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24. 03. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Das große Schulsterben

Der bundesweite Schülerrückgang führt zu massiven Schulschließungen und Schulzusammenlegungen

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Leere Schule

Schulschließungen und Schulzusammenlegungen sind in Deutschland keine Seltenheit. Ob im Saarland, in Hamburg oder in Brandenburg, immer weniger Schülerinnen und Schüler besuchen die Schulen, immer mehr Schulen schließen. Kein Bundesland bleibt verschont. Besonders hart trifft es die neuen Bundesländer. Laut Statistischem Bundesamt setzt sich dort sowie in Berlin seit dem Schuljahr 1996/97 die anhaltende Abnahme der Schülerzahlen fort. 5,7 Prozent weniger Schülerinnen und Schüler gehen hier zur Schule. Das ist ein Minus von 95.800. Im Osten erreicht Berlin mit minus 2,2 Prozent das beste Ergebnis, während Sachsen-Anhalt mit minus 7,6 Prozent vor Mecklenburg-Vorpommern mit 7,1 Prozent sowie Sachsen und Thüringen mit 6,4 Prozent das Schlusslicht bildet. Hier ist die Lage am dramatischsten. In dem Zeitraum von 1992 bis 2002 musste in Sachsen-Anhalt fast jede zweite Schule schließen. Erst im Jahr 2009 ist wieder ein leichter Anstieg der Schülerzahlen zu erwarten.

Im laufenden Schuljahr sind die Schülerzahlen erstmals auch in den alten Bundesländern gesunken. Rund 0,1 Prozent weniger Schüler besuchen die allgemein bildenden Schulen. Das sind 6600 Schüler weniger als noch im vorigen Schuljahr. Im Gegensatz zum Osten ist im Westen bis zum Jahr 2020 allerdings noch mit weiteren Rückgängen zu rechnen, prognostiziert das Statistische Bundesamt. Im Westen verzeichnet derzeit das Saarland mit minus 1,5 Prozent die niedrigste und Schleswig-Holstein mit plus 0,4 Prozent die höchste Rate.

Saarland: Zweizügige Grundschulen
Am 26. Januar 2005 demonstrierten vor dem Landtag in Saarbrücken einige Tausend Menschen gegen die Grundschulschließungen im Saarland. Eltern, Kinder, Mitglieder des Aktionsbündnisses "Rettet die Grundschulen im Saarland", Oppositionsparteien und Gewerkschaften forderten die Landesregierung auf, den Paragraphen neun des Schulordnungsgesetzes (SchoG) unangetastet zu lassen. Dieser besagt, dass es in einer Grundschule mindestens eine Klasse pro Jahrgangsstufe geben muss. In Zukunft will die Landesregierung aber die Zweizügigkeit im Schulordnungsgesetz festschreiben. Mit der Änderung des Gesetzes reagiert das Saarland auf die rückläufigen Schülerzahlen. Das Saarland hat die niedrigste Geburtenrate aller alten Bundesländer. Von 1997 bis 2010 wird die Zahl der Schulanfänger dort um ein Drittel sinken: Gab es im Jahr 1997 noch 12.000, waren es im letzten Jahr nur noch 9200. Im Jahre 2010 werden es aller Voraussicht nach noch 8000 Schulanfänger sein. Mit der Schaffung einer neuen Grundschulstruktur mit mindestens zweizügigen Grundschulen (mindestens zwei Klassen pro Jahrgangsstufe) und einer Konzentration der Grundschulstandorte verspricht sich das Saarland eine positive Antwort auf den Schülerrückgang, auf notwendige Qualitätsverbesserungen in den Schulen sowie auf den Sparzwang. Alle Schulen, die nicht dauerhaft zweizügig sind, werden mit anderen zusammengelegt. Aufgrund der hohen Einwohnerdichte und der kleinen Fläche im Saarland sieht die Regierung in der Schließung vieler Schulen eine durchaus vertretbare Lösung: Auch nach der Neustrukturierung blieben die Fahrwege für die Schüler noch relativ kurz und die Klassen verhältnismäßig klein. Allerdings beträgt die durchschnittliche Klassengröße derzeit bereits 29 Schüler.

