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25. 09. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Man hat sich nicht persönlich um sie gekümmert“

Die individuelle Förderung der Kinder ist nach Meinung des Hirnforschers Prof. Dr. Scheich der Schlüssel zum Lernerfolg

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Prof. Dr. Henning Scheich

Bildung PLUS: Herr Scheich, seit PISA wird viel über richtiges Lernen diskutiert. In den Fokus rückt zusehends die frühe Förderung. Wie lernen kleine Kinder?

Scheich: Kindliches Lernen vollzieht sich in einem stark emotionalen Kontext. Jeder Mensch nimmt täglich massenhaft Informationen auf, ohne einen direkten Einfluss darauf zu haben, welche davon im Langzeitgedächtnis abgespeichert werden. Inhalte werden z. B. unter dem Gesichtspunkt herausgefiltert, ob sie emotional relevant sind. Ob sie eine starke Erlebnishaftigkeit haben. Und dieser Selektionsmechanismus ist bei Kindern noch extrem ausgebildet.

Bildung PLUS: Also macht es nicht viel Sinn, Kinder mit trockenem Lernstoff zu überfrachten?

Scheich: Nein, überhaupt nicht. Kinder sind nicht sehr geduldig. Sie brauchen Evidenzerlebnisse, die ihrer emotionalen Geduld entsprechen. Deshalb ist die übertriebene Stofffülle in der Schule ausgesprochen lernhemmend. Kinder langweilen sich sofort, wenn Unterricht auf Stoff oder Systematik herausläuft. Kinder brauchen "Aha-Erlebnisse". Es geht um Verstehen von Zusammenhängen, die auf der kindlichen Ebene intuitiv einsehbar sein müssen. Ein solcher Zugang garantiert, dass Kinder enorm vieles aufnehmen können.

Bildung PLUS: Ist eine frühe Förderung dann überhaupt zu empfehlen?

Scheich: Auf jeden Fall! Gerade in die Förderung von Kindern in der Vor- und Grundschulzeit sollte man viel investieren. Im Gegensatz zum Erwachsenen nehmen Kinder Informationen nicht nur auf, um sie als Fakt im Gedächtnis abzuspeichern. Informationen in diesem frühen Entwicklungsalter dienen dazu, Nervennetze im Kortex, also in der Hirnrinde, erst zu strukturieren. In den so genannten sensitiven Phasen, die insbesondere im Vorschulalter auftreten, dienen Informationen, für die sich die Kinder dann plötzlich interessieren, dazu, diese Nervennetze für spätere Leistungen zu trimmen. Es wird eine Feinabstimmung hergestellt, die ermöglicht, dass diese Netze späteren Anforderungen optimal gewachsen sind. Dieser Prozess ist eigentlich nicht wiederholbar.

Bildung PLUS: Wie kann man Kinder richtig fördern?

Scheich: Durch individuelle Beobachtung und individuelle Förderung. Kinder sollten in diesem Alter mit Informationen gezielt bedient werden. Das darf nicht langweilig sein, sondern es muss spielerisch, erlebnishaftig sein. Beispielsweise wäre es optimal, wenn Kinder im Kindergartenalter die Buchstaben unterscheiden lernen. Das können sie in der Zeit besonders gut und sie optimieren gleichzeitig ihr visuelles System für diese Unterscheidungen. Das gleiche gilt für Zahlen. Das hat zunächst nichts mit Lesen und Rechnen zu tun. Das stellt sich bei einigen zwar automatisch ein, aber es geht vielmehr um das Kennen lernen von solchen subtilen Formen und um ihre Unterscheidung. Es geht darum, dass bestimmtes Urwissen entwickelt wird, an das man später anknüpfen kann, damit Kinder das Bildungsangebot dann relativ optimal aufgreifen können. Es ist ein Unding, wenn Kinder erst mit sieben Jahren verhältnismäßig mühsam anfangen, zum ersten Mal Buchstaben zu unterscheiden.

Bildung PLUS: Gibt es etwas, was man im späteren Alter nicht mehr lernen kann?

Scheich: Das menschliche Gehirn mit seiner Flexibilität und seiner Kapazität kann fast alles auch später lernen, aber mit unglaublichem Aufwand. Das ist das große Problem. Das heißt also, man kann alles auch nachholen, aber es braucht eben viel länger. Und in dieser schnelllebigen, Informationsüberfluteten Zeit, ist es absolut unökonomisch. Man kann sich nicht leisten, dass in der Schule mühsam Dinge nachgeholt werden. Viele fühlen sich dann vielleicht sogar als Versager, wenn sie nicht so schnell mitkommen oder sind lustlos. PISA ist die Quittung auch dafür, dass wir unsere Kinder nicht schon früher fördern.

Bildung PLUS: Welche Rolle spielen dabei Vorbilder - Eltern, Erzieher, Lehrer, andere Kinder?

Scheich: Eine große Rolle und zwar über den emotionalen Zusammenhang. Kinder brauchen jemanden, der ihre Lust auf Lernen und Erfahrungen zu machen, weckt. Ihr Nachahmungstrieb lässt sich leicht anstecken. Kindliches Lernen spielt sich optimal in sozialem Kontext ab. Viele Dinge, die Kinder alleine nur schwer lernen, übernehmen sie ohne Probleme in einem sozialen Kontext. Kinder brauchen außerdem konstante Umgebungen, in denen sie die Emotionen, Motivationen und Anregungen kennen und schätzen und sich daran anlehnen können. Jedes Schulsystem, das früh auf Kurssystem, auf Wechsel von Lehrern und Bezugssystemen setzt, wirkt sich wahrscheinlich ungünstig auf ihr Lernen aus.

