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29. 04. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Die Wirtschaft ist im Klassenzimmer angekommen

Viele Initiativen kümmern sich um die Verzahnung von Schule und Wirtschaft

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Initiativen wie Junior wollen Schüler fit machen in Wirtschaftsfragen

Das Leben nach der Schule ist kein wirtschaftsfreier Raum. Jeder Schulabgänger kommt als Konsument, Arbeitnehmer, Unternehmer, Steuerzahler mit ökonomischen Zusammenhängen in Berührung. Die Schule hat dieses Thema trotzdem lange ausgeklammert, denn es passte nicht zum humanistischen Bildungsideal. In Arbeitslehre, Wirtschaftslehre oder Haushaltslehre taucht die Ökonomie als Schlaglicht auf, aber von einem zusammenhängenden Konzept kann in vielen Fällen keine Rede sein. Doch immerhin sind die Zeiten der ideologischen Grabenkämpfe vorbei. Nur bei der Forderung nach einem eigenen Schulfach Wirtschaft, einem Lieblingskind der Arbeitgeber, gehen Politiker und Pädagogen immer noch auf die Barrikaden. Doch muss es ein eigenes Schulfach für Wirtschaft überhaupt geben?

Ein Blick auf verschiedene Konzepte und Initiativen zeigt: Nicht unbedingt. Denn mit der Notwendigkeit, Schülern wirtschaftliche Kenntnisse zu vermitteln, rennt man auch bei den Lehrenden offene Türen ein. Der Deutsche Lehrerverband zum Beispiel fordert schon seit geraumer Zeit 200 Unterrichtsstunden Wirtschaft für alle Schülerinnen und Schüler in der Sekundarstufe I. Der Vorsitzende dieses Verbandes, Josef Kraus, spricht sich allerdings gegen ein eigenes Schulfach Wirtschaft aus: "Aufgrund der hohen Komplexität und der ausgeprägten Interdisziplinarität ökonomischer Grundfragen spricht vieles dafür, ökonomische Themen nicht in einem einzigen, sondern in mehreren Fächern zu behandeln. Politik/Sozialkunde, Geschichte und Erdkunde haben dabei natürlich eine Leitfunktion." Die Forderungen des Lehrerverbandes nach mehr Ökonomie sind nicht mehr ganz taufrisch, viel getan hat sich seitdem aber nicht. "Der große Schub fehlt noch", bestätigt Josef Kraus.

Impulse gehen oft von der Wirtschaft aus
Doch auch ohne einen Lehrplan, in dem Ökonomie schwarz auf weiß verankert ist, bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Schule und Wirtschaft seit Jahren einiges: Schülerfirmen, die eigene Kunstwerke an Arztpraxen verleihen oder einen eigenen Schulkiosk betreiben, Planspiele im Internet oder Existenzgründungsinitiativen. Impulse gehen oftmals von der Wirtschaft selber aus, die über die schlechte Schulbildung ihrer Auszubildenden klagt. Besonders gerne wird heute eine Kultur der Selbstständigkeit gefördert. Unternehmensgründungen schaffen nun mal Arbeitsplätze. So heißen die Initiativen denn auch "Junior", "Go to school" oder  business@school, in denen die Schüler real oder virtuell im Chefsessel Platz nehmen, Businesspläne erstellen oder ein Jahr lang ein Miniunternehmen führen.

Ideenreich bei "Jugend gründet": Ein Navigationssystem für den Schuh
Auch der Staat hat das Terrain für sich entdeckt: Mit dem Wettbewerb "Jugend gründet" will Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn "junge Menschen fördern und unterstützen in ihren Visionen für die Zukunft" und "den Gründergeist" von Schülerinnen und Schülern "fördern". Das Projekt, das im letzten Jahr zusammen mit den "Volksbanken Raiffeisenbanken", dem Verlag der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sowie dem Unternehmensmagazin "Impulse" aus der Taufe gehoben wurde, vereinigt Hightech und Unternehmensgründung in einem Online-Planspiel: Rund 500 Teams haben Businesspläne eingereicht. Die Geschäftsideen reichen von Hologramm-Tastaturen bis zu Satelliten-Navigationssystemen für Fahrräder. Und wem noch die Idee oder der Businessplan fehlt, dem wird auf der Internet-Seite von "Jugend gründet" geholfen.

Die in der ersten Planspielrunde entwickelte Hightech-Geschäftsidee wird in einer zweiten Runde, die im Januar 2004 eingeläutet wurde, in einem virtuellen Unternehmen realisiert. Im Internet werden die ersten vier Geschäftsjahre simuliert: Büroräume müssen angemietet, Entscheidungen über Marketing und Vertrieb getroffen und Mitarbeiter geschult werden. Und auch an Forschung und Weiterentwicklung der Produkte sollten die Jungunternehmerinnen und -unternehmer denken, wenn sie nicht von der Konkurrenz überholt werden wollen. Ali Arslan, Referent im Bundesbildungsministerium, wünscht sich als Ergebnis, dass " neue, gute Ideen geboren werden. Wir haben ja auch einen Teilnehmer, der sich schon mit Netzwerktechnik selbstständig gemacht hat. Das eine oder andere mag vielleicht exotisch klingen, aber es gibt sehr viele Produkte, die sich gut verkaufen lassen, von denen man das am Anfang auch nicht gedacht hätte. Und außerdem lernen alle Teilnehmer während des Spiels Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit, vernetztes Denken und strukturierte Problemlösung." Als Preis winkt dem Siegerteam, das im Juni bei einer Präsentation von einer Jury ausgewählt wird,  eine Reise in das Mekka der Hightech-Industrie: Dem Silicon-Valley in Kalifornien.

