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01. 07. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Good Bye, Magister!

Abschied von traditionellen Magister- und Diplomabschlüssen

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Rheinische Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn

Was lange währt, wird endlich abgeschafft: Die Innovationszyklen beschleunigen sich nicht nur in der Industrie, sondern zunehmend auch im Bildungswesen. Vom kommenden Wintersemester an werden im Asienzentrum der Universität Bonn die acht Magister- und drei Diplomstudiengänge in den Asienwissenschaften faktisch abgeschafft. Auf lange Sicht. Neue Studierende können dann in der Regel nicht mehr Asienwissenschaften auf Magister oder Diplom studieren, sondern entscheiden sich für einen Bachelor- oder Master-Studiengang. Dabei reichen die Wurzeln des Magister Artium (M.A.) bis ins Mittelalter hinein.

Das Besondere am Magister war, dass ein Hauptfach aus einer geisteswissenschaftlichen Fakultät mit zwei Nebenfächern kombiniert wurde, die auch aus einer anderen Fakultät kommen konnten. Man konnte seine Fächerkombination frei wählen. Stets wurde eine breite wissenschaftliche Orientierung vermittelt. Neunmalkluge haben Magister mit Inbrunst als "brotlose Künstler" tituliert, andere loben die Absolventinnen und Absolventen, weil sie aufgrund der großen Freiheit, die ihnen das Magister-Studium ließ, gelernt haben, sich selbst zu organisieren. Und nun heißt es: Magister und Diplom ade, welcome Bachelor und Master.

Erster Bachelor-Studiengang in Bonn
Denn vom Wintersemester 2004/2005 an löst der "Bachelor of Arts" das traditionsreiche Magisterstudium ab: Es ist der erste Bachelor-Studiengang an der Bonner Universität. Fünf Jahre nach der Bologna-Erklärung im Jahre 1999 ringt sich das Asienzentrum der Uni Bonn zum ersten gestuften Studiengang durch. Diese grundlegende Veränderung beginnt also ausgerechnet an der geisteswissenschaftlichen Fakultät.
Drei Jahre dauert das Studium bis zum "Bachelor" (BA) und wer dann noch die Puste oder das Geld hat, kann innerhalb von zwei Jahren den "Master of Arts" (MA) draufsatteln. Zwischen Bachelorstudium (undergraduate) und Masterstudium (graduate) gilt es eine nicht unbeträchtliche Hürde zu nehmen: außer dem BA-Examen gehört noch eine gesonderte Zugangsprüfung zu den Zulassungsvoraussetzungen. Kritische Stimmen weisen auf die Gefahr hin, dass in Zukunft nur wenige Studierende die Chance und die finanzielle Möglichkeit haben könnten, nach dem BA-Abschluss auch noch einen MA-Abschluss zu realisieren.

Das Studium wird in "Module" aufgegliedert und mit einem Leistungspunktesystem verknüpft, dem European Credit Transfer System (ECTS). So sollen die Leistungen der Studierenden europaweit vergleichbar sein, was die Mobilität der Studierenden erhöhen wird. Für ihren Bachelor-Abschluss setzen die Bonner Asienwissenschaftler fest, dass die Studierenden 180 Leistungspunkte nachweisen müssen. Dabei entspricht ein Leistungspunkt 30 Arbeitsstunden. "Insgesamt gute Berufschancen" versprechen sich die Asienwissenschaftler vom Reform-Coup, denn der Bedarf an Fachleuten mit fundierten Asien-Kenntnissen sei groß.

Die Einführung der gestuften Studiengänge zielt auch darauf ab, dass junge Menschen in Deutschland bereits mit Anfang zwanzig ins Arbeitsleben eintreten können. Damit dies gelingt, nehmen die Hochschulen viel auf sich: Mühsame Kleinarbeit beim Umstricken der Studiengänge, Gespräche mit der Handelskammer wegen Praktika, Sitzungen mit dem Justitiariat - "zu Beginn war da eine große Unsicherheit", so Dozent Heinz Werner Wessler vom Indologischen Seminar der Universität Bonn. Allein die Interpretation der Rahmenvorgaben habe viel Kopfzerbrechen und Kontroversen bereitet. Zwei Jahre hat das Asienzentrum gebraucht, um seine Magister- und Diplom-Studiengänge auf die gestuften Neulinge umzustellen. Ein zeitweiliges Nebeneinander von traditionellen und neuen Abschlüssen wird sich in den nächsten Jahren kaum vermeiden lassen.

