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31. 07. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Weil es der Staat nicht tut..."

Stiftung Lesen: Leseförderung ist eine nationale Aufgabe

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Heinrich Kreibich

Bildung PLUS: Momentan scheinen sich Bildungspolitiker besonders für die frühe Sprachförderung zu interessieren. Erfüllt Sie das als Geschäftsführer der Stiftung Lesen, die sich ja schon lange für Leseförderung einsetzt, mit Genugtuung oder sehen Sie das als eine bildungspolitische Modeerscheinung?

Kreibich: Es ist einerseits eine Genugtuung, andererseits aber auch eine Modeerscheinung. Genugtuung deshalb, weil sich endlich die Einsicht durchsetzt, dass etwas getan werden muss in der Lese- und Sprachförderung. Auf der anderen Seite hat man das Gefühl, dass zwar viele darüber reden, dass den Worten aber kaum finanzielle Taten folgen. Wenn man nämlich statt mehr Geld auszugeben nur umverteilt, und hier und da ein kleines Projekt neu macht, ist das zwar nett, aber auf lange Sicht keine Erfolg versprechende Strategie. 

Bildung PLUS: Wenn alle gern über das Thema reden, ist dann ihr Rat nun öfter gefragt?

Kreibich: Unser Rat ist schon sehr lange gefragt. Die Stiftung Lesen ist schließlich seit vielen Jahren die zentrale Institution für Leseförderung in Deutschland. Wir sitzen in einzelnen Bundesländern in Beiräten, die für die Lese- und Sprachförderung Konzepte und Maßnahmen entwickeln. Nur in der konkreten Umsetzung sind wir leider dann nicht mehr ganz so gefragt.

Bildung PLUS: Viele Projekte realisieren Sie mit Wirtschaftsunternehmen wie der Deutschen Bahn oder Coca-Cola. Warum engagieren sich die Unternehmen plötzlich in der Leseförderung?

Kreibich: Weil es der Staat nicht tut. Die Stiftung Lesen zum Beispiel lebt zu neunzig Prozent von dem Engagement der Wirtschaft. Zwei Jahre lang hatten wir keinerlei Unterstützung des Bundes und nun realisieren wir für das Jahr 2004 ein einziges Projekt zusammen, einen internationalen Kongress zum Thema Leseförderung. Die Erkenntnis, dass im Bereich Lesen mehr getan werden muss, führt in der Politik nämlich nicht unbedingt auch zu der Einsicht, dass man Organisationen, die zur Lesförderung beitragen könnten, unter die Arme greift. Bildung und damit auch Lesen ist ein sehr wichtiger Standortfaktor in Deutschland - das hat die Wirtschaft erkannt und kümmert sich selbst darum. Aus diesem Grund suchen Unternehmen kompetente Partner, die in der Lage sind, Leseförderung zu betreiben. 

Bildung PLUS: Was versprechen Sie sich von Ihren Projekten wie "Schnapp dir ein Buch"?

Kreibich: Ich will Ihnen ein Beispiel nennen: Coca-Cola finanziert das Projekt "Schnapp dir ein Buch!". In Deutschland gibt es eine ganze Menge von Kinderliteraturpreisen, die von ergrauten Jurys ausgelobt werden. Doch das umgekehrte Prinzip ist der richtige Weg: Wir haben die Kinder aufgefordert, ihre eigenen Lieblingsbücher zu wählen. Und da kommt in einer bestimmten Altersgruppe zum Beispiel eben nicht Harry Potter heraus, sondern "Der kleine Hobbit". Uns geht es um Kinder, die nicht die Gewinner eines Vorlesewettbewerbs sind, sondern für die Bücher in ihrem Leben kaum eine Rolle spielen. Da unser Schwerpunkt Kindergärten und Familien sind, initiieren wir Projekte wie den "Vorlesebären", um den Fokus mehr auf das Vorlesen zu richten als das bislang Praxis ist. Es beteiligen sich ja auch Tausende von Kindergärten an diesem Wettbewerb. Wir glauben, dass sich langfristig Erzieherinnen so anders auf das Thema Vorlesen einlassen als sie das bislang tun. Es ist aber auch klar, dass wir ohne die nötige Infrastruktur, sprich die Ausstattung mit Büchern, langfristig keinen Erfolg haben werden.

Bildung PLUS: Studien belegen, dass Eltern sich immer weniger um die Lektüre ihrer Sprösslinge kümmern. Woran liegt das?

