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09. 06. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Nicht die Antwort auf alle Fragen ...

"Lehrerarbeitszeit" - Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll

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Ausschnitt aus dem Flyer zur Tagung

"Wie viel arbeiten Lehrerinnen und Lehrer?" Diese Frage wird selten objektiv, sondern zumeist parteilich-wertend beantwortet. "Zu viel", meinen viele Betroffene. "Lehrer sind faule Säcke", klingt es demgegenüber vom Stammtisch. Wie viel Zeit verbringen Lehrerinnen und Lehrer tatsächlich mit unterrichtsbezogenen und außerunterrichtliche Arbeiten, mit Entwicklungs- und Koordinierungstätigkeiten und mit Verwaltungs- und Führungsaufgaben? Wie kann die Arbeitszeit von Lehrerinnen und Lehrern sinnvoll gestaltet und effizient eingesetzt werden? Können neue Arbeitszeitmodelle Anstöße für die qualitative Weiterentwicklung von Schulen geben und wie viel Gestaltungsspielraum brauchen die Schulen dafür? Wie kann eine gerechte Arbeitszeitverteilung aussehen? Antworten auf diese Fragen erwarteten sich die etwa 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer von der Tagung "Lehrerarbeitszeit", die vom 30. Mai bis zum 1. Juni an der Evangelischen Akademie Bad Boll stattfand und in Kooperation mit der GEW durchgeführt wurde.

Von wegen "faule Säcke"
Als gelungener, da provozierender Einstieg ins Thema diente die Arbeitszeitstudie der Mummert Consulting AG, die bereits vor einigen Jahren im Auftrag der nordrhein-westfälischen Landesregierung erstellt wurde. Sie gibt empirisch gestützte Auskünfte auf die Frage nach der Arbeitszeitverwendung von Lehrerinnen und Lehrern, enthält Vorschläge zur Neugestaltung der Arbeitszeit und regt diverse pädagogisch äußerst umstrittene Maßnahmen zur "Ausschöpfung möglicher Optimierungspotentiale" an. Der damaligen Projektleiter, Hans Uwe Rief, stellte die Ergebnisse der Studie vor und wies bei der Gelegenheit gleich auf deren Grenzen hin: Die Frage nach den vielfältigen Belastungen des Lehrerberufes sei nicht Gegenstand der Untersuchung gewesen. Lediglich Umfang und Verwendung der Lehrerarbeitszeit seien gemessen worden. Offen bleiben müsse auch, ob die jeweils geleistete Arbeit effizienter hätte erledigt werden können, welche Qualität sie hatte und wie sich die Bemühungen der Lehrkräfte auf die Kompetenzentwicklung der Schülerinnen und Schüler ausgewirkt hätten. Was Quantitäten betrifft, ist das Ergebnis der Studie aber deutlich: Die Gesamtheit der Lehrerinnen und Lehrer arbeitet mehr, als vertraglich verlangt wird. Und nicht wenige Lehrerinnen und Lehrer arbeiten im Jahresverlauf bis zu 50 Prozent mehr, als es die Arbeitszeitregelungen des Öffentlichen Dienstes vorsehen.

Große Unterschiede zwischen und innerhalb der Schulformen - mangelnde Arbeitszeitgerechtigkeit
Von Arbeitszeitgerechtigkeit im Sinne einer gleichmäßigen Verteilung der Arbeitszeit auf alle Schultern kann keine Rede sein, so ein weiteres Ergebnis der Studie: An den verschiedenen Schulformen wird unterschiedlich viel gearbeitet - die durchschnittliche Jahresarbeitszeit ist mit 1.750 Stunden an Grundschulen am niedrigsten und mit 1.976 Stunden an Gesamtschulen am höchsten. Es gibt aber auch innerhalb einer Schulform große Spannbreiten der von Lehrerinnen und Lehrern eingesetzten Arbeitszeit, also sehr unterschiedliche Zeitbelastungen. Die Gutachter weisen darauf hin, dass sich diese Unterschiede nicht allein aus einem jeweils fachspezifisch unterschiedlichen Aufwand für Vor- und Nachbereitung bzw. für Korrekturen herleiten lassen, sondern auf einer Vielzahl von Faktoren beruhen.

