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28. 04. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Vielleicht braucht sie einfach Zeit ...

Die Juniorprofessur als Alternative zur Habilitation

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Hörsaal

Nach drei Jahren Juniorprofessur in Deutschland lässt sich kein eindeutiges Fazit ziehen. Sie ist weder wissenschaftliches Leichtgewicht noch hat sie einen Siegeszug in den Universitäten angetreten. Fakt ist, dass heute 850 Juniorprofessorinnen und Juniorprofessoren an 65 deutschen Hochschulen lehren und forschen. Ursprünglich allerdings waren 6000 junge Wissenschaftler als Zielmarke ausgegeben, die frischen Wind in die Hörsäle bringen sollten. Diese Kluft zwischen Soll und Ist benutzen die Kritiker der Juniorprofessur gerne, um ihr den Stempel "Gescheitert" aufzudrücken.

Doch so einfach ist es nicht. Zwar nehmen die Zahlen der Stellen für Juniorprofessuren eher ab als zu, wie eine Studie von "Die Junge Akademie" und des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) vom vergangenen Jahr belegt. Doch dies lässt sich nicht nur mit dem Etikett "Unattraktiv" abtun. Schließlich entstehen neue Stellen auch in den Universitäten nicht aus dem Nichts, sondern aus nicht besetzten oder frei werdenden Posten oder werden aufwändig neu geschaffen. In einem zweiten Schritt müssen die Regelungen zur Juniorprofessur dann noch in die jeweiligen Landesgesetze aufgenommen werden. Das alles braucht seine Zeit.

Joachim Weber, Justiziar bei der Hochschulrektorenkonferenz, findet deshalb "850 Juniorprofessoren eine stolze Zahl, wenn man bedenkt, dass die Rechtsgrundlagen oft noch nicht in trockenen Tüchern gewesen sind". Ein definitiver Erfolg der Juniorprofessur ist, dass der Frauenanteil an dem neuen Professorentypus bei relativ hohen 30 Prozent liegt. Aber auch 55 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Ausland, darunter viele Deutsche, die an Universitäten in im Ausland gearbeitet haben, konnten für die neue Karriere in Deutschland gewonnen werden.

Eine Verjüngungskur tut not
Die Zahlen repräsentieren nur eine Seite des vielschichtigen Versuchs, die Strukturen an den Hochschulen zu verjüngen. Die Juniorprofessur weist drei Jahre nach ihrer Einführung einige Dellen an ihrer Karosserie auf. Das hat einerseits mit ihr selbst zu tun - die fehlenden beruflichen Perspektiven für die Zeit danach und einige Kinderkrankheiten in punkto Ausstattung und Personal - andererseits auch mit dem Zwist zwischen Bund und Ländern um Habilitation, Juniorprofessur und Zuständigkeiten.

Das Motiv für die Einführung der Juniorprofessur war, dass deutsche Universitäten, die den wissenschaftlichen Nachwuchs nicht gerade mit offenen Armen empfangen und fördern, international konkurrenzfähiger werden. Die Stationen Promotion, wissenschaftliche Assistenz und Habilitation fordern schließlich ihren Preis: Durchschnittlich 40 Jahre ist ein Professor, wenn er auf einen Lehrstuhl berufen wird. Die Habilitation, eine Schrift, die gerne mal tausend Seiten und mehr hat, meistens auf deutsch und nur universitätsintern begutachtet, ist in anderen Ländern gänzlich unbekannt.

Als Einstiegsqualifikation beim Juniorprofessor dagegen genügt eine exzellente Promotion, und nach drei Jahren wird der Kandidat oder die Kandidatin in einer umfangreichen Evaluation genau unter die Lupe genommen. Dafür darf und muss der Juniorprofessor sechs Jahre lang eigenständig lehren, forschen, publizieren und Forschungsprojekte einwerben. Jede Stelle wird vom Bundesbildungsministerium, das die Einführung der Juniorprofessur initiiert hat, mit 60.000 Euro gefördert.

Die berufliche Perspektiven für danach sind Mangelware
Die eigenständige Arbeit und hohe Selbstverantwortung machen diesen Weg besonders attraktiv für viele junge Wissenschaftler, die ansonsten die klassische Variante - die Habilitation - abgeschreckt hätte. In der Studie von "Die junge Akademie" und dem CHE zeigten sich 91 Prozent der Juniorprofessoren sehr zufrieden mit ihrer Arbeit. Nur die fehlende personelle Unterstützung kritisierten die Wissenschaftler - lehren, forschen und publizieren ist eben kein Ein-Personen-Betrieb.

