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20. 12. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

PISA: Reformmotor für die Starken

Die zweite PISA-Studie und die Reaktionen der Länder

Bild

Innenansicht eines Motors. Der Motor hat es gut: Seine Funktionen lassen sich spielend leicht überschauen im Vergleich zu den "Verdrahtungen" im Bildungswesen.

Die Stimmung unter den Kultusministern hat sich signifikant verbessert - nach Veröffentlichung der Ergebnisse der zweiten PISA-Studie. "Nicht schlecht reden, sondern Reformen weiter vorantreiben", sagte Kultusminister Jürgen Schreier, Saarland, zur PISA II-Studie der OECD, die im Dezember 2004 publik wurde. In diesen Worten wird erkennbar, was sich als kleinster gemeinsamer Nenner der Kultusminister-Reaktionen auf PISA 2003 beschreiben lässt. An die Stelle der Verunsicherung, wie sie die Phase nach PISA I gekennzeichnet hatte, ist eine "Macher-Perspektive" getreten. Sie ist von der Zuversicht getragen, dass im eigenen Land die richtigen Reformen eingeleitet worden seien, die nun langsam zu greifen beginnen, auch wenn größere Veränderungen erst in etwa zehn Jahren zu erwarten seien.  

Nach Bekanntgabe der Ergebnisse des Leistungsvergleiches ist es nun möglich, die Ergebnisse von PISA I und II vergleichend zu analysieren und zueinander in Beziehung zu setzen: "Bei PISA 2000 lagen die Leistungen der Schülerinnen und Schüler aus Deutschland in allen Kompetenzbereichen signifikant unter dem internationalen Durchschnitt. Bei PISA 2003 befinden sich die Mittelwerte für Deutschland in den Kompetenzbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften auf internationalem Durchschnittsniveau: die Problemlösekompetenz liegt darüber." (PISA II) Allerdings: Es waren die Gymnasien, die Deutschland auf internationales Mittelmaß gehoben haben. Bedenklich muss etwa die Tatsache stimmen, dass Schülerinnen und Schüler in Hauptschulen kaum Lernzuwächse erreichen.  

Politiker: Das Glas ist halbvoll
In Mathematik erreichen Jugendliche in Deutschland durchschnittlich 503 Punkte (der OECD-Durchschnitt liegt bei 500 Punkten). Den Platz an der Sonne hat wieder einmal Finnland mit 544 Punkten erreicht, gefolgt von Korea (542 Punkten) und den Niederlanden (538 Punkten). In Deutschland wurden 4660 Jugendliche an 216 Schulen getestet. Neu ist bei der zweiten PISA-Studie das Einbeziehen des "Problemlösens" als fächerübergreifender Kompetenz. Der Schwerpunkt der zweiten PISA-Studie lag auf der Mathematik, doch wie beim erstenmal wurden auch wieder die Lesekompetenzen und der Bereich der naturwissenschaftlichen Grundbildung untersucht.  

Von den Ergebnissen der zweiten PISA-Studie fühlen sich die Kultusminister in ihren Reformanstrengungen bestärkt: "Leichte Verbesserungen bestätigen den eingeschlagenen Weg", sagte Kultusminister Jens Goebel aus Thüringen. Die "Weichen sind richtig gestellt", meint auch Ute Schäfer, Schulministerin aus Nordrhein-Westfalen.

Zu erwarten, dass diese Veränderungen aber jetzt schon greifbare Ergebnisse bei den untersuchten 15-jährigen zeigen, wäre vermessen, schließlich sind seit der Veröffentlichung der ersten PISA-Studie und der zweiten Erhebung gerade einmal 18 Monate vergangen. Die PISA-Studien werden aber weiterhin in einem drei-Jahres-Takt erscheinen und mittelfristig auch Aussagen über die Wirksamkeit dieser Reformen ermöglichen.

