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31. 03. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

EU-Förderung hat viele Gesichter

Modelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch die Europäische Union

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Während die Länder und der Bund sich noch uneins darüber sind, in welchem Umfang welcher Akteur sich im Bildungsbereich wie weit engagieren soll und darf, gerät fast aus dem Blick, dass es noch einen weiteren Akteur gibt: die Europäische Union (EU). Deren Gewicht wird in Klassenzimmern hierzulande immer größer. Gerade auch, wenn es um die schulische Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund geht. Die EU will Kinder von Zuwanderern auf ein Leben in vielsprachiger Umgebung vorbereiten und ihnen neue Perspektiven eröffnen. Unerwünscht ist die Rolle der EU dabei nicht. Da die Kassen von Bund und Ländern leerer werden, kann man davon ausgehen, dass EU-Projekte im Bildungsbereich in Zukunft noch wichtiger werden und das Engagement der EU auch erwünscht ist.

So gibt es in Bayern an der Grund- und Hauptschule Langenbach das Projekt "Interkulturelle Kommunikation - Schule und Schulgemeinschaft", das von der EU mit 5.000 Euro gefördert wird. In Berlin können die Schülerinnen und Schüler an der Lise-Meitner-Schule lernen, was es mit der "Migration in der europäischen Geschichte" auf sich hat. Dieses Projekt wird mit 7.000 Euro bezuschusst. In Mecklenburg-Vorpommern sondiert die Berufliche Schule der Hansestadt Greifswald, ob die "Integration von Ausländern ein Traum oder Wirklichkeit" sei. Bei der Suche nach einer Lösung erhält sie durch die EU einen Zuschuss von über 7.000 Euro.

Besser werden: sprachlich, fachlich, methodisch und interkulturell
Im Jahr 2004 nahmen über 1.000 Schulen an den Comenius-Projekten der EU teil. Bei über 40.000 allgemein bildenden Schulen ist das ein Anteil von immerhin knapp drei Prozent. Viele dieser Projekte haben zum Ziel, die Schulentwicklung voranzubringen.

Comenius-Schulen sind gehalten, mit mindestens drei Partnerschulen im europäischen Ausland einen Austausch zu unterhalten. Die Volksschule Gochsheim etwa hat Kontakte zu Partnerschulen in Island, Norwegen und Polen. Die Schule in Gochsheim möchte das "Sozialklima für Persönlichkeitsentwicklung" verbessern, also einen so genannten "weichen" Faktor verändern, der in Finnland und anderen Ländern mit zu den  hervorragenden PISA-Ergebnissen beitrug. Der kulturelle Gewinn dabei ist augenscheinlich. Nicht umsonst sind nach PISA viele  Kultusminister in skandinavische Länder gereist, um sich dort von einer integrativen Pädagogik inspirieren zu lassen.

In den Augen der Leiterin des Pädagogischen Austauschdienstes der KMK (PAD), Ilse Brigitte Eicke-Schütz, haben die Schulen einen "Zuwachs im fachlichen, methodischen, sprachlichen und interkulturellen Bereich" zu verzeichnen, wenn sie sich auf solche Projekte einlassen.

Die Titel dieser Projekte legen nahe, dass die EU mit Comenius Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund ganz gezielt anspricht. Doch dem ist nicht immer so. Vielmehr richten sich viele Projekte an alle Schülerinnen und Schüler, nicht nur an die mit Migrationshintergrund. Man muss schließlich keinen türkischen, italienischen oder polnischen Hintergrund haben, um sich für die "Migration in der Geschichte Europas" zu interessieren.

Sokrates: Konzeptioneller Rahmen verschiedener Teilprojekte
Das Programm Sokrates bildet den gemeinsamen konzeptionellen Rahmen verschiedener EU-Initiativen. Das Teilprojekt Comenius zielt auf eine verstärkte europäische Zusammenarbeit im Bildungsbereich. Mit Partnerschaften, Austauschprogrammen, Stipendien oder Praktika im Ausland werden das Lernen von den europäischen Nachbarn und die institutionelle Netzwerkbildung angestoßen. Daran teilnehmen können "alle Personen aus dem Bildungsbereich, die sich für innovative europäische Netze und Projekte interessieren, die die Verbesserung des Lehrens und Lernens zum Ziel haben". So steht es prominent auf der Website der Generaldirektion Bildung und Kultur der EU. Für diese Zwecke hält Sokrates für europäische Bildungseinrichtungen alles in allem 1.85 Mrd. Euro bis zum Jahr 2006 bereit. In Deutschland ist der Pädagogische Austauschdienst der Kultusministerkonferenz damit beauftragt, diese europäischen Gelder an die Schulen und außerschulischen Bildungseinrichtungen zu verteilen.

Zu unterscheiden ist zwischen dem schulischen und dem außerschulischen Sokrates-Programmbereich. Sokrates für den schulischen Bereich umfasst die erwähnten Comenius-Projekte mit Schulpartnerschaften (Comenius 1), Weiterbildung des Schulpersonals (Comenius 2) und Netzwerke (Comenius 3), die Förderung des Fremdsprachenerwerbs mit Lingua 1 und 2 sowie  Studienbesuche für Lehrkräfte und Entscheider in der Bildungsverwaltung (Arion). Außerschulisch tummelt sich Sokrates - wie schon der Vater der Philosophie vor über 2000 Jahren auf den öffentlichen Marktplatz der athenischen Demokratie - in der Hochschulbildung (Erasmus) oder im offenen Unterricht und in der Fernlehre (Minerva), etwa mit den Vorhaben im E-Learning-Bereich.

