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02. 08. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Sommerfrische, Teil 4

Kurzinterviews zu Bildungsbiografien

Ulrike Flach, Mitglied des Deutschen Bundestages, Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung
Ulrike Flach, Mitglied des Deutschen Bundestages, Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung

Ulrike Flach, Mitglied des Deutschen Bundestages, Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung

Bildung PLUS: Welche Menschen und welche Ereignisse haben Ihre Bildungsbiografie nachhaltig beeinflusst?

Flach: Wie bei vielen Jugendlichen basierten meine Bildungsentscheidungen nach dem Abitur 1969 auf sehr viel Zufall, ein bisschen Glück und einer gehörigen Portion Abenteuerlust. Ich wollte erst einmal raus aus Deutschland, ging für ein ½ Jahr nach London und kam mit dem festen Willen zurück, eine Ausbildung zu beginnen, die mir große Bewegungsfreiheit und so wenig Stillstand wie möglich bringen sollte. Es folgte das Studium der angewandten Sprachwissenschaften an den Unis Mainz, London und Genua. Es folgte aber auch die direkte Konfrontation mit den Spätfolgen der "wilden 68er". Demonstrationen, Sit-ins und endlose politische Debatten prägten meine Studienzeit und meine Entscheidungen für die Zukunft. Die tiefe Abneigung gegen Hierarchien, Bürokratie und starre Strukturen und die Begeisterung für politische Prozesse hat mich seitdem nicht mehr verlassen.

Bildung PLUS: Welche Erinnerungen und Erfahrungen an Ihre Schulzelt wünschen Sie auch heutigen Schülerinnen und Schülern und welche sollten den Kindern dagegen erspart bleiben?

Flach: Ich wünsche den heutigen Schülern, dass die wirtschaftliche Lage Deutschlands ihnen bald das ermöglichen wird, was für meine Abiturgeneration fast eine Selbstverständlichkeit war, - die unbelastete, freie Wahl des Berufes, den wir wollten und den problemlosen Einstieg in die Arbeitswelt. Ich hoffe es bleibt ihnen erspart, disziplinarische Methoden zu erleben, wie wir sie in Form des Rohrstockes oder der Ohrfeige noch erlebten mussten. Und ich hoffe auch, dass sie die Aufteilung der Gesellschaft in Kinder gut verdienender Eltern, die ganz selbstverständlich auf die weiterführende Schule gingen und solche, deren Elternhaus per se schon eine Barriere für den Sprung aufs Gymnasium war, nicht erleben müssen.

 

Wilfried Wolfgang Steinert, Vorsitzender des Bundeselternrates
Wilfried Wolfgang Steinert, Vorsitzender des Bundeselternrates

Wilfried Wolfgang Steinert, Vorsitzender des Bundeselternrates

Bildung PLUS: Welche Menschen und welche Ereignisse haben Ihre Bildungsbiografie nachhaltig beeinflusst?

Steinert: Von vielen für mich wichtigen Personen war meine erste Volksschul-Lehrerin diejenige, die mir die Lust am Lernen und am Lesen vermittelt hat. Sie hat es verstanden, immer wieder neu die Neugier zu wecken und selbst nach Lösungen zu suchen. So habe ich als Kind nicht nur sämtliche Karl-May-Romane verschlungen, sondern auch alles, was ich an Sachbüchern über Natur und Technik in die Finger bekommen konnte. Das größte Geschenk war für mich, als ich als 12Jähriger zu Weihnachten den Brockhausband "Das große Buch der Technik" bekam. Zu Neujahr war dieses Werk bereits durchgelesen. Noch heute kann ich mich an viele Beschreibungen und Erläuterungen erinnern.
Erklärungen suchen, den Dingen auf den Grund gehen, verstehen wollen, - das hat meine erste Lehrerin gefördert und herausgefordert. Und das hat mich in meiner Ausbildung zum Fernsehtechniker ebenso begleitet wie im Theologiestudium. Damit war für mich ein Grundstein lebenslangen Lernens gelegt.
So ist vielleicht auch nicht verwunderlich, dass gerade Hartmut von Hentig als Pädagoge für mich Vorbild und Ansporn ist: "Die Dinge klären - die Menschen stärken".

Bildung PLUS: Welche Erinnerungen und Erfahrungen an Ihre Schulzelt wünschen Sie auch heutigen Schülerinnen und Schülern und welche sollten den Kindern dagegen erspart bleiben?

Steinert: Die ersten vier Jahre in der Volksschule sind in der Erinnerung verankert als eine schöne Zeit; die Klassengemeinschaft war gut. Wir waren fröhlich. Das Lernen hat Freude gemacht. Viele Exkursionen wurden gemacht: Besuche beim Imker, in der Schmiede, beim Bäcker in der Backstube und, und, und.... Das Leben unseres Dorfes spiegelte sich im Schulleben wieder.
Ganz anders die Zeit ab der fünften Klasse auf dem Gymnasium - nur für Jungen. Druck, Konkurrenzkampf und noch einmal Druck. Nicht mehr der Erkenntnisdrang stand im Vordergrund, sondern das Erreichen der guten Noten. Dieses Klima hatte mir Schule so verleidet, dass ich nach der 10. Klasse von Schule nichts mehr wissen wollte. Glücklicherweise hatte ich in der Lehre einen Chef und in der Berufsschule wieder Lehrer, die uns ernst nahmen und Freiräume gaben. Ja, sie begaben sich mit uns in gemeinsame Lernprozesse - und konnten eigene Fehler eingestehen. Das war für mich vielleicht sogar die wichtigste Erfahrung: Eine Doppelstunde lang stritt ich mich mit dem Fachlehrer über die richtige Berechnung einer elektronischen Schaltung. Zum Schluss erkannte er, dass ihm ein Denkfehler unterlaufen war - und sah seinen Fehler ein! Der Respekt, den er damit gewonnen hatte, dass er seinen Fehler eingestand, hat mich im Umgang mit eigenen Fehlern sensibilisiert.

Aus Fehlern lernen - damit kommen wir weiter: Diese Freiheit und Offenheit wünsche ich meinen Kindern und Enkelkindern!

Autor(in): Ursula Münch
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Datum: 02.08.2004
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