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01. 02. 2004

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Maßstäbe vereinheitlichen - Wege vervielfältigen"

Zum Auf- und Ausbau von Ganztagsschulen in Sachsen-Anhalt unter Nutzung historisch gewachsener Traditionen

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Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz,

Online-Redaktion: Prof. Olbertz, Sie haben sich auf der Startkonferenz "Zukunft Bildung und Betreuung" im September 2003 deutlich dafür ausgesprochen, die gewachsenen Traditionen der Ganztagsbetreuung in den neuen Ländern beim Auf- und Ausbau neuer Ganztagsschulen zu berücksichtigen. Was ist darunter zu verstehen?

Olbertz: Es ging darum, auch Kooperationsmodelle zwischen Schule und Hort förderfähig zu machen, aus deren Zusammenwirken sich ja ein Ganztagsangebot ergibt. Dies ist das aus der DDR übernommene Modell, das einiges für sich hatte, in den ersten Entwürfen der Fördervoraussetzungen auf Bundesseite jedoch überhaupt nicht berücksichtigt worden war. Unter der Voraussetzung, dass tragfähige gemeinsame pädagogische Konzepte für solche Kooperationsprojekte vorliegen, ist im Rahmen des Ganztagsschulprogramms hier nun doch eine Förderung möglich. Ein weiterer Grund für meine Forderung hing mit der ursprünglichen Absicht der Bundesministerin zusammen, nur neue Projekte zu fördern. Angesichts des z.T. dramatischen Schülerrückgangs in den neuen Ländern wäre eine institutionelle Expansion aber widersinnig gewesen. Jetzt können auch bereits länger bestehende Ganztagsprojekte gefördert werden, u.a. in der beschriebenen Kooperationsform zwischen Grundschule und Hort.

Online-Redaktion: Bedeutet die Ganztagsschule das Aus für die Horte in Sachsen-Anhalt?

Olbertz: Im Gegenteil, seit die Horte in Verbindung mit einer Schule in das Programm aufgenommen worden sind, wird ihre Position im Rahmen der Ganztagsbetreuung gestärkt.

Online-Redaktion: Wo kann das Investitionsprogramm des Bundes den Schulen in Sachsen-Anhalt am meisten helfen?

Olbertz: Zunächst muss man bedenken, dass das Programm ja ein reines Investitionsprogramm ist. Eine Ganztagsschule lebt aber vom Einsatz zusätzlichen Personals, für dessen Bezahlung das Programm keine Mittel vorsieht. Aber auch im investiven Bereich gibt es jede Menge zu tun. Den größten Handlungsbedarf sehe ich im Bereich der Sekundarschulen. Deshalb haben wir für das Landesprogramm diesen Schwerpunkt gewählt. Das schließt aber nicht die Förderung von Grundschulen einschließlich Horten, Sonderschulen oder Gymnasien aus.

Online-Redaktion: Wie sieht für Sie eine ideale Ganztagsschule aus?

Olbertz: Eine ideale Ganztagsschule wird es sicher nie geben - aber eine gute kann ich mir vorstellen, zumal es auch Beispiele dafür gibt. Es ist eine Schule, die mehr bietet als nur eine ganztägige Betreuung oder Beaufsichtigung der Kinder oder Jugendlichen, sondern die Unterrichtsphasen mit anderen Aktivitäten (Arbeitsgemeinschaften, Projektarbeit, Praxiserkundungen, Experimente, musische Betätigung usw.) organisch verbindet. Dabei kann unter bestimmten Voraussetzungen auch ein unregelmäßiger Wechsel eine interessante Alternative zu strikten Abgrenzung von Unterricht und außerunterrichtlicher Tätigkeit sein.

Online-Redaktion: Prof. Olbertz, warum sehen Sie im Ganztagsschulprogramm auch eine Chance dafür, weitgehende Schulreformen in Gang zu setzen?

Olbertz: Weil Ganztagsschulprojekte mehr Kontinuität und vielleicht auch das nötige Maß an Muße in die Schule bringen können. Außerdem eröffnen sich mehr Möglichkeiten zur fachübergreifenden Durchdringung komplexer Unterrichtsthemen, und auch der Erwerb sozialer Kompetenzen kann in Ganztagsschulen sehr erfolgreich verlaufen. Dies setzt allerdings wie bei jeder anderen Schulform engagierte und fachlich versierte Pädagogen, interessierte und mitwirkende Eltern, ein gutes Gesamtkonzept und  nicht zuletzt eine aufgeschlossene, serviceorientierte Schulverwaltung voraus. Ist das nicht der Fall, muss man sich darüber im klaren sein, dass eine schlechte Ganztagsschule den ganzen Tag schlecht ist. Dann sollte man lieber die Finger davon lassen.

Online-Redaktion: Welche Funktion haben die Elternverträge in der Grundschule und welche Erfahrungen gibt es bereits damit?

Olbertz: Sie sollen das Bewusstsein der gemeinsamen Verantwortung von Eltern und Schule schärfen und mehr Verbindlichkeit in die notwendige Zusammenarbeit hineinbringen. Außerdem ist es für mich ein Stück Kooperationskultur, die wechselseitigen Erwartungen und Zusagen von Schule und Elternhäusern zu fixieren und sich immer wieder darüber zu vergewissern. Für eine erfolgreiche Zusammenarbeit ist eine Verabredung von Maßstäben und Voraussetzungen unverzichtbar. Die in Sachsen-Anhalt mit der erstmaligen Einführung solcher Elternvereinbarungen gesammelten Erfahrungen sind durchweg gut.

Online-Redaktion: Die Neuen Länder haben hinsichtlich der vorschulischen Bildung und Erziehung eine andere Tradition als die Länder der alten Bundesrepublik. Wie können diese Erfahrungen für eine verbesserte frühkindliche Förderung überall genutzt werden?

Olbertz: Sie können im Sinne eines produktiven Reservoirs von Erfahrungen genutzt werden, aber nicht als Kopien der Geschichte aus womöglich nostalgischen oder die DDR-Pädagogik verklärenden Motiven. Unter dieser Voraussetzung lässt sich aus der DDR-Vorschule einiges lernen, insbesondere dann, wenn die Überlieferung kritisch reflektiert und in neue, moderne Konzepte eingebaut wird.

Online-Redaktion: Prof. Olbertz, wie sehen Sie die Chancen für das deutsche Bildungssystem, aus der PISA-Misere herauszukommen?

Olbertz: Zum Beispiel zeigen die Initiativen der Kultusministerkonferenz in Sachen Bildungsstandards einen solchen Weg auf, der nun zügig und vor allem länderüberreifend beschritten werden muss. Wenn es auf diese Weise gelingt, die Maßstäbe deutschlandweit zu vereinheitlichen, aber weiterhin vielfältige Wege zuzulassen, dann kann sich der Föderalismus im Bildungswesen als eine gute Voraussetzung zur Qualitätssicherung, zum Wettbewerb um die besten Schulmodelle und zu hinreichender Vergleichbarkeit erweisen.


Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz, Kultusminister in Sachsen-Anhalt, ist 49 Jahre alt. Von 1974 bis 1978 absolvierte er ein Lehramtsstudium an den Universitäten Greifswald und Halle an der Saale und wurde 1992 zum Professor für Erziehungswissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg berufen. Er war Gründungsdirektor des Instituts für Hochschulforschung (HoF) Wittenberg und Direktor der Franckeschen Stiftungen zu Halle.

Autor(in): Ursula Münch
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Datum: 01.02.2004
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