Keine zusätzlichen Ressourcen, aber hohe Erwartungen an neue Arbeitszeitregelungen
Befürworter neuer Arbeitszeitmodelle erhoffen sich davon eine Angleichung der zeitlichen Belastung der Lehrerinnen und Lehrer innerhalb und auch zwischen den Schulformen, also eine gerechtere Verteilung der Lehrerarbeit. Auch sollen die neuen Modelle dafür sorgen, dass die zeitliche Arbeitsbelastung der Lehrenden mit der des Öffentlichen Dienstes vergleichbar wird. Erwünschter Nebeneffekt: Zufriedenere und motiviertere Lehrkräfte. Mehr Gerechtigkeit und Arbeitszufriedenheit sind aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite bezieht sich auf die bessere Organisation der Arbeitszeit. Es soll Transparenz über Art und Umfang der wahrzunehmenden Aufgaben geschaffen werden, der Arbeitszeiteinsatz soll besser steuerbar gemacht werden und Schule sollen künftig die vorhandenen Ressourcen eigenverantwortlich vor Ort optimieren. Mit mehr Lehrerstellen können Schulen bei der Verwirklichung dieser Ziele jedenfalls nicht rechnen. Wie die anwesenden Vertreterinnen und Vertreter der Kultusministerien bestätigten, lauten landauf landab die Vorgaben, dass die Umsetzung neuer Arbeitszeitmodelle aufkommensneutral realisiert werden muss - eine gravierende Begrenzung, die Kritikern zusätzliche Munition liefert.

Viele Länder, viele Wege
In vielen Bundesländern haben sich Lehrerarbeitszeitkommissionen damit befasst, nach Alternativen für die bisherige, am Pflichtstundenmodell orientierte Bemessung der Arbeitszeit von Lehrerinnen und Lehrern zu suchen und sich dabei unterschiedlich ausgerichtet. Im Rahmen der Konferenz kamen insbesondere die Regelungen zur Sprache, die Hamburg, Bremen und Baden-Württemberg getroffen haben. Winfried Bratsch, Verteter der Behörde für Bildung und Sport, präsentierte das komplexe, auch im Rahmen der Tagung viel diskutierte und umstrittene Hamburger Modell das Vorschläge der Mummert Consulting-Studie aufgreift und seit August 2003 an den Hamburger Schulen realisiert wird. Er wies darüber hinaus auf die seit März 2005 vorliegende Evaluierung des Hamburger Jahresarbeitszeitmodells  hin, die ebenfalls durch Mummert vorgenommen wurde. Nach seiner Auffassung hat sich das Hamburger Lehrerarbeitszeitmodell im Grundsatz bewährt. Es sei besser als das Pflichtstundenmodell geeignet, die Arbeitszeit gleichmäßiger zu verteilen, denn es erfasse alle schulischen Aufgaben - unterrichtsbezogene, funktionsbezogene und allgemeine -, berücksichtige den Aufwand zur Erledigung der Aufgaben und schaffe problemgerechte Anreizmechanismen zum selbstverantwortlichen Umgang mit knappen Ressourcen an Schulen. Zu Unrecht werde es als Sparmodell wahrgenommen.

Baden-Württemberg setzt einerseits auf die Bandbreitenregelung ...
Für Baden-Württemberg übernahm Reiner Dahlem, Landesvorsitzender der GEW Baden-Württemberg und Mitglied der dortigen Arbeitszeitkommission, die Präsentation der neuen Regelungen, da kein Ministeriumsvertreter der Einladung gefolgt war. Das Hamburger Modell wurde in der Arbeitszeitkommission Baden-Württemberg verworfen. Stattdessen soll es Schulen ermöglicht werden, das so genannte Bandbreitenmodell umzusetzen. Ausgehend von einer Jahresarbeitszeit von 1804 Zeitstunden, die Basis aller zu erledigenden Aufgaben ist, wird festgelegt, dass Lehrkräfte im Regelfall 85Prozent  ihrer Arbeitszeit für Aufgaben verwenden sollen, die direkt im Zusammenhang mit Unterricht stehen und 15Prozent für sonstige pädagogische Aufgaben. Eine gewisse Flexibilität ist im System eingebaut, daher die Kennzeichnung "Bandbreite": Möglich sind Verschiebungen zwischen diesen Blöcken und auch Abweichungen vom jeweiligen Deputat der Lehrkraft um bis zu 2 Wochenstunden nach unten oder oben sind möglich. Ob und in welcher Weise von den Regelungen der flexiblen Arbeitszeit Gebrauch gemacht werden soll, entscheidet allerdings der Schulleiter.

