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19. 05. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Eine Klasse, viele Messlatten

Zwei Stunden im Gemeinsamen Unterricht der Gesamtschule Rodenkirchen

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Manfred Wagner, Lehrer für Sonderpädagogik und Magdalene Schmidt, Mathelehrerin gehen auf die Schülerinnen und Schüler einzeln ein. Das erfordert eine Menge Vorbereitung, viel Wahrnehmungsarbeit und viel Laufarbeit.

Nach den Pfingstfeiertagen trotten die Schülerinnen und Schüler im Pulk zur Schule. Sie verschwinden in den Gängen, um in ihre Klassen zu gelangen. Draußen ist es nass und kalt. Architektonisch könnte man sich hier im Labyrinth der betonierten Gänge und Treppen der Gesamtschule in Rodenkirchen verlieren, pädagogisch hingegen nicht. Nicht einmal im Mathematikunterricht.  

Der hat um 8.11 Uhr noch nicht angefangen. Doch viele Schülerinnen und Schüler sitzen schon an ihren Plätzen. Kein Schreien und Toben, wie man es an einem kühlen Dienstagmorgen erwarten würde, kein Nörgeln und Randalieren. Auch nicht als Mathe-Lehrerin Magdalene Schmidt fragt: "Wie multipliziert man Brüche?". 

Während die Mathe-Lehrerin etwas über die Ähnlichkeit von Klammern in Brüchen und Geschenkpaketen doziert, huscht eine zweite erwachsene Person durch das Klassenzimmer der achten Klasse. Diese Person eilt zum Tisch mit Tarik oder Klara (Namen der Schüler durch die Redaktion geändert), Schülern mit so genanntem sonderpädagogischen Förderbedarf. Der dienstbare Geist ist Manfred Wagner, Lehrer für Sonderpädagogik, der gemeinsam mit der Mathelehrerin unterrichtet. Ihm geht das Oberlehrerhafte vollständig ab. Kein Wunder, hat er schon als Student eine Examensarbeit über das gemeinsame Lernen geschrieben.   

Wie verschiedene Messlatten aufgelegt werden
Er stützt sich auf den Tisch bei Tarik und erklärt, wie man die Zahlen als Ziffern und dann als Symbole wieder erkennt. Denn Tarik ist nicht so wie andere Schüler. Er hat eine geistige Behinderung und macht während der Mathestunde komisch anmutende Gesten. Für die Mitschüler ist das "ganz normal", einem direkt gegenüber zu sitzen, der statt Rechenoperationen im Heft zu erledigen, Karten mit Zahlen legt. Sie helfen ihm auch gerne, Tarik braucht mehr Zeit zum Begreifen von mathematischen Formeln und bewegt sich nicht wie die ganze Klasse im Zahlenraum von über 1000, sondern bleibt im überschaubaren Rahmen der Ziffern eins bis sechs. Während am Tisch die einen Schüler mit einem Mathelehrbuch nach den Richtlinien der allgemeinen Schule arbeiten, bekommt Tarik Karten als Lernmittel, die auf sonderpädagogischen Bedarf abgestellt sind. Eine Klasse, unterschiedliche Lehrmaterialien, die die Messlatten unterschiedlich hoch legen. Heute sind in der Klasse 20 Schüler und drei von ihnen müssen persönlich betreut werden.   

Manfred Wagners Pädagogik besteht, von außen gesehen, aus Aufmerksamkeit, viel Kontakt und Bewegung. Er geht nicht vorne auf und ab und macht den berühmten Gefängniswärtergang. Er ist mal an der Tafel, dann am Schülertisch, dann beim Schüler mit Lernbehinderung, dann wieder hinten im Raum. Er und seine Kollegin arrangieren Lernumgebungen und machen das, was Weiterbildungsträger heute modern als ihre Domäne reklamieren, doch sie verkaufen nichts.   

Differenzierung und nicht Differenz - wie in Mathematik - nennt man das, was teils sichtbar, teils unsichtbar für die Augen im Klassenraum vollzogen wird. Differenzierung, weil man die Schüler nicht alle über einem Kamm scheren kann, sondern sie mit unterschiedlichen Maßstäben beurteilen muss. "Differenzierung" wird im Pädagogikslang gebraucht und bedeutet soviel wie Lernen und Umgehen mit Unterschieden. Das ist so ziemlich das Gegenteil vom Lernen im Gleichschritt, das im Frontalunterricht die meisten an sich erfahren durften, wonach alle dasselbe in derselben Zeit zu erfassen, verstehen und zu reproduzieren haben.   

