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09. 10. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

Kritische Freunde der Ganztagsschulen

Bundesschülervertreter fordern in Sachen Ganztagsschulen ein neues Rollenverständnis von Schülern, Lehrern, Eltern und Bildungspolitikern

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Stefan Lange, Bundesschülervertreter auf der Startkonferenz "Zukunft Bildung und Betreuung" in Berlin

Bildung PLUS: SchülerInnen-Vertreter galten nicht immer als "Freunde" des nachmittäglichen Unterrichts. Hat sich Ihre Einstellung zu Ganztagsschulen geändert? Inwiefern?

Lange: Wir sind noch immer nicht wirklich Freunde von nachmittäglichen Unterricht, wir sind Freunde der Ganztagsschule. Bei Ganztagsschulen sehen wir die Chance die Bildungslandschaft in Deutschland zu verändern, etwa die 45-minütigen-Unterrichtsblöcke aufzubrechen und neue pädagogische Wege zu gehen.

Ganztagsschule darf nicht so aussehen, dass lediglich nachmittäglicher Unterricht angeboten wird. Sonst hat man, wie in der Halbtagsschule, das große Motivationsloch. 

Bildung PLUS: Es gibt verschiedene Gründe den Ausbau von Ganztagsschule zu rechtfertigen: Erziehung, Unterricht und Bildung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Stellen für neue Pädagogen, Abbau von Benachteiligung von Menschen aus dem Ausland. Welche Argumente überzeugen Sie?

Lange: Man kann Ganztagsschule nicht mit den einzelnen Argumenten aufziehen. Man muss die Argumente in ihrer Ganzheit betrachten. Gute Argumente sind: neue Unterrichtsformen, neue Erziehungsformen, beiden Eltern die Möglichkeit zu geben, arbeiten zu können. Weiter ist der Abbau der Benachteiligung von Migrantinnen und Migranten ein guter Ansatz, problematisch ist dabei die Umsetzung.

Wir sind noch nicht davon überzeugt, dass das Konzept der Ganztagsschule auch so umgesetzt wird, wie es verkündet wird. Aufgrund der Länderhoheit können die Länder das Geld so verteilen, wie es ihnen gut dünkt. Sie müssen sich beim Verteilen des Geldes nicht ungedingt an das Konzept des Bundesministeriums für Bildung und Forschung halten. So werden möglicherweise nur wenige Ganztagsschulen entstehen, die alle Elemente vereinen.

Bildung PLUS: Der Ausbau von Ganztagsschulen ist mit der Erwartung des Bundesbildungsministeriums verbunden, dass die Länder ein pädagogisches Konzept vorlegen. Wie müsste ein pädagogisches Konzept aussehen, dass sie zufrieden stellen würde?

Lange: Ein pädagogisches Konzept müsste den 45-Minuten-Takt aufbrechen. Es müsste Raum und Zeit für individuelle Förderung vorsehen. Und Ganztagsschule sollte nicht auf Frontalunterricht aufbauen. Besser ist das Motto: Moderator statt Diktator. Das, was der Lehrer sagt, sollte nicht als absolut betrachtet werden. Er sollte die Schülerinnen und Schüler vielmehr dazu anleiten, selbst etwas herauszufinden, was sie als wichtig erachten.

Evaluationen, die stattfinden, sollten auch von den Schülerinnen und Schülern ausgehen. Ganz wichtig für das pädagogische Konzept ist die Mitbestimmung von Schülerinnen und Schülern: Was im Unterricht gemacht wird, wann Schülerinnen und Schüler etwas im Unterricht machen und wie sie es machen.

Wenn den Schülerinnen und Schülern ein Konzept auferlegt wird, fühlt man sich ein wenig verarscht, um es salopp zu sagen, da man keinerlei Möglichkeiten hat, einzugreifen und zu sagen, was einen motiviert. Denn es ist in Deutschland ein großes Problem, dass die Schule es nicht schafft, Schülerinnen und Schüler zu motivieren. Durch mehr Mitbestimmung kann hier Abhilfe verschafft werden.

Bildung PLUS: Viele Ganztagsschulen arbeiten eng mit Partnern aus den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft zusammen: Sportvereine, Musikschulen, Handwerkskammern usw. Welche Kooperationen begrüßen Sie, welche bereiten Ihnen womöglich Bauchschmerzen?

Lange: Ganztagsschulen müssen mit Sportvereinen oder Musikschulen schon deshalb kooperieren, um ein Freizeitangebot zu Verfügung zu stellen. Schwierig ist es mit der Wirtschaft. Man muss es kritisch betrachten, ob man wirtschaftliche Unternehmen in die Schule reinlässt und prüfen, ob das nicht überhand nimmt. Die Wirtschaft darf keinen zu großen Einfluss auf die Lehrpläne und Unterrichtsgestaltung nehmen.

