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29. 12. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Eine gerechte Verteilung von Arbeit

Neue Arbeitszeitmodelle für Lehrer haben Konjunktur

Die Lehrenden stehen mal wieder im Mittelpunkt. Doch nicht das schlechte Abschneiden deutscher Schulen bei PISA oder die reformbedürftige Lehrerausbildung ist dieses Mal der Zankapfel, sondern die Arbeitszeit der Lehrer. Das klassische Pflichtstundenmodell, das die Lehrerarbeitszeit auf Grundlage der Unterrichtsstunden berechnet, ist ein angestaubtes Auslaufmodell.
Der Grund: Die Arbeit unter den Lehrern ist extrem ungleich verteilt. Auf dem Papier gibt es keinen Unterschied zwischen den so genannten Korrekturfächern wie Englisch oder Deutsch auf der einen und zum Beispiel Sport oder Kunst auf der anderen Seite. Ein Englisch- oder Deutschlehrer, der sich in der gymnasialen Oberstufe mit intensiver Unterrichtsvor- und -nachbereitung, Klausuren und Korrekturen über genügend Arbeit nicht beschweren kann, steht also von der Arbeitszeit her auf der gleichen Stufe wie Lehrer, deren Fächer deutlich weniger Aufwand erfordern. Im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen führte die Unternehmensberatung Mummert und Partner vor einigen Jahren eine Untersuchung der Lehrerarbeitszeit durch.
Das Ergebnis: Von einer einheitlichen Arbeitszeit kann tatsächlich keine Rede sein - die Bandbreite reichte von Lehrern, die 30 Stunden pro Woche arbeiteten bis hin zu Lehrern, die 60 Stunden pro Woche an ihrem Schreibtisch sitzen. Allein mit den unterschiedlichen Fächern ist diese Kluft aber nicht zu erklären: Die Unternehmensberater stellten nämlich zudem fest, dass nur ein Drittel der wöchentlichen Arbeitszeit im Klassenzimmer stattfindet. Das Gros schlägt außerhalb des Unterrichts in Konferenzen, am heimischen Schreibtisch oder im Engagement für Schule und Schüler zu Buche. Doch Arbeit außerhalb des Klassenzimmers spielt im bisherigen Modell keine Rolle. Es gibt zwar an den Schulen zwar Entlastungsstundentöpfe, die aber so mager bestückt sind, dass kaum von einer Entlastung für Korrekturfachlehrer die Rede sein kann. So unterstützt das Pflichtstundenmodell Lehrer, die nur das Nötigste, also Dienst nach Vorschrift, tun und bestraft die Lehrer, die Klassenfahrten organisieren, am Schulprogramm mitarbeiten oder Sprecher der Fachlehrerkonferenz sind. Dass auch einige Lehrer davon die Nase voll haben, zeigen zwei Beispiele aus Düsseldorf und Gelsenkirchen:
Dort zogen Lehrer vor Gericht um eine gerechtere Arbeitszeit zu erstreiten. Beide Klagen wurden vom jeweiligen Verwaltungsgericht abgelehnt. Eine "kleine Anfrage" der CDU im Düsseldorfer Landtag, wann denn die Ergebnisse der Untersuchung von Mummert und Partner in einer Neuregelung der Lehrerarbeitszeit münden würde, beantwortete das Ministerium für Schule, Jugend und Kinder ausweichend: "Die in einem Dialog mit Lehrerverbänden entwickelte Neuregelung der Lehrerarbeitszeit orientiert sich an der Überzeugung, dass nicht zentrale Vorgaben, sondern größere Gestaltungsspielräume der Schulen der geeignete Weg sind, um bei den im Gutachten aufgezeigten unterschiedlichen zeitlichen Belastungen für mehr Gerechtigkeit zu sorgen". Damit ist das so genannte "Bandbreitenmodell" gemeint, das die Verantwortung an die Schulen delegiert. Und dort, so haben die Erfahrungen gezeigt, ist vielen Schulleitern der Betriebsfrieden wichtiger als eine gerechte Arbeitsverteilung.

Die Unterrichtsstunde allein zählt nicht mehr
In Hamburg ist man da schon weiter: Nichts ist in der Hansestadt seit diesem Schuljahr mehr so, wie es einmal war. Die 45-Minuten-Unterrichtsstunde ist als Berechnungsgrundlage der Arbeitszeit verschwunden. Nach so genannten Zeitwerten wird seit diesem Schuljahr nun die Arbeit jedes einzelnen Lehrers kalkuliert. Die so genannte Faktorisierung der Arbeit differenziert nach Fach, Stufe und Schulform - und bezieht eben auch die außerunterrichtlichen Aktivitäten mit ein. So bekommt zum Beispiel ein Deutschlehrer im Gymnasium einen Zeitwert von 1,8 für eine Unterrichtsstunde gutgeschrieben, ein Sportlehrer dagegen einen Faktor von 1,2. Unterm Strich soll nach dem Hamburger Modell für jeden Lehrer abzüglich der Ferien eine Wochenarbeitszeit von 46,5 Stunden herauskommen. Der Aufschrei der Lehrer und der Gewerkschaften GEW war gewaltig: Das neue Modell sei doch nur eine verkappte Sparmaßnahme, zementiere das dreigliedrige Schulsystem und überhaupt sei es fragwürdig, zum Beispiel Elterngespräche mit einem festen Zeitwert zu veranschlagen. Tatsächlich sollen im Hamburger Modell Stellen eingespart werden. Das ändert aber nichts an dem Sinn einer gerechten Verteilung der Arbeitszeit, denn gespart wird so oder so meint Bildungsforscher Prof. Klaus Klemm von der Uni Essen: "Natürlich wird in Hamburg gerade kräftig gespart, aber nicht deshalb, weil ein neues Arbeitszeitmodell eingeführt wird, sondern weil der Senat glaubt, kein Geld mehr zu haben. Das sind zwei unabhängige Variablen, die nur so ungünstig wirken, weil sie gerade zusammenfallen. Sparen wird der Senat in Hamburg so oder so - mit oder ohne neuem Arbeitszeitmodell". Die GEW dagegen fordert lieber weniger Arbeit für alle Lehrer, denn sie will natürlich einen Teil ihrer Klientel nicht verprellen. "Natürlich gibt es Veränderungsgewinner und Veränderungsverlierer, sonst würde es ja keinen Sinn machen. Und diese Veränderung fürchten jetzt Lehrer mit weniger Belastungen, weil sie jetzt zur Kasse gebeten werden", resümiert Bildungsexperte Klaus Klemm.

