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11. 11. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Sitzenbleiben: Schrecken mit Ende?

Neues zur Debatte über Sinn und Unsinn des Sitzenbleibens

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Drei Schüler. Die Möglichkeit, dass einer von ihnen eine Klasse wiederholen muss, ist statistisch gesehen nicht gerade gering.

"Das Sitzenbleiben war das Schrecklichste, was ich je erlebt habe" sagte ein Schüler des Albertus-Magnus-Gymnasiums Beckum und spricht damit für alle diejenigen, die auch mal eine "Ehrenrunde" gedreht haben. Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Erziehungswissenschaften hatten 2002 ein Pädagogik-Projekt zu einem Thema durchgeführt, das ihnen unter den Nägeln brannte: "Vom Sitzenbleiben und Versagen in und an der Schule" Dort dokumentierten sie auch, wie sich das Sitzenbleiben auf sie selbst auswirkte. "Dieses Gefühl wurde von den meisten auch nach einigen Tagen oder Wochen nicht so einfach weggesteckt, alle waren lange ziemlich verunsichert", heißt es in der Schülerarbeit.  

Rechtfertigt der Nutzen mehr Druck?
Nach PISA gab sich die "Pädagogik der Beschämung" längere Zeit eher kleinlaut, auch im Hinblick auf das Sitzenbleiben, das nun mal eines der Aushängeschilder dieser Pädagogik ist. Denn wenn Industrienationen wie Finnland oder Japan sich den Luxus des "Schüler-Sitzenlassens" verkneifen, dann muss da etwas dran sein und man lehnt sich mit einer gegensätzlichen Position nicht mehr gar so weit aus dem Fenster.

Im Schuljahr 2003/2004 bekamen Befürworter des Sitzenbleibens neues Futter. Nach einer Untersuchung des Rheinischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen (RWI), das die Lebensläufe von über 2.500 ehemaligen Schülerinnen und Schülern untersucht hatte, haben Sitzenbleiber durchschnittlich um fast 50 Prozent höhere Chancen, einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen als vergleichbare Mitschüler. Der Tenor der wissenschaftlich untermauerten, aber keineswegs unumstrittenen Botschaft: Wer eine Klasse wiederholt, hat gute Aussichten, einen besseren Schulabschluss als andere Mitschüler zu erwerben. Darin liege der Wert des Sitzenbleibens, sein Nutzen.

Aber ob der eventuelle spätere Nutzen im Berufsleben, der vielen als fragwürdig gilt, die Narben der frühen Demütigung in der Schule überdecken kann? Aber wer nimmt schon Rücksicht auf Emotionen, wenn ein handfester Nutzen erwartet wird - in einer Gesellschaft, in der die Wirtschaft nicht so richtig in Fahrt kommen will?  

Im Schuljahr 2002/2003 hatten nach Angaben von Andreas Schmitz, Sprecher der Kultusministerkonferenz (KMK), immer noch 273.364 Schülerinnen und Schüler in Deutschland das Ritual der Ehrenrunde als Sitzenbleiber oder Wiederholer über sich ergehen lassen. Das sind 3 Prozent (2,98 Prozent) bei einer Schülerzahl von insgesamt 9.168 Mio. Gegenüber dem Schuljahr 2000/2001 hat sich damit der Anteil der Wiederholer erhöht. Zuvor waren es noch 2,83 Prozent.  

KMK-Präsidentin: Sitzenbleiben nur in Ausnahmefällen sinnvoll
In einem Interview mit dem Bonner Generalanzeiger vom 20. Juli 2004 äußerte sich die amtierende Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Doris Ahnen, zu diesen Zahlen:  

"Keine Frage, es müssen zu viele Schülerinnen und Schüler eine Klasse wiederholen. Das Bewusstsein muss geschärft werden, dass diese Maßnahme nur im Ausnahme- und Einzelfall sinnvoll ist", sagte sie. Die Präsidentin diesem Grundsatz Geltung verschaffen und es Schulen  ermöglichen, Wege zu gehen, die Wiederholerquoten reduzieren. Auch die Pro-Sitzenbleiber-Studie des RWI hat kein grundsätzliches Argument gegen individuelle Förderung: "Bisher nicht untersucht wurde hingegen, wie wirksam im Vergleich (zum Sitzenbleiben, Anm. der Redaktion) Alternativen, beispielweise spezieller Förderunterricht, sind."  