... und andererseits auf Modellprojekte
Die GEW bekämpft das Bandbreitenmodell offensiv, sieht allerdings positive Ergebnisse der Arbeitszeitkommission an anderer Stelle: Neben der Bandbreitenregelung gibt es in Baden-Württemberg eine zweite Vereinbarung, die Arbeitszeitregelungen betrifft, und diese wird von der GEW unterstützt. Im Rahmen von Modellversuchen sollen neue Formen des Lernens und der Zusammenarbeit entwickelt werden. Es geht explizit nicht darum, vorgegebene Arbeitszeitmodelle zu erproben, sondern die Modellprojekte sind offen angelegt. Es sollen Erkenntnisse darüber gewonnen werden, wie Arbeit und Arbeitszeit von Lehrerinnen und Lehrern künftig gestaltet werden können.
Auch der GEW-Mann verwies auf den engen Zusammenhang zwischen der Organisation der Arbeit und der Arbeitszeit der Lehrerinnen und Lehrer und würdigte die Modellversuche als Möglichkeit, die Wirkung organisatorischer Veränderungen auf die Arbeitszeit zu erproben. Die Arbeit von Lehrkräften müsse besser begrenzt und wirksamer eingesetzt werden, damit sie zufriedener und weniger belastet seien. Mit Blick auf die Regelungen in Baden-Württemberg merkte er an, dass die zu erwartende höhere Eigenständigkeit der Schule auch in Fragen der Arbeitszeitverwendung ihrer Lehrkräfte nicht nur den Schulleiter stärken dürfe.

Bremen will, dass Lehrkräften mehr gemeinsame Zeit in Schulen verbringen
Wie Christel Hempe-Wankerl, Referentin beim Senator für Bildung und Wissenschaft, deutlich machte, geht Bremen etwas andere Wege als Hamburg und Baden-Württemberg: Der Stadtstaat stellt die Frage der Lehrerarbeitszeit in den Kontext der Verbesserung von Schulqualität und setzt dabei auf mehr gemeinsame Präsenz der Lehrkräfte in der Schule. Derzeit erproben vier Grundschulen und eine Sek. I-Schule im Rahmen des Modellversuches "35 Stunden Präsenzzeit" die Chancen für eine verstärkte Zusammenarbeit im Kollegium und die Auswirkungen, die eine höhere Präsenz von Lehrkräften in der Schule auf die Unterrichtsqualität hat. Das Projekt wird durch das Institut für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund wissenschaftlich begleitet. Aber nicht nur die Lehrerinnen und Lehrer der Modellversuchsschulen, sondern alle müssen künftig mehr Zeit in der Schule verbringen als bisher.

Drei Stunden gemeinsame, unterrichtsfreie Zeit für alle Lehrerinnen und Lehrer
Neu durchgesetzt wurde, dass von 2006 an die Lehrkräften drei Stunden zusätzliche Präsenzzeit in den Schulen verbringen müssen. Diese Zeit kann z.B. für die gemeinsame Projektplanung, den Austausch von Unterrichtskonzepten und die Vorbereitung des Unterrichts im Team genutzt werden. Mit den neuen Regelungen sollen die arbeitsorganisatorischen Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Lehrkräfte verstärkt miteinander kooperieren, sich gegenseitig unterstützen und entlasten, den Unterricht weiterentwickeln und durch die gemeinsame Unterrichtsplanung und -vorbereitung zeitsparende Effekte erzielen. Über ihre positiven Erfahrungen im Modellprojekt "35 Stunden Präsenzzeit" und die damit verbundenen arbeitsplatztechnischen und schulorganisatorischen Veränderungen berichteten Frau Bossaller-Meyhöfer und Frau Güldenhaupt als Vertreterinnen der Grundschule Oslebshauser Heerstraße und der Gesamtschule Bremen-Mitte - aufgrund der fortgeschrittenen Stunde allerdings nicht im Frontalvortrag, sondern in der "leichter verdaulichen" Form einer szenischen Darbietung. Strittige Frage in der anschließenden Debatte war, ob man in dieser Form "von oben" Teamarbeit verordnen könne, ob die gewünschten Effekte also so erreichbar sind bzw. welcher zusätzlichen Voraussetzungen es noch bedarf, damit sie es werden. Die Bremerinnen waren sich allerdings einig darin, dass der gewählte Weg - vom Einzelkämpfertum hin zur gemeinsamen Arbeit - richtig ist und auch eine Reduzierung der Arbeitsbelastung bringen wird.