Kreibich: Wie immer hat das verschiedene Ursachen. Erstens die Diffusion des bürgerlichen Familienbildes, das es so nicht mehr gibt. Aber auch die Eltern, denen nicht bewusst ist, dass Lesen und Vorlesen die preiswerteste Investition in die Zukunft ihrer Kinder ist, tragen zu dieser negativen Tendenz bei. Eltern sind oft bereit für die Förderung ihrer Kinder Geld auszugeben - zum Beispiel für Ballett oder Musikunterricht. Aber sie sind nicht bereit das eine oder andere Bilderbuch zu kaufen oder mit den Kindern in die Bibliothek zu gehen. Diese Eltern erkennen leider nicht, dass die frühkindliche Sprachförderung, und dazu gehört auch das Lesen, die beste Positionierung des Kindes innerhalb der Gesellschaft und des Schulsystems ist.

Bildung PLUS: Wie schafft man es trotz dieser Hürden, dass Kinder zu Büchern greifen?

Kreibich: Auf eine Art schafft man es auf keinen Fall, nämlich den Eltern zu sagen: "Lest euren Kindern vor und lasst sie nicht mehr Fernsehen schauen, Radio oder Kassetten hören". Sondern es muss darum gehen, den Eltern einen integrativen Medienansatz nahe zu bringen. Deshalb bietet die Stiftung Lesen ihnen durch Broschüren eine konkrete Orientierung auf dem Medienmarkt für Kinder. Doch wo erreichen wir die Eltern? Oftmals ist es ja wie Eulen nach Athen zu tragen, denn zu Veranstaltungen wie Elternabenden kommen dann die Eltern, die diese Ratschläge gar nicht brauchen. Die Stiftung Lesen versucht aus diesem Grund zum Beispiel über die Kinderarztpraxen die Eltern zu erreichen - über 2.500 Kinderärzte sind unsere Partner. Sie binden mehr als bisher das Thema Sprachförderung in ihre Beratungsleistung ein. Und zum Kinderarzt kommen eben alle Eltern. Wir brauchen in Deutschland eine große multimediale Werbekampagne, die versucht, Eltern wachzurütteln. Außerdem muss der Kindergarten als flankierende Bildungseinrichtung zum Elternhaus so ausgestattet werden, auch mit Know-how, dass er seiner Aufgabe der Sprach- und Leseerziehung gerecht werden kann. Aber genau in diesem Bereich herrscht ein absolut desolater Zustand. 

Bildung PLUS: Wer spielt denn die Hauptrolle in der Lesförderung: Eltern oder Kindertagesstätten?

Kreibich: Die entscheidende Stelle ist die Familie und nicht die Kindertagesstätte. Die ersten Lebensjahre innerhalb der Familie sind die prägenden Erfahrungen für ein Kind. Wir wissen aus vielen internationalen Untersuchungen, dass das lesende Vorbild im Elternhaus eine der wichtigsten Variablen überhaupt in der Sprachförderung ist. Und diese Variable kann nicht so einfach in der Kindertagesstätte kompensiert werden. Auf der anderen Seite erleben viele Kinder gerade dort mehr lesende Vorbilder als zu Hause. Trotzdem kann dies nicht die strategische Ausrichtung sein.

Bildung PLUS: Apropos integrativer Medienansatz: Im Moment boomen Hörkassetten für Kinder und Erwachsene. Kann das ein adäquater Ersatz fürs Vorlesen sein?

Kreibich: Es gibt keinen Ersatz fürs Vorlesen. Natürlich hören Kinder Hörkassetten und wir wissen aus Untersuchungen, dass Mütter, die nicht gerne vorlesen, ihren Kindern besonders gerne diese Kassetten geben. Und es gibt eben auch sehr große Unterschiede in der Qualität von Hörkassetten. Die beidseitige Nutzung - Vorlesen und Kassetten - finde ich absolut unproblematisch. Doch das lesende Vorbild darf nicht ins Abseits gedrängt werden.

Bildung PLUS: Ist der Lesezug irgendwann abgefahren, wenn die Eltern versagen...?

Kreibich: Natürlich. Die Eltern müssen massiv angesprochen werden, weil bis zum achten Lebensjahr die neuronale Vernetzung im Gehirn stattfindet, die für vernetztes Denken, Kreativität und Fantasie sorgt. Wenn diese Zeitfenster geschlossen sind, ist meist nichts mehr zu machen. Die Diskussion muss sich um den familienpolitischen Aspekt drehen und nicht um gute oder schlechte Bücher. Leseförderung als nationale Aufgabe ist noch nicht verstanden worden.

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 31.07.2003
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