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25. 03. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Chemie im Mund

"Chemie im Kontext" will mit alltagsnahen Unterrichtskonzepten Schwung in den Chemieunterricht bringen

Chemie ist eines der uninteressanteren Fächer, finden deutsche Schüler. Langweilig, unverständlich und nutzlos. Entsprechend schließen sie in internationalen Vergleichsstudien auch nur mittelmäßig ab. Um diesem Desinteresse und den negativen Einstellungen, die oft eng mit einer großen fachlichen Unwissenheit verbunden sind, entgegenzutreten, will das Forschungsprojekt "Chemie im Kontext", Schülerinnen und Schüler mit neuen Unterrichtskonzepten überzeugen.

Chemie im Kontext
Seit einigen Jahren wird vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) an der Universität in Kiel in Zusammenarbeit mit den Universitäten Dortmund, Saarbrücken und Oldenburg die innovative Konzeption zur Qualitätsverbesserung des Unterrichts "Chemie im Kontext" (Chik) durchgeführt. Neue inhaltliche und methodische Schwerpunkte werden entwickelt und unmittelbar in der Schulpraxis erprobt. Der Ansatz basiert auf drei Grundprinzipien, die Schülern den Zugang zur Chemie erleichtern sollen:

  1. Die Unterrichtsinhalte kommen aus der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler, damit sie die Bedeutung der Chemie aus lebensweltlichen Kontexten und den daraus abgeleiteten Fragestellungen besser erkennen können. 

  2. In verschiedenen Kontexten werden zentrale Inhalte chemischer Basiskonzepte erarbeitet.

  3. Der Unterricht nach "Chemie im Kontext" zeichnet sich durch eine möglichst große Methodenvielfalt aus, in denen die Schüler Inhalte eigenständig erarbeiten. Dies bedeutet für den Lehrer, dass er zunehmend die Rolle des Moderators einnimmt.

Unterrichtsaufbau
Ideale Themen für den Chemieunterricht der Sekundarstufen I und II sind danach beispielsweise "Der Chemiker als "Vorkoster" - was ist drin in unserer Nahrung" "Gewollte Brände und ungewollte Folgen", "Chemie im Mund" "Mit der Wasserstofftechnologie in die Zukunft" oder "(K)ein Auto ohne Kunststoffe?". An diesen praxisnahen Themen können chemische Formeln besser erlernt, verstanden und auf andere Gebiete angewandt werden.

"Chemie im Kontext" teilt den Unterricht in vier Phasen. In einer Begegnungsphase machen sich die Schülerinnen und Schüler zunächst mit dem neuen Kontext vertraut. Dies kann mit Hilfe von Zeitungsartikeln, Filmausschnitten oder Experimenten geschehen. Beim Thema "Gewollte Brände und ungewollte Folgen" lassen sich zum Beispiel verschiedene Versuche zu Verbrennungen und zum Löschen von Bränden auf dem Schulhof durchführen.

In der darauf folgenden Neugier- und Planungsphase werden die Schüler an der weiteren Planung und Strukturierung des Themas aktiv beteiligt. Fragen werden gesammelt und Leitfragen strukturiert, die dann in der Erarbeitungsphase diskutiert werden. Auch oder gerade in dieser Phase ist eine große Eigenaktivität der Schüler gefragt, die in verschiedenen Methoden wie Gruppenarbeit, Planspiele oder Schülerexperimente zum Ausdruck kommt. In der letzten Phase der Vernetzung und Vertiefung werden die chemischen Fachinhalte aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst, zu Basiskonzepten vernetzt und in neuen Kontexten angewendet.

Nachdem man so gelernt hat, dass es Verbrennungen ohne die "unerwünschten Folgen" nicht gibt, kann man das Thema "Verbrennungen" beispielsweise mit der erweiterten Fragestellung nach einer "umweltfreundlichen Mobilität" abschließen. So spannt man einen großen Bogen von einfachen Verbrennungen und ihren Produkten bis hin zur Mobilität (Autos, Flugzeuge etc.) und der damit verbundenen Problematik der Kohlenstoffdioxidzunahme oder Erderwärmung. Auf diese aktive und alltagsnahe Art und Weise erwerben Schüler viel Fachwissen und lernen, dieses auch in anderen Kontexten anzuwenden.

Vorbilder
Damit die neuen Konzeptionen bundesweit Eingang in die Schulpraxis finden, wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Ähnliche Modelle in Großbritannien (Salters Chemistry) und den USA (ChemCom) hatten gezeigt, dass die Schülerinnen und Schüler durch diesen alltagsnahen und verständlichen Unterricht größeren Zugang und mehr Freude am Fach Chemie bekommen haben. Diesen Erfolg verspricht man sich jetzt auch durch "Chik" in Deutschland.

