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28. 05. 2001

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Lernen ist immer noch eine persönliche Eigenleistung"

Weiterbildung setzt auf E-Learning, doch nicht alles ist Gold, was glänzt

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Michael Vennemann

Forum Bildung: Der Unterschied zwischen E-Learning und dem klassischen Fernstudium erschließt sich ja nicht sofort - früher kamen Studienbriefe per Post und nun eben aus dem Netz. Was macht konventionellen und digitalen Fernunterricht aus?

Vennemann: Es ist völlig egal, wie die Distanz zwischen der durchführenden Organisation und dem Lernenden übermittelt wird. Es spielt keine Rolle, ob in Printform, aus dem Netz oder auf CD. Das Wesentliche in unserer Betrachtung (ZFU) ist, dass die räumliche Distanz, eine Lernbegleitung und die Feststellung des Lernerfolgs gegeben sein muss.

Forum Bildung: Open-Distance-Learning, Teletutoring, Teleteaching, Web Based Training - die Mischformen des E-Learning auf dem Markt sind ja kaum noch zu überblicken, geschweige denn zu durchschauen. Ist das alles E-Learning?

Vennemann: Manche Anbieter stellen jetzt ihre CD-Roms und CBTs (Computer Based Training) ins Netz, machen ein WBT (Web Based Training) dran und bezeichnen das dann schon als E-Learning. Die reine Form des Herunterladens vereinfacht aber nur den Distributionsweg der Anbieter. Beim E-Learning muss es aber eine Betreuungskomponente geben. Ich nenne es deshalb lieber mediengestütztes Lernen. Reine Selbstlernprogramme wie die CBTs sind eigentlich kein E-Learning.

Forum Bildung: Was ist die Stärke des E-Learning?

Vennemann: Die Stärke des E-Learning liegt darin, dass man dieses Medium in seiner eigenen Funktionalität im Sinne der Kommunikation nutzen kann. Die Kommunikation über räumliche Distanz war natürlich auf dem Postweg sehr zeitversetzt und nun können sich Teilnehmer und Lehrer sehr schnell austauschen. Eine weitere Qualität ist auch, dass Lernende, die in ganz unterschiedlichen Orten leben, gemeinsam an einem Projekt arbeiten können. Und das spielt zunehmend in unserer Gesellschaft eine große Rolle - das gemeinsame Arbeiten, Planen, Produzieren und Präsentieren. E-Learning kann stärker an der realen Wirklichkeit Lernprozesse gestalten. Außerdem spielt der Lernende selbst eine aktive Rolle, weil er die Lernprozesse selbst steuern kann.

Forum Bildung: Gibt es denn Lehrgänge, die nur mit dem Internet arbeiten?

Vennemann: Es gibt nur wenige Lehrgänge, die sich ausschließlich aus dem Netz bedienen. Das sind dann überwiegend Angebote, die sich selbst mit dem Medium Internet, Mediendesign und Medienpädagogik beschäftigen. Die meisten Angebote sind Mischformen. Die Fernuni Hagen bietet zum Beispiel ihre Lerninhalte als Printversion, CD und auch im Netz an.

Forum Bildung: Müssen sich Menschen, die in Zukunft an einem Projekt arbeiten, gar nicht mehr persönlich kennen?

Vennemann: Doch. Ein persönliches Treffen der Teilnehmer zu Beginn ist wichtig. Kontakte, die nur via Internet existieren, erschweren die Kommunikation. In Fernlehrgängen, welche die Stärken der beiden Lernformen ausspielen, werden hervorragende Ergebnisse erzielt. Grundsätzlich kann man sagen, dass E-Learning bei gleichem Einsatz der Ressourcen effektiver ist und eine bessere Qualität hervorbringt.

Forum Bildung: Der Vorteil von E-Learning soll ja auch darin liegen, dass sich multimediale Lerninhalte besser einprägen?

Vennemann: Das ist zwiespältig. Es gibt diesen Effekt zwar, aber es ist nicht sicher, wann dieser Effekt optimal und dauerhaft besteht. Ob Multimedia ein besseres vernetztes Denken oder Transferleistungen ermöglicht, bleibt abzuwarten. Wir wissen zum Beispiel, dass viele Teilnehmer keinen zu hohen Medienmix haben wollen. Das hängt aber auch entscheidend vom Lerngegenstand und der Lernebene ab.

Forum Bildung: Ist Virtuelles Lernen mehr selbstgesteuert als andere Unterrichtsformen?

Vennemann: Vom Ansatz her ja. Auch weil es mehr Optionen bietet. Ich kann natürlich innerhalb des Angebots durch Links Informationen im Hintergrund anbieten, die mehr individuelle Lernwege zulassen als der herkömmliche Unterricht.

Forum Bildung: Wie schätzen Sie die Chancen von E-Learning ein, dem ja Wachstumsprognosen in der Weiterbildung von bis zu 80% vorausgesagt werden?

Vennemann: Im E-Learning stecken bestimmt viele Chancen. Dafür muss aber noch viel gedankliche Vorarbeit geleistet werden. Auf die Schnelle lässt sich das nicht machen. Wir kommen auch in Zukunft nicht umhin, dass bestimmte Dinge knochentrocken gelernt werden müssen. "Lernen im Netz" ist ein schönes Schlagwort, aber Lernen ist eben immer noch eine persönliche Eigenleistung, die ich selbst vollbringen muss.

Forum Bildung: Wie sind die Anwendungsmöglichkeiten von E-Learning in den Intranets der Unternehmen ?

Vennemann: Im Intranet gibt es sicher interessante Anwendungsmöglichkeiten, die aber nicht unbedingt E-Learning heißen müssen. Ein Paradebeispiel dazu hat BMW geliefert, als sie die Diesel-Technik im PKW-Bereich eingeführt haben: Kein einziger Techniker aus Südamerika musste nach Deutschland kommen. Die haben das mit ihrem weltweiten Netz gemacht, indem sie Bildsequenzen und Erläuterungen zur Verfügung stellten und dann noch einen Trainer vor Ort hatten. Die Unternehmen haben auf diese Weise die Chance, alle Mitarbeiter gleichmäßig zu schulen und ihre Lerninhalte ständig und kostengünstig zu
aktualisieren. Es muss aber immer jemanden geben, der den Lernenden zur Verfügung steht und Hilfestellungen gibt. Die Betreuung ist unverzichtbar.

Forum Bildung: Unternehmer klagen aber auch, dass die Mitarbeiter sich nach einer ersten Euphorie nicht gerade um die Online-Angebote reißen. Gibt es da lernkulturelle Hindernisse?

Vennemann: Ein Blick in unser Bildungssystem reicht ja, um zu sehen, dass es in der Schule keine Hinführung zum selbstgesteuerten Lernen gibt. Studienanfänger zum Beispiel haben sogar bei der Selbstorganisation im Präsenzbereich erhebliche Schwierigkeiten. Die Fähigkeit des selbstgesteuerten Lernens ist aber nun mal wichtig. Wenn wir es schaffen, dass die Menschen dazu in der Lage sind, dann könnten wir in Zukunft sicher manches Problem einfacher lösen.



Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 28.05.2001
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