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30. 05. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Die Universitäten sitzen auf Gold"

"Mafex" in Marburg versucht die Wiederbelebung von wirtschaftlich totem Wissen an den Universitäten.

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Logo von Mafex alias "Marburger Förderzentrum für Existenzgründer aus der Universität"

Vermutlich ist sie die einzige Stadt in Deutschland, auf welcher der Satz zutrifft: "Andere Städte haben eine Universität, Marburg ist eine Universität." Rund 17.000 Studentinnen und Studenten gibt es in der Universitätsstadt und insgesamt 86.000 Einwohner. Etwa jeder Fünfte steht in direkter Beziehung zur Universität. Doch "wenn die Koppelung zwischen Universität und Wirtschaft nicht funktioniert, hängt die ganze Region durch", sagt Prof. Jochen Röpke vom "Marburger Förderzentrum für Existenzgründer aus der Universität" (Mafex). Selbstverständlich ist die Uni auch Röpkes Arbeitgeber: als Professor für Volkswirtschaft am Fachbereich 02 für Wirtschaftswissenschaften. Kaum eine Stadt in Deutschland ist so angewiesen auf Existenzgründungen aus der Universität wie Marburg: "Das ist die Hauptquelle von Innovation in der Region."   

Marburg ist auch ein Brennglas, durch das die Realität in Deutschland ziemlich scharf zum Ausdruck kommt: "Die Universitäten sitzen auf Gold und sie heben es nicht auf", so lautet das Credo des Marburger Ökonomen.   

Dass die Wirtschaft in Marburg  - auch wegen fehlender Innovation - in den Seilen hängt, merkt man am besten bei einem Spaziergang durch die Oberstadt. Beinahe jedes zweite Schaufenster steht in der schmucken Oberstadt momentan gähnend leer: Der Glanz ist matt geworden -  und so schnell wie in Marburg die Einzelhändler pleite machen, so langwierig und mühsam ist es, Gründer aus der Universität heranwachsen zu lassen.

Impressionen des Niedergangs
Ist Marburg pars pro Toto in Deutschland? Manchmal scheint die Zeit in Marburgs Oberstadt still zu stehen. Und in seltenen Momenten, wo keine Menschenseele mehr anzutreffen ist, gewinnt man den Eindruck, dass sich das Zeitrad langsam und unaufhörlich zurückdreht. Woanders, in weiter Ferne und doch so nah, dreht sich das Rad der Wirtschaft umso rasanter: Beispiel Cambrigde. Die Uni hat praktisch die gleiche Studentenzahl wie Marburg und verfügt laut Röpke über ein Beteiligungsportfolio von 2,8 Milliarden Pfund Sterling. Dieses Geld steckt die Uni in Beteiligungen oder spin offs in hochdynamischen Wirtschaftsbrachen: "Die Überexpandieren in Cambridge und wissen gar nicht wohin mit ihren vielen Unternehmensbeteiligungen."   

Beispiel: die ostasiatischen Tiger und vor allem China: "Dort ist die eigentliche Quelle der Dynamik", sagt Röpke. "Sie kennen die Trennung zwischen Universität, Staat und Wirtschaft nicht einmal." Chinas Wirtschaft ist das Zugpferd der Weltwirtschaft: Stahl, Auto, verschiedene Innovationszyklen wirken gleichzeitig zusammen. "Und die bleiben beim Auto nicht stehen. Sie sind noch in der Computerbranche, im Internet, der High-Tech-Industrie, in der Biotechnologie und im Mobilfunk ganz vorne dabei", so Röpke weiter. In China ist die Anwendung des universitären Wissens absolut zentral. 
 
"Die Universitäten sitzen auf Gold..."
Die Lage in Deutschland dagegen ist bitter ernst: "Es gibt kein Ende der Fahnenstange: Wir werden, genauso wie im Fußball, nach unten durchgereicht." Deutschland sei zwar Exportweltmeister, doch im Grunde genommen "bleiben wir früher oder später auf unserem Schrott sitzen". Röpke zufolge hängt der Export in Deutschland an der mittleren Technologie und nicht in Hochtechnologiesektoren. Die Kaufkraft in Deutschland stagniert seit 10 Jahren und die Leute haben keine Lust zu konsumieren. Auch deshalb bleibt der Einzelhandel in Marburgs Oberstadt so augenfällig auf der Strecke. Die Kunden weichen aus ins Internet zu Ebay oder Amazon.   

