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30. 08. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Sommerfrische, Teil 8

Kurzinterviews zu Bildungsbiografien

lse Brigitte Eitze-Schütz, Leiterin des Pädagogischen Austauschdienstes der Kultusministerkonferenz in Bonn
Ilse Brigitte Eitze-Schütz, Leiterin des Pädagogischen Austauschdienstes der Kultusministerkonferenz in Bonn

Ilse Brigitte Eitze-Schütz, Leiterin des Pädagogischen Austauschdienstes der Kultusministerkonferenz in Bonn

Bildung PLUS: Welche Menschen und welche Ereignisse haben Ihre Bildungsbiografie
nachhaltig beeinflusst?

Eitze-Schütz: Den größten Einfluss haben meine Eltern und die erweiterte Familie ausgeübt, vor allem jedoch mein Vater; ein Einfluss, der mir - wie vielen Heranwachsenden - erst im Nachhinein richtig bewusst geworden ist. Ebenso ist mir erst später bewusst geworden, wie stark die politische und gesellschaftliche Situation und der Zeitgeist Einfluss auf die persönliche Entwicklung und die persönliche Meinungsbildung haben.

Ich bin in den 1950er und 1960er Jahren aufgewachsen und zur Schule gegangen;  in einer Zeit, in der es zu Beginn noch Schichtunterricht - also abwechselnd vormittags und nachmittags - gab und Klassen mit 50 Kindern. In der Gesellschaft herrschten überwiegend eindeutige Verhaltenserwartungen und  dem entsprechende Verhaltensweisen. Zunehmender Wohlstand, gesellschaftliche Aufbruchstimmung, radikale Kritik am Überlieferten, für die der Begriff des "Hinterfragens" symptomatisch war, bestimmten dann später das Lebensgefühl.

Mein Vater, promovierter Philologe, dessen geplante Universitätslaufbahn durch den Krieg unterbrochen wurde, ist dann Lehrer, Schulleiter und Schulaufsichtsbeamter geworden. Von ihm habe ich - getreu Fröbels Maxime: "Erziehung ist Beispiel und Liebe, sonst gar nichts." - den Respekt und die Achtung vor den Mitmenschen mitbekommen sowie die hohen Anforderungen an sich selbst, die in dem Engagement über die Pflichterfüllung hinaus liegen, der Redlichkeit und der Gediegenheit des eigenen Handelns und in einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl. Der calvinistische Hintergrund meiner Familie hat diese oft  als "preußisch" bezeichneten Tugenden noch verstärkt. Der Respekt, mit dem mein Vater seinen Mitmenschen begegnete, und sein Bemühen um Gerechtigkeit haben dafür gesorgt, dass er nie schematisch oder überfordernd vorgegangen ist sondern immer die jeweils einzelne Situation und den jeweils einzelnen Menschen, mit dem er es zu tun hatte, gewürdigt hat. Hohe Anforderungen stellen, und zwar immer zunächst an sich selbst und dann an andere, ohne sie zu überfordern, waren Grundlagen seines Handelns. Ich hoffe, ihm in diesem Sinne eine gute Nachfolgerin zu sein.

Im Laufe meines Lebens bin ich immer wieder auf Menschen getroffen, die mich beeindruckt und beeinflusst haben. Dazu gehörten aus meinem engeren Lebens- und Erfahrungsbereich Lehrer, Mitschülerinnen und deren Familien, später Kolleginnen und Kollegen an der Schule, aber auch meine Schülerinnen und Schüler und bis heute meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - von allen konnte und kann ich lernen. Außerhalb dieses Kreises will ich zwei Bereiche stellvertretend nennen: Literatur und mein erziehungswissenschaftliches Begleitstudium, das neben den Fächern Englisch und Französisch zu absolvieren war. Alle Einflüsse, die im Positiven und Negativen und wechselwirkend mich geformt haben, kann ich im einzelnen nicht darstellen. Die Lektüre der Werke von Max Frisch und Heinrich Böll haben sicherlich Spuren in meinem Weltbild hinterlassen. Ebenso haben die Reformpädagogik und die Schulreform - insbesondere die Gesamtschulentwicklung - über weite Strecken mein Berufsleben geformt.


Bildung PLUS: Welche Erinnerungen und Erfahrungen an Ihre Schulzeit wünschen Sie auch heutigen Schülerinnen und Schülern und welche sollten den Kindern dagegen erspart bleiben?

