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25. 10. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Diese Entwicklung kann nicht übersehen werden"

Familienforscher Fthenakis sieht frühkindliche Bildung auf gutem Weg

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Prof. Wassilios E. Fthenakis

Bildung PLUS: Die frühkindliche Bildung gewinnt immer mehr an Bedeutung in der Bildungspolitik. Vor gut einem Jahr hat Bildung PLUS Sie schon einmal zu diesem Thema interviewt. Was hat sich denn in der Zwischenzeit getan?   

Fthenakis: Es ist einiges in Bewegung gekommen. Bayern zum Beispiel steht mit seinem Bildungsplan nicht mehr alleine da. Mittlerweile wurde unsere Initiative von fast allen Bundesländern aufgenommen. Entweder haben sie bereits eigene Bildungspläne vorgelegt oder sie sind auf dem Weg, diese zu entwickeln. Und der Versuch, länderübergreifend in diesem Bereich zusammenzuarbeiten und zu kommunizieren, macht ebenfalls den Umbruch in diesem Bereich deutlich.

Bildung PLUS: Der bayerische Bildungsplan ist nun seit einem Jahr im Praxistest. Was ist Ihr erstes Fazit?   

Fthenakis: Bislang haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Zum einen ist die Akzeptanz bei den über 600 beteiligten Fachkräften viel größer als wir erwartet haben: 94 Prozent von ihnen erachten den Bildungsplan als eine notwendige und überfällige Entwicklung für den Elementarbereich. Auch deshalb, weil der Plan, das haben ihm die Fachkräfte attestiert, angemessen und verständlich ist. Außerdem bekamen wir von den 104 Modelleinrichtungen, die sich an der Implementation des Bildungsplanes bayernweit beteiligt haben, eine Vielzahl konstruktiver Hinweise, wie wir den Plan noch weiterentwickeln und präzisieren können. Diese wertvolle Hilfe nutzen wir natürlich, um den Plan - bevor er 2005 landesweit eingeführt wird - noch zu verbessern. Vor allem wünschen die Fachkräfte mehr konkrete Hilfen zur dessen Umsetzung sowie Instrumente, wie man Kinder beobachtet, wie man Lernprozesse dokumentiert  und die pädagogische Qualität in der Einrichtung evaluiert. Der Plan ist auch für die Zukunft so konzipiert, dass er offen und flexibel für Veränderungen und Korrekturen bleibt.   

Bildung PLUS: Sie wollen die Eltern als Partner der Kindertagesstätte. Ist das nach einem Jahr schon Realität geworden?  

Fthenakis:
Die Erfahrung in diesem Bereich ist sehr unterschiedlich. Das liegt daran, dass jede Einrichtung mit dieser Frage anders umgegangen ist. Diejenigen Kindertageseinrichtungen, die das Modell der Partnerschaft angewandt haben, berichten von einer anderen Qualität der Kooperation mit der Familie.   

Bildung PLUS: Nicht nur die Länder scheinen sich des Themas frühkindlicher Bildung angenommen zu haben, auch der Bund stellt Geld zur Verfügung. Woran liegt dieser Sinneswandel?   

Fthenakis: Wir haben gesamtgesellschaftlich die Erkenntnis gewonnen, dass die bestehende Zurückhaltung gegenüber der außerfamiliären Betreuung insgesamt nicht mehr zeitgemäß ist und zudem im Widerspruch zu Kinderrechten und kindlichen Bedürfnissen steht. Hier besteht erheblicher Handlungsbedarf. Und dass nicht nur geredet, sondern auch gehandelt wird, zeigt sich an bereits durchgeführten bzw. jüngst eingeleiteten Maßnahmen: Zum Beispiel gibt Bayern 313 Millionen Euro zusätzlich für den Ausbau der außerfamiliären Betreuung aus - das sind 5000 Plätze im Krippenbereich und 25.000 Plätze im Hortbereich. In diese Richtung geht auch das neue Betreuungsausbaugesetz der Bundesregierung, das Investition in Höhe 1,5 Milliarden Euro aus der Hartz-IV-Reform für den Aufbau von Betreuungsangeboten für unter dreijährige Kinder vorsieht.   

Bildung PLUS: Alle haben die Bedeutung erkannt und tun etwas. Das hört sich ja nach einer optimalen Entwicklung an...   