Der Klassenprimus des ersten PISA-Ländervergleichs innerhalb Deutschlands, Bayern, kann es kaum erwarten, endlich auch die Ergebnisse des zweiten PISA-Ländervergleiches in die Hände zu bekommen: "Die Länder müssen nun bis zum Herbst 2005 warten. Diese zeitliche Verzögerung ist nicht begründet und lässt eine vertiefte Analyse innerhalb Deutschlands nicht zu", so Bayerns Kultusministerin Monika Hohlmeier. "PISA-2003-Ergebnisse sind Ansporn für unsere Schulpolitik der mutigen Veränderung", sagte die Hamburger Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig. In Reaktion auf die Bekanntgabe der PISA-II-Ergebnisse hatten alle Länder auf die eingeleiteten Bildungsreformen des eigenen Landes hingewiesen.  

"Wir haben gehandelt"

Natürlich kommen die Minister nicht alle auf dieselben Lösungen. Schließlich gibt es oft mehr als einen Lösungsweg - selbst bei Mathematikaufgaben. Jedes Land setzt im Bildungsbereich seine eigenen Prioritäten, zieht aus internationalen Leistungsvergleichen seine eigenen Schlussfolgerungen und sorgt dafür, eingeleitete Reformen in der Öffentlichkeit darzustellen: Bayern setzt besonders auf das Abitur nach acht Jahren (G 8), Brandenburg verweist auf sein "hervorragend ausgebautes Kinderbetreuungssystem", Nordrhein-Westfalen favorisiert die selbstständige Schule, in Rheinland-Pfalz werden Ganztagsschulen ganz groß geschrieben, im Saarland gibt es die meisten mehrsprachigen Kindergärten, und Schleswig-Holstein setzt auf integrative Sprachförderkonzepte und Schul-TÜV. Hamburg kündigt "neue Konzepte" an, um auf die Herausforderungen von PISA II zu reagieren, während Klaus Böger, Berliner Bildungssenator feststellt: "Wir haben gehandelt".   

Kaum ein Land will, wie von Gewerkschaften oder dem Bund gefordert, offen das dreigliedrige Schulsystem antasten. Nordhrein-Westfalen lässt sich allerdings ein Hintertürchen offen, um unter anderem auch über Bildungssystemfragen zu reden: Man möchte dort die Bildungsdebatte nicht auf Fragen der Schulstruktur reduzieren, diese allerdings auch nicht ausschließen. Ute Schäfer, NRW-Schulministerin, stellt fest: Es wäre "töricht, Strukturfragen bei der Analyse der Schwächen des deutschen Schulsystems von vornherein gänzlich außer Acht zu lassen". 

Wer das Tabu "dreigliedriges Schulsystem" offen bricht, erfährt Widerstand: Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann warnt - stellvertretend für die Mehrheit der Kultusministerinnen und -minister - vor Eingriffen in die Schulstruktur: Die "Einheitsschule ist ein Anschlag auf den freien Elternwillen". In dieser Frage wird mit harten Bandagen gekämpft, mit Polemik nicht gegeizt und alte "Bildungskampf"-Gräben brechen erneut auf. Die KMK verweist darauf, dass sie keine "verengte und verkürzte PISA-Debatte" führen wolle und in "allen Schulformen ein ausgeprägtes Potenzial für Verbesserungen" sähe.

Mehr Geld für Bildung
Wer mehr Geld für Bildung fordert, als eine von mehreren Schlussfolgerungen aus PISA I und II, macht sich zwar bei den Gewerkschaften beliebt - riskiert allerdings mehr als nur ein Stirnrunzeln seines Finanzministers. Zur finanzpolitischen "Priorität Bildung" bekennen sich ausdrücklich Berlin, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Zur Frage, inwieweit diese politischen Versprechen in der Realität auch tatsächlich umgesetzt werden, gibt es allerdings unterschiedliche Auffassungen.

