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12. 02. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Ich muss wirklich kein schlechtes Gewissen haben"

Zwei Jahre in der Praxis: Lehrer ziehen Bilanz, Teil 4

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Schüler der Sekundarstufe I mit Lehrer

Bildung PLUS: Was ist der größte Unterschied, wenn man von der Uni an die Schule kommt?

Mayer: Die universitäre Ausbildung hat nichts mit der Lebenswirklichkeit an den Schulen zu tun, weil nur theoretischer Stoff vermittelt wird. Und die seltenen Praktika während des Studiums vermitteln keinen wirklichen Eindruck. Spätestens im Referendariat merkt man dann, ob das der Job ist, den man machen will oder eben nicht - dann ist es allerdings schon ein bisschen spät...

Bildung PLUS: Was haben Sie in Ihrer Ausbildung für den Lehrerberuf nicht gelernt?

Mayer: Alles. Nein, so schlimm ist es nicht. Jeden Tag gibt es neue Situationen, auf die man als Lehrer nicht vorbereitet ist. Plötzlich kam viel Organisatorisches auf mich zu: Wie führt man ein Klassenbuch? Wie sieht ein Elternbrief aus oder wie organisiert man eine Klassenfahrt? Auch Formulare des Sozialamts waren am Anfang wie ein Buch mit sieben Siegeln. Diese Sachen sind jetzt nicht sehr dramatisch, denn man lernt sie sehr schnell oder kann bei Kollegen nachfragen. Aber beigebracht hat sie uns in der Ausbildung niemand.
Oder wie geht man zum Beispiel mit Unterrichtsstörungen um? In der Grundschule hab ich zwar gelernt, wie man Kinder motiviert, aber nicht, wie ich mit solchen Störungen umgehen soll 

Bildung PLUS: Eigentlich haben Sie Primarstufe studiert und auch ihr Referendariat an einer Grundschule absolviert. Wieso unterrichten Sie jetzt an einer Hauptschule?

Mayer: Die Einstellungsbedingungen in den Grundschulen waren damals nicht gerade rosig. Deshalb habe ich an einer Hauptschule hospitiert und dann sofort gemerkt: Das ist es. Mir hat vor allem der soziale Aspekt an der Hauptschule gefallen. Ich hab mich dann auf ein Mangelfach - Physik - beworben, weil ich ja in der Grundschule schon Sachkunde unterrichtet habe. Nach der Zusage musste ich ein Jahr lang eine Fortbildung in Physik besuchen.

Bildung PLUS: Sie sind mit ihrer Entscheidung an die Hauptschule zu wechseln sehr zufrieden. Inwiefern können Sie dort ihre Vorstellungen vom Lehrerberuf besser verwirklichen?

Mayer: Es sind drei wichtige Gründe, warum ich Lehrerin geworden bin: Zu einem Drittel unterrichte ich, zu einem Drittel bin ich Elternersatz und zu einem Drittel Sozialarbeiterin. Die Mischung finde ich optimal: Kindern zu zeigen, dass sie gemocht und gebraucht werden, ihnen aber gleichzeitig Grenzen und Regeln aufzuzeigen ohne die das gesellschaftliche Zusammenleben nicht funktioniert. Voraussetzung für diese Arbeit ist natürlich, dass man Kinder und Jugendliche mag. Und diese Mischung finde ich an der Hauptschule. 
 
Bildung PLUS: Ausbildung in der Grundschule und Arbeitsplatz in der Hauptschule. Hört sich erst einmal nach dem falschen Rüstzeug an?

Mayer: Es gibt viele Überschneidungen bei den Inhalten und Methoden meiner Grundschulausbildung und dem Unterricht in der Unterstufe der Hauptschule. Vor allem was die didaktische Reduktion angeht. Die Unterrichtsmethoden, die ich für die Grundschule gelernt habe, sind für die Hauptschule gut geeignet. Ich habe Rituale und Regeln aus der Grundschule eingeführt: Zum Beispiel ein Stillezeichen im Unterricht. Außerdem visualisiere ich alles und erkläre den Schülern am Anfang der Stunde, was sie erwartet. Und diese Dinge funktionieren optimal.

