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21. 08. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Man kann guten Unterricht nicht verordnen"

Österreich zwei Jahre nach PISA: Zukunftskommission plant Schule von morgen

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Günter Haider

Bildung PLUS: Deutschland und Österreich haben ähnliche Schulsysteme. Trotzdem war Österreich bei PISA deutlich besser. Woran liegt das?

Haider: Die Schulsysteme Deutschlands und Österreichs gleichen sich nicht in allen Punkten. Außerdem muss nicht unbedingt die Schulstruktur die PISA-Ergebnisse verantworten. Die PISA Studie ist vorwiegend eine leistungsdiagnostische Arbeit, die über die kausalen Ursachen für die mehr oder weniger guten Leistungen in den verschiedenen Ländern nur wenig sagen kann - das muss durch ergänzende nationale Analysen geleistet werden. Man kann der PISA-Studie aber trotzdem gewisse allgemeine Hinweise entnehmen, wo bestimmte Stärken und Schwächen der einzelnen Schulsysteme liegen.

Bildung PLUS: Welche Hinweise auf Schwächen gibt PISA denn mit Blick auf Österreich?

Haider: Schwächen muss man in diesem Kontext so definieren: In Beziehung zu den Ländern, die bei PISA ganz oben stehen wie Finnland oder Kanada. Eine Schwäche des österreichischen Schulsystems ist demnach das fehlende System der Evaluation und Rechenschaftspflicht. Wir haben wie in Deutschland ein klassisches Schulmodell, das sich stark am Input orientiert und einen großen Verwaltungsapparat mitbringt. Es fehlt die Transparenz im System. Ein Blick auf PISA zeigt eben, dass die Sieger-Länder sich schon seit geraumer Zeit der Evaluation verschrieben haben - und das auf allen Ebenen. In dieser Hinsicht hat Österreich noch einiges nachzuholen.

Ein weiteres Defizit ist, dass es uns nicht gelungen ist, einen differenzierten Unterricht für die Schüler anzubieten. Es wird einfach immer noch viel zu viel Unterreicht für den fiktiven durchschnittlichen Schüler angeboten. In den skandinavischen Ländern ist es schon seit Jahren selbstverständlich, dass jeder Schüler im Grunde seinen eigenen Lehrplan mitbringt und von den Lehrern individuell betreut wird. Natürlich haben diese Länder Ganztags- und Gesamtschulen, was als Rahmenbedingung für einen individuellen Unterricht nicht ganz unerheblich ist.

Bildung PLUS: Sie haben Schwachstellen benannt. Hat Österreich seit PISA Gegenmaßnahmen eingeleitet?

Haider: Wir haben eine Zukunftskommission gegründet, die alle Ergebnisse aus PISA und anderen Studien verarbeitet und daraus eine umfangreiche Schulreform erarbeiten soll. Im Herbst wird ein erstes Zwischenergebnis vorliegen, in dem die Bereiche benannt werden, in denen Reformen in Österreich stattfinden müssen. Man kann jetzt schon sagen, dass die Evaluation ein wichtiger Schwerpunkt dieses Berichts sein wird.

Konkret heißt das zum Beispiel, dass Bildungsstandards eingeführt werden, Schulen eigene Schulprogramme entwickeln und sich selbst evaluieren können. Im Unterricht selbst sollen die Lehrer verpflichtet werden, sich an den Standards zu orientieren und den Fortschritt zu überprüfen.

Bildung PLUS: Ein großer Kritikpunkt bei PISA war das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland, das eine frühe  soziale Selektion unterstützt. Auch Österreich hat ein zweigliedriges System. Haben Sie die gleichen Probleme?

Haider: Wir sitzen da im selben Boot wie die Deutschen. In Österreich können wir dieses Problem teilweise kompensieren, weil unser Schulsystem wesentlich flexibler ist als das deutsche. Ein Resultat dieser Durchlässigkeit von der Hauptschule zum Gymnasium ist, dass wir doppelt so viele Abiturienten haben als über den traditionellen Weg des Gymnasiums.

Bildung PLUS: Wie groß ist denn der Druck in Österreich, bildungspolitische Reformen überhaupt umzusetzen? Schließlich hat es bei PISA doch ein recht ordentliches Ergebnis erzielt...

