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17. 10. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Sonst kommen wir nicht voran"

Grüne in Hamburg legen Bildungskonzept vor

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Anja Hajduk

Bildung PLUS: In Ihrem Bildungskonzept "Bildung nimmt Kurs auf die Zukunft"  heißt es, dass das Bildungssystem Hamburgs in allen Bereichen von Grund auf erneuert werden müsste. Warum sieht es denn so schlecht aus?

Hajduk: Natürlich beziehen wir uns in Hamburg auch auf das Gesamtergebnis von PISA und betreiben eine grundsätzliche Ursachenforschung. Wir sind zu der Überzeugung gelangt, dass man in Anbetracht der vielen Schwächen, die das deutsche Bildungssystem aufweist, auch den Mut haben muss, grundsätzliche Fragen aufzuwerfen. Noch dazu, wenn eine Stadt wie Hamburg, die im Vergleich zu anderen deutschen Städten relativ viel Ressourcen in die Bildung steckt, auch keine besseren Ergebnisse erzielt. Ein Beispiel hierfür ist die hohe Zahl an Schulabbrechern in unserer Stadt. Auf diese Fragen versuchen wir mit unserem Konzept die richtigen Antworten zu geben.

Bildung PLUS: Einer der Bausteine in ihrem Konzept ist die so genannte "Neue Hamburger Schule". Wie soll die aussehen?

Hajduk: Die "Neue Hamburger Schule" ist unser mittelfristiges Ziel. Man kann eine tiefgreifende Strukturveränderung nicht von heute auf morgen umsetzen. Da bekäme man auch zu viele Widerstände - von Lehrern, Eltern und der Politik selbst. Wir wollen aber erreichen, dass die Kinder vom ersten bis zum neunten Schuljahr ganztägig gemeinsam eine Schulform besuchen. Momentan gehen Ressourcen verloren, weil wir zu viele Schulsysteme nebeneinander führen. Wir sind davon überzeugt, dass wir keine Trennung der Schüler brauchen, sondern eine individuelle Förderung.

Bildung PLUS: Die "Neue Hamburger Schule" setzt die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems voraus. Ist das nicht utopisch?

Hajduk: Utopisch nicht, aber eben auch nicht von heute auf morgen zu verwirklichen. Deshalb werden wir auch Zwischenschritte vorschlagen, die innerhalb des jetzigen Systems funktionieren. Sonst kommen wir nicht voran. Zum Beispiel sollen Kinder nicht mehr sitzen bleiben können und jede Schule wird verpflicht, die Kinder zu fördern, die sie hat. Trotz dieser sinnvollen Zwischenschritte ist es gut und wichtig, ein ambitioniertes Ziel zu haben und auch konsequent anzustreben.

Bildung PLUS: Sie beschäftigen sich von der frühkindlichen Förderung bis zur Weiterbildung mit vielen Aspekten der Bildung. Was hat Priorität?

Hajduk: Das Wichtigste für uns ist, Bildung über die verschiedenen Lebensphasen hinweg als Ganzes zu betrachten. In Zukunft wird zum Beispiel die Weiterbildung einen viel höheren Stellenwert einnehmen als bisher. Zwei Kernbereiche, die uns aber besonders am Herzen liegen, sind der Vorschulbereich und die neunjährige gemeinsame Schule.

Bildung PLUS: Bildung hat ihren Preis. Wie wollen Sie die Veränderungen finanzieren?

Hajduk: Im Kindertagesbereich wollen wir das "Bildungsjahr Fünf Plus" einführen, so dass für alle Fünfjährigen ein qualitativ hochwertiges vorschulisches Bildungsangebot gewährleistet wird. Diese Veränderungen liegen finanziell knapp im zweistelligen Millionenbereich. Dies können wir gegenfinanzieren. Eine ganztägige Schule dagegen erfordert deutlich mehr Ressourcen. Daran wird man nicht vorbeikommen - besonders in der Einführungsphase. Allerdings lassen sich auch durch Einsparungen Mittel freisetzen, die anderswo Nutzen bringen können - denn in der jetzigen Praxis werden einfach große Ressourcen vertan, zum Beispiel durch das Sitzenbleiben oder die Schulabbrecher.

Bildung PLUS: Ihre Vorschläge sind teilweise radikal. Wie wollen Sie den Widerstand gegen die Pläne brechen?

Hajduk: Wir werden mit Schülern, Eltern und Lehrern verstärkt in Dialog treten. Damit haben wir auch schon in den einzelnen Stadtteilen begonnen, begleitet von einer Kampagne mit dem Titel "Neun macht klug". Wir haben Unterstützer und Gesprächspartner, die nicht aus dem Umfeld der Grünen stammen. Diese Leute sehen die Notwendigkeit, dass die Politik Konsequenzen aus PISA ziehen muss. Unsere Vorschläge stellen eine Antwort auf die Defizite im Bildungssystem dar. Nur so werden wir zu Verbesserungen kommen.


Anja Hajduk, geboren am 8. Juni 1963 in Duisburg, ist Landesvorsitzende der GAL Hamburg. Außerdem ist sie Mitglied des Deutschen Bundestags, Stellvertretende Vorsitzende des Haushaltsausschusses und Mitglied des Rechnungsprüfungsausschusses.

 


 

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 17.10.2003
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