System etwas Positives abgewinnen. Viele Studierende fänden es attraktiv, dass das Studium verschulter werde. Als Student einer Uni und einer Fachhochschule freue er sich, dass die Fachhochschulen im Status nun den Universitäten angeglichen würden.     

Das Vertrauen der Studierenden nicht nur in NRW wird in diesen Tagen auf eine harte Probe gestellt. Wie lange kann ich noch gebührenfrei studieren? Woher soll ich das Geld nehmen, um mein Studium zu Ende bringen zu können? Wie soll ich das volle Bachelorprogramm in so kurzer Zeit schaffen? Was hat ein Hochgeschwindigkeitsstudium noch mit Wissenschaft und kritischer Reflexion gemeinsam? Wo ist das alte Profil meines Studiums geblieben? Was ist der neue Abschluss überhaupt wert? Was tun, wenn die Stelle meiner Wahl nur für Master ausgeschrieben wird, und ich habe nur den Bachelor in der Tasche? Wird der Bachelor wirklich im Ausland anerkannt?    

"Kritische Begleiter"
Der AStA der Uni Bonn hat auch nicht die Antworten auf alle Fragen. Aber er sieht sich als "kritischer Begleiter" der Studienreform. Er fordert, die Zugangsbeschränkungen zum Masterstudium aufzuheben. Zudem müsse das Erststudium gebührenfrei bleiben. Unter dem Etikett des Bachelorstudiums werde zudem "weniger Ausbildung" verkauft. Schließlich reicht dem AStA die Wahlfreiheit bei den gestuften Studiengängen nicht aus. Studierende wollten wieder mehr Zeit zum Denken und sich ein "umfassenderes Wissen" aneignen. Ein Wissen, das es ihnen auch ermögliche, Verantwortung für die Gesellschaft zu tragen, so Florian Konrad, der noch im Magisterstudiengang im achten Semester Politikwissenschaften, Philosophie und Biologie studiert.    

Der Pressesprecher glättet die Wogen. Wenn es nach ihm gehe, werde die Uni Bonn "jeden Bachelor, der dazu geeignet ist, zum Master führen". Denn die Uni verstehe sich als "sehr forschungsnah". Sie wolle so viele Master wie möglich ausbilden, denn darin sehe sie ihr Profil. Und für die Absolventen alter Studiengänge gebe es einen "Bestandsschutz", so der Pressesprecher. Sie suche zudem nach Wegen, damit niemand aus finanziellen Gründen vom Master abgehalten werden müsse. Andreas Archut denkt da an Stipendiensysteme nach US-amerikanischem Vorbild.   

Wenn´s ums Geld geht...
Auf der einen Seite beeilen sich Studierende, um vor der Einführung der Studiengebühren so viele Scheine oder Leistungspunkte zu sammeln wie möglich. Auf der anderen Seite macht die neue Landesregierung in Nordrhein-Westfalen Dampf, um den Hochschulen die Freiheit einzuräumen, Studiengebühren so früh wie möglich einzutreiben. Bleibt zu hoffen, dass es auf beiden Seiten Gewinner und nicht hier Gewinner auf dem Treppchen und dort Verlierer am Boden gibt. In dieser Situation treten Fortschritte bei der Internationalisierung der Studiengänge in der Wahrnehmung der Betroffenen erst einmal in den Hintergrund.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 20.06.2005
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