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20. 09. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Geprüft oder nicht geprüft - das ist die Frage, Teil 1

Wie selbstständigere Schulen in Zukunft überprüft werden

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Gymnasium erhält Besuch

Vor vier Jahren stand das deutsche Schulsystem bei PISA auf dem Prüfstand und die Ergebnisse dieser internationalen Vergleichsuntersuchung haben unsere Gesellschaft geschockt. PISA hat eine "empirische Wende" bewirkt, wie Staatsrat Hermann Lange aus Hamburg  feststellte. Nun geht auch der Dornröschenschlaf der Schulen vor Ort zu Ende. Die "empirische Wende" im Schulalltag - sie vollzieht sich jetzt gerade auf verschiedenen Ebenen des Schullebens. Eine davon: Der Schul-TÜV kommt.  

Die Schulen müssen zusehends mit kritischem Besuch von draußen rechnen. Die Besucher, Schulinspektoren, teilen standardisierte Fragebögen aus, gehen in den Unterricht, sprechen mit Schulleitern, Eltern und Kindern. Und sie kommen immer wieder. Nur kommen die Schulinspekteure jetzt nicht mehr nur von internationalen Organisationen wie der OECD, sondern von Qualitätsagenturen, die unter der Ägide der Kultusministerien stehen. In den meisten Fällen werden die Länder bei der Einführung externer Evaluation von Hochschulen wissenschaftlich beraten. 

Mittlerweile wurden längst Konsequenzen aus PISA gezogen. Eine wichtige Erkenntnis ist: Der Staat muss die Zügel der Schulen lockern. Die Feinsteuerung überlässt er den Schulen vor Ort, die oft viel besser entscheiden können, was sie brauchen, um die Schule ans Laufen zu kriegen. Die Länder geben den Schulen in Zukunft unter Titeln wie "selbstständige Schule" oder "eigenverantwortliche Schule" mehr Freiraum für eigene Wege ihrer Entwicklung. Dafür nehmen sie die Ergebnisse der pädagogischen Bemühungen sehr viel stärker unter die Lupe. Wie die Schulen guten Unterricht machen, wie sie das Schulleben gestalten - das ist ihre Sache. Aber auch ihre Verantwortung.   

Schulinspektionen oder, im Jargon der Bildungsverwaltung, externe Evaluationen durch unabhängige Einrichtungen, sollen keine Angst säen. Die Macht der Schulinspektoren geht nicht so weit, dass sie Lehrkräfte befördern oder ihnen Verweise aussprechen können. Die Personen, die dienstrechtliche Beurteilungen aussprechen und Empfehlungen für bessere pädagogische Arbeit geben, sind nicht dieselben. Auch aus diesem Grund setzen viele Länder auf relativ unabhängige Qualitätsagenturen. 

Schulen, die sich selbst prüfen (interne Evaluation) und sich von einer unabhängigen Einrichtung prüfen lassen (externe Evaluation), verschaffen sich einen Überblick über ihre Stärken und Schwächen und können weiter daran arbeiten, noch besser zu werden. Dies ist ein großer Vorteil gegenüber solchen, die sich enthalten. Eine Schule, die sich selbst evaluiert und auch von einem externen Team begutachten lässt, bekundet eine professionelle Einstellung zur pädagogischen Arbeit.

Unter Evaluation versteht man die geplante, systematisch angelegte Sammlung von Informationen an Schulen mit dem Ziel, die Daten zu analysieren und schließlich zu interpretieren. Das Besondere bei der Evaluation ist ihre Orientierung an Zielen - an eigenen Zielen der Schule und an vorgegebenen Zielen wie z.B. Bildungsstandards - deren Erreichen systematisch geprüft wird. Bei der Evaluation werden nicht nur Output-bezogene Ziele in den Blick genommen, sondern auch der Unterricht und der die Schulentwicklung werden analysiert.

Qualitätsüberprüfungen sind kein Selbstzweck, sondern müssen einen konkreten Nutzen für die Menschen haben, die am Schulleben teilnehmen, seien es Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrkräfte oder Außenstehende. Anders wäre der Aufwand für die Evaluationen auch kaum zu rechtfertigen. Selbstkritische Schulen, die bereit sind, sich weiterzuentwickeln, ernten Pluspunkte in der Öffentlichkeit. In Zukunft wird kaum ein Land darauf verzichten, seine Schulen in irgendeiner Form auch von außen begutachten zu lassen. 

Bildung PLUS stellt die Ansätze einiger Länder vor, die Schulinspektoren Einlass in die Klassenzimmer gewähren. Wie so häufig, beanspruchen gleich mehrere Länder für sich die Vorreiterrolle in punkto Qualitätstests von außen.
Länder, deren Schule mit dem Besuch von Inspektoren rechnen müssen:  

Baden-Württemberg
"Selbstvergewisserung in der Alltagsarbeit" lautet das Motto der Evaluation in Baden-Württemberg. Das Land setzt auf ein System von interner und externe Evaluation, aber zunächst stark auf Selbstevaluationen. Es versteht Schulen als "lernende Organisationen". Bei der internen Evaluation, wo Schulen selbst ihre Qualität überprüfen, werden sie  von "Evaluationsberatern" unterstützt. Die externe Evaluation ist im Ländle stark mit der Entwicklung der Schulautonomie verquickt. Und mit der Entwicklung eigenständigerer Berufsschulen - Operativ Eigenständige Schule (OES). 

