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30. 09. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Die Entmündigung der Eltern beginnt in der Schule"

Bundeselternratsvorsitzender Steinert will mehr Mitsprache für Eltern

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Wilfried Steinert

Bildung PLUS: Sie haben im Mai dieses Jahres den Vorsitz des Bundeselternrates übernommen. Was für Themen wollen Sie anpacken?

Steinert: Eine meiner Hauptaufgaben ist, die Motivation der Elternarbeit vor Ort zu stärken und dafür auch die Rahmenbedingungen in den Schulen zu schaffen. Auf der anderen Seite setzte ich mich dafür ein, dass wir als Eltern nicht nur auf Verordnungen und Gesetze reagieren, sondern schon in der Gestaltung mitwirken können.

Bildung PLUS: Warum wollen die Eltern in den Schulen ihrer Kinder nicht mitarbeiten?

Steinert: Im Kindergarten ist oft noch eine engagierte Elternmitarbeit zu beobachten, aber mit dem ersten Elternabend in der Schule beginnt die Entmündigung der Eltern. Da wird nämlich nicht mehr über pädagogische Dinge gesprochen, sondern die Eltern werden nur noch darüber informiert, welche Stifte sie kaufen dürfen und welche nicht. Die Eltern werden so zu reinen Informationsempfängern degradiert und das muss sich dringend ändern. Sie müssen in das Nachdenken über Pädagogik eingebunden werden. Es gibt natürlich Schulen, in denen das anders ist. Oft suchen Schulen, die Ganztagskonzepte aufgreifen, das Gespräch mit den Eltern. Und dort nimmt das Interesse an Mitarbeit bei den Eltern auch deutlich zu.

Bildung PLUS: Ihre Vorgängerin Renate Hendricks hat sich jahrelang lautstark in die Bildungsdiskussion eingeschaltet und auch Sie haben gleich klargestellt, dass die Eltern nicht nur reagieren sollten. Wie muss man sich die Rolle des Bundeselternrates in der Zukunft denn vorstellen?

Steinert: Wir wollen uns einbringen in die Gestaltung der Prozesse - und nicht erst hinterher die Ergebnisse diskutieren. Ein aktuelles Beispiel: In der Diskussion um Bildungsstandards sind wir schon bei den Anhörungen dabei. Das bedeutet natürlich eine Menge Arbeit, denn wir arbeiten im Bundeselternrat ja ehrenamtlich. Aber die Bildungsstandards würden einen Quantensprung in der Bildungspolitik bedeuten und da wollen wir auf jeden Fall mit von der Partie sein. Wir müssen uns aber auch immer lautstark zu Wort melden, denn es ist noch keine Selbstverständlichkeit, dass wir von der Politik angefragt werden.

Bildung PLUS: Sie fordern die Einrichtung einer Bundesbildungskonferenz. Gibt es denn nicht genug Konferenzen?

Steinert: Wir wollen alle Beteiligten in Sachen Schule - Eltern, Schüler und auch Lehrer, obwohl letztere schon einige Interessensverbände haben - zusammenbringen in einer Bildungskonferenz. Diese soll als konstruktives Gegengewicht zur Kultusministerkonferenz und dem Föderalismus dienen.

Bildung PLUS: Wie real ist diese Utopie?

Steinert: Natürlich ist dieses Ziel noch in weiter Ferne, aber es ist auch nicht unrealistisch. Zum Beispiel haben wir am Wochenende zusammen mit dem Vorstand der Bundesschülerkonferenz getagt, um gemeinsame Projekte und Ideen anzustoßen. Bis zur Bildungskonferenz ist noch ein weiter Weg zurückzulegen, aber wir sind gewillt, die nötigen Schritte zu gehen und man wird sehen, wie lange unser Atem reicht...

Bildung PLUS: Die Bildungsdiskussion hat im Moment verschiedene Schwerpunkte - von der frühen Förderung bis zur Ganztagsschule. Was steht denn bei Ihnen ganz oben auf der Agenda?