Im Kommen: Oberschulen
Die Länder reagieren mit unterschiedlichen Plänen auf den enormen Schülerrückgang. Selbst in Ländern, die noch nicht besonders vom Schülerrückgang betroffen sind, werden schon neue Modelle eingeführt, wie die erweiterte Hauptschule in Bayern oder neue Strukturen diskutiert, wie die Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein.
In Brandenburg beispielsweise, wo an 138 von jetzt noch 388 Gymnasien, Gesamt- und Realschulen in diesem Jahr keine neuen siebenten Klassen mehr eingerichtet wurden und jede dritte weiterführende Schule vor der Schließung steht, wird ab kommendem Schuljahr die in anderen Ländern, darunter Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, erfolgreich praktizierte Oberschule eingeführt. Um auch in den dünn besiedelten Regionen Brandenburgs, für die der Schülermangel die gravierendsten Folgen hat, zu gewährleisten, dass jeder Schulabschluss in vertretbarer Entfernung und verlässlicher Qualität angeboten werden kann, soll es künftig nur noch Gymnasien und Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe zum Erreichen der Hochschulreife und Oberschulen für den Real- und den Hauptschulabschluss geben. Die bisherigen Realschulen und Gesamtschulen ohne gymnasiale Oberstufe werden durch die Oberschule ersetzt. Diese Schulformen treten an die Stelle der Vielzahl an Schulformen, die heute um zu wenige Schüler konkurrieren.

Abbau der Lehrerstellen
Als Resultat der Schulschließungen geht in Brandenburg wie in allen anderen Bundesländern die Anzahl der Vollzeit-Lehrerstellen zurück. In Brandenburg gehen gegenüber dem Vorjahr etwa 1.300 Stellen verloren. Da der Schülerrückgang in Brandenburg extrem ungleichmäßig über das Land verteilt ist, müssen voraussichtlich deutlich über 400 Personen aus der Schulamtsregion Cottbus in andere Regionen versetzt werden, in denen der Schülerrückgang geringer ist. Vor allem Schulämter mit vielen Schulen im Umland von Berlin werden diese zusätzlichen Lehrkräfte aufnehmen. Der Staatssekretär beim Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, Martin Gorholt, und der Vorsitzende des Hauptpersonalrates, Frank Kramer, haben jetzt eine Dienstvereinbarung unterzeichnet, mit der das Verfahren für Versetzungen von Lehrkräften zwischen den Schulamtsregionen geregelt wird. Damit soll eine landesweite Unterrichtsversorgung gesichert werden. "Wir können die Schüler nicht nach Cottbus schicken, wo die Lehrer sind, sondern wir müssen die Lehrer zu den Schülern schicken. Das ist für die betroffenen Lehrkräfte bitter, aber leider nicht zu vermeiden", so Staatssekretär Gorholt.

Mecklenburg-Vorpommern: große Schulzentren
Die Zahl der Schülerinnen und Schüler in Mecklenburg-Vorpommern hat in den vergangenen zehn Jahren um ca. 120.000 abgenommen. Wechselten im Schuljahr 1996/97 noch 26.536 Mädchen und Jungen von der Grundschule in die Sekundarstufe I, sind es im Schuljahr 2005/06 nur noch etwa 8.900. Langfristig wird sich die Zahl der Schülerinnen und Schüler in einem Jahrgang auf etwa 11.000 einpendeln. Als Konsequenz will die Landesregierung jetzt auf kleine einzügige Schulen mit eingeschränkter Fächervielfalt, Lehrertourismus und Schwierigkeiten bei der Organisation von Vertretungsunterricht verzichten.
Stattdessen sollen in den Städten größere Einzelschulen, Schulzentren und Gesamtschulen gebildet werden. Diese städtischen Schulen übernehmen die Versorgung des Umlandes mit. In den Kleinstädten entstehen Schulzentren, größere eigenständige Grundschulen und wenn möglich, Kooperative Gesamtschulen. Ein gemeinsamer Schulbetrieb von benachbarten Kleinstädten und über Kreisgrenzen hinweg wird angestrebt. Auf dem Lande werden in Einzelfällen kleine Grundschulen und Regionale Schulen erhalten bleiben.

Zu lange Wege für kurze Beine
Der starke Schülerrückgang im Osten Deutschlands und später auch im Westen wird noch viele Schulschließungen mit sich bringen. Besonders die Kinder in ländlichen Regionen sind davon betroffen. Ihre Schulwege werden erheblich länger, auch Lehrerstellen werden in zunehmendem Maße gestrichen. Der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Eckinger sieht in dem Verfahren der Schulschließungen Gefahren für die Schulentwicklung: "Die demografische Entwicklung muss dafür herhalten, dass von oben der Stab über Schulen gebrochen wird, ohne dass die pädagogische Qualität und die Akzeptanz der Schule durch Schüler, Eltern und Kommune zum Maß gemacht wird."

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 24.03.2005
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