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28. 07. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Nur wer regelmäßig liest, dem fällt es auch leicht"

Moderatorin Petra Gerster nimmt Eltern beim Vorlesen in die Pflicht

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Petra Gerster

Bildung PLUS: Sie verfolgen sicher aufmerksam die Debatte, die seit PISA geführt wird. Sind Sie enttäuscht von den Entwicklungen oder gibt es für Sie Zeichen der Hoffnung?

Gerster: Grundsätzlich bin ich ja optimistisch und deshalb denke ich, dass PISA schon ein guter Anstoß war, denn die PISA-Studie hat die Nation wachgerüttelt und dieses Thema wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Natürlich auch so schreckliche Erscheinungen wie Erfurt, Coburg und Bad Reichenhall, die es ja früher so nicht gab. Das sind Auswüchse, mit denen wir jetzt zu kämpfen haben. Diese tragen dazu bei, dass wir merken, so geht es nicht weiter. Das ist immer der Anfang einer Änderung. Wir brauchen eine grundsätzliche Reform des Bildungssystems, aber bis dahin werden sicher noch einige Jahre ins Land gehen, aber ich denke, dass ein Anfang gemacht ist.

Bildung PLUS: Sie plädieren für die Sprachförderung als wichtigste Bildungsaufgabe. Damit rennen Sie zum Beispiel bei Initiativen wie der "Stiftung Lesen" offene Türen ein. Dort wurde unlängst festgestellt hat, dass in den Familien kaum mehr über Bücher geredet wird und immer weniger Eltern ihren Kindern vorlesen. Woran liegt das?

Gerster: Es liegt daran, dass auch die jüngere Generation der Eltern Lesen nicht mehr als Vergnügen, sondern als unangenehme Pflicht begreift. Abends wird dann der Fernseher eingeschaltet, weil es die bequemste Art der Ablenkung und Berieselung ist. So lernen es die Kinder von den Eltern. Lesen wird dann als große Anstrengung empfunden. Nur wer regelmäßig liest, dem fällt es auch leicht. Das wäre ganz einfach zu ändern, indem Eltern von Anfang an abends vorlesen - was gleichzeitig auch eine wunderbare Bindung zwischen Eltern und Kind herstellt. Eltern sollten auch den Fernseher ausgeschaltet lassen, bis die Kinder im Bett sind - dieser Verzicht muss auch geübt werden.

Bildung PLUS: Es geht ja nicht nur um das Lesen an sich. Sie weisen dem "Familiengeschwätz", also dem Erzählen von Geschichten, eine hohe Bedeutung in der frühkindlichen Förderung zu. Was lernen Kinder daraus?

Gerster: Kinder lernen aus diesem "Familiengeschwätz" unglaublich viel. Erziehung ist ja kein zielgerichteter Vorgang, bei dem man jeden Tag sein Pensum absolviert. Erziehung ist eher eine Nebenwirkung des Lebens. Erziehung geschieht durch das Vorbild der Eltern und anderer Menschen. Davon bekommen die Kinder aber am meisten mit, wenn man ihnen erzählt, mit ihnen redet und sie auch lernen lässt, selbst zu erzählen. Darüber hinaus lernen sie durch diese Erzählungen auch viel über die eigene Familie. Und irgendwann wollen sie etwas über die Eltern erfahren, weil sie verstanden haben, dass auch die Eltern nicht nur immer Eltern, sondern auch mal Kinder waren. Da spielt sich eine Menge im Gehirn der Kinder ab. Das ist Geschichtsvermittlung in einem individuellen Rahmen, die den Sinn öffnet für ein allgemeines Geschichtsverständnis.

Bildung PLUS: Eltern tragen sicher die Hauptverantwortung. Aber nicht alle Eltern sind sich dessen bewusst. Wie lässt sich dies ausgleichen?

Gerster: Natürlich kann man nicht davon ausgehen, dass alle Eltern hören, begreifen und umsetzen. Es gibt es immer einen hohen Prozentsatz von Eltern, die wir gar nicht erreichen können. Auch in diesem Fall würde die Ganztagesbetreuung eine größere Bildungschance für die Kinder bedeuten, die zu Hause überhaupt keine Anregung bekommen.

