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07. 03. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Des Volkes Stimmung

Das Bildungsbarometer befragt viermal im Jahr rund 1000 repräsentativ ausgewählte Personen zu aktuellen Themen in der Bildungslandschaft

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Prof. Dr. Rheinhold S. Jäger

Bildung PLUS: Warum war es notwendig, ein Bildungsbarometer zu installieren?

Jäger: In der Bundesrepublik Deutschland wird die Diskussion über Bildung und notwendige Veränderungen im Bildungssystem eher in elitären Zirkeln geführt. Die Debatte über PISA 2000 hatte nur einen kleinen Teil der Bevölkerung erreicht. Jetzt, bei PISA 2003 wurde die Diskussion noch flacher geführt, ohne die indirekt Bildungsbetroffenen. Es ist an der Zeit, dass die Diskussion über ein Instrument der Befragung begonnen wird. Dieses ist das Bildungsbarometer. Ein Bericht über die Ergebnisse der Befragung führt in der Folge zu einer weiteren Diskussion in einer größeren Breite. Diese ist auch angesichts der Tatsache, dass unsere Medien nur unter dem Blickwinkel "bad news are good news" agieren bitter notwendig. Denn offensichtlich spielen Bildungsthemen - bis auf wenige Ausnahmen - in unserer Medienlandschaft keine bedeutende Rolle. Das Bildungsbarometer will dazu beitragen, den notwendigen öffentlichen Diskurs über Bildung auf eine breite Basis zu stellen und nach und nach immer mehr Bevölkerungskreise einzubeziehen.

Bildung PLUS: Die Ergebnisse des ersten Bildungsbarometers liegen seit Ende 2004 vor und die des zweiten wurden gerade veröffentlicht. Welche Resonanz gibt es darauf?

Jäger: Bei der ersten Präsentation des Bildungsbarometers ging es zunächst einmal um die Frage der Etablierung und Implementation in der Öffentlichkeit. Dazu war es auch notwendig, Medienpartner zu finden, welche jenseits der Möglichkeiten eines Forschungsinstituts zur Verbreitung des Bildungsbarometers beitragen. Mit der zweiten Veröffentlichung gelang es erstmals, eine Verbreiterung der Medienbasis zu erreichen. Ein Teil der Resonanz ist der Homepage zu entnehmen.

Bildung PLUS: In einem Interview sagten Sie, dass mit dem Bildungsbarometer die Möglichkeit geschaffen werde, Bildungsthemen in der Bevölkerung breiter als bisher zu erörtern. Wie kann das tatsächlich erreicht werden?

Jäger: Bei jedem Bildungsbarometer werden zunächst etwas über 1000 Personen befragt. Das ist ja doch das erste Mal, dass mit einem Instrument über die Zeit Personen befragt werden. Da zugleich von Befragung zu Befragung ca. 500 Personen ausgetauscht werden, kommen immer mehr Personen hinzu, welche zunächst ausschließlich befragt werden, um auf diese Art und Weise zu verschiedenen Bildungsthemen Stellung zu beziehen. Über eine Präsentation der Ergebnisse werden darüber hinaus von Mal zu Mal mehr Menschen erreicht. Wir wissen, dass innerhalb der Befragungszeit des zweiten Bildungsbarometers vom 4. bis zum 13.2.2005 bereits etwas mehr als 55.000 Personen auf unsere Homepage zugegriffen haben, das sind bereits ca. 30.000 mehr als während der Befragung beim ersten Bildungsbarometer. Da zugleich immer mehr Verbände, Einrichtungen, welche innerhalb des Projektes "Lernende Region" eine bedeutsame Rolle spielen, Lehrer- und Elternvertretungen bis hin zu einzelnen Schulen teilnehmen, bin ich mir sehr sicher, dass nach und nach immer mehr Einzelpersonen und Personengruppen erreicht werden, welche durchaus gespannt auf die nächste Veröffentlichung des Bildungsbarometers warten und die Ergebnisse diskutieren.

Bildung PLUS: Diskussion ist das eine, konkrete Veränderungen sind das andere. Die Politik ist also gefragt. Werden mit dem Bildungsbarometer die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker erreicht? Ist diese Zielgruppe überhaupt anvisiert?

Jäger: In einem demokratischen Staat wie der Bundesrepublik Deutschland hat sich an vielen Stellen eine Demokratiebewegung von unten her entwickelt. Sie ist nicht mehr wegzudenken. Das Bildungsbarometer ist kein Instrument der Bildungspolitik, um auf der Grundlage der Ergebnisse dann zu entscheiden, welche Veränderungen wie ankommen werden. Hier wird ein Anstoß aus der Bildungsforschung dadurch gegeben, dass ein Institut, das ein sehr lebendiges Mitglied dieser scientific community ist, in Verantwortung um die Gestaltung und notwendige Veränderungen im Bildungswesen die Initiative ergreift. Gleichwohl ist die Meinungsbildung eine Seite, die andere Seite stellen Ableitungen über Konsequenzen dar. Auch hierüber muss sich Bildungsforschung Gedanken machen, wenn sie sich nicht selbst auf Dauer ad acta legen will. Deshalb werden die Ergebnisse nicht nur eher plakativ in den Präsentationen in den Medien und in einem Newsletter dargestellt, sondern darüber in einem jeweils umfassenden Bericht, welcher die Ergebnisse einordnet, Unterschiede zwischen Befragungsgruppen darstellt, zusammenfasst und zum Teil auch Konsequenzen für die Bildungspolitik ableitet. Die Bildungspolitik wird gerade durch den umfangreichen Bericht erreicht, gleichwohl sind wir hier ja erst in einem Anfangsstadium.