Das kleine Alphabet der Differenzierung
Die Schule in Rodenkirchen unterscheidet zwischen Differenzierung in Wahlpflichtfächer sowie äußerer und innerer Differenzierung. Bei den Wahlpflichtfächern können Schüler mit Lernschwierigkeiten ein Training in Selbstständigkeit ableisten oder die Berufsorientierung mit zusätzlichen Praktika und berufsbezogenen Praktika intensivieren. Die Unterscheidung in Grundkursen und Ergänzungskursen gehorcht der Logik der äußeren Differenzierung. Ab der siebten Klasse wird in Englisch und Mathematik nach Leistung unterschieden und später auch in Deutsch. Schüler, die sich mit dem Lernen leichter tun, werden dem Ergänzungskurs zugeordnet. Diese Praxis wird im Unterricht nur sichtbar, als Magdalene Schmidt in Mathematik verschiedene Aufgaben verteilt und zu den Nummern der Aufgaben mal "G-Kurs" mal "E-Kurs" schreibt.. Dieser Grundsatz zieht sich auch durch andere Fächer. Wer etwa Abitur machen will, braucht drei E-Kurse. Allein im Matheunterricht gibt es fünf unterschiedliche Niveaus, so Wagner.  

Pro Jahrgang hat die Gesamtschule in Rodenkirchen, die auch eine Ganztagsschule ist, eine Klasse mit Gemeinsamem Unterricht (GU). Das Konzept des Gemeinsamen Unterrichts ist im Schulprogramm festgeschrieben und wirkt sich genauso auf die Schulorganisation wie das gesamte Schulleben aus. In der Regel haben die Klassen eine Größe von 24 Schülern, von denen sechs einen sonderpädagogischen Förderbedarf haben. Diese GU-Klassen, wie man sie der Kürze wegen nennt, begleiten drei Tutorinnen und Tutoren, also zwei Fachlehrer und ein Lehrer für Sonderpädagogik. Unterstützt werden sie durch einen Zivildienstleistenden, der in zwei GU-Klassen eingesetzt wird, oder in Arbeitsgemeinschaften.  

Die Stimme der Sonderschullehrer findet nicht nur im Unterricht Gehör. Es gibt weitere Mitwirkungsgremien, die die Erfahrung dieser Lehrerinnen und Lehrer institutionalisieren. Die Tutoren jeder GU-Klasse treffen sich erstens regelmäßig in Teamsitzungen, um sich über Schülerinnen und Schüler auszutauschen. Alle Lehrkräfte für Sonderpädagogik treffen sich zweitens zu Abstimmungen einmal in de Woche. Und drittens wird viermal im Jahr eine GU-Konferenz einberufen, die sich aus den Tutoren und Mitgliedern der Schulleitung zusammensetzen.   

Der Gong ertönt. Nach 45 Minuten ist der Matheunterricht beendet und ein neues Fach, die Gesellschaftslehre, steht an. In der Zwischenzeit zieht sich Tarik zum Frühstück alleine in den gemütlichen Nebenraum zurück, ohne die anderen Schüler. Die stören sich nicht daran. Dieser Raum ist der so genannte "Differenzierungsraum", in dem Einzelarbeit mit Schülerinnen und Schülern erledigt wird, die ein anderes Tempo haben als die Mehrheit, ein langsameres oder auch mal ein höheres.    

Ein Test mit vielen Ablegern
Auf Mathe folgt die Revolution - die Französische Revolution im Unterricht. Die Klasse hat einen Test geschrieben, den Manfred Wagner nach Absprache mit dem Fachlehrer Dieter van Remmen "differenziert" hat. Das heißt, Schülerinnen und Schüler mit Beeinträchtigungen beim Pauken der Ursachen für die Französische Revolution bekamen die gleichen Aufgaben mit mehr Vorgaben. Sie mussten nicht Begriffe wie "Absolutismus" schriftlich definieren, sondern vorgefertigte Antworten zum Sachverhalt richtig einander zuordnen. Diese Differenzierungsarbeit leisten die Lehrer für Sonderpädagogik, die aber die Schüler nicht sozial und räumlich absondern, wie das auch heute noch häufig in Deutschland praktiziert wird. Alle Schüler arbeiten möglichst an denselben Inhalten, nur auf unterschiedliche Art und Weise, das ist eines der Prinzipien des Gemeinsamen Unterrichtes.   