Eitze-Schütz: Ich habe viele gute Erinnerungen an meine Schulzeit. Ob es die Ursache dafür ist, dass ich eine insgesamt "gute" Schülerin war oder ob ich deshalb zu einer "guten" Schülerin geworden bin, ist schwer einzuschätzen. Ich hatte das Glück, Lehrerinnen und Lehrer zu haben, die mir wohl gesonnen waren und meine Schwächen in der Mathematik und den Naturwissenschaften nicht bloßgestellt haben. Ich hatte auch das Glück, ein modernes neusprachliches Mädchengymnasium zu besuchen, das uns schon zu Beginn der 1960er Jahre Brieffreundschaften nach England vermittelte, so dass ich als 14-Jährige zum ersten Mal mit einer Gruppe aus meiner Klasse an einem Schüleraustausch teilnehmen konnte. Sehen und erleben, wie andere in derselben Situation leben, denken und handeln, wie sie mit ihrer Umgebung umgehen, wie Schule woanders aussieht, wie das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern ist, dass in der Schule Gelerntes - nämlich Englisch - unmittelbar anwendbar ist, das waren Eindrücke, die meinen späteren beruflichen Weg mitbestimmt haben. Mit Überraschung haben wir Schülerinnen damals festgestellt, dass Fächer wie Fremdsprachen, Mathematik und Naturwissenschaften dort anders unterrichtet und gelernt wurden als wir es von unserer eigenen Schule kannten - und als selbstverständlich und unveränderbar angesehen hatten. Zu den überraschenden Eindrücken gehörte auch die Rückkehr in die eigene Lebenswelt, die ich mit den England-Erfahrungen in manchen Teilen anders sah als vorher. Diese Erfahrung hat dazu geführt, dass mir schon vor den Studien zum interkulturellen Lernen bewusst war, dass internationaler Austausch und internationale Zusammenarbeit nicht nur Lern- und Erkenntniszuwachs in Bezug auf das "andere" Land einbringen, sondern ebenso in Bezug auf das "eigene". Mein erster Austausch mit Frankreich zwei Jahre später hat mir deutlich werden lassen, dass Schulpartnerschaften und Schüleraustausch tatsächlich als politisches Instrument der Völkerverständigung dienen können: "Mais c´est vous qui avez perdu la guerre!" sagte meine Gastfamilie in einem kleinen Dorf im Périgord und behandelte mich dennoch freundlich und als Teil der Familie.

Ein Erlebnis aus meiner Schulzeit hat mich besonders beeindruckt und auch beeinflusst. Ich war leider nicht sehr sportlich und tat mich schwer, sowohl in der Halle als auch in der Leichtathletik. Das war - und sicherlich ist das auch heute noch so - für Heranwachsende etwas, womit sie in der Gruppe keine Punkte machen konnten, so dass sie mit sich unzufrieden und sogar unglücklich waren. Ich hatte das Glück, in der Oberstufe eine sehr verständnisvolle Sportlehrerin zu haben, die mir und den beiden anderen, denen es ebenso ging, sehr geholfen hat. "Wenn diese drei", sagte sie, "diese Übung bewältigen, ist es, als wenn die anderen sich für Olympia qualifizieren." Sie hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, weder durch Gleichgültigkeit noch durch Verächtlichmachung von Lehrern - und Mitschülern - verletzt zu werden.

Schon lange bevor ich mich mit Erziehungswissenschaften und Personalführung beschäftigt habe, habe ich so erfahren, dass es notwendig ist, Leistungen und Lernfortschritte differenziert zu betrachten und zu beurteilen, Menschen nicht zu disqualifizieren sondern nach ihren Fähigkeiten einzusetzen .

Ich wünsche also heutigen Schülerinnen und Schülern, dass sie Lehrerinnen und Lehrer haben, die sie als Individuen sehen und sie stärken und ihnen helfen, mit ihren Schwächen umzugehen - und dass ihnen erspart bleibt, herabgesetzt und in ihrem Selbstwertgefühl geschädigt zu werden! Nur so können sie die Leistungen, zu denen sie fähig sind, auch erbringen. Hartmut von Hentig sagt dazu: "Die Menschen stärken, die Sachen klären."

Autor(in): Ursula Münch
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Datum: 30.08.2004
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