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04. 04. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Eine Art Mutterideologie ist im Westen tief verwurzelt"

Mehr frühkindliche Betreuung ändert auch das Selbstverständnis der Eltern

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Prof. Stefan Sell

Bildung PLUS: Quer durch die Parteien ist die frühkindliche Betreuung das neue Lieblingsobjekt in der Bildungspolitik. Warum wurde dieser Bereich so lange verschlafen?

Sell: Bislang konnte sich der Staat ja aus diesem Bereich wunderbar heraushalten, weil die Betreuung im Grunde in den Familien privatisiert war. Nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn. Diese Privatisierung funktioniert nun nicht mehr, was sich - nicht nur, aber auch - in Form einer hohen Kinderlosigkeit gerade bei Akademikern manifestiert. Mittlerweile kommt immer mehr die Forderung nach einem Ausbau der staatlichen Betreuungsangebote auf. Es gibt aber noch einen zweiten Aspekt, den man bei dieser Diskussion nicht unterschätzen darf: Eine Art Mutterideologie, die vor allem in Westdeutschland noch tief in den Köpfen und Herzen der Menschen verwurzelt ist. Viele Eltern haben im Westen immer noch Angst vor der Ganztagsbetreuung in Kindertagesstätten und der Ganztagsschule, weil sie glauben, ihren Kindern nicht gerecht zu werden. In Ostdeutschland zum Beispiel kann ich bei Vorträgen zur frühkindlichen Bildung und Betreuung ohne Umschweife auf Fragen der Qualität und Organisation eingehen, in Westdeutschland geht die meiste Zeit für Grundsatzdiskussionen über das Für und Wider verloren und man verliert sich oft in der "Rabenmütterdiskussion".

Bildung PLUS: Haben die Eltern heutzutage ein neues Selbstverständnis in Bezug auf Schule?

Sell: Man redet immer darüber, dass zum Beispiel Akademikerinnen zunehmend keine Kinder mehr bekommen und dabei wissen viele nicht, dass auf der anderen Seite Familien mit einem Kind ein Auslaufmodell sind. Immer mehr Familien haben drei und mehr Kinder. Und das sind interessanterweise nicht überwiegend Familien mit einem Migrationshintergrund oder aus den unteren Sozialschichten. Es sind ganz überwiegend Akademikerhaushalte beziehungsweise Haushalte mit höheren Einkommen. Und wenn Sie jetzt über Vereinbarkeit von Familie und Beruf nachdenken, liegt es auf der Hand, dass dies mit einem Kind ja noch gut organisierbar ist, aber mit drei Kindern stoßen Sie ganz schnell an Grenzen des Möglichen. Hinzu kommt, dass diese Eltern eine "anspruchsvolle" Klientel für Kindertagesstätten und Schulen darstellen. Sie sind sehr kritisch und haben oft klare Vorstellungen, was sie von den Bildungs- und Betreuungseinrichtungen erwarten. Sie saugen die Ergebnisse der öffentlichen Diskussion regelrecht auf und nach der Lektüre eines Artikels über Hirnforschung fragen sie gleich die Erzieherin vor Ort, wie sie die neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse in der Kindertagesstätte umsetzen wolle.

Diese Eltern sind häufig von der Angst geprägt, dass ihr Kind etwas verpassen könnte. Und dieses Verhalten trägt natürlich massiv zur Verunsicherung der Erzieherinnen und Erzieher bei. Aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen tun sich ganz neue, auch sehr problematische Beziehungen auf zwischen Eltern auf der einen und Kindertagesstätten und Schulen auf der anderen Seite. Zugespitzt formuliert: Beobachtbar ist durchaus eine Polarisierung der Elternschaft in einer großen Gruppe, die sich überhaupt nicht engagiert und einbringt und in eine andere, zugleich sehr ausdrucksfähige Gruppe, die hohe Ansprüche an die Einrichtungen stellt.

Bildung PLUS: Sie arbeiten ja nicht nur wissenschaftlich, sondern auch praktisch: als Vorsitzender des Trägervereins der Kindertagesstätte des RheinAhrCampus an der Fachhochschule Koblenz. Sind da Kollisionen zwischen Praxis und Theorie nicht vorprogrammiert?

Sell: Diese praktische Arbeit ist unbezahlbar, denn nur so wird man in Bezug auf seine wissenschaftliche Arbeit auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und verkneift sich manche Forderung, weil man erkennt, dass dies im Moment einfach nicht zu realisieren ist. Andererseits kann man aber in diesem Mikrokosmos auch Dinge umsetzen, die auf der nationalen Ebene viel länger dauern würden. Eine hochschulnahe Kindertagesstätte wie unsere hat natürlich eine überwiegend akademische Klientel: die Studierenden auf der einen Seite und die Mitarbeiter der Fachhochschule auf der anderen Seite. Wir haben uns deshalb bewusst dafür entschieden, die Kindertagesstätte nach außen zu öffnen, für "normale" Familien aus der Stadt, damit wir eine breite soziale Mischung bei den Kindern haben.