Kooperation vor Ort bringt Wirtschaft ins Klassenzimmer
Nicht virtuell, dafür aber umso reeller geht es bei den KURS-Netzwerken des Instituts Unternehmen & Schule aus Düsseldorf zu. Schule und Wirtschaft sollen in der Realität systematisch vernetzt werden - und zwar direkt vor Ort durch so genannte Lernpartnerschaften. Über 250 Schulen und Unternehmen haben bislang Kooperationsvereinbarungen unterschrieben und dabei kommt unterm Strich deutlich mehr heraus als nur ein bisschen "ökonomische Tünche" für den Unterrichts.

Jüngstes Beispiel ist die Firma Wever aus Bad Hersfeld in Hessen, die weltweit mit Autobezügen und Heimtextilien handelt. Im Erdkundeunterricht diskutiert der Vertriebsleiter mit den Schülern der Geistal-Gesamtschule Fragen der Globalisierung, der Standortwahl und der Absatzmärkte. Im Fach Kunst stellen Schüler innovative Muster für Autobezüge her, die der Leiter der Wever-Designabteilung unter die Lupe nimmt. Von den besten Entwürfen werden Musterbahnen angefertigt und auf einer Messe potenziellen Käufern präsentiert. Im Konzept von Unternehmen & Schule wurde darauf geachtet, dass die so genannten "Standardmaßnahmen" lehrplankonform sind. So erklären Bankkaufleute in Mathematik die Zinsrechnung anhand der Produktlinie eines Geldinstituts, Autohersteller die Unfallhäufigkeit einer Automarke in Statistik oder der Leiter eines Hochregallagers das elektronische System in Informatik. Unterricht zum Anfassen in Reinkultur. Doch nicht nur die Praxisorientierung spielt eine Rolle, sondern auch die Berufsorientierung und die Schulentwicklung insgesamt. Leute aus der Praxis stellen Berufsbilder vor, helfen bei Facharbeiten oder geben der Schulleitung Nachhilfe in Qualitätsmanagement.

Prof. Günter Vollmer von der Uni Düsseldorf, der das Projekt 1995 entwickelt hat, will die Beziehung zwischen Schulen und der Wirtschaft professionalisieren und in Netzwerken ausbauen. Ein ausgeklügeltes Instrumentarium soll dafür sorgen, dass in den Beziehungen zwischen Schulen und Unternehmen nach einem Jahr keine Ermüdungserscheinungen auftreten, sondern eine gewisse Routine entsteht. Zwar hält er auch andere Initiativen wie Planspiele, Existenzgründungsinitiativen und auch Unterrichtsmaterialien für sinnvoll und notwendig, doch "vor allem der direkte Kontakt mit Menschen" sei für die Schüler wirklich überzeugend. Zudem würde durch das Nebeneinander von Aktivitäten und Initiativen viel Potenzial verschenkt. Aus diesem Grund wird es im Internet ab Mai 2004 das "Portal Schule-Wirtschaft" geben, das eine Übersicht über Initiativen bietet, die an der Schnittstelle zwischen Schule und Wirtschaft aktiv sind.

"Prä-duale" Bildungslandschaft in Köln
Die Vision einer professionellen Verzahnung von Schule und Wirtschaft wurde im Regierungsbezirk Köln bereits umgesetzt und die Ergebnisse sind dort zu besichtigen: Das Institut Unternehmen & Schule hat im KURS Köln bislang 20 Prozent der rund 600 weiterführenden Schulen mit Unternehmen zusammengeführt - in Zusammenarbeit mit den drei Industrie- und Handelskammern und 12 Schulämtern. Für Günter Vollmer entsteht hier eine für Deutschland einmalige "prä-duale" Bildungslandschaft, welche die Konturen einer neuen Kultur des Zusammenlebens von Schule und Wirtschaft sichtbar mache. Der Vorteil für die Schulen liegt auf der Hand, doch was haben die Unternehmen davon? "Natürlich sind die Unternehmen daran interessiert, guten Nachwuchs zu bekommen. Doch auch die öffentliche Anerkennung ist für die Partnerunternehmen ein wichtiges Motiv für ihr Engagement", erklärt der Professor für Chemiedidaktik. Dass dieses Engagement ins rechte Licht gerückt wird, dafür sorgt das Institut Unternehmen & Schule. So hat jeder etwas davon. Einziger Wermutstropfen für den Initiator Günter Vollmer ist, dass sich Unternehmen am liebsten Gymnasien oder Realschulen herauspicken und Hauptschulen schwer und Sonderschulen kaum zu vermitteln sind. Aber es gibt einen Hoffnungsschimmer am Horizont: In Mettmann kooperieren nun zwei Sonderschulen mit einem großen Gebäudereiniger sowie der Stadtverwaltung.

Ob als Simulation, Miniunternehmen oder durch Kooperation mit Wirtschaftsunternehmen im Unterricht: Die Kombination von Schule und Wirtschaft ist auf dem Vormarsch - auch ohne ein eigenes Schulfach.

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 29.04.2004
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