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10. 02. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Dieser Schatz kann gehoben werden"

Jugendliche mit Migrationshintergrund brauchen erfolgreiche Vorbilder

Bild

Wolfgang Fehl

Bildung PLUS: Die Ausbildungsbeteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund nimmt immer mehr ab. Wie kann man da Abhilfe schaffen?

Fehl: Sie erwarten jetzt wahrscheinlich, dass ich mehr Beratungsangebote fordere; aber Projekte, in denen Migrantinnen und Migranten selbst initiativ sind, wirken noch besser. Deshalb muss auf lange Sicht noch viel stärker verdeutlicht werden, wie wichtig Qualifizierung für die Integration in die Gesellschaft ist. Zum Beispiel gründeten wir in Köln vor einigen Jahren den EX-Azubi-Stammtisch, der jetzt BQN-Treff heißt: Junge Menschen, die bereits erfolgreich eine Berufsausbildung durchlaufen haben, gaben und geben ihre Erkenntnisse an andere weiter - und das sowohl in der Muttersprache als auch in Deutsch.
Diese jungen Leute haben eine Schlüsselrolle und zwar aus folgendem Grund: Ganz besonders wichtig für die Berufsorientierung junger Menschen sind Eltern, Verwandte und Freunde der Jugendlichen. Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Lebensplanungen bei Migrantinnen und Migranten in der Familie getroffen werden. Die Unterstützung des sozialen Umfelds ist aber nur möglich, wenn ein Zutrauen in das System der beruflichen Qualifizierung vorhanden ist. Dieses Zutrauen kann es nur geben, wenn die Menschen das System kennen und verstehen. Und wer könnte das besser vermitteln als jemand, der aus der gleichen Kultur kommt und die gleiche Sprache spricht. Das große Potenzial, das bei den Migrantinnen und Migranten selbst liegt, wird in Köln mit dem Projekt "BQN IHK + HWK Region Köln", das meine Kollegin Kıymet Akpınar leitet, gezielt eingesetzt. Der BQN-Treff ist inzwischen eine feste Größe geworden, der mit der Agentur für Arbeit, den Wirtschaftskammern und den Migrantenorganisationen kooperiert.

(Anmerkung der Red.: BQN IHK + HWK Region Köln: Beratungsstelle zur Qualifizierung von Nachwuchskräften mit Migrationshintergrund - BQN ist ein Gemeinschaftsprojekt der Handwerkskammer zu Köln und der Industrie- und Handelskammer zu Köln)

Bildung PLUS: Wie schwierig ist es, die Eltern vom Nutzen einer guten Ausbildung zu überzeugen?

Fehl: Die meisten Eltern sind hochmotiviert in Bezug auf die Bildung ihrer Kinder. Nur an den Informationen fehlt es. Es gilt, die Unkenntnis über das berufliche Ausbildungssystem abzubauen. Dies schaffen am besten Migrantinnen und Migranten, die in Deutschland ihre beruflichen Erfahrungen gemacht haben. Eltern wissen immer noch sehr wenig über die Möglichkeiten der beruflichen Bildung. Ganz einfach deshalb, weil sie aus ihren Herkunftsländern die Besonderheiten der beruflichen Bildung in Deutschland nicht kennen. Als die erste Generation damals einen Job suchte, war es auch gar nicht nötig, eine Ausbildung zu machen oder darüber Bescheid zu wissen. So weit muss man aber gar nicht zurückgehen: Auch in den 80er Jahren wurden Jugendliche, die ihren Eltern nach Deutschland folgten, in berufsvorbereitenden Kursen fit gemacht in der deutschen Sprache. Durch Betriebspraktika bekamen sie auch schnell eine Arbeit - aber eben meist keine Ausbildung. Diese Menschen liegen mir persönlich besonders am Herzen, denn mittlerweile sind sie vierzig, haben Kinder und immer noch keine Berufsausbildung.

Natürlich ist die Qualifizierung von Jugendlichen von besonderem Interesse, aber man darf auch die Elterngeneration selbst nicht abschreiben. Die Zahlen sprechen ja für sich: 74 Prozent der arbeitslos gemeldeten Ausländerinnen und Ausländer haben keine abgeschlossene und/oder hier anerkannte Berufsausbildung. Arbeitsplätze, die nur geringe Qualifikationen erfordern, fallen natürlich als erstes weg. Genau an diesem Punkt setzt auch das neue bundesweite Netzwerk "Integration durch Qualifizierung" an. Durch Information, Beratung und Qualifizierung Arbeitsplätze sichern und somit Arbeitslosigkeit vermeiden, andererseits bereits arbeitslos gewordenen Migrantinnen und Migranten den Weg zurück in den Beruf ebnen.