Das größte Manko aber sehen sie in den fehlenden beruflichen Perspektiven für die Zeit nach der Juniorprofessur. Nur 7,4 Prozent haben Aussicht auf eine Festanstellung, 14 Prozent sind skeptisch, was die Zukunft betrifft und 44 Prozent beurteilen ihre Chance fifty-fifty.
Die fehlende beruflichen Perspektive wiegt schwer. Denn es geht hier nicht um eine Versorgungsmentalität der Wissenschaftler, sondern, wie Jörg Rössel, Mitautor der Studie meint, "einfach um die Planbarkeit von Karrieren".

In den USA, wo ein Äquivalent zur Juniorprofessur seit vielen Jahren zum Alltag gehört, winkt mit dem so genannten "Tenure-Track", einer Option für Jungprofessoren auf eine Festanstellung, ein beruflicher Hauptpreis. In Deutschland fehlt vielen Unis dafür schlicht das Geld. Auch in Großbritannien wird anstatt auf Habilitationen und einzelne gut dotierte Professorenposten mehr auf flache Hierarchien und mehr feste Stellen für Wissenschaftler gesetzt.

Das Bundesverfassungsgericht stellte nicht die Juniorprofessur an sich in Frage
Der Zwist zwischen einigen Bundesländern und der Bundesregierung um die Juniorprofessur hat die Unsicherheit noch größer werden lassen. Bei dem Streit, der schließlich vor dem Bundesverfassungsgericht ausgetragen wurde, ging es nicht um die Juniorprofessur an sich, sondern um die von der Bundesregierung beabsichtigte Abschaffung der Habilitation. Die Juniorprofessur stellten nicht einmal die Kläger aus Bayern, Thüringen und Sachsen in Frage. Der Bund darf nicht bundeseinheitlich die Habilitation zugunsten der Juniorprofessur abschaffen. Daraufhin besserte das Bundesbildungsministerium nach und nun können die Bundesländer selbst bestimmen, ob Juniorprofessur oder Habilitation die Voraussetzung für einen Lehrstuhl sein soll.

Die meisten Bundesländer haben die Juniorprofessur inzwischen in ihre Landesgesetze aufgenommen, nur bei drei Ländern steht dies noch aus. Weil auch die alte Befristungsregel wieder in Kraft getreten ist, bieten Universitäten aus Angst, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler könnten auf Festanstellung klagen, kaum noch befristete Anschlussverträge an. Das bedeutet, dass derjenige, der es nach zwölf Jahren nicht auf einen Lehrstuhl geschafft hat, eventuell vor dem Aus steht.

Die Zeit wird zeigen, wohin die Reise geht
Diese Rechtsunsicherheit, fehlende Perspektiven und ein Flickenteppich aus Qualifikationsprofilen, die sich in den Bundesländern abzeichnen, lässt Juniorprofessoren zwischen allen Stühlen sitzen. So beginnen nicht wenige Juniorprofessoren parallel zu ihrer Tätigkeit mit der Habilitationsschrift, einfach, um auf Nummer sicher zu gehen. Jörg Rössel will nicht "schwarz malen", aber bei bestimmten Rahmenbedingungen könnte es schlecht bestellt sein um die Juniorprofessur: "Wenn die Zahl der Juniorprofessoren nicht zunimmt, könnte es passieren, dass sie eben keinen alternativen Karriereweg darstellt, sondern als Sonderfall auf dem Arbeitsmarkt als zweitklassig eingestuft wird." Ganz so schlimm muss es aber nicht kommen, denn neben dem Extrem entweder Juniorprofessur oder Habilitation könnte es vielleicht auch den dritten Weg geben, dass beide nebeneinander existieren. So sind viele naturwissenschaftliche Fakultäten von Anfang an Befürworter der Juniorprofessur gewesen.

Joachim Weber von der Hochschulrektorenkonferenz geht jedenfalls davon aus, dass "sich die Juniorprofessur als Alternative zur Habilitation durchsetzen wird". Dafür müsse sie aber auch unterstützt und es müsse noch an ihrer Attraktivität gefeilt werden, so dass sie auf Augenhöhe mit der Habilitation im Ring stehe. "Dann", so Joachim Weber, "ist sie was Besonderes. Für die besten Nachwuchswissenschaftler muss nach sechs Jahren Tätigkeit als Juniorprofessor eine bessere Karriereplanung gegeben sein als bisher. Sonst stehen sie mit leeren Händen da. Das ist wenig attraktiv."  

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 28.04.2005
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