Dies bleibt nicht ohne Folgen auf den Umgang mit Noten. Es herrscht ein entspannter Umgang mit Noten. Als die beiden Lehrer ankündigen: "Jetzt gibt es einen Test", gähnen einige der Schüler. Verteilt wird nicht wie üblich ein Test, sondern viele Tests, denen verschiedene Maßstäbe zugrunde liegen. "Ich werde nun die Noten begründen", sagt van Remmen, "auch das Bemühen wird bewertet." Möglicherweise zielte dieser Spruch auf Tarik ab, der, obwohl er es nicht musste, den Test auf seine Weise mitgeschrieben hat. Dort, wo sonst Antworten auf Deutsch stehen sollten, sind die Zeilen mit arabisch anmutenden Schriftzeichen gefüllt. Zu zwei befreundeten Schülerinnen sagt der Lehrer für Gesellschaftslehre: "Ich fand es gut, dass ihr beide individuell gearbeitet habt und euren Sehwinkel nicht abgeschrägt habt."

Fremdbild - Selbstbild

Währenddessen sitzt in der letzten Reihe Birgit Weger, eine zukünftige Lehrerin, die ihr vierwöchiges Praktikum in der Schule absolviert. Durch den integrativen Unterricht fühlt sie sich bestätigt, den Beruf der Lehrerin auch zu ergreifen, was heutzutage nicht unbedingt selbstverständlich ist. Nicht das Klassenziel stehe hier im Vordergrund, so reflektiert Weger, sondern der pädagogische Ansatz. Sie ist angetan von dem, was sie "Kontaktaufnahme mit Randgruppen" nennt. Denn so würden Schüler mit Lernbeeinträchtigungen ja überwiegend gesehen. Sie wünsche sich, dass gemeinsamer Unterricht auch an anderen Schulformen eingeführt werde, etwa an Gymnasien. Es sei ihr aber negativ aufgefallen, dass nach dem Unterricht Schülerinnen und Schüler mit Behinderungen unter sich blieben und es da eine "Separierung" der Schülergruppen gebe.  

Manfred Wagner ist sich bewusst, dass integrativer Unterricht nicht die Regel in Deutschland ist, und findet es "verdreht", dass im Unterschied zu Finnland bei den jüngeren Jahrgängen mit Lehrpersonal gegeizt werde, um bei den älteren reinzubuttern. Sprich: Kleine Schülergruppen werden in Deutschland in der Oberstufe gebildet, in Finnland dagegen schon in den Sekundarstufen. Deutschland ist eben nicht die Heimat des gemeinsamen Unterrichts und des gemeinsamen Lernens. Umso mehr macht es dem Lehrer "Spaß, mit der bunten Mischung" von Schülern zu arbeiten, auch wenn er 25 Wochenstunden in der Klasse arbeite. Er meint, dass gemeinsamer Unterricht nicht teurer sei als Sonderschulen. Doch es komme zu einem "Parallelsystem mit Reibungsverlusten". Von Reibungsverlusten ist im Lehrerzimmer nicht viel zu spüren.  

Gemeinsinn im Lehrerzimmer
Im Lehrerzimmer gibt es in der Pause einen regen Austausch unter Pädagogen. Auch hier wird viel gelacht - und an Schreibtischen vereinzelt gearbeitet. Wagner scheint im Kollegium eine Anerkennung zu genießen, die in der Gesellschaft nicht selbstverständlich ist. Kein Stigma des Lehrers für "Zurückgebliebene". Sein Kollege Deutschlehrer Hans Lichtschläger berichtet vom Rollenwechsel, wenn er in die Rolle des Lehrers für Sonderschulpädagogik schlüpfen darf, während Wagner sich zum Fachlehrer verwandelt. Kann der Fachlehrer etwas vom Sonderschullehrer lernen? "Ne Menge", sagt Hans Lichtschläger.   

Vielleicht ist die Gesellschaft in Hinblick auf Menschen mit Lernbehinderungen einfach zurückgeblieben. Ist der Begriff "Lernbehinderung" nicht ohnehin aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft gewonnen? Die Praxis des Gemeinsamen Unterrichts zeigt: Unterschiedlich begabte Kinder können beim gemeinsamen Lernen ihre Fähigkeiten besser entwickeln und ihre Verschiedenheit als Bereicherung erleben. Damit das Lernen in gemischten (heterogenen) Gruppen gelingt, müssen Lehrerinnen und Lehrer in der Lage sein, maßgeschneiderte Lernangebote zu machen, was die Bereitschaft des Kollegiums zur Fortbildung voraussetzt. Die Realisierung eines solchen Konzeptes bedeutet mehr Bildungsgerechtigkeit. Die Messlatte für die auslesende Gesellschaft darf gerade jetzt auf keinen Fall niedriger gelegt werden. Sonst wird hierzulande die durch PISA aufgedeckte Schwächung chronisch.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 19.05.2005
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