Bildung PLUS: Wie kommt man an die Eltern heran?

Fehl: Das Stichwort heißt Multiplikatoren. Alle, die nah an den Eltern dran sind, müssen wir für diese Arbeit gewinnen. Das können ausländische Lehrer sein, Vorsitzende von Migrantenvereinen, von Moscheen oder griechischen Gemeinden - um nur einige Beispiele zu nennen. Wir haben diese Personen eingeladen und sie mit den Beraterinnen und Beratern der Agenturen für Arbeit und der Wirtschaftskammern und mit Ausbilderinnen und Ausbildern der Betriebe des Handwerks, der Industrie und des Handels zusammengebracht. Diese Multiplikatoren sind Gold wert. Wenn sie die nötigen Kontakte und das fachliche Rüstzeug haben, werden sie oft selbst aktiv werden und organisieren - zum Beispiel zusammen mit der BQN - Elternabende. Solche Elternabende machen besonderen Sinn, wenn sie ausschließlich für eine ethnische Gruppe und - neben Deutsch - in der jeweiligen Muttersprache angeboten werden.

Bei diesen Veranstaltungen sind neben "Vorbildern" des BQN-Treffs auch immer Berufsberater anwesend. Man kann nicht genug betonen, wie wichtig es ist, das Eis zwischen den Beteiligten aufzutauen. Wenn die Eltern beispielsweise die Berufsberaterin erst einmal persönlich kennen gelernt haben, fällt ihnen der Schritt zur eigenen Beratung im Amt oder zur Begleitung ihrer Kinder bei deren Beratung viel leichter.

Bildung PLUS: Sie erwähnten schon mehrmals die Muttersprache bei der Ansprache von Zuwanderern - welche Rolle spielt sie?

Fehl: Beim Erstkontakt ist die Muttersprache oft unerlässlich, sie ist eine wichtige emotionale Brücke. Mitglieder des BQN-Treffs spielen insofern bei der Informationsarbeit eine wichtige Rolle, weil Sie als Vorbilder besser verstanden werden. Deshalb plädiere ich auch für eine verstärkte Förderung der Muttersprache in allgemeinbildenden Schulen, damit junge Migrantinnen und Migranten ihre Muttersprache auch als zusätzliche Kompetenz bei der Ausbildungsstellensuche anbieten können.

Bildung PLUS: Im Unterricht der Berufsschule scheitern Jugendliche mit Migrationshintergrund immer wieder sprachlich an der Fachtheorie. Das Problem scheint in der Schule zu liegen, in der diese Jugendlichen, anscheinend nicht das sprachliche Rüstzeug mitbekommen...

Fehl: Aus vielen Gesprächen habe ich den Eindruck gewonnen, dass die Deutschkompetenz in letzter Zeit tatsächlich eher ab- als zunimmt. Die Funktionssprache Deutsch ist oft nicht stark genug entwickelt, um bei der Konkurrenz um Ausbildungsplätze mithalten zu können. Ich will hier keinen schwarzen Peter verteilen, aber wahrscheinlich wäre es sinnvoll, wenn sich die Lehrerinnen und Lehrer aller Fächer auch als Sprachlehrer verstehen würden. Hilfreich wäre bestimmt, wenn ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund z.B. auch den Mathematikunterricht als vertiefenden Sprachunterricht erfahren würde. Um dies zu tun, müsste den Lehrern natürlich die Gelegenheit gegeben werden, diese Unterrichtskompetenz auch selbst zu erlernen.

Bei dem Begriff Sprachunterricht darf aber nicht nur die deutsche Sprache gemeint sein. Es ist doch wunderbar, wenn jemand eine andere Muttersprache als Deutsch hat. Dieses Potenzial müsste in der Schule und in der beruflichen Ausbildung von der Umgangssprache zur Fachsprache weiterentwickelt werden. Aus diesem Grund kann ich auch nicht verstehen, dass das erfolgreiche Projekt "Binationale Berufsausbildung" Mitte 2004 nach 16 erfolgreichen Jahren beendet wurde. In diesem Projekt erhielten die Auszubildenden mit Migrationshintergrund parallel zu ihrer Berufsausbildung eine fachsprachliche Unterweisung in der Muttersprache und absolvierten im Heimatland ihrer Eltern ein ausführliches Berufspraktikum. Nicht nur im europäischen Kontext, sondern auch mit Blick auf Kunden mit Migrationshintergrund, Kommunikation und persönlichen Erfahrungshorizont von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat so ein Projekt auch für die deutschen Unternehmen immense Vorteile. Die Muttersprache der Jugendlichen ist ein Schatz, der gehoben werden kann und der zum Nutzen aller ist. Voraussetzung ist eine entsprechende Förderung.