"...und sie heben es nicht auf"
Die Quellen zukünftigen Wohlstandes liegen für Röpke, dem Südostasienkenner in der deutschen Ökonomenzunft, in der Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse und der radikalen Durchsetzung neuen Wissens." Für viele Studenten heißt es nach der Uni in Deutschland zunächst: Game over. Zwar verfügen sie über taufrisches Fachwissen, doch angesichts der hohen Akademikerarbeitslosigkeit in der Marburger Region gestaltet sich der Übergang in den Beruf  mehr als schleppend, so auch für den Pädagogen Roman Rusz. Sein Einstieg Mitte 1995 in das Berufsleben war die Selbstständigkeit. Doch damals gab es das Mafex noch nicht.   

"Uni ist Wissenschaft: Für meine Unternehmensgründung ging von ihr absolut kein Impuls aus." Über Kontakte im Freundeskreis entschloss sich Rusz zum Einstieg in die Textilrecyclingbranche. Was ihm fehlte, eignete er sich autodidaktisch an: Strategisches Denken, Konzeptentwicklung, steuerliches und betriebswirtschaftliches Wissen. Doch gute Ideen allein machten den Kohl anfangs auch nicht fett: "Man brauchte auch Glück und Beziehungen: Wir hatten Glück." Auch die Banken haben ihm die Gründung nicht leicht gemacht. Rusz entschied sich allen Widerständen zum Trotz zur Altkleidererfassung und den Export in die Tschechei.

Schöpferische Antworten auf die Krise
In enger Zusammenarbeit mit karitativen Organisationen übernahm der Jungunternehmer die Logistik: also Bereitstellung von Lastwagen und Containern. Bis zum ersten Geschäft der Rusz OHG verging ein dreiviertel Jahr, doch danach stellten sich rasche Erfolge ein. Etwa zehn Jahre später, 2004, waren durch den Beitritt Tschechiens zur EU auch für Roman Rusz die fetten Jahre vorbei. "Die Zukunft", das erkannte der Jungunternehmer,"gehört der Biotechnologie, Hightech, IT-Branche und dem Internet". Wenn es Beratung und Training gegeben hätte, wäre manches leichter geworden, vielleicht wäre auch ein Umstieg auf dynamische Branchen leichter gefallen.   

Die Bandbreite von Unternehmensgründungen ist groß: Es gibt Standardgründungen, Gründungen im Dienstleistungsbereich bis hin zu Gründungen im Bereich der Hochtechnologie, doch in der Masse sind es für Röpke an deutschen Unis viel zu wenig: "Die Quelle der Wirtschaftsförderung ist immer lokal. Unternehmensgründungen sind eine schöpferische Antwort auf den Globalisierungsdruck", sagt der Ökonom. Doch aus den Hochschulen kommt für Röpke viel zu wenig Innovationsdynamik. Auch deshalb gibt es das Marburger Förderzentrum für Existenzgründer aus der Universität (Mafex). Das Existenzgründerzentrum, das auch mit der Stadt Marburg kooperiert, ist an der Universität Marburg eine Anlaufstelle für Studenten, Absolventen und arbeitslose Akademiker geworden.  

Was die Schulen - und später die Universitäten an "Restkreativität" und Initiativgeist zerstampfen - das versucht das Mafexteam wieder aufzurichten: "Das Grundstudium der Wirtschaftswissenschaften ist ein Fegefeuer und Mafex versucht die Negativwirkungen aufzufangen", sagt Röpke. 

Ein Funke entzündet sich
Da für den Ökonomen ein Großteil des Wissens an den Universitäten wirtschaftlich tot ist, versucht Mafex, das sich 1999 gründete, das unternehmerische Potenzial zu erkennen und zu verwirklichen. Das bedeutet Kompetenzaufbau in Kursen und Trainings. "Röpke und sein Team klopfen die Personen eingehend von der menschlichen Seite und als Unternehmer ab", sagt Stefan Oberhansl vom Vorstand der Gerina AG. Die Gründung dieses Unternehmens, das sich als Beratungsgesellschaft auf die Internetbranche (wie z.B. eine Art Internet-Lotto bzw. Content Management Systeme) spezialisiert hat, wurde von Mafex aus frühzeitig begleitet. Gefragt war weniger kaufmännisches Wissen als "mentale Unterstützung und eine ruhige väterliche Hand", so Oberhansel. Also Training der Persönlichkeit und Kommunikation. 