Bildung PLUS: Neben der Einbindung des Bundes in die Finanzierung der frühkindlichen Betreuungsangebote, fordern Sie auch eine Umschichtung der Bildungsausgaben. Wie soll diese aussehen?

Sell: Ich bin zum Beispiel angesichts des familiären Hintergrunds der meisten Studierenden durchaus für die Einführung von Studiengebühren, aber nur dann, wenn diese Mittel auch in den Hochschulen verbleiben und das zwingend mit einer Umschichtung nach unten verbunden wird. Die Investitionsschwerpunkte müssen im Bereich der vor- und grundschulischen Bildung und Betreuung liegen. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass ich für eine völlige Umkehrung der tradierten - auch besoldungsrechtlichen - Hierarchie bei den Lehrern eintrete. Die besten Pädagogen müssten im vorschulischen und grundschulischen Bereich arbeiten und aus diesem Grund auch besser bezahlt werden als Gymnasiallehrer. Denn leider bringt die Vergütungsstruktur in unserem Land immer noch die gesellschaftliche "Wertigkeit" zum Ausdruck. Im Grunde ist es doch so: Wenn ein Kind ins Gymnasium kommt oder in die Sekundarstufe II, dann sind 80 Prozent der wichtigen Weichen für Lernprozesse schon gestellt.

Bildung PLUS: Investitionen in den frühkindlichen Bereich sollen später Kosten sparen. Welche?

Sell: Es gibt qualifizierte Studien aus vielen Ländern wie USA, Kanada, England und der Schweiz, die ein volkswirtschaftliches Kosten-Nutzen-Verhältnis von eins zu vier nachweisen können. Für einen Euro, den Sie in den frühkindlichen Bereich investieren, bekommen Sie einen volkswirtschaftlichen Nutzen von vier Euro zurück. Betriebswirte wären begeistert von einem solchen "Return of Investment". Der gemessene Nutzen basiert auf den höheren Sozialversicherungseinnahmen, Steuereinnahmen und dem höheren Lebensarbeitszeiteinkommen. Wenn eine Frau zum Beispiel drei Jahre Elternzeit nimmt, wird sie ihr ganzes Leben lang zehn Prozent weniger verdienen als eine Frau, die ohne Unterbrechung gearbeitet hat. Ein anderes Beispiel: Investitionen in den frühkindlichen Bereich reduzieren signifikant die Sitzenbleiberquote, was in Deutschland jedes Jahr Kosten von 1,5 Milliarden Euro verursacht. Selbst wenn man unter Berücksichtung der notwendigen zusätzlichen Investitionen zur Qualitätsverbesserung in den Kindertagesstätten und Schulen von einem realistischen Kosten-Nutzen-Verhältnis von eins zu zwei ausgeht, wäre das ein tolles Ergebnis.

Bildung PLUS: Frühkindliche Betreuung hört sich ja nach einer wahren Goldgrube an. Warum tut die Politik dann nicht noch mehr.

Sell: Bei dem erwähnten Kosten-Nutzen-Verhältnis hören Politiker einem immer sehr aufmerksam zu. Nur wenn man ihnen erklärt, dass es einige Jahre dauert bis sich die jetzt anfallenden Investitionen auch monetär auszahlen, lässt die Aufmerksamkeit schlagartig nach. Viele Politiker denken äußerst kurzfristig und ihre Zeitrechnung beschränkt sich auf das laufende Haushaltsjahr. Aus diesem Grund haben sie auch nicht die Kraft, diese langfristigen Berechnungen zur Grundlage ihrer Politik zu machen. Und das ist das zentrale Problem - übrigens auch in anderen gesellschaftlich relevanten Feldern, denken Sie an die Präventionspolitik. Wenn man aber das politische Tagesgeschehen beobachtet, stellt sich schon die Frage, ob der Staat eigentlich das Recht hat, Menschen aus arbeitsmarktpolitischen Gründen wie bei den Hartz-Gesetzen so in die Mangel zu nehmen, dass jede Arbeit, die nicht sittenwidrig ist, zumutbar ist, wenn man gleichzeitig eine völlig unzureichende Infrastruktur an Betreuungsmöglichkeiten zur Verfügung stellt. Und wenn die Geschäfte zunehmend auch am Samstag bis 20 Uhr geöffnet haben, stellt sich ebenfalls die Frage nach der Verantwortung gegenüber den Familien. Wenn Staat und Wirtschaft diese Flexibilität von den Menschen erwarten, muss man auch die entsprechende Infrastruktur zur Verfügung stellen - der alte Weg einer Privatisierung zu Lasten der Mütter wird richtigerweise nicht mehr begehbar bleiben.


Stefan Sell ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaftler an der Fachhochschule Koblenz, Standort Remagen. Das Thema der frühkindlichen Betreuung ist eines seiner Spezialgebiete.

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 04.04.2005
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