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16. 08. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Sommerfrische, Teil 6

Kurzinterviews zu Bildungsbiografien

Grietje Bettin, Bündnis 90 - die Grünen, Sprecherin der Fraktion für Bildungspolitik
Grietje Bettin,
Bündnis 90 - die Grünen, Sprecherin der Fraktion für Bildungspolitik

Grietje Bettin, Bündnis 90 - die Grünen, Sprecherin der Fraktion für Bildungspolitik.

Bildung PLUS: Welche Menschen und welche Ereignisse haben Ihre Bildungsbiografie nachhaltig beeinflusst?

Bettin: Ich hatte eine sehr strenge, aber konsequente und engagierte Grundschullehrerin, die mich individuell mit Zusatzaufgaben gefördert hat.

Dagegen wurden Kreativität und Neugier auf dem Gymnasium nicht gefördert, sondern fast systematisch ausgeschaltet. An Fächern wie Mathematik und Chemie verdarben mir Lehrer ohne didaktische Fähigkeiten Spaß und Interesse.

Mein Geschichtslehrer trug drei Jahre lang monoton die Texte aus dem etwa 100 Seiten umfassenden Buch "Grundwissen Geschichte" vor, statt sich um die Vermittlung historischer Zusammenhänge zu bemühen. Der Unterricht war reine Zeitverschwendung. Statt zuzuhören erledigten wir Schülerinnen und Schüler lieber die Hausaufgaben aus anderen Fächern. Folge: Geschichtliches Wissen muss ich mir für meine politische Arbeit heute meist neu erarbeiten.

Überfüllte Hörsäle an der Uni Kiel vertrieben mich nach nur drei Wochen an die Uni Flensburg. Dort studierte ich statt Politologie Pädagogik und hatte statt anonymer Massen-Uni kleine Seminare und zu den Dozentinnen und Dozenten meist den direkten Draht. Das ermöglichte mir ein effektives Studium mit schnellem Abschluss.

Bildung PLUS: Welche Erinnerungen und Erfahrungen an Ihre Schulzelt wünschen Sie auch heutigen Schülerinnen und Schülern und welche sollten den Kindern dagegen erspart bleiben?


Bettin: Die individuelle Betreuung, wie ich sie durch meine Grundschullehrerin erfahren habe, wünsche ich mir in allen Schulen und Schularten - für alle Schülerinnen und Schüler. Das bringt einen echt voran!

Ich wünsche mir andere Leistungsanreize als nur Noten. Interessegeleitetes Lernen muss in Zukunft eine Hauptrolle spielen, ohne dass Schule dadurch in Beliebigkeit verfällt. Lernen bedeutet nicht: Pauken bis zum nächsten Test, sondern Zusammenhänge verstehen - beispielsweise durch mehr fächerübergreifende Projekte.

Schon in der Schule sollen mehr Praktika stattfinden, um seine Fähigkeiten und Interessen kennen zu lernen. Nicht zuletzt vermisste ich in meiner Schulzeit eine gründliche Berufsberatung noch vor dem Schulabschluss.

Erspart bleiben sollen den Kindern Lehrpersonal mit mangelndem Engagement. Deswegen müssen motivierte Lehrerinnen und Lehrer künftig für guten Unterricht belohnt werden.

 

Dr. Gesine Lötzsch, Bundestagsabgeordnete der PDS
Dr. Gesine Lötzsch, Bundestagsabgeordnete der PDS

Dr. Gesine Lötzsch, Bundestagsabgeordnete der PDS

Bildung PLUS: Welche Menschen und welche Ereignisse haben Ihre Bildungsbiografie nachhaltig beeinflusst?

Lötzsch: Die Grundlage für die Bildung wird im Elternhaus gelegt. In meinem Elternhaus gab es nicht nur viele Bücher, sondern auch Schallplatten und Bilder, jedoch keinen Fernseher. Eine der wichtigsten Entscheidungen, für die ich meinen Eltern sehr dankbar bin, war, mich nach der 2. Klasse in eine andere Schule umzuschulen. Ab der dritten Klasse besuchte ich eine Klasse mit erweitertem Fremdsprachenunterricht (Russisch ab Klasse 3). Da die Schüler in diese Klasse nur nach einer Prüfung aufgenommen wurden, war das Niveau höher als in meiner vorherigen Schule. Außerdem wurde ich durch den längeren Schulweg früher selbständig.
Nach dem Abitur begann ich zwar sofort zu studieren, musste aber wegen einer schweren Infektionskrankheit das Studium abbrechen. Als ich ein Jahr später das Studium wieder aufnahm, war ich nicht nur doppelt motiviert. Bereits im ersten Studienjahr wurde ich intensiv von meiner Seminargruppenbetreuerin Prof. Gisela Brandt betreut. Ja, damals kümmerten sich Dozenten und Professoren um Erstsemester. Positiv beeinflusst hat mein Studium auch, dass 1981 ein Grundstipendium von 200 Mark (210 Mark in Berlin) für alle Studentinnen und Studenten eingeführt wurde. Davon konnte man auch ohne ständige Nebenjobs leben.

Bildung PLUS: Welche Erinnerungen und Erfahrungen an Ihre Schulzelt wünschen Sie auch heutigen Schülerinnen und Schülern und welche sollten den Kindern dagegen erspart bleiben?

Lötzsch: Ich wünsche den Kindern, dass sie Lehrer finden, die ihre Stärken fördern und nicht in ihren Schwächen rumbohren. Ich wünsche den Schülern, dass sie wie ich durch Schüleraustausch sich auch schon als Kinder im Ausland zurechtfinden.
Erspart bleiben sollte heutigen Schülern, dass jede und jeder in jeder Sportart glänzen sollte. Eine Auswahl - wie beim Sport im Studium - ist da schon besser.

Autor(in): Ursula Münch
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Datum: 16.08.2004
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