Der Augiasstall des Sitzenbleibens in Deutschland wird jedoch kaum auszumisten sein, solange Druck als Motor fürs Lernen angesehen wird und deshalb viele Lehrkräfte, Eltern und sogar Schülerinnen und Schüler das Sitzenbleiben befürworten. Auf der anderen Seite steht die Bildungspolitik unter Handlungsdruck und hat sich als eines ihrer strategischen Ziele die Verringerung der Sitzenbleiberquote auf die Fahnen geschrieben. Die Kultusministerien in den Ländern setzen zunehmend auf Förderkonzepte, mit denen die Zahl der Wiederholer verringert werden soll. So könnte sich für die Schüler in Zukunft vielleicht etwas verbessern im Hinblick auf individualisierte Förderung und die Mobilisierung des eigenen Potentials.  

Modell Bayern
In Bayern gab es in den vergangenen Jahren besonders viele Sitzenbleiber. Ab dem Schuljahr 2004/2005 kommt ein Paket an Maßnahmen zum Zuge, das die Zahl der Wiederholer senken soll." In den Grundschulen sollen "neue Zeugnisse" den Aussagewert der Zeugnisse erhöhen, etwa durch genaue Angaben zum Lernverhalten. Ein Jahr darauf soll das neue Bewertungssystem auch die Jahrgangsstufen drei und vier umfassen. Zahlreiche Vorkurse für Kindergartenkinder und Sprachlernklassen für Schülerinnen und Schüler ausländischer Herkunft sollen die bildungsbenachteiligten Gruppen stärken. In der Haupt- und Realschule werden die Lehrpläne so überarbeitet, dass das Grundwissen und die Kernkompetenzen akzentuiert wird. Damit sollen die Schülerinnen und Schüler besser auf das spätere Berufsleben vorbereitet werden. In Zukunft wird in Bayern mehr wiederholt, geübt, angewandt und vertieft. 

Und es gibt Alternativen zum Sitzenbleiben: Schülerinnen und Schüler der fünften bis neunten Klasse können an Realschulen und Gymnasien auf Probe versetzt werden, wenn sie das Klassenziel erstmals nicht erreicht haben. Oder aber wenn sie nur einmal die Note "Sechs" haben oder zweimal die "Fünf". Dann darf die zweite "Fünf" aber nur in einem Fach auftauchen, das nicht als Kernfach zählt. Nachprüfungen sind für Schüler beider Schulformen möglich, wenn sich nicht zu viele "Fünfer" und "Sechser" auf dem Zeugnis tummeln. Im Zuge der Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre (G8) sind zahlreiche Ansätze des bayerischen Modellprojekts für selbständige Schulen, MODUS 21, aufgegriffen worden. So zum Beispiel der jahrgangsübergreifende Unterricht oder die Flexibilisierung der Stundentafeln. Bei der Flexibilisierung der Stundentafeln könnten etwa zusätzliche Deutsch- oder Mathematikstunden gegeben werden. Abgezogen werden diese Stunden von Fächern, mit denen die meisten Schülerinnen und Schüler keine Probleme haben. Oder es gibt die Möglichkeit, Intensivierungsstunden einzurichten: Hierbei werden die Schülerinnen und Schüler in kleinere Gruppen aufgeteilt, es werden Übungsstunden und gezielte Förderung angeboten.  