Steinert: Wir müssen dringend Wege finden, wie Schülerinnen und Schüler länger gemeinsam lernen können. Es kann und darf auch nicht sein, dass alle Kinder nach der vierten Klasse in eine bestimmte Schublade gesteckt werden und aus dieser kaum noch rauskommen. Gemeinsames Lernen hat noch einen weiteren Vorteil: Kinder lernen 90 Prozent ihres Wissens von ihren Mitschülern. Heterogene Lerngruppen könnten deshalb zu einem Nutzen für alle werden.

Bildung PLUS: Sie selbst haben insgesamt 12 Kinder. Inwiefern beeinflusst der familiäre Erfahrungsschatz ihre Arbeit?

Steinert: Das hat sicher einen großen Einfluss. Einer unserer Pflegesöhne wurde vor Jahren als "lernbehindert" eingestuft und macht nächstes Jahr Abitur. Ein zweiter Pflegesohn konnte jetzt von einer Schule für geistig Behinderte in die Grundschule wechseln. Und nun liegt er in der zweiten Klasse von der Leistung her im guten Mittelfeld. Das zeigt deutlich, dass viele Schülerinnen und Schüler durch soziale Umstände aussortiert werden. Ich will jetzt auch nicht unsere Familie über den grünen Klee loben, sondern mit diesem Beispiel nur sagen, dass das Schulsystem konsequent aussortiert und kaum Chancen lässt, Defizite auszugleichen oder aufzuholen. Kinder müssen im Grunde Glück mit ihrem Umfeld haben, die Schule jedenfalls hilft ihnen nicht. Unser Sohn wäre sonst mit Sicherheit nicht nur auf der Schule für geistig Behinderte geblieben, sondern auch geistig behindert gemacht worden. Wir müssen ein Bildungssystem schaffen, das allen Kindern gleiche Chancen bietet. Und das fängt bereits im Kindergarten an.

Bildung PLUS: Sie sind Schulleiter der Waldhofschule Templin, einer ehemaligen Förderschule für geistig Behinderte, die sich nun zu einer integrativen Grundschule weiter entwickelt hat. Wie steht es dort mit Ideal und Realität - auch in Bezug auf die Elternmitarbeit?

Steinert: In meiner Schule in Templin in Brandenburg bin ich nicht nur Schulleiter, sondern wir haben hier ein ganzes Projekt, für das ich verantwortlich bin - Integrations-Kita, Frühförderungs-Beratungsstelle und Schule. Wir versuchen ein Gesamtangebot zu schaffen, in dem von der Krippe an den Kindern ein Lern- und Lebensumfeld geboten wird, in dem möglichst alle gleiche Chancen bekommen. Was die Eltern angeht, will ich nichts beschönigen: Es ist insgesamt ein mühsamer Prozess. Selbst hier, wo ein hohes Engagement der Eltern da ist, bleibt es immer wieder schwierig, die Eltern zu motivieren, dass sie sich aus Eigeninitiative einbringen. Meine Zielvorstellung ist, dass sich Eltern positiv in den Gestaltungsprozess einschalten und nicht nur, wenn man sie auffordert oder wenn etwas nicht klappt. Die breite Masse der Eltern ist einfach immer noch froh, dass die Kinder gut aufgehoben sind und ist der Meinung, dass sie mit den Erziehungsfragen daheim genug ausgelastet sind. Deshalb ist es so schwierig, eine Balance zwischen Lehrer- und Elternaktivität hinzubekommen.


Wilfried Steinert, 1950 geboren, verheiratet und Vater von zwölf Kindern und Pflegekindern, von denen fünf noch zu Hause leben. Nach einer technischen Lehre studierte er Theologie, war Pfarrer in Essen und Minden und Religionslehrer in Berlin. Von 1991 bis Januar 2002 war Wilfried Steinert als Prüfungsreferent und Fachreferent im Konsistorium der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und als Kirchenschulrat zuständig für die Fachaufsicht über den Religionsunterricht an den Schulen. Seit Februar 2002 ist er Schulleiter der Waldhofschule - "Eine Schule für alle" - in Templin, einer integrativen Grundschule mit angegliederten Förderklassen für Geistigbehinderte in Trägerschaft der Stephanus-Stiftung und seit Mai 2004 Vorsitzender des Bundeselternrates.

 

 

Autor(in): Ursula Münch/Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 30.09.2004
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