Presto, presto
"Es muss alles schnell gehen", sagt Andreas Archut, Pressesprecher der Uni Bonn. Die Uni gibt "zentrale Hilfestellungen" und stimmt die Umstrukturierung der einzelnen Fakultäten ab. Die Reform der Bonner Uni geht von oben aus. Und sie ist nicht umsonst zu haben: Bis zu 12.000 Euro kostet die nötige Akkreditierung eines gestuften Studienganges beim 1999 eingerichteten Akkreditierungsrat. "Es gibt strukturelle Widerstände" sagt Dozent Wessler. Daher leisteten die Dekane der Fakultäten viel Überzeugungsarbeit.

Die Einführung gestufter Studiengänge ist ein Kernpunkt der Bologna-Erklärung von 1999. Danach soll ein System leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse geschaffen werden, um einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum aufzubauen.

Bachelor-Abschlüsse müssen modularisiert und in einem Leistungspunktesystem eingebettet sein. Bachelor und Master führen zu einem ersten berufsqualifizierenden Abschluss. Studierende, die einen Bachelor anstreben, müssen zwischen 180 und 240 ECTS-Punkten einfahren, Master-Absolventen zwischen 60 und 120 Punkten. "Bachelor of Arts" oder "Master of Arts" heißen die Abschlüsse von Absolventen der Geisteswissenschaften, Rechts- Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. "Bachelor of Science" oder "Master of Science" dürfen sich Absolventen der naturwissenschaftlichen Fächer nennen. Der Grad des "Bachelor of Engineering" oder "Master of Engineering" ist Absolventen der anwendungsorientierten Ingenieurwissenschaften vorbehalten. Für Studienwege, die zum Lehramt führen sollen, werden noch die Abschlüsse "Bachelor of Education" und "Master of Education" hinzukommen.

Konzertierte Aktion gegen Titelwirrwarr
Geschwindigkeit hatte auch das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh im April 2003 gefordert, als könnte sie verloren gehen. Das Centrum hatte sich für eine "konzertierte Aktion" stark gemacht, um "Titelwirwarr" zu unterbinden. "Die Parallelführung alter und neuer Studiengänge erhöht deren Zahl, anstatt sie zu reduzieren und schafft eine neue Unübersichtlichkeit" heißt es im Positionspapier I zu Bachelor- und Masterstudiengängen. Solange die Arbeitgeber die Wahl hätten, im Zweifel auf Altbekanntes und Bewährtes zurückzugreifen, würden sie nur schwer von den neuen Abschlüssen zu überzeugen sein.

Die "konzertierte Aktion" ist da: deutsche Unternehmen haben sie am 7. Juni mit der Aktion "Bachelor welcome" gestartet. Sie werben für mehr Akzeptanz der neuen Abschlüsse. Die Personalvorstände von 15 Unternehmen aus allen Branchen stehen hinter der Aktion. Für den Präsidenten des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, Arend Oetker, ist der heißgeliebte Diplom-Ingenieur ein "Auslaufmodell". Die strukturelle Neuausrichtung sei unumkehrbar. Nicht mehr das "Ob" stehe in Frage, sondern nur noch das "Wie".

Allen voran will die Deutsche Bahn den Reformzug in Schwung bringen, indem sie ankündigt, Absolventen von Bachelor- und Masterabschlüssen ausdrücklich zu fördern. Bei einer Befragung des Manager-Magazins zu Beginn des Jahres bei vier großen deutschen Konzernen, der Deutschen Bank, Münchener Rück, Siemens und VW galt nur dem Automobilhersteller der Bachelor als "ein vollwertiger Hochschulabschluss". Bei den anderen wird er wie ein Fachhochschul-Abschluss gehandelt, mit entsprechenden Konsequenzen für die Verdienstsituation. Dies gilt auch für den Öffentlichen Dienst: Die KMK hat am 14. April 2004 beschlossen, dass nur Master-Absolventen Zugang zum höheren Dienst erhalten, für die Bachelor-Absolventen ist die niedriger dotierte Laufbahn im gehobenen Dienst vorgesehen.

Reformsumme größer als die Summe der Teilreformen?
Eine Studie von 2003, die im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung durchgeführt wurde, bescheinigt der Hochschulreform bei ihrer Einführung eine "enorme Mobilisierung". Sie kommt zu zwölf empirischen Befunden.

Danach werden Bachelor- und Masterabschlüsse in der gegenwärtigen Phase der Einführung ungefähr zu gleichen Teilen eingeführt: 45 Prozent sind Bachelorabschlüsse, 55 Prozent Masterabschlüsse. Für ein Bachelorstudium sind keine Studiengebühren vorgesehen, wohl aber z.T. für den Mastergrad. Kostenpflichtige Studiengänge finden sich insbesondere in den Reihen der Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. Die Anbindung der Bachelor- und Masterabschlüsse an den Arbeitsmarkt gilt als gelungen. Knapp 90 Prozent der Bachelorabschlüsse weisen demnach praktische Anteile im Curriculum auf. Bei Masterstudien sind es über 80 Prozent.