Sparmaßnahmen oder eine gerechte Verteilung von Arbeit?
Tatsächlich lässt sich die Diskussion um die Arbeitszeit der Lehrer nicht von den Sparmaßnahmen der Landesregierungen trennen. Der chronische Lehrermangel und leere Kassen führen in vielen Bundesländern dazu, die Pflichtstundenzahl der Lehrer zu erhöhen, Zulagen zu streichen oder Arbeitszeitkonten einzuführen. Das sind zum Teil aber keine neuen Arbeitszeitmodelle, sondern diese Maßnahmen subventionieren nur die herrschende Ungerechtigkeit auf einem anderen Niveau. Deutsche Lehrer arbeiten zwar im internationalen Vergleich mit 40 Unterrichtswochen nicht gerade wenig, wie die Studie "Bildung auf einen Blick" von 2003 der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bestätigt. Andererseits sind die Arbeitszeiten deutscher Lehrer "im internationalen Vergleich nichts Ungewöhnliches", sagt OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher.

Lehrer brauchen einen Arbeitsplatz in der Schule
An einer Bremer Modellschule wird gerade ein anderes Modell ausprobiert: Die Erhöhung der Präsenzzeit. Lehrer müssen ihre Arbeitszeit in der Schule verbringen. In der Grundschule Borchshöhe, die seit diesem Schuljahr eine Ganztagsschule ist, wurde die wöchentliche Präsenzzeit der Lehrer auf 35 Stunden angehoben. Schulleiterin Petra Köster-Gießmann hört aus dem Lehrerzimmer bislang nur Positives: Die Lehrer seien froh, nicht mehr soviel Arbeit mit nach Hause nehmen zu müssen, nicht mehr nonstop nur mit Unterricht beschäftigt zu sein, sondern nun könnten sie in den Pausen den nächsten Unterricht vorbereiten, mit Kollegen kooperieren und sich so auch gegenseitig entlasten. In einer Ganztagsschule wie Borchshöhe, die auch den Unterricht radikal umgekrempelt hat, ist eine andere Form des Arbeitszeitmodells für Lehrer gar nicht mehr vorstellbar. In so genannten Lernhäusern lernen die Schüler jahrgangsübergreifend nach individuellen Wochenplänen. Einen Stundenplan mit den klassischen 45-Minuten-Lerneinheiten gibt es nicht mehr. Unterricht, Freizeitangebote und Entspannungsphasen wechseln sich den Tag über ab. Diese Verzahnung funktioniert natürlich nur, wenn auch die Lehrer entsprechend präsent sind. Kleine Teams von Lehrern, die die Schülerinnen und Schüler betreuen, können ihre Arbeit flexibel gestalten. Mehr Kompetenz verspricht sich die Schulleiterin durch das neue Modell zudem, denn "leider ist es in Grundschulen oft so, dass Lehrkräfte Allroundtalente sein müssen. Nun kann die Arbeit differenzierter stattfinden und die Aufgaben können aufgeteilt werden". Mit den Arbeitsplätzen allerdings hapert es noch ein wenig. Irgendwann soll zwar jeder Lehrer seinen eigenen Arbeitsplatz bekommen, bislang muss zum Teil allerdings noch im Lehrerzimmer improvisiert werden. Hinsichtlich der Durchsetzung eines Präsenzmodells sieht der Bildungsforscher Klaus Klemm größere Probleme: Zum einen hält er es bei der derzeitigen Lage der öffentlichen Haushalte für illusorisch, dass an den Schulen die erforderlichen Lehrerarbeitsplätze eingerichtet werden. Zum anderen fürchtet er, dass ein Präsenzmodell viele Abiturienten von der Aufnahme eines Lehrerstudiums abhalten könnte. Schließlich sei der Lehrerberuf nicht zuletzt wegen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf attraktiv. An der Faktorisierung der Lehrerarbeit wie in Hamburg führt für ihn kein Weg vorbei: "Ich bin überzeugt davon, dass wir eine nicht hinzunehmende Streuung der Arbeitsbelastung unter den Lehrenden haben. Die Arbeitszeitungerechtigkeit muss weg, auch wenn sie die Lehrer nicht wegfordern". Und das wäre auch im Sinne der Schüler, denn ein überlasteter Oberstufenlehrer, der kaum Zeit für seine Schüler hat, verschwendet wahrscheinlich nicht mal einen Gedanken an das, was Schule auch ausmachen sollte: Individuelle Förderung.

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 29.12.2003
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