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26. 02. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"SINUS-Transfer ist der richtige Weg zur Verbesserung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts"

Mit Hilfe eines "Fortbildungstandems" lernen Schulen, wie man die Ideen und Ergebnisse von SINUS umsetzt und weiterentwickelt

"Und, wie ist es Ihnen in den letzten Wochen ergangen?", fragen Sonja Meyer und Thomas Bauer die Kolleginnen und Kollegen der Hauptschule in Uffenheim interessiert. Die beiden Mathematiklehrer betreuen sechs Hauptschulen bei der Einführung des BLK-Programms SINUS-Transfer in Bayern.

Die Verbreitung der SINUS-Ideen
SINUS-Transfer, das die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) im September 2003 gestartet hat, verbreitet seit Beginn des letzten Schuljahres die Ideen und Ergebnisse des SINUS-Programms an über 700 Schulen. Das Qualitätsentwicklungsprogramm zur "Steigerung der Effizienz des mathematisch- naturwissenschaftlichen Unterrichts (SINUS)" wurde 1998 als Reaktion auf die schwachen Leistungen deutscher Schüler in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften, die die TIMS-Studie offen legte, von der BLK eingeführt. Die an dem Programm mitwirkenden Lehrerinnen und Lehrer der insgesamt 180 Schulen in 15 Bundesländern (außer Saarland) entwickelten anhand so genannter Module, die durch eine Expertengruppe als zentrale Arbeitsansätze für die Veränderung des Unterrichts beschrieben wurden, Unterrichtsskripte zur Verbesserung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts.

Von den insgesamt elf Modulen ("Weiterentwicklung der Aufgabenkultur", "Naturwissenschaftliches Arbeiten", "Aus Fehlern lernen", "Sicherung des Basiswissens", "Kumulatives Lernen", "Fachübergreifendes Arbeiten", "Förderung von Mädchen und Jungen", "Entwicklung von Aufgaben für die Kooperation von Schülern", "Verantwortung für das eigene Lernen stärken", "Prüfen" und "Qualitätssicherung") bearbeiteten die Fachschaften jeweils die Fragestellungen, die der Schule als vorrangig erschienen.

Fortbildung der Tandems
Die Prozesse der Weiterentwicklung werden auch an den neu gewonnenen Schulen von den dort tätigen Lehrkräften selbst gestaltet. Dazu betreuen und begleiten jeweils zwei Lehrkräfte aus den SINUS-Referenzschulen als "Tandem" eine Gruppe Kollegen aus der Mathematik oder den naturwissenschaftlichen Fächern über einen Zeitraum von circa einem Jahr - bei Bedarf auch länger. Sie zeigen ihnen die Materialien, Methoden und Unterrichtseinheiten, die sie in den fünf Jahren erarbeitet haben sowie die Lernprozesse und -ergebnisse, die sie gefördert haben. Um optimale Begleitung zu gewährleisten, werden die "Tandems" selbst noch einmal geschult.

Dieses Verfahren läuft in jedem Bundesland ein wenig anders ab. In Bayern werden die "Tandems" circa alle vier bis fünf Monate schulartübergreifend vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) fortgebildet: Das heißt, die ungefähr 30 Lehrerinnen und Lehrer, die die "Tandems" für die Einführung von SINUS-Transfer an den Gymnasien, Realschulen und Hauptschulen Bayerns bilden, werden gemeinsam in der Betreuung ihrer Schulen und Kollegen ausgebildet. Sie lernen, wie sie eine Veranstaltung aufbauen und welche Literatur es zu den einzelnen Themen gibt. Herr Hammer vom ISB, der sehr auf die Bedürfnisse der einzelnen Teilnehmer eingeht, lädt außerdem regelmäßig Referenten ein, die Beiträge zu Spezialthemen halten. So wie beispielsweise Frau Prof. Dr. Kerres, die die "Tandems" in Konfliktmanagement schulte, um sie auf Kollegen vorzubereiten, die Probleme verursachen könnten.

In den schulartübergreifenden Zusammenkünften tragen die Lehrer eine Menge Arbeitsmaterial und Unterrichtskonzepte zusammen, tauschen das Material untereinander aus und profitieren davon bei der Vorbereitung ihrer Stunden.

