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12. 08. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Wozu taugt ein Bachelor? Teil 2

Wert des Bachelor- und Masterstudiums für Wirtschaft und Gesellschaft

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Studierende in einer Vorlesung

Die Verkürzung des Regelstudiums mit dem Zweck, flinke hochqualifizierte und zielorientierte Diener für europäische Unternehmen zu produzieren, stößt indes nicht nur auf Gegenliebe. Wenn bei der Hochschulausbildung immer nur auf die Bedürfnisse der Wirtschaft geschaut wird, könnte die "dauerhafte Berufsfähigkeit" der Absolventen unter die Räder kommen. So bemängelt der Bund demokratischer Wissenschaftler (BdWi), dass in der gegenwärtigen Hochschulreform der Maßstab für einen "langfristigen gesellschaftlichen Qualifikationsbedarf" fehlt.

Kurzfristige Nachfrage versus langfristiger Bedarf
Für den BdWi ist das Employability-Konzept der gegenwärtigen Hochschulreform schlicht "neoliberal". Denn dem Maßstab für langfristigen Qualifikationsbedarf widerspreche, dass nahezu die gesamte Bologna-Debatte von verkürzten ökonomischen Überlegungen geprägt sei, in denen "die Praxisrelevanz von Bildung auf unmittelbar >arbeitsmarktbezogene Qualifikationen< reduziert" werde. "Das neoliberale Employabiltiy-Konzept (...) verbindet darüber hinaus diese funktionalistische Verkürzung von Bildung mit einer Individualisierung des Arbeitsmarktrisikos."

Natürlich wollen auch die Marburger Wissenschaftler, die einen emanzipatorischen Ansatz vertreten, dass wissenschaftliche Qualifikationen in "reale Beschäftigungschancen" münden. Allerdings sollte sich die Praxisrelevanz der Studiengänge am "gesellschaftlichen Arbeits- und Tätigkeitsbedarf" ausrichten, die über einen "kurzfristigen Verwertungsaspekt" hinausgehen. Der gesellschaftliche Bedarf deckt sich nicht ohne weiteres mit den Bedürfnissen der Wirtschaft. Die Mobilität innerhalb Europas sollte nicht erkauft werden um den Preis der "Kommerzialisierung höherer Bildung".

Der BdWi fordert daher die "Erweiterung von Erfahrungen einer wachsenden Zahl von Studierenden in Europa". Und nicht Privilegien für eine elitäre Minderheit, die als high-potentials von Unternehmen zu Unternehmen springen können, sei es im Inland oder im Ausland. Auch die höhere Weihen der Bildung, die erst der Master ermöglicht, eine "selbstständige wissenschaftliche Handlungskompetenz", sollte nicht einer gesellschaftlichen Minderheit vorbehalten bleiben.
 
Die Nase vorn durch konzertierte Aktion
Durch solche Einwände lässt sich Nordrhein-Westfalen nicht vom Kurs abbringen, das derzeit führend ist in Hinsicht auf die Umstellung der Studien auf gestufte Studiengänge. Rund 20 Prozent aller Studien sind bereits komplett umgestaltet und damit europaweit vergleichbar. Auch die Abbrecherquote hat sich angeblich stark verringert. Im früheren Magisterstudium brachen 90 Prozent der Abbrecher ihr Studium bereits in den ersten Semestern ab, die durchschnittliche Studiendauer lag bei 15 Semestern. Beim umgestellten Bachelor sieht das Bild anders aus: 75 Prozent der Absolventinnen und Absolventen des Bachelor-Studienganges Sozialwissenschaften in Düsseldorf haben das Studium in der Regelstudienzeit von drei Jahren abgeschlossen.

Für Thomas Brendstedt, Sprecher des Ministerium für Wissenschaft und Forschung NRW, ist das Bachelor-Studium keine "Nottaufe" für Abbrecher: "Bachelor ist keine Zwischenprüfung", sagt er. Hochschulabsolventen mit Schlüsselkompetenzen, die sonst in der Wirtschaft gefragt sind, etwa mit Kenntnissen in Projektmanagement oder Präsentationstechniken, könnten auch an den Hochschulen Nutzen stiften. Wenn die Hochschule etwa Drittmittel für die Forschung anwerben müsse.

Das Argument, der Bachelor-Abschluss als Regelstudium für die Masse und Masterstudium für die Elite kann er nicht nachvollziehen. Gerade Studierende bildungsferner Schichten gehörten früher zu den Studienabbrechern. Sie hat die Unübersichtlichkeit der Studien und die lange Studiendauer oft abgeschreckt. Doch mit einem Studium, das aus übersichtlichen Lernbausteinen bestehe, das praktisch relevant ist, sei für die Studierenden bildungsferner Schichten die wichtigste Frage gelöst: Was kann ich mit dem Studium anfangen?

In NRW läuft unter dem Titel "NRW auf dem Weg nach Bologna" eine konzertierte Aktion von Wissenschaftsministerium, Arbeitgeberverbände NRW, Industrie- und Handelkammer, Westdeutscher Handwerkskammertag, Landesarbeitsamt und dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) mit dem Ziel, die Akzeptanz der gestuften Studiengänge in Wirtschaft und Gesellschaft zu stärken.

Inzwischen hat die Wirtschaft auch bundesweit eine Aktion gestartet, für die neuen Studiengänge zu werben. Unter dem Label "Bachelor welcome" sprechen sich 15 große deutsche Unternehmen wie die Deutsche Bahn, Telecom und Bertelsmann für eine konsequente Umstellung auf die gestuften Studiengänge aus. Arendt Oetcker, Präsident des Stifterverbandes für die Deutsche Wirtschaft, hält die strukturelle Neuausrichtung des deutschen Studiensystem für unumkehrbar. "Nicht mehr das >Ob< steht in Frage, sondern nur noch das >Wie<."

 

Autor(in): Arnd Zickgraf
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Datum: 12.08.2004
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