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17. 01. 2005

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Der neue Kommissar und Europas Zehn-Jahres-Strategie

Die Richtlinien der neuen Europäischen Kommission in Sachen Bildung und Ausbildung

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Ján Figel' ist seit November 2004 neuer EU-Kommissar für Allgemeine und berufliche Bildung, Kultur und Mehrsprachigkeit

Ján Figel' aus der Slowakei ist kein unbeschriebenes Blatt. Zumindest nicht in Brüssel. Handelt es sich doch um den neuen Kommissar für Bildung, Ausbildung, Kultur und Mehrsprachigkeit der Europäischen Union (EU). Was will Ján Figel'? Wenn es nach dem neuen Bildungskommissar geht, kann Europa in einigen Jahren im Wettbewerb mit den stärksten Ländern der Welt in punkto Bildung mithalten. Dazu bedürfe es allerdings mehr gezielter Investitionen und schnellerer Reformen.  

Der fast 45-jährige Ján Figel' ist studierter Elektroingenieur. Seine wissenschaftliche Laufbahn als Ingenieur im Sektor Forschung und Entwicklung hat er 1992 abgebrochen, um seine politische zu begründen. Seit Beginn der neunziger Jahre gehört er der Christdemokratischen Bewegung (KDH) an. Im Jahr 1992 zieht er in das slowakische Parlament ein und ein Jahr später gehört er bereits dem Europäischen Parlament an. Dort bringt er es zum Vizepräsident der Europäischen Volkspartei. Von 1998 bis 2004 leitet er die Beitrittsverhandlungen der Slowakei zur EU. Der Gipfel seiner bisherigen Karriere ist die Arbeit als Bildungskommissar in der Europäischen Kommission. 

Spielt der Hintergrund des neuen Kommissars eine Rolle bei seiner Politik? Die Slowakei ist eine sehr junge und kleine Republik. Sie wurde 1993 gegründet und zählt über fünf Millionen Einwohner. Der Anteil des slowakischen Bruttosozialprodukts für Forschung und Entwicklung liegt mit 0,69 Prozent unter dem europäischen Durchschnitt. Bei PISA 2003 lag die Slowakei ähnlich wie Deutschland in den Naturwissenschaften im Durchschnitt (Platz 20). Ein Sorgenkind ist die Lesekompetenz, hier kam die Slowakei auf den miserablen Platz 31. Ján Figel' sieht allerdings einige Chancen darin, Staatsbürger eines kleinen Landes zu sein. "Kleine Länder haben vielleicht einen größeren Sinn für Gemeinschaft, weil sie nicht so mächtig sind", und, fährt er fort "sie sind mehr darauf angewiesen, dass das Recht über die Macht siegt."

Nicht totalitärer Anspruch, sondern interkultureller Dialog
Zum geistigen Hintergrund des neuen Bildungskommissars gehört die Abgrenzung vom Kommunismus: "Wir müssen uns von allen Formen totalitären Denkens oder totalitärer Politik befreien, die die Würde der Menschen und der Völker nicht respektieren." Nicht zuletzt aufgrund seiner diesbezüglichen Erfahrungen in der ehemaligen Tschechoslowakei betont Figel' die Notwendigkeit, einen interkulturellen Dialog zu führen. In jüngerer Zeit kamen die Erfahrungen mit  Terroranschlägen, nicht nur am 11. September 2001, des militanten Islamismus hinzu. So setzt Figel' auf kulturelle Vielfalt und will auch mehr finanzielle Mittel für die Förderung der Sprachen von Minderheiten bereitstellen. Eine der größten Herausforderungen für Figel' ist es, die Bürgerinnen und Bürger stärker in die Entwicklung der EU einzubeziehen. Sein Ziel ist ein bürgerfreundliches Europa, dessen Rückgrat die "aktive Bürgerschaft" ("active citizenship") ist. 

In zehn Jahren nach ganz oben
In seiner Anhörung als designierter Kommissar vom 27. September 2004 verriet Figel', das Bildungsressort sei gar nicht seine "erste Wahl" gewesen. Dem europäischen Online-Magazin EUPolitix sagte er noch im Februar vergangenen Jahres, dass er sich eher in Forschung und Entwicklung, bei der Regionalpolitik sowie dem Transport- und Energie-Sektor beheimatet fühle. Doch nun sehe er das Ressort als eine Herausforderung, die in der sogenannten Lissabon-Strategie verabredeten Ziele ökonomischen Wachstums in Europa zu erreichen. Im Zuge dieser Zehn-Jahres-Strategie, verständigten sich die EU-Regierungschefs 2000 auf eine wirtschafts- und sozialpolitische Agenda. Danach ist es Ziel, die EU bis 2010 zum "wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt" zu machen. Als neuer Bildungskommissar wird Figel' daran gemessen werden, wie er die Hausaufgaben löst, die ihm die Lissabon-Strategie aufgibt: Die EU-Staaten dabei zu unterstützen, eine "integrierende und dynamische Wissensgesellschaft" zu schaffen.  