Neue Schulen akquirieren
Schon seit April letzten Jahres bemühen sich Sonja Meyer und Thomas Bauer darum, Schulen für SINUS-Transfer zu gewinnen. Die Hauptschule Zirndorf, an der Sonja Meyer die Fächer Mathematik und Physik unterrichtet, hat von 1998 bis 2003 erfolgreich am SINUS-Programm teilgenommen, so dass sie sich von den Vorteilen des Programms überzeugen konnte.

Beide verteilten zunächst Informations-Flyer und hielten Einführungsveranstaltungen an interessierten Hauptschulen in Mittelfranken. "Es ist wichtig, dass die Kollegen hinter der Sache stehen", betont Sonja Meyer "die Unterstützung des Schulleiters spielt zwar eine besondere Rolle, aber nur wenn auch die Kollegen hinter den Ideen stehen, können sie sich nachhaltig entwickeln." Mindestens sechs Kollegen aus einer Fachschaft sollten Interesse darin zeigen, das Programm durchzuführen. So wie die Hauptschule Zirndorf und die Herrman-Hedenus-Hauptschule in Erlangen, die Hauptschule Uffenheim und die Hauptschule Oberasbach, die seit Beginn des letzten Schuljahres das lokale Netzwerk bilden, das Sonja Meyer und Thomas Bauer betreuen. Weitere Hauptschulen sind in der Erprobungsphase.

Vorgehensweise
Jeden Donnerstag besuchen die Mathematiklehrer für zwei Stunden eine andere Schule, so dass jede Schule alle sechs Wochen betreut wird. Ihnen ist es wichtig, dass es zu einer verlässlichen und kontinuierlichen Zusammenarbeit mit den Schulen kommt. Nach den sechs Wochen sollte also "etwas" passiert sein. Die beiden Lehrer wissen, dass dies nicht immer leicht ist. Sie haben ja selbst Pionierarbeit an ihren Schulen geleistet. Die Ergebnisse, die sie jetzt weiter tragen, sind aus ihrer Praxis entstanden, sie selbst haben sie mit den Kolleginnen und Kollegen entwickelt. Und in diesem Prozess der Weiterentwicklung von neuen Unterrichtsinhalten und -strukturen sind sie auch öfter einmal an Grenzen gestoßen. Erfahrungen, mit denen sie die neuen Kollegen überzeugend motivieren können.

Problemlage erkennen
Inhaltlich hat sich Bayern dafür entschieden, bei SINUS-Transfer Unterrichtsansätze schulartübergreifend anhand der Module "Weiterentwicklung der Aufgabenkultur", "Kumulatives Lernen" und "Verantwortung für das eigene Lernen stärken" weiterzuentwickeln.
Darauf abgestimmt beginnen Sonja Meyer und Thomas Bauer ihre Veranstaltungen jeweils mit einem theoretischen Teil über diese Arbeitsgebiete und schließen einen praktischen Teil zum Ausprobieren an. Um ihren Kollegen den Einstieg zu erleichtern, hielten sie zunächst einen Vortrag über die Problemlage an den deutschen Schulen. Über Ergebnisse, die die Studien TIMS und PISA hervorgebracht haben und die Erkenntnisse, die man daraus ziehen kann: Deutsche Jugendliche beispielsweise haben Schwierigkeiten mit komplexeren Problemlösungen und neuen, ungewohnten Aufgaben. Und außerdem ist der Unterricht an deutschen Schulen oft zu lehrerzentriert. Dies lässt den Schülern zu wenig Raum für das selbstständige Erarbeiten eigener Problemlösungsstrategien.

Umsetzung bei SINUS-Transfer
Im Rahmen des Programms SINUS-Transfer werden daraus Konsequenzen gezogen. Sonja Meyer und Thomas Bauer zeigen den neuen Kolleginnen und Kollegen Schritt für Schritt, dass es bei SINUS-Transfer nicht darum geht, seinen bisherigen Unterrichtsstil komplett zu verändern und völlig neue Inhalte zu schaffen, sondern den Blick zu schärfen für die Problemfelder des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts und diese durch eine veränderte, methodisch-didaktische Schwerpunktsetzung zu bearbeiten.

