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22. 07. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Pädagogen im Sog des Wandels, Teil 1

Kompetenzen von Lehrerinnen und Lehrern - Tagung des Lehrerbildungszentrums in Köln

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Von links nach rechts: Prof. Michael. A. Anton, Didaktik und Mathetik der Chemie, Uni München, Dr. Rainer Wisbert, Lehrerbildungszentrum Köln, Prof. Wilfried Plöger, Lehrstuhl für Unterrichtsforschung und Didaktik an der Uni Köln, Edwin Stiller, Soest

Zu alt, pädagogisch nicht immer auf dem Laufenden und zu wenig Anreize für interessanten Unterricht - so steht es um die deutsche Lehrerschaft in den Augen von fünf OECD-Fachleuten, die schulische Einrichtungen in vier Bundesländern besucht haben. In der neuen OECD-Studie "Attracting, Developing and Retaining Effective Teachers", die im Herbst offiziell vorgestellt wird, werden diese Befunde mit denen von 25 weiteren Ländern verglichen. Bereits jetzt sickerte wenig Schmeichelhaftes für die deutsche Lehrerschaft durch.

Vor diesem Hintergrund kommt die Tagung des Lehrerbildungszentrums (LBZ) der Universität Köln wie gerufen, um der Frage nachzugehen, welche Kompetenzen Lehrerinnen und Lehrer denn heute haben müssten, um in Unterricht und Schulleben professionell zu handeln.

"Experimentelle Einstellung"
Internetanschlüsse in den Klassenzimmern, Schüler, die Lehrkräfte unterrichten, Schülerfirmen als global Player - der gesellschaftliche Wandel zieht mit aller Wucht in die Schulen ein. In Zeiten rasanter gesellschaftlicher Veränderungen ist eine Pädagogik erforderlich, die mit dem Tempo Schritt hält, sich überhaupt darauf einlässt.

Eine solche Pädagogik stellt Michael A. Anton vor: "Die Guten brauchen die Besseren: Lehrbegabtenförderung zwischen Provokation und Ansporn". Lehrerbildung, sagt der Experte für die Didaktik der Chemie von der Universität München, kommt vor Schülerbildung. Wer die "Guten" unterrichten wolle, wer also begabte Schülerinnen und Schüler aber auch durchschnittliche unterrichten wolle, müsse eine aktive Haltung mitbringen: "Ich kann immer besser werden!"  

Der Wissenschaftler fordert gar eine "quasi-experimentelle Einstellung zum eigenen Unterricht". Lehrer dieser Couleur hätten besseren Unterricht, vorausgesetzt, sie sind der Kooperation mit anderen Kollegen nicht abhold. Die "besseren" Lehrenden erkennt man daran, dass sie den höchsten Status in den Kollegien innehaben. Es sind diejenigen, die "das tun, was man selber gern täte" - aber sich nicht traut, müsste man hinzufügen. Die "Besseren" brauchen Zeit, um zu ihren Fähigkeiten zu finden. Bis zu zehn Jahre in der Praxis seien schon erforderlich, um die nötige Reife für den Lehrerberuf zu erreichen.

Schüler erreichen - mit "Mathetik"

Diese "Besseren" betrachten das Lernen aus dem Blickwinkel der Schülerinnen und  Schüler. Das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden ist "herrschaftsfrei" und "symmetrisch", beide Gruppen stehen auf einer Ebene. Die "Besseren" verstünden sich nicht als "Herr" des Lernenden" sondern "Lernberater". Für Kompetenzen dieser Art gebraucht Anton einen eigenen Begriff: "Mathetik", von Griechisch "mathein", lernen. Mathetik hat wenig gemein mit dem Fach Mathematik, von dem sich viele Schülerinnen und Schüler so schnell wie möglich verabschieden würden, wenn sie könnten, vielleicht weil es häufig so wenig aus dem Blickwinkel der Schüler unterrichtet wird.

"Ein Lehrer", sagt Anton provozierend, "soll sich auch wohlfühlen" und nicht nur die Schüler. Unsere Gesellschaft leide unter einem Empathiemangel, eine Mangel an Einfühlung - dieser Mangel beginnt bei den Lehrenden. Unterricht - eine Wohlfühlgemeinschaft von Lehrern und Schülern. Unterricht sei nicht gleichzusetzen mit der berühmt-berüchtigten Unterrichtsstunde. Das Ende des Unterrichts etwa wird nicht mit dem Gong eingeleitet. Er gehorcht einem Rhythmus von Vorbereitung, Motivationsphase, Bearbeitung, Trennung und Nachbearbeitung.

Der gute Lehrende bringt nach Anton Fachdidaktik und Methoden unter einem Hut, ist in der Lage schulartenübergreifend zu unterrichten und fordert und fördert Verantwortung von seinen Eleven und sich selbst. Mathetiker Anton favorisiert selbstständiges Lernen, Lehrende als Moderatoren seien gut, aber nur unter der Voraussetzung, dass: "sie sich vorher wahnsinnig eingebracht haben müssen".  

