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16. 12. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Brennpunkt Diagnostik

Studie zur Beurteilungspraxis von Grundschullehrern - ein Diagnostik-Symposion an der Universität Köln

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Während des Diagnostik-Symposions an der Universität Köln

Er bewegt sich geschickt in großen Zahlenräumen von eins bis tausend und er kann Geometrie. Leider kann M., ein Junge mit türkischen Hintergrund, nicht richtig Deutsch. Pech gehabt, diesmal waren zu viele Textaufgaben in der Klassenarbeit. Die Grundschullehrerin, die weiß, dass M. eigentlich ein Mathe-Ass ist, sitzt vor einem fast leeren Blatt. Das Ergebnis der Mathe-Arbeit ist mangelhaft. Nach quälendem Grübeln, muss sie ihm schließlich eine Fünf geben. Die Lehrerin hat Gewissensbisse. Als der Vater von der versiebten Arbeit erfährt, bekommt der Grundschüler trotzdem eine Tracht Prügel. Am Ende der absteigenden Benotungsspirale stehen ratlose Schüler, ratlose Eltern, ratlose Lehrer.

Nun wird nach PISA II der Ruf immer lauter, die Lehrerausbildung zu professionalisieren, die diagnostischen Fähigkeiten zu verbessern. Und genau dies wollen die Pädagogen aus Köln am 3. Dezember 2004 mit dem Diagnostik-Symposion erreichen: "Entwicklung von Beobachtungs- und Beurteilungskriterien in soziokulturell und sprachlich heterogenen Klassen (BeBeSch)". Diagnostik ist heute wahrlich eine Herausforderung.

Nach PISA I und vor PISA II stellten die Erziehungswissenschaftler wieder einmal fest: Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind in Deutschland "in alarmierendem Maße" von Auslese bedroht. Sie bleiben in der Grundschule viermal so häufig sitzen wie ihre Mitschüler und haben ein doppelt so hohes Risiko auf eine Sonderschule überwiesen zu werden wie ihre Mitschüler, sagt Georg Auernheimer, Erziehungswissenschaftler an der Universität Köln. Grundlage dieser Selektionspraxis sei nicht selten eine ungefähre und intuitive Beurteilung von Kindern, die sich mitten in der körperlichen und sprachlichen Entwicklung befinden. Der Familienhintergrund entscheide über Bildungschancen. Der Abstieg von Kindern mit Migrationshintergrund auf die  Hauptschulen oder Sonderschulen, ohne wirkliche Möglichkeit des Wiederaufstiegs, gehöre zum festen Ritual im selektiven Schulsystem. Meist aufgrund einer fragwürdigen Diagnose, die häufig sprachlichen Barrieren geschuldet sei.

"... diagnostische Kompetenzen von Lehrern: mangelhaft"
"Die diagnostischen Kompetenzen deutscher Lehrerinnen und Lehrer sind vergleichsweise mangelhaft", sagt Auernheimer. Diagnostische Kompetenzen, bezogen auf Verhaltensweisen, Leistungsstand und persönliche Eigenschaften der Kinder in der Grundschule, haben dem Wissenschaftler zufolge in unserem selektiven Bildungssystem bisher keinen hohen Stellenwert.

Einer neuen Studie zufolge, die auf dem Symposion in Köln vorgestellt wurde, haben  die wenigsten Lehrkräfte an Grundschulen Probleme damit, Kinder zu beurteilen. Die Mehrheit der befragten Lehrkräfte der Studie "Beobachtungs- und Beurteilungskriterien in der Grundschule" befürwortet das Notengeben grundsätzlich. Aus verschiedenen Gründen: Kinder brauchten einen Ansporn durch Noten, Kinder wollten sich vergleichen, die Motivation der Eltern mit ihren Kindern zu lernen sei ohne Notendruck geringer. Die Kölner Studie will vertiefte Einblicke in die Beurteilungspraxis von Grundschullehrern geben. Befragt wurden 9 Lehrkräfte und 69 Grundschüler. Die qualitative Studie ist nicht repräsentativ, aber beansprucht, bedeutsame Aussagen über den Stand der diagnostischen Fähigkeiten des Lehrpersonals zu machen. Sie basiert auf einem Kompetenzansatz und nicht auf einem Defizitansatz. Um Unterschiede zwischen Selbst- und Fremdbild herauszufiltern, wurden Lehrer und Schüler parallel befragt.

Pädagogische Schnellschüsse?
Für nicht wenige der befragten Lehrer gehört es zum professionellen Selbstverständnis, Grundschulkinder frühzeitig auf die verschiedenen Schulformen zu verteilen. "Schultyp-Prognosen" heißt dieser alltägliche Vorgang im Pädagogenslang, der vor allem ausländische Kinder trifft. Nur bei neun von 69 befragten Kindern konnten die Grundschullehrer keine Bildungsprognose abgeben. Bei allen anderen schon. Hauptschule, Realschule, Gesamtschule oder Gymnasium? Klare Sache. Bei fast 90 Prozent der Kinder waren sich die befragten Lehrer sicher, auf welche Schule sie diese zu schicken hätten. Und das schon am Anfang des dritten Schuljahres. Auf die drei wichtigsten Schultypen werden die Kinder etwa zu gleichen Anteilen verteilt (Gymnasium - 18 Kinder, Realschule - 17 Kinder, Hauptschule - 20 Kinder). Nur halb so viele Kinder deutscher Herkunft (7 Kinder) werden für die Hauptschule empfohlen, während fast doppelt so viele mit Migrationshintergrund (13 Kinder) dort landen. Beruhen Lehrerbeurteilungen in der Regel auf Vorurteilen?