Start der Schulinspektionen ist der September 2004 - hier werden Schulleitungen über Selbst- und Fremdevaluationen informiert. Letztendlich müssen alle Schulen mit Besuch von Schulinspektoren rechnen. Für allgemeinbildende Schulen wird es im Schuljahr 2004/2005 ernst. Das Evaluationsteam ist organisatorisch am Landesinstitut für Erziehung und Unterricht angesiedelt. Lohn der Qualitätstests: Evaluationsberichte und Zielvereinbarung.  

Bayern
"Es geht hier nicht um Kontrolle, sondern um eine Begleitung und Stärkung der Qualitätsprozesse an den Schulen", sagte Hohlmeier zur Einführung eines Bildungsmonitoring in Bayern. Bildungsmonitoring (englisch "to monitor": "überwachen") - darunter versteht man ein System ständiger Überprüfung der pädagogischen Arbeit an Schulen von außen. Die Qualitätschecks durch so genannte Evaluationsteams sollen die bayerischen Schulen "in ihrer Vielfalt stärken". Das Evaluationsteam setzt sich aus Lehrern, Vertretern der Wirtschaft, Hochschulen und Elternvertreter zusammen. Es besteht aus fünf bis sieben Personen. Der Probelauf begann im März 2004. Hierzu meldeten die Schulen sich freiwillig.

So läuft ein externer Qualitätscheck in Bayern ab: Auswahl der Schulen; Vorgespräch an der Schule; Organisationsgespräche; Schulbesuch von drei Tagen (Gebäuderundgang, Unterrichtsbesuche etc.); Entwurf des Evaluationsberichts zwei Wochen nach Besuch; Abschlussbericht mit Zielvereinbarungen.  

Die Schulaufsicht und die Qualitätsagentur erhalten ein Exemplar des Abschlussberichts, nicht aber das Kultusministerium. So wird die relative Unabhängigkeit des Qualitäts-Checks gewährleistet. Organisatorisch werden die Evaluationsteams ähnlich wie in Schleswig-Holstein an die Schulaufsicht gekoppelt, die für sich eine "neue Rolle" definieren muss. Die Schulaufsicht soll von der Feinsteuerung wegkommen und den Schulen "gezielte Unterstützung" anbieten. Für inhaltliche Fragen des Qualitäts-Checks ist die Qualitätsagentur zuständig.  

Berlin
"Ich möchte, dass alle Schulen bis Ende 2006 gemessen und gewichtet sind", sagt Bildungssenator Klaus Böger der Berliner Morgenpost. Der Qualitätstest soll gemeinsam mit der Freien Universität in Berlin erarbeitet werden. Die Schulaufsicht wird auf mehr Qualitätsmanagement eingeschworen. Auch in Berlin gilt, dass Schulautonomie - genauer gesagt, das "Modellvorhaben Eigenverantwortliche Schule" (MES) - den Motor externer Evaluation ankurbeln dürfte. Darüber hinaus verpflichtet das neue Berliner Schulgesetz alle Schulen zur andauernden Qualitätssicherung.  

Brandenburg
"Jede Schule im Land Brandenburg soll von externen Gutachtern des Schul-TÜV in regelmäßigen Abständen auf Herz und Nieren geprüft werden", sagt Steffen Reiche, Bildungsminister in Brandenburg. Wichtigstes Instrument des Qualitäts-Checks in Brandenburg sind die "Visitationsteams" nach niederländischem Vorbild. Doch auch die Bertelsmann-Stiftung stand Pate mit dem Projekt "Internationales Netzwerk Innovativer Schulen". Das Visitationsteam, bestehend aus einem Pädagogen und einem Vertreter der Schulaufsicht begutachten jährlich rund 180 Schulen. Die Teams beginnen mit den Qualitäts-Checks im Schuljahr 2004/2005: Während einer Pilotphase werden einige Dutzend Schulen untersucht. Leitfaden der Checks ist der "Orientierungsrahmen für Schulqualität". Am Ende des Schul-TÜVs stehen Zielvereinbarungen und ein Bericht der Schulvisitation.  

Bremen
"Die Experten haben uns sehr hilfreiche Beobachtungen, Analysen und Empfehlungen gegeben", sagt Bildungssenator Willi Lemke zur Auswertung der externen Evaluation im kleinsten Bundesland. Bereits 2002 hatte der "Runde Tisch Bildung" einen Schul-TÜV nach dem Muster Schleswig-Holsteins angeregt. Schließlich entschied sich Bremen in Anbetracht der Bedeutung frühzeitiger Förderung für den Blick auf die Grundschulen. Hier geht es um Stärken und Schwächen der Grundschulen. Dazu haben zwanzig "externe Experten", so heißen Schulinspektoren in Bremen, als "Tandems" 27 Grundschulen unter die Lupe genommen. Angesiedelt ist der Qualitäts-Check in Bremen im Umfeld des Landesinstituts für Schule (LIS). 

Fazit der Schulinspektion in Bremen: "Mit einer Reihe beachtlich guter Grundschulen" sind wir gar nicht mal so schlecht, aber "weitere Veränderungen sind notwendig". Fünf Felder haben die Bremer Schulinspektoren genauer untersucht: 1. Lehren und Lernen (Heterogenität als Chance), 2. Schulklima (insbesondere Ganztagsschulen), 3. Kollegium, 4. Schulleitung, 5. Steuerung und Unterstützung.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 20.09.2004
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