Bei der "heißesten aller seiner Folien" befasst sich Anton mit den Ursachen für schlechten Unterricht. Was bei vielen Lehrern fehle, sei die Formulierung von Zielen, der Mangel an Verbesserungsvorstellungen und Evaluation. Eigentlich werde dies nur im Referendariat, in der zweiten Phase der Lehrerbildung, vermittelt. Beide Phasen der Lehrerbildung, die erste universitäre Phase und die zweite praktische, sonnten sich in gegenseitiger Arroganz. Die Kluft könne nur durch mehr Austausch überbrückt werden. Abhilfe leisten könne, so Anton, eine "Kammer der Lehrerbildner".   

Wann ist ein Lehrer professionell?
Lehrer müssen nicht nur Bescheid wissen, sondern auch handeln können- verantwortungsvoll. Hierzu ist Professionalität von Lehrerinnen und Lehrern für Edwin Stiller vom Landesinstitut für Schule in Soest unverzichtbar. Zur Lehrerprofessionalität gehören für ihn: Berufswissen, Berufskönnen und Berufsethik. Der Titel seines Vortrages: "Lehrer werden - Lerner bleiben. Kompetenzen, Standards, Berufsbiografie". Was Lehrende können sollen, das fasst Stiller in einem berufspädagogischen Kompetenzbegriff, der sich auf vier Kernkompetenzen zusammensetzt:

  1. Fachliche Kompetenz,
  2. Pädagogische Handlungskompetenz im Unterricht nach dem Muster, "entscheidend ist auf´m Platz",
  3. Systemische Kompetenzen,
  4. Berufsbiografische Kompetenzen.

Von diesen Kernkompetenzen leiten sich Teilkompetenzen ab wie die Fähigkeit zur Reflexion des Unterrichts, Probleme lösen zu können, Fähigkeiten der Kommunikation und Kooperation, Urteilsfähigkeit. Lehrer versteht Stiller als lebenslange Lerner, die ihre Arbeit mit Techniken wie dem Lehrertagebuch, Fallgeschichten oder der kollegialen Fallberatung reflektieren können. Gute Lehrer weisen sich durch ihr "professionelles Selbst" aus. Es ist die Brücke zwischen der eigenen Schulzeit und ihrer Berufsbiografie.  

Pädagogisch kreativ am Leitfaden von Bildungsstandards
Stiller setzt sich entschieden für die Bewertung, für Evaluation, der Lehrenden ein. Höhere Selbstständigkeit von Schulen wie sie in Nordrhein-Westfalen mit dem Modellversuch "Selbstständige Schule" erprobt wird, müsse durch Rechenschaftslegung flankiert werden. Lehrer seien es noch nicht gewohnt, über ihren Unterricht zu sprechen, für sie ist die Klasse ein "closed shop".  

Um den eigenen Unterricht professionell reflektieren zu können, wird in Nordrhein-Westfalen derzeit ein Portfolio-Entwurf für die erste und zweite Phase der Lehrerbildung erarbeitet. Beim dem Lehrerbildungs-Portfolio sollen Fähigkeiten durch eine Zusammenstellung von Dokumenten und Aufzeichnungen, Zeugnissen, Zertifikaten und vieles mehr dokumentiert werden, welche die Lernbiografie der Lehrer übersichtlich abbilden. Eine Besonderheit im nordrhein-westfälischen Portfolio: die videogestützte Unterrichtsreflexion.

Unverzichtbar für die Professionalität von Lehrenden sind Standards. Bildungsstandards legen fest, welche Kompetenzen die Schülerinnen und Schüler bis zu einer bestimmten Jahrgangsstufe erworben haben sollen. Sie liefern die Maßstäbe für das professionelle Handeln, das sich an Ergebnissen orientiert (Output) und nicht so sehr am Abfüllen der Schüler mit Fachwissen (Input).

"Standards sind keine graue Theorie"
In Nordrhein-Westfalen etwa liegen Standards für die Lehrerbildung vor, die sich auch auf die Bildungsstandards der Schulfächer beziehen. Dadurch könnte die Anschlussfähigkeit der beiden Phasen der Lehrerbildung deutlich erleichtert werden. Es wird allerdings einige Zeit brauchen, bis der Perspektivwechsel in der Lehrerbildung auch alle Schulen konkret erfasst.

"Standards sind keine graue Theorie, sondern müssen täglich umgesetzt werden", fordert Stiller. Standards sollten nicht technokratisch missverstanden werden. Um die Lehrer davor zu schützen, legt Stiller im Gefolge von Fritz Oser, Schweizer Erziehungswissenschaftler,  Bereiche fest, die sich der Standardisierung entziehen, die "Destandardisierung".   

Was versteht Oser unter "Destandardisierung"? Der Erziehungswissenschaftler geht davon aus, dass gute Pädagogen mit langjähriger Berufserfahrung bisweilen einen solch hohen Grad an Virtuosität erlangen, dass es ihnen möglich ist, zeitweise den durch Standards vorgeschriebenen Pfad zu verlassen. Standardisierung und Destandardisierung stehen in einem dialektischen Verhältnis: der Widerspruch zwischen Standardisierung und Destandardisierung kann auf einer neuen Ebene zu schöpferischen Entwicklungen in der Pädagogik führen. 


Lesen Sie am Montag, den 26. Juli, warum Erziehungswissenschaftler angesichts der Umwälzungen des Bildungssystems doch an Lehrplänen festhalten und gar um ein "Curriculum der Lehrerinnen- und Lehrerbildung für die sprachliche Vielfalt" erweitern - und damit die Lehrpläne den geänderten gesellschaftlichen Bedingungen anpassen.

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 22.07.2004
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