Es ist davon auszugehen, dass wohl alle Länder seit PISA I mehr Geld für den Bereich der schulischen Bildung locker gemacht haben als zuvor. Die Frage ist nur, ob das auch reicht - sowohl was den Umfang als auch die Verteilung der Mittel betrifft. Wie schon PISA I, verweist auch die zweite PISA-Studie auf eine große "Problemzone": Jugendliche aus unteren sozialen Schichten und solche mit Migrationhintergrund. Fachleute bezweifeln, dass die eingeleiteten Reformmaßnahmen ausreichen bzw. geeignet sind, um dieses Potenzial durch mehr individuelle Förderung künftig deutlich besser zu nutzen als bisher.  

Nicht schlecht geredet, sondern Fakt ist: In Deutschland gelingt die Förderung von Jugendlichen aus unteren sozialen Schichten und von Jugendlichen mit Migrationshintergrund weiterhin schlecht, wie neben PISA I auch PISA II gezeigt hat. Ob ein Schüler in Deutschland eine Hauptschule, Realschule, Integrierte Gesamtschule oder ein Gymnasium besucht, ist von großer Bedeutung dafür, welches Niveau er in Mathematik im Laufe der Schulzeit erreicht.  

Haushoch überlegen
Die Unterschiede beim Kompetenzzuwachs von Schülerinnen und Schülern an Hauptschulen im Vergleich zu denen an Gymnasien sind gewaltig: Erzielen Gymnasiasten etwa im mathematischen Aufgabenbereich "Veränderung und Beziehungen" 606 Punkte, kommen Hauptschüler gerade mal auf 409 Punkte. Sie haben sich hier gegenüber dem Jahr 2000 sogar um sieben Punkte (416) verschlechtert. Gymnasiasten haben gegenüber Hauptschülern in Mathematik einen Vorsprung von ein bis zwei Schuljahren.  

Erschwerend kommt hinzu, dass unser Schulsystem sozial stark auslesend ist: Fast 45 Prozent der Jugendlichen in Hauptschulen kommen aus unteren sozialen Schichten oder dem "untersten ESCS-Quartil" wie es in der PISA-Studie heißt. ESCS, der "Index of Economic, Social and Cultural Status", kam erstmalig bei PISA II zur Anwendung. Durch ESCS wurden Hintergrundinformationen wie Familienstruktur, Bildungsabschlüsse und Berufstätigkeit der Eltern erfasst. Diese Merkmale wurden dann in Beziehung zu den erreichten Kompetenzen in Mathematik gesetzt. 

Die Chancen von Kindern aus "bildungsnahen Schichten", ein Gymnasium zu besuchen sind neunmal größer als die von Kindern aus unteren sozialen Schichten. Insgesamt ist festzustellen: Dass Deutschland bei PISA II nun international im Durchschnitt liegt, ist vor allem dem Zuwachs der Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern auf Gymnasien zuzurechnen. Sich damit zufriedenzugeben, wäre unbefriedigend - aus bildungspolitischer und auch aus gesellschaftspolitischer Sicht. 

Machen Hauptschulen dumm?
Nicht nur der soziale Hintergrund erschwert Kindern und Jugendlichen die schulischen Bildungsmöglichkeiten massiv. Auch ein Migrationshintergrund kann sich als Fußangel erweisen. Die PISA-Bilanz für diese Gruppe hört sich nämlich düster an: "Jugendliche mit Migrationshintergrund erreichen international und in Deutschland ein geringeres Kompetenzniveau in Mathematik und auch in anderen getesteten Domänen als Jugendliche ohne Migrationshintergrund."

Die meisten dieser Jugendlichen besuchen die Hauptschule. Und was viele bei Bekanntgabe der PISA-II-Ergebnisse erstaunt hat: Jugendliche mit Migrationshintergrund, die in Deutschland groß geworden und durch Deutschlands Schulen gegangen sind, erzielen noch schlechtere Ergebnisse als solche, die erst später zugewandert sind. Dieser Befund verleitet "die tageszeitung" zu dem sarkastischen Urteil: "Deutschland macht dumm". Charmanter formulieren es die Autoren der PISA-Studie: "Für Deutschland kann an dieser Stelle eine eher ungünstige Kombination von Chancengerechtigkeit und Kompetenzniveau festgestellt werden."  