Bildung PLUS: Hörbücher, auch für Kinder, erleben gerade einen regelrechten Boom. Kann das Zuhören von Band überhaupt ein adäquater Ersatz sein?

Gerster: Ich bin selber Hörbuchfan. Für Erwachsene finde ich Hörbücher großartig und wenn jemand nicht liest, sondern nur hört, ist das doch auch toll. Jeder macht es halt, wie er es kann. Wenn Kinder noch nicht selbst lesen, aber gerne Kassetten hören, ist dagegen überhaupt nichts einzuwenden. Aber es ersetzt nicht das Vorlesen durch die Eltern. Vorlesen ist ja auch Zuwendung, Gespräch. Das Vorlesen kann unterbrochen werden für Zwischenfragen, eigene Äußerungen des Kindes, Erklärungen der Eltern.

Bildung PLUS: Wie sind Sie zum Lesen gekommen?

Gerster: Meine Eltern haben mir nicht vorgelesen, obwohl sie Bildungsbürger waren und selbst sehr viel gelesen haben. Ich bin aber in einer Welt der Bücher aufgewachsen und habe so früh angefangen zu lesen. Das war für mich abends im Bett so eine Art Fluchtburg, wo ich in meine Welt eingetaucht bin. Natürlich hatten wir damals auch noch keinen Fernseher. Bücher gehörten für mich einfach dazu.

Bildung PLUS: Was sagen Sie zu dem Werbespruch einer Schülervertretung: "Erst lernt man laufen und sprechen, dann schweigen und sitzen?"

Gerster: Zunächst: Auch Schweigen und Sitzen müssen gelernt werden. Nur wenn die Klasse schweigt, kann jeder konzentriert zuhören und Information aufnehmen. Aber der Unterricht darf sich natürlich nicht im Zuhören erschöpfen. Selber machen ist wesentlich wichtiger fürs Lernen als passives Zuhören. Und die Sache hat auch noch einen anderen Aspekt: Wenn schon kleine Kinder vor eine Kiste gesetzt werden, ob Video, Fernsehen oder Gameboy, ist das Gift für die Entwicklung des gesamten Menschen. Das Verstummen vor der Glotze verzögert die Sprachentwicklung unserer Kinder. Und es macht sie dick. Kinder sollen eigentlich raus und auf Bäume klettern. Übrigens ein weiterer Vorteil der Ganztagsschule: Sport und Bewegung könnten eine viel größere Rolle spielen. In einer Ganztagesschule könnte man vieles ausgleichen, was die Kinder zu Hause nicht mehr bekommen.

Bildung PLUS: In ihrem Buch ist immer wieder von neuen Erkenntnissen der Hirnforschung zu lesen, die darauf hinweisen, dass sich die Sprache von Kindern schon im Mutterleib fördern lässt. Denkt man da als Mutter manchmal an verpasste Chancen - nach dem Motto, wenn ich das schon früher gewusst hätte... 

Gerster: Wahrscheinlich ja. Man denkt manchmal, man hätte noch mehr Klassik hören und schon viel früher öfter und länger mit seinem Kind sprechen müssen. Aber man darf die neuen Erkenntnisse auch nicht überschätzen. Es ist vielleicht eine normale Reaktion, dass man denkt, was man bei dem Säugling schon alles hätte anders machen können. Das Wichtigste aber ist, dass wir offen bleiben für das, was wir in der Hirnforschung lernen und erfahren. Vor allem die Erkenntnis, dass kleine Kinder schon so offen und neugierig sind für viele Dinge. Und Kinder sind fehlertolerant. Eine begrenzte Zahl von Fehlern, die jeder Erzieher zwangsläufig macht, sind kein Unglück. Die Kinder gedeihen trotzdem. Voraussetzung: Sie werden bedingungslos geliebt.

Petra Gerster/ Christian Nürnberger
Der Erziehungsnotstand. Wie wir die Zukunft unserer Kinder retten
Rowohlt Verlag, 2001

Petra Gerster/ Christian Nürnberger
Stark für das Leben. Wege aus dem Erziehungsnotstand
Rowohlt Verlag, 2003

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 28.07.2003
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