Bildung PLUS: Also wäre es am besten, die Kinder hätten in der gesamten Grundschulzeit nur eine Klassenlehrerin bzw. einen Klassenlehrer?

Scheich: Ja. Das würde ich gerne sehen. Das wäre viel besser für die Kinder, als stoffkompetente Spezialisten zu haben. Sie müssen sich wohl fühlen in diesem Alter, sie müssen ständig motiviert werden. Und es kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu. In Kindern muss man ein Gefühl für Erfolg und Misserfolg regelrecht heranzüchten. Wenn das Kind selbst ein Ziel, einen Maßstab oder ein Erfolgserlebnis irgendwelcher Art hat, dann ist das viel effektiver für den Erfolg seines Lernens und auch für die Abspeicherung, als Lob von außen. Der Dopamin-Ausstoß im Gehirn, der erfolgt, wenn man eine Aufgabe gelöst oder ein "Aha-Erlebnis" hat, motiviert, eine Strategie weiterzuverfolgen. Deshalb sollte sich jeder bemühen, Kindern Erfolge zu verschaffen.

Bildung PLUS: Was passiert, wenn Kinder zu viele Misserfolge haben?

Scheich: Misserfolge sind Teil dieses Systems, aber bei zu vielen Misserfolgen wird dieses System frustriert. In Tierversuchen wurde in gestellten Situationen herausgefunden, dass Tiere, die bei einer Problemlösung niemals Erfolg haben, erst hektisch oder aggressiv und schließlich völlig passiv werden. Sie haben nur gelernt, dass sie nichts tun können, um jemals zum Erfolg zu kommen.

Bildung PLUS: Es gibt ja auch viele passive Schüler. Was wurde falsch gemacht?

Scheich: Man hat sich nicht persönlich um sie und ihre Erfolgserlebnisse gekümmert. Individuelle Förderung ist unglaublich wichtig. Und hier komme ich wieder auf die Schwäche unseres Schulsystems zurück: Das heutige Schulsystem ist von Anfang an mit zu viel Stoff überfrachtet. Lehrer hecheln eigentlich nur durch den Stoff und können sich um den Einzelnen und seine Erfolgserlebnisse gar nicht mehr kümmern. Die Stofffülle, die angeblich notwendig ist, um diese Welt zu verstehen, ist einfach absurd. Sie kommt erstens nicht an, weil Kinder nur eine begrenzte Geduld und Konzentrationsfähigkeit haben und zweitens führt sie dazu, dass Lehrer keine Zeit finden, sich um die Schwächeren zu kümmern. Sie registrieren noch nicht einmal, dass schwächere Schüler ständig frustriert sind und dann irgendwann völlig passiv werden. Wir hatten viele Gespräche mit Lehrern, deren Äußerungen mit diesen Überlegungen gut übereinstimmen.

Bildung PLUS: Was kann man konkret ändern?

Scheich: Man muss in jedem Fall eine Wertedebatte über Stoff führen, Stofffülle reduzieren und darüber diskutieren, was überhaupt wichtig ist für unsere Kinder. Weiterhin haben alle Länder die in der PISA-Vergleichsstudie gut abgeschnitten haben, als oberstes Prinzip das individuelle Bemühen um den Einzelnen. Und das hängt überhaupt nicht vom Schultyp ab, wie zurzeit hier diskutiert wird. Es geht um Grundsätzlicheres, es geht darum, dass man sich um das individuelle Kind kümmert und seine Fortschritte, Erfolge und Misserfolge früh registriert, dass man sicherstellt, dass es Tritt fast in diesem System und sich seine eigenen Erfolge verschafft. Zu meiner Zeit wurde nach der klassischen Pädagogik exemplarisch unterrichtet. Wenige gute Beispiele richtig verstanden, ermöglichten Ähnliches selbständig zu verstehen und einzuordnen. Das ließ den Lehrern mehr Zeit, sich auch um Einzelne zu kümmern und sie so anzuregen, damit sie Fortschritte erzielen konnten.

Bildung PLUS: Was halten Sie von der Diskussion um eine verstärkte Einführung von Ganztagsschulen. Wäre das eine Lösung?

Scheich: Ich bin nicht der Meinung, dass die Ganztagsschule der absolute Stein der Weisen ist, dass gar nichts anderes geht als eine Ganztagsschule. Aber eine Ganztagsschule könnte die für das Langzeitgedächtnis wichtige Abspeicherungsperiode schließen, die mindestens 24 Stunden dauert. Wie bereits angesprochen, kann die Auswahl von Informationen, die im Langzeitgedächtnis aufgenommen wird, von uns nicht frei bestimmt werden. Emotionalität und Verknüpfungsmöglichkeiten mit bereits Bekanntem spielen eine Rolle, periodische Wiederholungen fördern den Abspeicherungseffekt im Langzeitgedächtnis. Die Erfüllung gut ausgedachter Hausaufgaben kann heute aber nicht mehr sichergestellt werden. Viele Ablenkungsmöglichkeiten - und da spielen die visuellen Medien eine bedeutende Rolle - verhindern, dass schulische Inhalte am Nachmittag mit genügender Konzentration wiederholt werden. Und da diese Medien alle sehr informationsreich und emotional sind, drängen sie sich jetzt vor, so dass im Langzeitgedächtnis schließlich Informationsmüll abgespeichert wird, der nichts bringt oder sogar negative Folgen hat. Hier kann eine Ganztagsschule positiv entgegenwirken.


Henning Scheich, Jahrgang 1942, Professor für Hirnforschung. Er ist seit 1992 Direktor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg. Zuvor unterrichtete der Mediziner 15 Jahre lang als Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Erforschung von Lernmechanismen.

Autor(in): Petra Schraml
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Datum: 25.09.2003
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