Haider: Der Druck ist tatsächlich nicht so groß, was aber auch ganz angenehm ist, denn so lässt sich die Schulreform in Ruhe planen. Da kommt es auf ein Jahr mehr oder weniger nicht an. Nur: Wir müssen unbedingt etwas tun, denn Erfolge lassen sich in der Bildung erst im Zeitraum von Jahrzehnten messen. Nach PISA fangen nun alle Länder an ihre Schwächen auszubügeln. Das ist ein positiver internationaler Wettbewerb. Da dürfen wir uns nicht zurücklehnen und nichts tun, denn dann werden wir im Jahr 2006 sehen, wo wir geblieben sind. Alle Länder müssen die intelligente Steuerung ihres Systems beweisen.

Und der Erfolg entscheidet sich an einer sehr paradoxen Stelle: Den Schulen auf der einen Seite mehr Autonomie zu gewähren, ihnen auf der anderen Seite aber bestimmte Vorgaben zu machen, was sie erreichen müssen. Diese Situation kann man nur bewältigen, indem man die Rahmenbedingungen der Schulen optimiert. Die Steuerung solcher Systeme wird immer komplexer und langfristiger. Man kann guten Unterricht eben nicht verordnen. Das ist unmöglich.

Bildung PLUS: Sind Sie denn optimistisch, dass sich auch ohne diesen Druck, der die Politik zum Handeln zwingt, etwas bewegt...

Haider: In komplexen Gesellschaften wie der unseren gibt es die Arbeitsteilung, dass Bildungsforscher und Wissenschaftler der Politik Vorschläge unterbreiten, über die Umsetzung aber nicht entscheiden können. Natürlich sind wir darauf angewiesen, dass wir eine Regierung haben, die sich für Bildungsfragen interessiert und auch bereit ist, finanzielle Ressourcen bereitzustellen.

Das Ganze spielt in Österreich auch auf dem Hintergrund einiger ungelöster Probleme - dem Spannungsverhältnis zwischen Gemeinde, Bezirk und Land und Bund. Wir sind ein kleines Land, kleiner als Bayern, und halten uns eine föderale Struktur mit vier Ebenen. Ein Verfassungskonvent arbeitet momentan daran die administrativen Strukturen zu verbessern.

Bildung PLUS: Bildungsstandards und Systemsteuerung tauchen bei Ihren Antworten immer wieder auf. Ist die Ganztagsschule in Österreich kein Thema?

Haider: Wir lassen die Ganztagsschule aus politischen Gründen gar nicht erst zum Thema werden. In der Zukunftskommission haben wir schon postuliert, dass es in die Autonomie der jeweiligen Schulen und Gemeinden fällt, sich als Ganztagsschule zu entwickeln oder als Halbtagsschule mit Angeboten am Nachmittag. Wir wollen das sehr offen handhaben.

Die Ganztagsschule hat auch in Österreich viele Befürworter. Aber natürlich ist es auch an diesem Punkt eine Geldfrage. Auf lange Sicht sollen zehn bis zwanzig Prozent aller Schulen Ganztagsschulen sein - vornehmlich im städtischen Bereich. Ganztagsschulen können - optimal platziert und an die richtige Zielgruppe gebracht - wirklich einiges leisten.

Bildung PLUS: Ganztagsschulen sind in Deutschland dagegen der Renner in der bildungspolitischen Diskussion. Verfolgen Sie die Diskussion in Ihrem Nachbarland? 

Haider: Die Diskussion in Deutschland unterscheidet sich ja stark von Bundesland zu Bundesland. Wir verfolgen die Diskussion in Deutschland mit großem Interesse und es gibt auch Dinge, die wir in Österreich nutzen können. Zum Beispiel hat Prof. Eckhard Klieme vom DIPF (Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung) vor einiger Zeit ein ganz hervorragendes Gutachten zur Einführung von Bildungsstandards herausgebracht, an dem wir uns auch orientieren.

Das Problem ist nur, dass wir zur Verfolgung der deutschen Diskussion eigentlich sechzehn Bundesländer gleichzeitig beobachten müssten. In Österreich versuchen wir hingegen das Thema Bildungsstandards einheitlich für das ganze Land zu regeln.


Günter Haider, 50, Gründer und Leiter des österreichischen PISA Projektzentrums. Lehramt und 15 Jahre Praxis als Lehrer. Studium der Pädagogik und Psychologie. Journalist bei einer Tageszeitung. Erfahrung als EDV-Trainer, mehrere Jahre Mitarbeiter einer Unternehmensberatungsfirma. Assistenzprofessor am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Salzburg.

Autor(in): Udo Löffler
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Datum: 21.08.2003
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