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04. 03. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"SINUS wird die deutsche Unterrichtskultur in Mathematik und den Naturwissenschaften entscheidend prägen"

Sonja Meyer von der Hauptschule Zirndorf in Mittelfranken über die Vorteile des BLK-Programms SINUS-Transfer

Bildung PLUS: Frau Meyer, Sie bilden zusammen mit einem Kollegen ein "Fortbildungstandem", um Hauptschulen in Mittelfranken mit den SINUS-Ideen vertraut zu machen und ihre Weiterentwicklung anzuregen. Worin besteht ihre Tätigkeit?

Meyer: Herr Bauer (Herrmann-Hedenus-Hauptschule Erlangen) und ich (Hauptschule Zirndorf) besuchen die am Programm beteiligten Hauptschulen im Abstand von ca. sechs Wochen. In regelmäßigen Zusammenkünften werden nicht nur theoretische Hinweise zur Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts gegeben, sondern praktische Umsetzungsmöglichkeiten erarbeitet. Bis zum nächsten Treffen sollen die Kollegen deren Umsetzbarkeit im Unterricht erproben und prüfen. Anschließend werden die gewonnenen Ergebnisse diskutiert, erweitert, verändert und an die jeweilige Situation der Schule individuell angepasst.

Bildung PLUS: Wie werden die Ansätze von den neuen Kolleginnen und Kollegen aufgenommen?

Meyer: Die Kollegien, die sich zur Teilnahme am Programm entschlossen haben, stehen den neuen Ideen überwiegend positiv gegenüber. Man spürt, dass viele Lehrerinnen und Lehrer nach vielleicht anfänglicher Skepsis froh sind, aktuelle Informationen und Anregungen zur Verbesserung ihres Unterrichts zu erhalten. Sofern man auch auf mögliche Schwierigkeiten eingeht und die Praktikabilität der Methoden adressatenbezogen berücksichtigt, also die Machbarkeit nicht aus den Augen verliert - und das ist ja unsere erklärte Aufgabe - ist die Akzeptanz überraschend groß. Wir erfahren aber natürlich auch, dass die Schritte manchmal klein sind und manches mit bestimmten Schülern nur schwer machbar ist.

Bildung PLUS: Wie reagieren die Schüler auf die neuen Unterrichtsansätze?

Meyer: Die Veränderung des Skripts des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts ist ein langer Prozess, der die Unterrichtskultur der Lehrer verändern muss und somit auch das Lernen der Schüler entscheidend beeinflusst. Das verlangt viel Ungewohntes von unseren Schülern. Sie müssen selbstständiger arbeiten, mehr Eigenverantwortung zeigen, anspruchsvollere Aufgaben lösen, sich auf Ungewohntes einlassen. Das bedeutet auf der einen Seite Anstrengung, auf der anderen Seite erfahren die Lernenden aber auch: "Hey, ich kann ja auch in Mathematik erfolgreich sein und sogar anspruchsvolle Aufgaben lösen, wenn ich über das entsprechende `Handwerkszeug´ (z.B. Problemlösestrategien) verfüge!"
Wenn die Heranwachsenden diese Erfahrungen gemacht haben, steigert dies das Selbstwertgefühl enorm und dies wiederum löst oft einen Motivationsschub aus. Dann kann Mathematik endlich Spaß machen, so dass im besten Fall sogar das Pausenklingeln von den Schülern überhört wird, weil so lange geknobelt wird, bis das mathematische Problem gelöst ist.

Bildung PLUS: Bei SINUS-Transfer werden ebenso wie schon bei SINUS, die Prozesse der Weiterentwicklung von Unterrichtsansätzen von den Lehrerinnen und Lehrern selbst gestaltet. Welche Vorteile hat das für die Lehrer? Welche Schwierigkeiten treten dabei auf?

Meyer: Prozesse, die von den Betroffenen in eigener Verantwortung entwickelt und von diesen auch getragen werden, haben viel größere Chancen sich durchzusetzen als wenn sie "von oben" verordnet werden. Die Lehrerinnen und Lehrer kennen ihre Schülerinnen und Schüler an ihrer Schule selbst am besten und wissen genau, was sich realisieren lässt und was nicht.
Es ist der entscheidende Vorteil dieses Programms, dass die Kernbausteine (so genannte "Module"), die auf den Ergebnissen der TIMS-Studie fußen, zwar als Grundgerüst vorhanden sind, die Ausgestaltung und praktische Umsetzung aber den Praktikern vorbehalten bleibt. Dadurch wird ein enger Adressatenbezug gewährleistet.
Schwierigkeiten sehe ich insofern, als überall da, wo Pionierarbeit geleistet werden muss und der Weg erst beim Gehen so richtig sichtbar wird, große Anstrengungen vonnöten sind und Rückschläge nicht völlig ausbleiben. Man darf nicht die Geduld verlieren, bei einer großen Aufgabe, die sich "Unterrichtsentwicklung" nennt. Für Lehrer und Schüler ist es deshalb wichtig, sich an den Erfolgen zu orientieren und auch kleine Fortschritte wahrzunehmen und wertzuschätzen.

Bildung PLUS: Kommt es durch SINUS-Transfer vermehrt zu Kooperationen unter den Lehrern?