Modell Bremen
"Das Sitzenbleiben wird nicht abgeschafft", sagte Willi Lemke, Bildungssenator in Bremen im Sommer 2004. Bremen zählte 2002 zu den Ländern mit den meisten Wiederholern. Um die düstere Situation aufzuhellen, plant der Stadtstaat einen vierwöchigen Crashkurs für leistungsschwache Schülerinnen und Schüler, Stichwort "Sommerschule". Wer zwei "Fünfen" oder mehr im Zeugnis hat, ist nicht automatisch zum Sitzenbleiben verdonnert. Die Sommerschule dient der Vorbereitung auf die anstehenden Nachprüfungen. Auch die Lese-Intensivkurse an Grundschulen werden als Problemkiller angeführt. Kritiker sagen, das Modell greife zu kurz: "Wir brauchen ein wirksames Frühwarn- und Unterstützungssystem, damit Schülerinnen und Schüler sofort individuell gefördert werden können, wenn Probleme auftauchen", sagt Anja Stahmann, bildungspolitische Sprecherin der Bremer Grünen.    

Modell Rheinland-Pfalz
Schülerinnen und Schüler der Klassen sechs bis neun können in Rheinland-Pfalz Nachprüfungen absolvieren, wenn sie das Klassenziel knapp verfehlt haben. Über 230 Ganztagsschulen in Angebotsform bieten feste Hausaufgabenbetreuung und auch individuelle Förderung an - allerdings nicht mit dem ausdrücklichen Ziel, das Wiederholen von Klassen überflüssig zu machen. Mittelbar wirken möglicherweise die Förderangebote der neuen Ganztagsschulen positiv auf die Leistungen der Schüler. Nach Pressesprecher Wolf-Jürgen Karle vom Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend legen Lehrkräfte "schwächelnden" Schülerinnen und Schülern an Ganztagsschulen - vor allem an Gymnasien - dringend nahe, Förderangebote zu besuchen. Nach Angaben der Bildungsministerin Doris Ahnen sank in den vergangenen drei Jahren im Land die Zahl der Nichtversetzungen um ein Drittel.  

Modell Nordrhein-Westfalen

"Verschwendung von Lebenszeit und auch von Ressourcen" - so sieht Nordrhein-Westfalens Schulministerin Ute Schäfer das Sitzenbleiben. In der Grundschulzeit soll die flexible Schuleingangsphase Druck aus dem System nehmen und das Selektionsdrama verringern. Das bevölkerungsreichste Land liebäugelt auch damit, die Versetzung auf Probe einzuführen. Mit 60.000 Wiederholern oder 2,8 Prozent liegt das Land im bundesweiten Mittel. Versetzung auf Probe könnte bei denjenigen Schülerinnen und Schüler greifen, die nach der bisherigen Regelung auch zur Nachprüfung zugelassen waren. Über die auf Probe Versetzten würde die Klassenkonferenz drei Monate nach Beginn des neuen Schuljahres entscheiden. Im Rahmen des Modellprojekts "Selbstständige Schule" haben einige Schulen das Sitzenbleiben gar vollständig abgeschafft.   

Zaghafte Versuche
Warum sollen das, was bisher nur wenige Schulen hierzulande erproben, nicht auch viele vermögen - die Abschaffung des Sitzenbleibens? Es gibt hierzulande, außer in verschiedenen Privatschulen, allenfalls zaghafte Versuche in diese Richtung. Auch ökonomische Berechnungen der Kosten des Sitzenbleibens, etwa in Studien wie "Bildung neu denken! Das Finanzkonzept" von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW), dürften an der verbreiteten Praxis des Aussortierens und Nach-unten-Durchreichens erst einmal wenig ändern. Nach der VBW-Studie könnte sich der Staat durch das Abschaffen des Sitzenbleibens jährlich eine Milliarde Euro sparen.

Vielleicht lassen sich die Anhänger des Sitzenbleibens ja überzeugen, auf diese aufwändige Form der staatlich sanktionierten Beschämung zu verzichten. Dies wird dann leichter gelingen, wenn die Ergebnisse konsequenter individueller Förderung bessere Schüler und vor allem kreativere Menschen hervorbringen als die bislang vorherrschende Pädagogik. Die bisher in den Ländern praktizierten Konzepte zur Reduzierung der Sitzenbleiberzahlen lassen kein grundsätzliches Umsteuern weg von den selektiven Mechanismen des Bildungssystems hin zu mehr fördernden erkennen. Wohl aber einzelne Schritte und Maßnahmen, die in die richtige Richtung führen.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 11.11.2004
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