Fthenakis: Optimal würde ich nicht sagen. Es tut sich was, und das ist ja schon begrüßenswert. Ich sehe aber durchaus Herausforderungen, die auch angegangen werden sollten: Zum einen müssen wir die Jugend- und Bildungspolitik in eine neue Balance bringen  und zum anderen kann die Professionalisierung der Fachkräfte nicht auf dem Niveau bleiben, auf dem sie sie sich jetzt befindet.   
 
Bildung PLUS: Die Forderung nach einer besseren Ausbildung von Erzieherinnen ist nicht neu. Gibt es jetzt einen Hoffnungsschimmer?  

Fthenakis:
Die "Initiative zur Professionalisierung von Fachkräften für Kindertageseinrichtungen" der Robert-Bosch-Stiftung ist wahrscheinlich zurzeit das wichtigste Projekt, was die Neuregelung der Ausbildungsfrage betrifft. In Modellzentren sollen Studiengänge entwickelt oder aufgebaut werden. Dafür konnten sich Universitäten und Fachhochschulen bewerben. Der Andrang, an diesem Projekt teilzunehmen, ist unglaublich groß. Und mittlerweile gibt es ja schon akkreditierte Studiengänge auf Fachhochschulniveau. Zudem haben sich mehrere Universitäten bereit erklärt, für die Ausbildung von Erzieherinnen und Erzieher neue Studiengänge einzurichten. Das ist eine Entwicklung, die nicht mehr übersehen werden kann. Wenn die Robert-Bosch-Stiftung das Projekt wie geplant durchführt, ist eine Entwicklung hin zu einer verbesserten Ausbildung der Fachkräfte wirklich absehbar.  

Bildung PLUS: Für die frühkindliche Bildung wird eine internationale Studie erwartet: "Starting Strong II" von der OECD. Müssen wir uns auf einen neuen Pisa-Schock gefasst machen?  

Fthenakis: Ich möchte jetzt nicht darauf los spekulieren, was in dem Bericht steht, denn er befindet sich gerade in der Beratungsphase, aber man kann davon ausgehen, dass zwei Punkte angesprochen werden: Das sehr niedrige Niveau der Ausbildung und die starke Deregulation des Systems, die mitverantwortlich für die mittelmäßige Qualität der frühkindlichen Bildung ist. Diese Studie wird sicher nicht die Bedeutung der Pisa-Studie gewinnen, weil  mit jedem Schock auch jedes Mal die Schwelle angehoben wird, ab der Wirkung gezeigt wird. Das hat man ja schon bei den auf PISA nachfolgenden Studien wie IGLU gesehen. Der Bericht wird aber schon allein deshalb nicht unbeachtet bleiben, weil die Sensibilität in der Öffentlichkeit für Kleinkinder inzwischen wesentlich höher ist als noch vor ein paar Jahren.   

Bildung PLUS: Deregulation als Hemmschuh für Qualität in der frühkindlichen Bildung. Warum können Kommunen nicht für einen angemessenen Qualitätsstandard sorgen?   

Fthenakis: Ich halte den momentanen Weg nicht für gangbar, also die Verantwortung für wichtige Bereiche des Bildungssystems auf die kommunale Ebene zu delegieren. Im Einzelnen halte ich es für nicht vertretbar, dem einzelnen Bürgermeister zu überlassen, wie der Ausbau des Systems aussehen soll. Es kann auch nicht sein, dass die Konzepte für die Bildung unserer Kinder auf kommunaler Ebene entwickelt werden. An dieser Stelle müssen die Länder in die Verantwortung genommen werden. Auch die Professionalisierung der Fachkräfte, die Forschungsförderung und die Evaluation sind zentral zu steuern. Anderenfalls entwickelt das System eine hohe Diversität, die Bildungschancen für Kinder werden immer unterschiedlicher und das darf nicht passieren. Auf der anderen Seite sollte man aber auch überdenken, wie die finanzielle Last verteilt werden soll. Ich plädiere dafür, dass der Bund für den Ausbau der Einrichtungen aufkommt, die Länder für die Personalkosten und die Kommunen für die Betriebskosten. 


Zur Person: Prof.  Dr. Wassilios E. Fthenakis, geb. 1937 in Kilkis/Griechenland, Studium der Pädagogik in Griechenland und der Anthropologie, Humangenetik, Molekulargenetik und Psychologie in München, ist Direktor des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München und ordentlicher Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Freien Universität Bozen/Italien

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 25.10.2004
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