So kann zum Beispiel die Aufgabenkultur weiterentwickelt werden, indem den Schülern zusehends vernetzte und komplexere Aufgaben angeboten werden. Oder man bewegt sich weg von Aufgaben, bei denen es ums bloße Durchrechnen geht und an denen die Schüler scheitern, sobald die kleinste Abweichung kommt, und man stattdessen eher offene Aufgaben stellt, bei denen die Schüler mehrere Möglichkeiten haben, die Frage zu stellen.

Zu einer neuen Schwerpunktsetzung in der Aufgabenkultur gehört zum Beispiel auch das Verbalisieren. Wenn Schüler mit ihren eigenen Worten mathematisch-naturwissenschaftliche Problemstellungen umreißen und ihre Lösungswege notieren können, haben sie Mathematik wirklich verstanden.
Zu diesem Zweck kann man sich der Form des "Reisetagebuchs" bedienen. Dies erfolgt in Anlehnung an die Schweizer Wissenschaftler Peter Gallin (Mathematiker) und Urs Ruf (Germanist). Die Form des "Reisetagebuchs" vertritt das dialogische Prinzip, eine Sichtweise, die wegführt vom lehrerzentrierten Unterrichten. Es geht darum, dass es nicht die Aufgabe der Schüler ist, den Lehrer zu verstehen, sondern umgekehrt. Dies wird mit Hilfe des "Reisetagebuchs" praktiziert, indem die Schüler ihre Gedanken in ein "Reisetagebuch" oder "Übungsheft" schreiben und die Lehrer daraufhin bedeutend bessere Hilfestellungen geben können.

Umdenken auch bei Schülern
Diese neuen Methoden setzen natürlich auch bei den Schülern ein Umdenken voraus. Wenn sie zum ersten Mal komplexe Aufgaben bekommen, geht es oft nicht ohne Schwierigkeiten und Widerstände. Sonja Meyers Erfahrungen aber sind, dass Schüler oft mehr können, als sie sich selbst und die Lehrer ihnen zutrauen. Dies zeigt sich gerade bei Methoden, bei denen Schüler selbstständig arbeiten können, wie bei der "Hausaufgabenfolie" oder der "Expertenrunde", mit der man erfolgreich "Verantwortung für das eigene Lernen stärken" üben kann. Diese Strategien hat sie im eigenen Unterricht angewandt und gibt sie jetzt an die neuen Kollegen weiter. Bei der "Hausaufgabenfolie" ist beispielsweise jeden Tag ein anderer Schüler für die Besprechung und Verbesserung der Mathematikhausaufgabe mittels einer OHP-Folie zuständig. Als Lehrende betätigen sich die Schüler dann sogar in der "Expertenrunde": Einzelne Schüler leiten ihre Mitschüler in der Kleingruppe zur Lösung einer schwierigen Aufgabe an.

Kooperationen sind das A und O
Große Veränderungen passieren nicht von heute auf morgen. Die Schulkultur der letzten Jahre hat das Denken aller Lehrerinnen und Lehrer geprägt. Sonja Meyer betont, wie wichtig es deshalb ist, sich Zeit zu lassen und sich auch über kleine Veränderungen zu freuen. "Zum Beispiel, wenn Schüler auf einmal das Pausenzeichen überhören und freiwillig weiterarbeiten." Helfen kann man sich in dieser Zeit, wenn man sein Übungsmaterial austauscht, Ideenordner anlegt und Konzepte miteinander entwickelt. Gerade Kooperationen zwischen den Lehrern, sei es innerhalb einer Schule, schulübergreifend oder sogar schulartübergreifend, sind schon Erfolge, die wegführen vom einsamen Einzelkämpfertum.

SINUS-Transfer hilft den Lehrern ihren eigenen Unterrichtsstil besser zu reflektieren und kritischer zu betrachten. Sonja Meyer rät aber dringend, die eigene Unterrichtsroutine nur so weit zu verändern, wie sie die eigene Handlungsfähigkeit nicht gefährdet! Denn SINUS-Transfer öffnet zwar den Blick für neue Schwerpunkte und lässt viel Freiraum zum Ausprobieren, dies darf aber nicht auf Kosten der eigenen Handlungssicherheit gehen.

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 26.02.2004
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