Brückenbauer zwischen Europa und Deutschland
Ein wichtiger Baustein für die Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund durch die EU ist das Modell der Comenius-Sprachassistenten. Allerdings geht es auch hier nicht ausdrücklich um die Förderung von zugewanderten Schülerinnen und Schülern, sondern um das Zusammenwachsen Europas und um Chancengleichheit in allen Bereichen des Bildungswesens. Dieser Programmteil gehört zu Comenius 2 und dient der europaweiten Qualifizierung schulischer Mitarbeiter. Die Schulen setzen Sprachassistenten im Sprachunterricht, aber auch im Fachunterricht ein. Sprachassistenten sind Studierende ab dem dritten Semester oder Lehrkräfte, die für die Dauer von drei bis acht Monaten im Ausland unterrichten. Sie sollen Kenntnisse ihrer Muttersprache im Ausland vermitteln, Lehrmaterialien erstellen oder bei der außerschulischen Kooperation mit anpacken. Viele dieser Sprachassistenten kommen auch nach Deutschland.

Eine anhaltende Wirkung für die Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund verspricht sich Anja van Kerkom vom PAD davon, dass deutsche Sprachassistentinnen und Sprachassistenten ins europäische Ausland gehen. Am liebsten wählen jährlich rund 150 von ihnen Länder wie England, Frankreich oder Spanien. Dabei sähe es die EU lieber, wenn sich mehr Assistentinnen und Assistenten für die neuen Beitrittsländer interessierten, etwa die Slowakei oder Polen.
Seit 2004 können Sprachassistenten auch in die Türkei reisen, da die Türkei wie auch Bulgarien und Rumänien zu den der EU "assoziierten Staaten" gehört. Da Schülerinnen und Schüler türkischer Herkunft bundesweit über 20 Prozent der Schülerschaft ausmachen, ist der Gang deutscher Sprachassistentinnen und -assistenten an türkische Kindergärten und an Schulen für deren Integration und Förderung besonders sinnvoll.

Manche Schulen nutzen die ganze Bandbreite der EU-Förderung. Seit 1987 pflegt z.B. die Lise-Meitner-Schule in Berlin internationale Kontakte. Sie bezieht nicht nur Impulse für besseren Unterricht aus Sokrates mit seinen Unterprogrammen wie Comenius, Arion und Lingua, sondern auch aus dem Programm Leonardo da Vinci. Bei diesem Programm handelt es sich um das Berufsbildungsprogramm der EU. Genau wie bei Comenius partizipieren 31 Länder vom Leonardo-Programm. Für die Zeit von 2000 bis 2006 stellt die EU insgesamt 1,4 Mrd. Euro bereit, um die Menschen bei der Verbesserung ihrer fachlichen Qualifikationen lebenslang zu unterstützen. Die EU versteht Leonardo als eine Art "Innovationslabor" für ein Mehr an grenzüberschreitender Beweglichkeit.

Wie die letzten am besten lachen
Die Lise-Meitner-Schule hat als Gymnasium und Berufsschule von den 90er Jahren bis ins Jahr 2002 allein 17 Projekte für mehr Mobilität und Sprachförderung etwa in Spanien und England durchgeführt, um ihre Schülerinnen und Schüler fit für Europa zu machen. Sie nutzt damit EU-Programme für verschiedene Gruppen von Schülerinnen und Schülern unterschiedlichen Alters.
Es wird deutlich, dass neben Akteuren wie Bund, Ländern, Wirtschaft und Medien auch die EU Jugendlichen mit Migrationshintergrund neue Perspektiven eröffnen kann.
Im Sommer 2005 weitet die EU ihre Förderung auf den vorschulischen Bereich aus. In Köln wird z. B. eine Tagung zur Professionalisierung von Erzieherinnen und Erziehern stattfinden - ein wichtiges Thema gerade in Hinsicht auf die Erfordernisse eines europaweiten Arbeitsmarktes für Erzieher. Dabei soll es auch um neue Förderansätze im Umgang mit Kindern mit Migrationshintergrund gehen. Diese Tagung wird von der Gesellschaft für Internationale Weiterbildung und Entwicklung InWEnt vorbereitet.

Fazit: Es gibt eine Fülle von Programmen der EU, die geeignet sind, Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund auf ein lebenslanges Lernen in Europa vorzubereiten. Aufgrund der Vielfalt der Programme ist der Durchblick nicht immer leicht, wer wen wann fördert. Viele Schulen bestimmen aus diesem Grund einen Beauftragten aus dem Kollegium, der die Fäden geschickt zieht, die durch Kooperationen mit den verschiedenen Trägern und verschiedenen Ländern gesponnen werden. Dann können die Schulen mit Gewinn zusätzlich an Projekten von Seiten der Länder oder des Bundes teilnehmen. Und am Ende haben alle Schülerinnen und Schüler, ob mit oder ohne Migrationshintergrund, etwas zu lachen. Vielleicht.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 31.03.2005
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