Zwei Drittel aller Bachelor - und Masterabschlüsse werden an Universitäten angeboten, ein Drittel an Fachhochschulen. Somit sind Universitäten derzeit Motor der rasanten Hochschulreform. Sie stellen sich auf den Wettbewerb zwischen den Hochschulen ein. Die Internationalisierung des Studiums ist der Studie zufolge durch die neuen Programme vorangeschritten: der Eintritt in das deutsche Studiensystem und auch der Wechsel in eine ausländische Hochschule, der "Austritt" aus dem deutschen Studiensystem seien deutlich vereinfacht. Der Austausch von Studierenden ist die Hauptform der internationalen Kooperation. Immerhin die Hälfte der neuen Studiengänge setzt auf internationale Kooperationen. Mit Unternehmen kooperieren im Unterschied dazu derzeit nur 12 Prozent der Hochschulen.

So konkret die Zahlen zum bisherigen Stand der Einführung der Bachelor- und Masterabschlüsse sind, so vorsichtig das Zwischenfazit: "Die Ergebnisse der vorliegenden Studie zur Strukturreform an deutschen Hochschulen deuten auf eine Fülle von Erfolgen hin. Ob aber die Reformsumme größer ist als die Summe ihrer Teilreformen, wird sich in den nächsten Jahren erst erweisen müssen."

Andante, Andante
Die Einführung gestufter Studiengänge für die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrer steckt demgegenüber noch in den Kinderschuhen. Hier lautet das Motto "Andante". Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Eva-Maria Stange, forderte am 4. Juni von den Bundesländern ein gemeinsames Modell bei der Lehrerbildung, denn nur so könne man absichern, dass ein in Nordrhein-Westfalen ausgebildeter Lehrer auch in Sachsen unterrichten könne. Auch dürfe es keine "Lehrkräfte zweiter Klasse" geben. Die schwierige Haushaltslage vieler Länder dürfe nicht dazu verleiten, "Billiglehrer" statt professionell ausgebildete Pädagogen einzusetzen, nach dem Motto: Master-Absolventen an Gymnasien, Bachelors an die Grundschulen. Vor dem Hintergrund von PISA und IGLU dürften die Grundschulen nicht mit weniger qualifizierten Assistenzlehrern abgespeist werden.

Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes (DPhV) warnt vor Konsequenzen einer Einführung gestufter Studiengänge im Rahmen der Lehrerausbildung: Hektisch konzipierte, überstürzte Reformen könnten großen Schaden anrichten, sagte er am 25. Juni in Berlin. Gestufte Studiengänge seien für Lehramtsstudiengänge nicht geeignet. Er lehne gestufte Studiengänge für das Lehramt ab. Zum Hintergrund: Bislang werden die angehenden Lehrerinnen und Lehrer inhaltlich bereits in der ersten Studienphase auf die unterschiedlichen Bildungsgänge ausgerichtet - eine Praxis, die außerhalb des Philologenverbandes zunehmend auf Kritik stößt. Dessen Vorsitzender warnt darüber hinaus vor einer Gefahr der inhaltlichen und strukturellen Zersplitterung. "In vielen Bundesländern gibt es derzeit völlig unterschiedliche Ansätze bei der Reform der Lehrerbildung. Selbst die Bundesländer, die gestufte Lehramtsstudiengänge einführen wollen, folgen sehr verschiedenen inhaltlichen Modellen", sagt Meidinger.

Mehr Zeit opfern, um Ziele zu definieren
Wenn - wie beim Bologna-Prozess - Reformen von oben verabreicht werden, kommt es, wie es kommen muss: Die Basis murrt und entfaltet Druck von unten. Katja Kluth, AstA-Vorsitzende der Uni-Bonn, bejaht den Bologna-Prozess grundsätzlich und sieht Chancen für eine echte und umfassende Hochschulreform. Doch in ihren Augen dienen etwa die Zulassungsbeschränkungen der Masterstudiengänge dazu, die "Haushaltslöcher zu stopfen". Damit hätten die Studierenden allein das Risiko der Reform zu tragen. Deshalb sei es auch nicht schlimm, für diesen Reformprozess "mehr Zeit zu opfern, um Grundlagen und Ziele zu definieren" - im Interesse aller Studierenden und der Universitäten.

Viel Zeit bleibt nicht mehr: bis 2005 werden die Studiengänge an deutschen Hochschulen weitgehend auf Bachelor- und Masterabschlüsse umgestellt sein, so der Vorsitzende des nationalen Akkreditierungsrates.

Autor(in): Arnd Zickgraf
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Datum: 01.07.2004
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