Fazit: Die meisten Lehrer vertrauen auf ihr eigenes Beurteilungsinstrumentarium. Das Spektrum der diagnostischen Herangehensweisen reicht von unorganisiert bis ins Detail durchgeplant. Bei den Beurteilungen ihrer Kinder arbeiten die Lehrer immer noch stark als Individualisten. Lediglich zwei Lehrer gaben an, dass sich ihre Beurteilungspraxis nach der Studie geändert hätte. Aber mehr als die Hälfte stellte fest, ihre Kinder nun besser kennen gelernt zu haben.

Die Wahrnehmung negativer Eindrücke bei Schülern wirkt bisweilen wie ein Zauberbesen, der die gute Stube multikulturelle Schule unaufhaltsam zugrunde putzt. Bei den Besseren wird mehr das Gute gesehen, bei den Schlechteren das Negative. Einige der Lehrer haben den Lehrerfragebogen zu einem weiteren Ausleseinstrument umgewidmet. Kinder, die Sprachen mit weniger Prestige sprechen, Albanisch oder Türkisch etwa im Unterschied zu Englisch oder Spanisch, werden tendenziell schlechter bewertet. Beurteilungen sagen auch viel über die Wahrnehmungsmuster bei den Lehrern selbst aus.

Wo es langgehen könnte
"Die Lerndiagnostik in der Lehrerausbildung wird von uns sträflich vernachlässigt", so Auernheimer. Das kommt allerdings nicht von ungefähr. Die Notengebung erfüllt bisher durchaus ihre Funktion, "möglichst leistungshomogene Gruppen" zu schaffen. Die berufliche Sozialisation von Lehrkräften und die Lehrerausbildung sind dem Wissenschaftler zufolge die Ursachen für die geringen diagnostischen Kompetenzen an den Grundschulen.

Was brauchen nun die Lehrkräfte für die Zukunft, um mehrsprachige Kinder besser beurteilen zu können? Zunächst eine andere Haltung zur Diagnostik. Erfolg oder Misserfolg in der Schule sollte als das "Ergebnis vieler Faktoren" betrachtet werden und nicht nur als "Misserfolg des Individuums". Lehrkräfte sollten den Zusammenhang zwischen persönlichen, institutionellen und sozialen Faktoren kennen und davon ausgehen, dass es "keine Monokausalität" gibt. Sie sollten bewusst mit den Biographien von Migrantenkindern arbeiten. Nach Cristina Allemann-Ghionda, Erziehungswissenschaftlerin am Seminar für Pädagogik und Forschungsstelle für Interkulturelle Studien, kommt auch den Eltern eine "herausragende Rolle und Verantwortung" zu, die allerdings mit der Verantwortung der Schule geteilt werden müsse.

Grundlagenkenntnisse über den Erwerb von Sprachen in sozial heterogenen Klassen, psycholinguistische Kenntnisse sowie Kenntnisse über das Europäische Sprachenportfolio sollten auf der Agenda des Lehrernachwuchses stehen. Für eine verfeinerte Diagnostik sei die Zusammenarbeit mit Lehrkräften in den Schulen zentral. An der Katholischen Grundschule in Düren hat Wolfgang Nather ein System für die Beurteilung von Grundschülern mit Hilfe von "Kompetenzkarten" entwickelt. Dabei werden die Lernfortschritte Tag für Tag neu ermittelt.

Zukunftsweisend und blockiert
Als "zukunftsweisend" empfanden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Luzerner GBF-Projekt: "Ganzheitliches Beurteilen und Fördern", ein Schulentwicklungsprojekt der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz. Ganzheitliches Fördern heißt Abkehr von einfachen Lösungen. Denn es ist einfach, vorwiegend die kognitiven Fähigkeiten der Kinder zu fördern. GBF will Fachkompetenzen, Sozialkompetenzen und persönliche Kompetenzen ("Selbstkompetenz") der Kinder ins Gleichgewicht bringen. GBF ist notenfrei. Es wird vor allem von Lehrerinnen und Lehrern geschätzt, auch von Schulleitungen und Eltern, allerdings nicht im gleichem Maße.

Die Schwierigkeit in der Schweiz ist: Je näher es an die Trennung der Schüler geht, umso geringer wird die Akzeptanz von notenfreien Beurteilungssystemen bei den Eltern. "Die häufigste Befürchtung der Eltern bezieht sich beim Projekteinstieg nicht auf GBF selber, sondern auf Schnittstellenprobleme beim Übergang zur Notenbeurteilung". Eine Evaluation von GBF hat ergeben, dass sich das Beurteilungsrepertoire der teilnehmenden Lehrkräfte erweitert hat, ebenso wie die Fähigkeit der Kinder, sich selbst zu beurteilen.

Eins wollten die Teilnehmer und Erziehungswissenschaftler beim Symposion den Bildungspolitkern dann doch ins Stammbuch schreiben: Integration ist die Aufgabe der Zukunft, nicht präzisere Selektion. So fordert Auernheimer: "Kinder müssen mindestens sechs Jahre gemeinsam lernen". Darauf Allemann-Ghionda: "von mir aus auch acht Jahre". Das Publikum plädiert für "zehn Jahre gemeinsamen Lernens". Das Unbehagen an der Auslesemaschinerie wächst, geht man von Stimmung auf dem Kölner Symposion aus.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 16.12.2004
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