Bildung PLUS: Eine gute oder schlechte Ausbildung ist nicht für alles verantwortlich. Mit welchen Schwierigkeiten hat ihre Schule hauptsächlich zu kämpfen?

Mayer: Ich glaube nämlich, dass wir die im Wesentlichen ähnliche Probleme haben wie Lehrer in anderen Schulformen auch: Zum Beispiel, dass die Elternmitarbeit zu wünschen übrig lässt, genauso wie der häusliche Fleiß der Schüler, was die Hausaufgaben angeht. Ein weiteres Problem, dass wahrscheinlich eher in die Sparte Hauptschule fällt, ist, dass wir es unter anderem auch mit Schülern zu tun haben, die leistungsschwach sind oder aus einem schwierigem Elternhaus kommen. Einige Kinder haben einen Migrationshintergrund.  Es wäre uns sehr geholfen, wenn diese Kinder stärker in der Grundschule gefördert würden, aber davon sind wir wahrscheinlich noch weit entfernt, weil den Grundschulen auch die Ressourcen, also die finanziellen Mittel, fehlen.

Bildung PLUS: Seit PISA wird viel über Schulreform diskutiert. Ist etwas von diesem neuen Elan in der Schule vor Ort angekommen?

Mayer: An unserer Schule ist PISA nicht verpufft. Wir nehmen am Schulversuch  selbstständige Schule teil, mit einem Schulleiter, der uns Lehrer in die Pflicht nimmt. Wir sind jetzt an einer Stelle angekommen, wo es meiner Meinung nach erst richtig losgeht. Strukturelle Veränderungen an der Schule kann man ja nicht von einem Tag auf den anderen realisieren, sondern die brauchen eine gewisse Vorlaufzeit. Ein Schwerpunkt in unserer Schule wird jetzt die sprachliche Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund sein. Zusätzlich dazu kümmern sich neue Kolleginnen um die Lesekompetenz der Schüler und um Schüler und Schülerinnen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche. Unsere Schule nimmt zudem am OPUS-Projekt teil.

Bildung PLUS: Alle Politiker bekennen sich zur Ganztagsschule, weil diese die Kinder anscheinend besser fördert, soziale Ungerechtigkeiten ausgleicht etc. Sehen Sie das auch so?

Mayer: Sicher hat die Ganztagsschule große Vorteile, aber ich sehe das auch mit kritischen Augen. Schließlich kann eine Schule schnell zur Verwahrstelle für Kinder werden, wenn das Konzept nicht gut umgesetzt wird. Dann nehmen wir den Eltern schon wieder ein Stück Erziehung ab. Erziehung findet meiner Ansicht nach hauptsächlich im Elternhaus statt und es ist nicht damit getan, die Kinder noch ein paar Stunden länger in der Schule zu lassen - und den Lehrern noch mehr Verantwortung zuzuschieben. Eine Ganztagsschule bedeutet für mich qualifizierter Unterricht, nicht nur Betreuung!

Bildung PLUS: Das halbe Jahr Ferien, mittags um eins Feierabend, unkündbar und überbezahlt. Was sagen Sie zu dem schlechten Image der Lehrer in der Öffentlichkeit?

Mayer: Wenn mir jemand erzählt, dass die skandinavischen Länder bei PISA viel besser abgeschnitten haben, sage ich denjenigen auch, dass dort das Image der Lehrer in der Öffentlichkeit deutlich besser ist und dass das natürlich auch zur Motivation der Lehrer beiträgt. Uns hingegen wird das Gehalt vom Arbeitgeber gekürzt... Ich muss wirklich kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mein Arbeitspensum so anschaue.

Christine Mayer ist 28 Jahre alt und unterrichtet die Fächer Physik, Mathe und Deutsch.

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 12.02.2004
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