"Die neue Wissensgesellschaft wird das Wesen unserer Bildungssysteme tiefgreifend verändern - unsere Mitgliedstaaten müssen sich daher Gedanken machen, wie die Vorschul-, Primar- und Sekundarschulsysteme den neuen Gegebenheiten angepasst werden", so ein Passus aus der Lissabon-Strategie. Nicht weniger wichtig ist die Investition in Forschung und Entwicklung, Bereiche, die erheblich zum Wirtschaftswachstum in modernen Gesellschaften beitragen.  

Faire Bildungschancen für alle
Die Bildungskommission konkretisiert die Vorhaben von Lissabon im Rahmen des Programms "Allgemeine & berufliche Bildung 2010" ("Education and Training"). Und Figel' unterstützt auch die Vorhaben dieses Programms, die in Europa für mehr Chancengerechtigkeit in der Bildung sorgen sollen. Bis 2010 soll danach die

  • Quote der Schulabbrecher auf 10 Prozent verringert,
  • die Graduiertenrate in Mathematik angehoben,
  • der Anteil von Naturwissenschaften und technischen Disziplinen um 15 Prozent gesteigert,
  • der Anteil der 22-Jährigen mit höherem Schulabschluss auf  85 Prozent angehoben
  • und der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit geringen Lesekompetenzen in Europa halbiert werden.

Wie man sieht überschneiden sich diese Ziele der Bildungskommission in Brüssel vielfach mit denen von Bildungspolitikerinnen und -politikern in Deutschland. 

"Nicht mehr desselben"
In seiner Rede vom 6. Dezember 2004 über die Reform der Hochschulbildung machte Figel' deutlich, dass er auf dem Boden des Bologna-Prozesses zur Schaffung eines gemeinsamen europäischen Hochschulraumes steht. Für den Bildungskommissar heißt das, mehr Mobilität der Studierenden und einen fairen Zugang aller Hochschulabsolventen zu einem europäischen Arbeitsmarkt zu gewährleisten. Figel' fordert von Seiten der Politik und der Gesellschaft eine größere Bereitschaft, in Bildung und Forschung gezielt zu investieren. "Es ist entscheidend, dass die EU und die Mitgliedsstaaten mehr und klüger in das Feld investieren, das unsere Zukunft in einem sehr großen Ausmaße bestimmen wird". Während Europa nur 1,1 Prozent des Bruttosozialprodukts in höhere Bildung investiere, brächten es die USA hingegen auf 2,3 Prozent. Bei der Forschung sehe das Bild nicht viel besser aus. Vor diesem Hintergrund müsse man die Hochschulsysteme überdenken ("rethink our university systems"), so Figel'. Die europäischen Hochschulen müssten sich mehr auf Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft einlassen.  

Wirtschaftliches Wachstum in einem genuin europäischen Bildungsrahmen
Mit einem völlig neuen Ansatz für europäische Bildungsreformen ("a totally new approach") will Figel' frischen Wind in die Hochschullandschaft bringen. Er möchte die Zersplitterung de europäischen Hochschullandschaft überwinden. Dabei lässt sich die Generaldirektion für Bildung und Kultur von vier Prioritäten leiten, die von der Anerkennung der Abschlüsse der höheren Bildung über regionale Zentren für Training und Entwicklung bis hin zur Wiederherstellung des Ansehens europäischer Hochschulen in der ganzen Welt reichen. Zudem will Figel' ein europaweites Qualitätssicherungssystem schaffen und verweist dabei auf das Beispiel  Deutschland. Ihm schwebt ein "European Register of Quality, Assurance and Accredition Agencies" vor.     
 
Irgendwo im Dickicht von Bologna-Prozess und Lissabon-Strategie wird sich der neue Bildungskommissar eine Schneise schlagen, die vielleicht auch seine eigene Handschrift erkennen lässt. Figel' plädiert für eine "intelligentere Regulierung" ("smarter regulation") anstelle einer monolithischen. Doch denjenigen, die argwöhnen, dass mit dem Ingenieur Figel' ein Technokrat ins Bildungsressort einzieht, hält er entgegen, dass die europäische Integration eine Frage von "Werten, Zivilisation und kulturellem Erbe" sei. "Lassen Sie mich klarstellen: Mit unserer Agenda wollen wir die Bildung nicht dem ökonomischem Wachstum unterordnen." Die Gründungsväter der EU wären erfreut, wenn sie sähen, dass wir heute mehr über Kultur und weniger über Stahl und Kohle sprechen, so der Kommissar. 

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 17.01.2005
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