Meyer: Die Kooperation unter den Lehrern ist eine der wichtigsten Säulen des Programms. Alleine durch die Fortbildungsnachmittage kommen die Kolleginnen und Kollegen miteinander ins Gespräch. Es bilden sich Jahrgangsstufenteams, es werden Möglichkeiten der engeren Kooperation an der einzelnen Schule erörtert und umgesetzt.
Wir planen im September ein Event, an dem alle beteiligten Hauptschulen in Mittelfranken zusammenkommen und sich über die bis dahin gemachten Erfahrungen austauschen können. Frau Professor Bruder von der TU Darmstadt wird an diesem Nachmittag referieren und für den theoretischen "Input" sorgen. Darüber hinaus sind die Lehrer aller Schularten durch Fortbildungen der Tandems, zu denen Thomas Bauer und ich ja gehören, ebenfalls im Gespräch. Letztlich hat jeder Teilnehmer über den Server der Universität in Bayreuth eine Möglichkeit zum Austausch mit allen interessierten Kolleginnen und Kollegen.

Bildung PLUS: Sind die Rahmenbedingungen des Programms eng vorgegeben oder besteht genügend Freiraum zum Ausprobieren für die Lehrer?

Meyer: Der Programmträger ging meiner Ansicht nach bei der Initiierung und Begleitung des Projekts sehr umsichtig vor. Einerseits gibt es durch die "Module", an denen sich unsere Arbeit ständig orientiert, klare Vorgaben, die aus den genannten Studien (TIMSS, später PISA) resultieren und wissenschaftlich fundiert sind. Andererseits war der Freiraum, diese Bausteine mit Leben zu füllen, sehr weit gesteckt. Aus meiner Sicht stärkt das die Motivation der Beteiligten ungemein, weil man neue Wege beschreiten und deren Erfolgsaussichten durch die eigene Unterrichtspraxis verifizieren oder falsifizieren kann. Es wäre auch paradox, Lehrerinnen und Lehrern, die ihre Schüler zu kreativem und eigenständigem Umgang mit komplexen Problemen anleiten sollen, genau dieses Problemlöseverhalten bezüglich der Verbesserung ihres eigenen Unterrichts zu verwehren. Man kann einen Menschen nicht zur Freiheit erziehen, wenn man ihm nicht gewisse Freiheiten gewährt.

Bildung PLUS: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit dem Programmträger bzw. der Landeskoordinatorenstelle?

Meyer: Der Programmträger hat große Anstrengungen unternommen, um die am Programm beteiligten Personen mit Know-how in unterschiedlichster Form auszustatten. So wurden wir regelmäßig mit Informationsschriften und Aufsätzen zu den jeweiligen Modulen versorgt. Dieser Lesestoff war allerdings aus meiner Sicht bisweilen zu umfangreich, so dass er in seiner Gesamtheit kaum noch zu bewältigen war. Hier wäre manchmal weniger mehr gewesen.
Sehr positiv finde ich das umfangreiche Angebot an zahlreichen qualitativ sehr hochwertigen Fortbildungsveranstaltungen, in denen man namhafte Referenten hören und von deren Erfahrungen profitieren kann. Dies ermöglicht den Beteiligten zum einen Arbeit auf wissenschaftlich hohem Niveau und bietet zum anderen den so wichtigen Austausch mit Kollegen. Bei Schwierigkeiten, die die Umsetzung des Programms betreffen, steht der Programmträger immer prompt mit Rat und Tat zur Seite oder sendet Material, das der Klärung der Fragestellung dient.
Nicht zuletzt stellt der Programmträger den beteiligten Schulen entsprechende Sachmittel zur Verfügung, so dass gewünschte Literatur oder Unterrichtsmaterial für den mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich angeschafft werden können. Auch hier erhalten die Schulen Entscheidungsspielräume, die sich auf die Arbeit motivierend auswirken.

Der Landeskoordinatorenstelle in Bayern steht Herr Hammer vom ISB in München vor. Er sorgt auf Landesebene für interessante Fortbildungen und ebensolche Referenten. Schön finde ich, dass dabei in kollegialer Weise auf Wünsche und Vorschläge der am Programm beteiligten Lehrerinnen und Lehrer stets eingegangen wird. Zurzeit arbeiten am Folgeprogramm SINUS-Transfer ca. 30 Kollegen aus Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien, die durch die nun siebenjährige Zusammenarbeit fast zu einer Art "Sinus-Familie" zusammengewachsen sind. Da haben sich auch freundschaftliche Kontakte entwickelt, das heißt auch die menschliche Seite kommt bei uns nicht zu kurz.

Bildung PLUS: Glauben Sie, dass SINUS-Transfer der richtige Weg zur Verbesserung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts ist?

Meyer: Ich glaube, dass SINUS-Transfer ein besonders gutes, durchdachtes und wissenschaftlich fundiertes Unterrichtsentwicklungsprogramm ist, das sich durch seine Praxisnähe auszeichnet. Auch auf die Geschichte des Unterrichts rückblickend bin ich der Meinung, dass SINUS die deutsche Unterrichtskultur in Mathematik und den Naturwissenschaften entscheidend prägen und nachhaltig verändern wird.

Sonja Meyer ist Mathematik- und Physiklehrerin an der Hauptschule Zirndorf in Mittelfranken. Ihre Schule hat von 1998 bis 2003 am BLK-Programm SINUS teilgenommen. Seit Beginn des letzten Schuljahres bildet sie zusammen mit ihrem Kollegen Thomas Bauer von der Herrmann-Hedenus-Hauptschule in Erlangen im Rahmen des Programmes SINUS-Transfer ein "Fortbildungstandem", um an weiteren Hauptschulen die Ideen und Ergebnisse von SINUS einzuführen und ihre Weiterentwicklung anzuregen.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 04.03.2004
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