Die Hauptschule, auch als "Hinterhof der Nation" verschmäht, steht genau wie drei Jahre zuvor bei der ersten PISA-Studie im Kreuzfeuer der Kritik. Dennoch: Die Länder wollen sie nicht abschaffen, sondern weiter reformieren. Einige Aspekte verdeutlichen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) wie einzelne Länder die Situation an Hauptschulen verbessern wollen. Die Programme der Länder reichen von Berufswahlpass und gutem Unterricht bis hin zu Ganztagsschulen und Sprachlernklassen. Denn aus Sicht der Länder und der KMK machen Hauptschulen natürlich nicht dumm, aber sie sind verbesserungsfähig. Kurzfristig setzt die KMK auf ein Drei-Punkte-Programm für die Hauptschule:

  1. Verbesserung des Unterrichts, vor allem in Lesen, Geometrie und Stochastik,
  2. gezielte Förderung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund,
  3. Professionalisierung der Lehrerbildung und der Diagnosefähigkeiten.  

Langfristig erwartet die KMK positive Wirkungen auf die Hauptschule aus Veränderungen in den "sieben Handlungsfeldern", in deren Rahmen das Schulsystem modernisiert werden soll.

Handeln und Hoffen
Handeln in manchen Bereichen und Hoffen in anderen - so könnte man die Vorgehensweise der Länder in Reaktion auf PISA bezeichnen. Die Länder haben Reformpakete entwickelt, die einige manifeste Schwachstellen der schulischen Bildung korrigieren sollen. Allerdings sehen Kritiker an manchen Stellen die Weichen falsch gestellt und darüber hinaus auch noch wichtige Punkte, an denen ebenfalls Handlungsbedarf besteht, die von den Reformvorhaben der Länder aber unzureichend berührt werden. Besonders die Frage der Bildungsgerechtigkeit wird in diesem Kontext aufgeworfen. Ob die jeweiligen Reformen langfristig greifen und zu den gewünschten Ergebnissen führen werden, ist derzeit noch nicht absehbar. Einen großen gemeinsamen Wurf aller Länder, eine abgestimmte Reaktion auf PISA I und II, womöglich in enger Kooperation mit dem Bund, gab es nicht und war wohl auch politisch nicht gewünscht. 

Die Länder stehen schließlich in einem Wettbewerb untereinander und pochen darüber hinaus auch gegenüber dem Bund auf ihre föderale Zuständigkeit für den Bereich der schulischen Bildung. Nicht wenige Fachleute und Betroffene fragen sich allerdings gerade im Zusammenhang der Reformanstrengungen, ob Wettstreit immer so heilsam ist, wie er häufig dargestellt wird und lernen aus ihren Erfahrungen mit der Wirtschaft, dass davon oft nur die Stärksten profitieren.   

Manche ziehen aus dem Vergleich von PISA I und II den kritischen Schluss, dass die bisherigen Anstrengungen der Lehrkräfte vor allem den Schülerinnen und Schülern geholfen haben, die diese Unterstützung am wenigsten nötig hatten. Den unausgesprochenen Wettbewerb zwischen den Schulformen haben in Deutschland jedenfalls wieder einmal die Stärksten gewonnen - die Gymnasien. Ob es den Hauptschulen in Zukunft besser gelingen wird, die ihnen anvertrauten Jugendlichen nach vorne zu bringen ist weiterhin völlig ungewiss. Auch, ob sie die dafür nötige Unterstützung erhalten werden. Zehn Jahre, bis die eingeleiteten Reformen eventuell greifen, sind im Leben von Jugendlichen sehr viel Zeit, für manche sicherlich zu viel Zeit.    

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 20.12.2004
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