Bildung PLUS: Besonders deutlich tritt die Benachteiligung von Migratinnen und Migranten in der Hauptschule hervor, die von einigen Experten als "Restschule" bezeichnet wird...

Fehl: Diese Ansicht kann ich aus meiner Erfahrung nicht teilen. Ich habe in Kölner Hauptschulen sehr motivierte Lehrer getroffen, die sich intensiv um die Verzahnung mit beruflicher Praxis bemühen: durch Praktika, Kooperationen mit einzelnen Betrieben und Wirtschaftsorganisationen. Im Mikrokosmos Schule sieht es manchmal anders aus als auf der Ebene der allgemeinen Bildungsdiskussion. Deshalb teile ich diese grundsätzliche Ausgrenzung der Hauptschule nicht.

Bildung PLUS: Jetzt gibt es ja rund 280.000 Unternehmen in Deutschland, die von Inhabern mit Migrationshintergrund geführt werden. Da liegt es doch nahe zu glauben, dass diese Zuwanderer beruflich erfolgreich und hervorragend integriert sind. Dennoch bilden nur sehr wenige von ihnen auch aus. Woran liegt das? Sind die bürokratischen Hürden zu hoch?

Fehl: Die Diskussion um das Pro und Contra des Meisters in Handwerksberufen bildet nur einen Teil der Realität ab. In vielen industriellen und kaufmännischen Berufen braucht man keinen Meisterbrief, um auszubilden. Meiner Einschätzung nach existieren viele Hürden deshalb, weil in Deutschland bisher zu wenige Menschen mit Migrationshintergrund in den Chefetagen von Unternehmen oder Verbänden vertreten sind. Außerdem sollten verstärkt Unternehmer mit Migrationshintergrund für die Ausbildung gewonnen werden, wie es zum Beispiel durch KAUSA, die Koordinierungsstelle Ausbildung in ausländischen Unternehmen, und zahlreiche regionale Projekte beispielhaft praktiziert wird. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer sind zu gewinnen, die oft früher als Un- oder Angelernte tätig waren und sich dann selbstständig gemacht haben. Wie soll jemand ohne eigene Ausbildungserfahrung in der Lage sein auszubilden? Information und Kooperation ist auch an dieser Stelle das Erfolgsrezept.

Die Industrie- und Handelskammer zu Köln hat z.B. vor einigen Jahren zusammen mit dem Türkisch-Deutschen Unternehmerverein ausländische Unternehmer für die Ausbildung gewinnen können. Die IHK hat die Unternehmen geprüft, beraten und zu Ausbilderinnen bzw. Ausbildern geschult: Danach haben diese Betriebe zusätzliche Ausbildungsplätze eingerichtet. Das Gleiche ist mit kroatischen Gastronomen gemacht worden - die Zusammenarbeit mit deutsch-ausländischen Unternehmerverbänden hat sich mittlerweile etabliert.

Bildung PLUS: Seit PISA haben viele internationale Studien die Benachteiligung der Migrantinnen und Migranten im deutschen Bildungssystem angeprangert. Ist Ihre Arbeit durch dieses öffentliche Interesse leichter geworden?

Fehl: Tatsächlich merke ich in Gesprächen mit Unternehmen und Verbänden, dass für das Themengebiet Migration, Integration und Partizipation eine deutlich höhere Sensibilität vorherrscht als früher. Mittlerweile kommen die Beteiligten auf beiden Seiten aus ihren Ecken heraus, setzen sich an einen Tisch und überlegen gemeinsam, was man tun könnte. Die OECD hat zum Beispiel durch ihre Studien und ihr Auftreten eine Menge dazu beigetragen, dass die Diskussion um dieses Thema positiv angekurbelt wurde.

 

Wolfgang Fehl hat fünfzehn Jahre Projekte zur Förderung der beruflichen Qualifizierung von Menschen mit Migrationshintergrund bei der Industrie- und Handelskammer zu Köln und bei der Handwerkskammer zu Köln geleitet (BQN, BQN II und Pro Qualifizierung). Seit Januar 2005 ist er Leiter des bundesweiten Koordinierungsprojekts "Integration durch Qualifizierung" bei der Zentralstelle für die Weiterbildung im Handwerk, Düsseldorf.

 

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 10.02.2005
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