Bildung PLUS: Welche Bereiche werden abgefragt und welche Veränderungen gab es gegenüber dem ersten Bildungsbarometer?

Jäger: Jedes Bildungsbarometer enthält Fragen, mit dessen Hilfe eine Dauerbeobachtung des Bildungssystems aus der Sicht der Bevölkerung erfolgt. Einen weiteren Aspekt betreffen aktuelle Entwicklungen wie jetzt das Thema "Studiengebühren". Ein dritter Teil bezieht sich auf ausgewählte Themen, wie zum Beispiel die Frühförderung oder politische Ableitungen aus PISA 2003.
Veränderungen können sich deshalb nur auf diejenigen Bereiche beziehen, welche in der ersten und zweiten Befragung zum Gegenstand gemacht wurden.
Zu diesen Veränderungen gehört u. a. die Frage nach dem Veränderungsbedarf: Wie die nachfolgende Grafik zeigt, wird der Veränderungsbedarf in der Vorschulerziehung und in der Grundschule in ansteigendem Maße gegenüber der Erstbefragung gesehen, dagegen sinkt der Veränderungsbedarf in der weiterführenden Schule entsprechend (die Ergebnisse sind signifikant: p < 0,05).

Ergebnisse des zweiten Bildungsbarometers

Ein weiteres Ergebnis gegenüber der Erstbefragung ist, dass die Bildung für Benachteiligte zwar als wichtig, wohl aber als weniger wichtig als bei der Erstbefragung angesehen wird. Und die Ausbildungsdauer als notwendiger Ansatz zur Verbesserung von Bildung wird als noch weniger bedeutsam als bei der Befragung im Dezember 2004 angesehen.

Bildung PLUS: Welche Ergebnisse beurteilen Sie als besonders herausragend, bzw. welche haben Sie überrascht?

Jäger: Am meisten überrascht hat uns allerdings das Ergebnis, dass bei einer Erhöhung des Zeitbudgets zu Gunsten von Mathematik und Deutsch die meisten Personen bei Religion (44,95 Prozent) kürzen würden. Zusammen mit den Fächern Kunst sowie Ethik und Philosophie würden dann etwas mehr als 70 Prozent der Befragten eine Streichung befürworten. Das ist sicherlich auch ein Umstand, der zu reflektieren ist und dem die Fachvertreter, aber auch die Kirchen selbstkritisch gegenübertreten müssen.
Überrascht hat uns aber auch der gesunde Menschenverstand der Befragten zum Resultat des Urteils des Bundesverfassungsgerichts vom 26.1.2005: Die Bevölkerung ist hierbei über das Ob von Studiengebühren gespalten, misstraut aber den Politikern, weil ca. 90 Prozent der Befragten befürchten, dass die Gelder aus den Studiengebühren nicht bei den Hochschulen verbleiben, sondern zum Stopfen von Haushaltslöchern verwendet werden.

Bildung PLUS: Das Bildungsbarometer ist ein gemeinsames Projekt von 3sat, der ZEIT und dem zepf. Wie vollzieht sich die Zusammenarbeit?

Jäger: Das zepf ist sowohl Ideengeber als auch Initiator. Alle Themen und Fragen werden innerhalb der Forschungsgruppe des zepf entwickelt. Wir lassen uns dabei von einem wissenschaftlichen Beirat beraten, Vorgaben seitens von 3sat und ZEIT gibt es keine. Beide sind dankbare Abnehmer. Allerdings unterstützt uns 3sat finanziell in bescheidenem Maße. Wir nehmen aber keinen Einfluss auf die Auswahl der seitens des zepf präsentierten Ergebnisse und deren differenzierte Kommentierung. Wir liefern in diesem Kontext allenfalls eine Vorkommentierung. Schließlich wird auch der Endbericht, losgelöst von der fruchtbaren Zusammenarbeit mit den direkten Partnern, vom zepf allein gestaltet und präsentiert.

Bildung PLUS: Gab es für das Bildungsbarometer Vorbilder, bzw. gibt es Vergleichbares in anderen Ländern?

Jäger: Bildungsbarometer gibt es zwar mehrere, nicht aber in der vom zepf betriebenen Intention. Wenn sich dieses Instrument allerdings weiterhin als fruchtbar erweist, dann ist daran gedacht, das Bildungsbarometer auf das deutschsprachige Ausland auszuweiten. Das wird durch den Medienpartner 3sat geradezu herausgefordert. Dafür ist aber im Moment noch keine Entscheidungsbasis gegeben.

 

Prof. Dr. Rheinhold S. Jäger ist seit 18 Jahren geschäftsführender Leiter des Zentrums für  empirische pädagogische Forschung (zepf) der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau. Schwerpunkte seiner Forschungstätigkeit sind unter anderem Bildungsforschung, Psychologische und Pädagogische Diagnostik sowie Evaluation. Zu den größeren Forschungsprojekten gehören das Projekt MARKUS (in Kooperation mit Andreas Helmke), das Modellversuchsprogramm der BLK "Lebenslanges Lernen sowie die von EU finanzierten Projekte VISIONARY (www.gewalt-in-der-schule.info/) und VISONARY-NET.

Autor(in): Ursula Münch
Kontakt zur Redaktion
Datum: 07.03.2005
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