Wenn man die Wirtschaft in die Schule holt, sollte es nicht so sein, dass ein Unternehmen die Schule sponsert. Es sollte anders, also über "Töpfe" laufen, d.h. das Geld, das über Wirtschaftssponsoring einkommt, soll gerecht über alle Schulen verteilt werden. Ansonsten gibt es wieder die Standort-Vorteile, die ganz eindeutig zur Chancen-Ungleichheit beitragen.

Wenn man auf eine Schule geht, die von einem Computerunternehmen gesponsert wird, hat man viel mehr Möglichkeiten und wird sehr viel besser gefördert als Schülerinnen und Schüler, bei denen das nicht der Fall ist. 

Bildung PLUS: Die Bundesmittel fließen bekanntlich bis 2007 reichhaltig. Wie geht es danach mit den Ganztagsschulen weiter?

Lange: Ich glaube, das Programm wird nach 2007 in der Versenkung verschwinden. Das ist meine große Befürchtung. Die Ganztagsschulen, die entstanden sind, werden zwar weiter bestehen, aber da ihnen dann Geld fehlen wird, werden sie die Leistungen, die sie bis dahin erbracht haben, nicht weiterführen können.

Bildung PLUS: Doch wenn in einigen Ländern die Schülerzahlen zurückgehen, stellt sich dann noch das Finanzierungsproblem?

Lange: Die Tatsache, dass es in Zukunft weniger Schülerinnen und Schüler geben wird, kompensiert nicht die vier Milliarden Euro, die dann bundesweit fehlen werden.

Bildung PLUS: Welchen Stellenwert hat die Startkonferenz "Zukunft Bildung und Betreuung" für Sie? Was erwarten Sie von der Veranstaltung?

Lange: Die Veranstaltung ist verspätet gekommen. Man wird vor ein
bestehendes Konzept gestellt und hat nicht mehr die Möglichkeit einzugreifen. Die Menschen, die hier sind, befürworten das Ganztagsschulprogramm. Es gibt kaum eine kritische Meinung dazu. Man sagt hier das, was man schon im Vorfeld hätte sagen sollen.

Man merkt auch, dass die Veranstaltung keinen so hohen Stellenwert
in Deutschland hat. Die große Presse war nur am ersten Tag anwesend, wo die Minister anwesend waren, Edelgard Bulmahn, Doris Ahnen, Jan-Hendrick Olbertz. Auch sonst hat Bildung nicht den nötigen Stellenwert in den Medien und in der Gesellschaft. Man diskutiert gerne zwischendurch über Bildung. Doch man führt die Diskussion nie wirklich zu Ende und kommt nie zu wirklichen Reformen.

Bildung PLUS: Wie könnte denn der Stellenwert von Bildung erhöht werden?

Lange: Bildung bräuchte eine höhere Präsenz in den Medien und sollte nicht nur dann aufgegriffen werden, wenn mal gerade eine PISA-Studie herauskommt, die sagt, dass die deutschen Schulen schlecht sind. Bildung sollte das ganze Jahr über in den Medien stark präsent sein. Dadurch wird die Gesellschaft angestoßen darüber nachzudenken, welche Bildungskonzepte es gibt und wie man Bildungsreformen ansetzen muss. Nur so kommt eine Diskussion in Gang.

Bildung PLUS: Wie würde die BSV eine eigene Bundeskonferenz zu Ganztagsschulen zusammensetzen?

Lange: Wir würden mehr Schülerinnen und Schüler ansprechen: Ein Drittel Schülerinnen und Schüler, ein Drittel Lehrer. Das letzte Drittel wäre frei zusammengesetzt aus Deutsche Kinder- und Jugendhilfe, Länder, Ministerien, Verbände. In den Arbeitsgemeinschaften müssten alle gesellschaftlichen Gruppen vertreten sein.

Generell ist die Konzeption der Tagung nicht sonderlich gut. In den Arbeitsgemeinschaft sind die Moderationen größtenteils schlecht: Sie nehmen inhaltlich Stellung zu den Themen, was die Rolle als Moderator verbietet. Hier werden keine Rednerlisten geführt, sondern wer sich als erstes meldet, wird drangenommen. So entsteht keine wirkliche Diskussionskultur. 


Stefan Lange, 18 Jahre, Schüler und kooptiertes Vorstandsmitglied der BundesschülerInnenvertretung aus Rheinland-Pfalz. Einer seiner Schwerpunkte in der Arbeit als Bundesschülervertreter sind die Ganztagsschulen. Das Motto seiner Arbeit ist: "Den Ring, der alle knechtet, vernichten."

 

Autor(in): Arnd Zickgraf
Kontakt zur Redaktion
Datum: 09.10.2003
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