Durch echte Teamarbeit Lehrerarbeitszeit effektiver machen - eine Botschaft aus den Niederlanden
In eine ähnliche Richtung wiesen die Präsentationen der Laborschule Bielefeld, der Glockseeschule Hannover und insbesondere auch der Beitrag von Dr. Jeanette Noordijk, Programmdirektorin für Lehrpersonal am niederländischen Ministerium für Unterricht, Kultur und Wissenschaft. Sie hielt sich nicht lange bei den wenigen Modalitäten zur Regelung der Jahresarbeit von niederländischen Lehrkräften auf. Dort ist eine 40-Stunden-Woche bei mindestens 40 bis maximal 45 Arbeitswochen pro Jahr üblich. Die genaue Zahl der Arbeitswochen und die Arbeitsschwerpunkte werde von der Schule mit den Lehrkräften festgelegt. Sie verdeutlichte statt dessen die arbeitszeitrelevanten Effekte echter Teamarbeit. Lehrkräfte arbeiten zufriedener und setzen ihre Arbeitszeit effektiver ein, wenn die unterschiedlichen Kompetenzen im Kollegium arbeitsteilig nutzbar gemacht werden können, so ihre Botschaft. Auch sie vertraute - und dies zu Recht - auf die Wirksamkeit von Bildern, um mit diesem Konzept zu überzeugen. Sie hatte einen Film zum "Teamunterricht nach Maß (TOM)" mitgebracht, der im Primarbereich in den Niederlanden schon weite Verbreitung gefunden hat. Das Beispiel TOM zeigte einerseits die Effekte, die andere Formen der Zusammenarbeit auf die Arbeitszeitbelastung und -verwendung von Lehrerinnen und Lehrern haben können. Frau Noordijk machte andererseits wie zuvor schon die Bremer Referentinnen deutlich, dass solche Veränderungen sich ebenfalls auf die schulische Qualitätsentwicklung auswirken.

Arbeitszeit und Arbeitsbelastung gehören zusammen
Die Aufgabe, das Thema Lehrerarbeitszeit in den Kontext der Lehrerbelastung zu stellen und so auch eine Gesamteinschätzung der Konferenzergebnisse vorzunehmen, übernahm zum Abschluss Prof. Dr. Schönwälder, Direktor des Instituts für interdisziplinäre Schulforschung an der Universität Bremen, der mit seiner differenzierten und pointierten Argumentation überzeugte. "Man wird der Problemkonstellation nicht gerecht, wenn man lediglich die Arbeitszeit in den Blick nimmt und diese als Generalnenner verwendet", so seine Warnung. "Dies zu tun heißt, alles über einen Kamm zu scheren". Die Belastungsfaktoren der Lehrerarbeit, die in den bisherigen Arbeitszeituntersuchungen und -modellen ausgeblendet blieben, gehörten systematisch dazu. Seine Selbsthilfe-Ratschläge an be- und überlastete Lehrkräfte, die nicht darauf zu warten wollen, dass die Lösung von außen und von oben kommt.: Rationalisierungspotentiale nutzen, u. a. durch schematischeres Arbeiten oder Teamarbeit. Schulorganisatorische Änderungen durchführen und z.B. die Schüler lehren, selbstständiger zu arbeiten. Und nicht zuletzt: Die eigenen Grenzen wahrnehmen und respektieren lernen.

Fazit
Was Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Tagung mitgenommen haben? Nicht die Antwort auf alle Fragen, aber auf viele - sogar auf welche, die zunächst gar nicht gestellt wurden. Viele verschiedene Arbeitszeitmodelle, die nicht immer leicht durchschaubar sind und jeweils viele Argumente dafür und dagegen. Viele gute Anregungen aus Schulen, die sich schon auf den Weg gemacht haben, durch gemeinsame Veränderungsprozesse ihre Arbeitszeit besser und zufriedenstellender zu nutzen. Und die Erkenntnis, dass an der Lösung der Arbeitszeit- und der Belastungsfrage alle mitwirken müssen: Individuum, Kollegium, Schulleitung und bildungspolitisch Verantwortliche.

Autor(in): Ulrike Müller
Kontakt zur Redaktion
Datum: 09.06.2005
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