"Symbiotische" Implementationsstrategie
In jedem der insgesamt zwölf teilnehmenden Bundesländer (Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Schleswig-Holstein, seit 2003/2204 Brandenburg und Sachsen) wird dazu ein Schulset aus 4-6 Schulen (Gesamtschulen, Gymnasien) gebildet. Jeweils zwei Lehrkräfte pro Schule gründen mit Personen aus der Lehrerbildung, der Lehrerfortbildung, der Schulaufsicht und der universitären Schulforschung Arbeitsgruppen, in denen sie die Unterrichts- und Implementationskonzepte sowie Evaluationsmaßnahmen gemeinsam formulieren. Zur Unterstützung nehmen die beteiligten Lehrkräfte an Fortbildungsmaßnahmen teil, die von der Forschergruppe angeboten werden. Wie bei "SINUS" geht es auch bei "Chemie im Kontext" nicht um die Einführung einer fertigen Unterrichtskonzeption, sondern um die gemeinsame und fortlaufende Weiterentwicklung des Chemieunterrichts. Dies impliziert auch eine ständige Reflexion und Selbstevaluation des Unterrichts.

Evaluationsmaßnahmen
Natürlich will man wissen, wie sich die Realisierung von "Chemie im Kontext" auf die Unterrichtsqualität auswirkt. Dazu haben die Lehrkräfte in den Arbeitsgruppen von den Forscherinnen und Forschern, die "Chik" wissenschaftlich begleiten, Verfahren zur Selbstevaluation, wie Tagebücher oder Verfahren der Unterrichtsdokumentation zur Verfügung gestellt bekommen. Zur Verbesserung ihres eigenen Unterrichts sollen die Lehrer lernen, sich selbst Schwerpunkte und Ziele zu setzen und Möglichkeiten zu entwickeln, mit denen sich die Fortschritte verfolgen lassen. Geeignete Fragestellungen einer Selbstevaluation könnten sein, "mit welchen Methoden sich die Verständnisentwicklung auf Seiten der Schüler beurteilen lässt" oder "welche primären Zielsetzungen Lehrer mit dem Ansatz von "Chemie im Kontext" verbinden und wie das Erreichen dieser Ziele überprüft werden kann". Die Selbstevaluation wird in den Arbeitsgruppen vorbereitet, unterstützt und diskutiert.

Evaluiert wird "Chik" darüber hinaus aber auch von wissenschaftlicher Seite. Überprüft wird in diesem Zusammenhang, wie sich die Realisierung von "Chemie im Kontext" auf die Unterrichtsqualität und das schulische Umfeld auswirkt bzw. wie die Gelingens- und Hinderungsfaktoren für die Implementation von "Chemie im Kontext" identifiziert werden können. Dazu sind Erhebungen wie Fragebogenuntersuchungen und Interviews geplant. Befragt werden die Lehrkräfte, ihre Schülerinnen und Schüler sowie die Arbeitsgruppen.

Die einzelnen Phasen des Projekts
Das Projekt befindet sich seit Beginn des Schuljahres 2003/2004 in seiner dritten Phase der Dissemination. In den ersten beiden Phasen, der Einführung (seit Februar 2002) und der Implementation (ab Schuljahr 2002/2003) sind zunächst Unterrichtsentwürfe und Materialien ausgearbeitet und ausgewählte Unterrichtseinheiten in den beteiligten Schulen realisiert worden. Gleichzeitig wurden in der Phase der Implementation Länder übergreifend die Vertreter der Schulaufsicht bzw. der Fortbildungsinstitutionen, die Mitglieder in den Arbeitsgruppen sind, zu Multiplikatoren ausgebildet. Ihre Aufgabe ist es, in der dritten Phase mit der Begleitung und Betreuung weiterer Schulen bei der Realisierung von "Chemie im Kontext" zu beginnen, damit die Verbreitung des konzeptionellen Ansatzes über die Projektlaufzeit von zunächst drei Jahren sichergestellt wird. Zeitgleich wird in den Arbeitsgruppen weiter an Unterrichtseinheiten gearbeitet. Im ersten Schulhalbjahr 2004/2005 erfolgt dann die Auswertung und Dokumentation der Ergebnisse.

Bundesweite Verbreitung des konzeptionellen Ansatzes
Die Dissemination des Ansatzes spielt eine wesentliche Rolle beim Gelingen des Projektes. Denn nur wenn sich "Chik" auf viele Schulen ausweitet und durchgängig angewendet wird, kann sich die Konzeption von einem anderen Lernen und Lehren, das die Eigentätigkeit und das selbst gesteuerte Lernen der Schüler hervorhebt, dauerhaft durchsetzen. "Chik" nur als innovatives Projekt von Zeit zu Zeit im Unterricht vorzustellen hätte keinen nachhaltigen Effekt. 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 25.03.2004
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