Die Beratung von Existenzgründern kennt keinen festen Punkt mit Ende. Sie ist ein kontinuierlicher Prozess, der in der Uni beginnt, sich weiter erstreckt auf die eine Phase abhängiger Beschäftigung, um eines Tages konkret zu werden: "Der Funke war irgendwann da - und dann hat sich Vertrauen in die unternehmerische Vision entwickelt", erklärt Röpke diesen Prozess mit Blick auf die Existenzgründung von Stefan Oberhansl. "Die haben bei der Gerina AG mit Nichts angefangen." 

In zehn Prozent der Studentenschaft schlummert ein Potenzial zum Unternehmer, doch gegenwärtig erreicht das Mafex nur ein Prozent aller Marburger Studenten. Deshalb macht Röpke auch Tests mit dem Nachwuchs, wo man erkennt, in welchem Bereich Stärken und Schwächen vorhanden sind. Die Wissenschaft unterscheidet fünf unterschiedliche Unternehmertypen: der klassische Managertypus, den forschenden Ideenmenschen (Expert Idea Generator), den empathischen, kommunikativen Unternehmer und den komplexen Unternehmer. An den Universitäten dominiert Variante zwei.

"Exist" - von der Vision zur Existenz
Was die Uni versäumt, ist so leicht nicht nachzuholen. Mafex leistet viel, doch momentan ist es ein Tropfen auf dem heißen Stein: Studenten und wissenschaftliche Mitarbeiter können Semester begleitend drei Monate an einem Kurs oder einem Seminar teilnehmen, in dem sie Geschäftspläne erstellen, Visionen entwickeln und vor allem besser kommunizieren lernen. Am Ende eines solchen Trainings erwerben sie ein Zertifikat, das ihnen Kompetenzen bescheinigt, die einem Bachelor - und in Ausnahmefällen sogar einem Master entsprechen.   

Als regionales Netzwerk zwischen den Unis Marburg, Kassel, Göttingen und der FH Fulda wurde Mafex in seiner schleppenden Anfangsphase auch vom BMBF-Programm "Exist" gefördert. "Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat das Programm` EXIST-Existenzgründer aus Hochschulen´ 1998 mit dem Ziel gestartet, die Zahl der innovativen Unternehmensgründungen zu erhöhen und eine Kultur der unternehmerischen Selbstständigkeit in den Hochschulen zu begründen." Es will den regionalen Strukturwandel durch innovative Unternehmen forcieren. Mafex möchte aber noch mehr erreichen: es will die Kommunikationsbarrieren zwischen Wissenschaft und Wirtschaft abbauen. 

Jochen Röpke wünscht sich also, dass Kollege Wissenschaftler im Bereich der Nanotechnologie, die ja als Marburgs Zukunft gilt, aus der Forschung in die unternehmerische Praxis geht. Oder dass junge Mafex-Absolventen in der Marburger Region ein Unternehmen gründen. Röpke zählt rund 250 Existenzgründer, die im Umfeld von Mafex beraten und gecoacht wurden und 85 reale Gründungen. Also solche, die eine Unternehmensgründung planen und solche, die tatsächlich gründen.  

Dazu gehört die Gerina AG von Stefan Oberhansl, in deren Aufsichtsrat Prof. Röpke sitzt. Die Anbindung des jungen Unternehmens an Mafex war stets eng: seine ersten Büroräume teilte es sich mit dem Förderzentrum in dem Gebäudekomplex der Marburger Stadtsparkasse. So gab es "kurze Wege zur Bank" und einen engen Austausch mit Röpke und seinem Team. Auch die Rechtsform einer AG, die mittlerweile viele Vorteile bringt, ist in diesem Zusammenhang entwickelt worden. Oberhansls Gerina AG, ist ein prosperierender Betrieb, der momentan fünf fest angestellte Mitarbeiter und etliche freie Mitarbeiter beschäftigt.   

Gut für Marburg, gut für die Region. Dennoch bedauert Röpke, dass in Marburg und Deutschland generell viel zu wenig Geld für Training und frühen Kompetenzerwerb in den Unis zur Verfügung steht: "In Israel bekommt jede Uni 1 Mio. Euro zur Förderung von Unternehmensgründungen". Und dann ertappt sich Röpke, der gute Kontakte nach Südostasien besitzt, wieder beim Träumen: wie wenig Stolpersteine die taoistische Kultur den unternehmerischen Studenten und Forschern doch vor die Füße setzt, denn Wissen soll wirtschaftlich lebendig werden.  

Autor(in): Peer Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 30.05.2005
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