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18. 06. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

„Das wird sicher eine Riesensache“

In Baden Württemberg soll ein Landesverband für Schulfördervereine entstehen

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Werner Salzer

Bildung Plus: Herr Salzer, Sie engagieren sich seit mehreren Jahren in einem Schulförderverein. Warum sind diese Vereine so wichtig?

Salzer: Schulfördervereine ergänzen in erster Linie Standardangebote an Schulen, die von den Kultusministerien permanent mehr eingeschränkt werden. Und weil auch die Kommunen diese Arbeit nicht leisten, da sie vor leeren Kassen stehen, müssen die Eltern dieses Gebiet selber übernehmen. Man kann nicht so lange warten, bis sich langfristig etwas ändert.

Bildung Plus: Was können Schulfördervereine leisten und wo liegen ihre Grenzen?

Salzer: Eines der wichtigsten Gebiete ist die Grundschulbetreuung, da die Kommunen diesen Part nicht übernehmen. Das heißt, Eltern betreuen die Kinder in Zeiten, in denen der Stundenplan keine Unterrichtseinheit anbietet. Dann erteilen sie Nachhilfeunterricht, der in der Schule oft nicht mehr stattfindet, oder Musikunterricht, den es auch nur noch wenig gibt. Es werden aber auch Kurse wie Selbstverteidigung zur Bewusstseinstärkung angeboten. Darüber hinaus organisieren sie viele kleine Veranstaltungen, wie Schulfeste oder Grillabende, damit ein bisschen Geld in die Kassen kommt. Das Angebot variiert an den Schulen. Kleine Fördervereine können zum Beispiel auch nur Teilgebiete abdecken. Dennoch müssen aber alle Eltern in einem richtigen Beschäftigungsverhältnis stehen, so dass der Vereinsvorsitzende zum Unternehmer wird, der Arbeitskräfte einstellt und Rechte und Pflichte eines Arbeitgebers innehat.
Die Grenzen sind da, wo die Arbeit in schulische Belange eingreift. Hier reagieren dann auch die Rektoren und die Lehrkräfte relativ empfindlich.

Bildung Plus: Sie treten für die Gründung eines Landesverbandes für Schulfördervereine in Baden Württemberg ein. Welches Ziel verfolgen Sie damit?

Salzer: Mehr Kooperation und Kommunikation der Schulfördervereine untereinander zu gewährleisten. Wir haben festgestellt, dass kaum ein Förderverein weiß, wo der nächste in seiner Umgebung ist. Es gibt keine Vernetzung und auch keine Kommunikationsmöglichkeiten.

Bildung Plus: Sind das die Vorteile für Fördervereine, in einem Landesverband organisiert zu sein?

Salzer: Ja, natürlich. Vernetzung, Kommunikation, Erfahrungsaustausch spielen eine große Rolle. Wir können uns gegenseitig helfen und voneinander lernen, wenn wir sehen, wie andere das machen. Es wäre auch eine Erleichterung, die Materialien, die jeder Verein von Zeit zu Zeit braucht, wie beispielsweise einen Marktstand, wo er seine Prospekte auslegen kann, in einem Pool zu zentralisieren. An oberster Stelle steht aber die versicherungstechnische Absicherung, denn die Versicherungen für Fördervereine sind sehr teuer. Jeder Förderverein aber hat Risiken und die Regressforderungen müssen im schlimmsten Falle privat vom Vorsitzenden selbst getragen werden.

Bildung Plus: Findet Ihr Projekt öffentliche Unterstützung?

Salzer: Bedingt. Es denken zwar alle, dass es eine sinnvolle Arbeit ist, aber nur so lange, wie es kein Geld kostet. Wir haben an einem Wettbewerb der Robert Bosch Stiftung teilgenommen und 10.000 Euro gewonnen. Deshalb steht unser Verein heute zum Glück auf sehr stabilen Füßen. Im Allgemeinen ist es für Schulfördervereine aber eher schwierig, Geld selbst zu erwirtschaften. Bis man die Anerkennung und die Industriepartner hat, die sicher sind, dass ihre Gelder gut angelegt sind, solange tut man sich sehr schwer.
Einer der Hauptnöte, vor der wir auch als Förderverein stehen, ist, dass Schule nicht mehr so hoch angesehen ist, wie noch vor ein paar Jahren. Es gibt tausend andere wichtige Dinge, in die investiert wird, aber die Schule verkommt im Moment.

Bildung Plus: Was erwarten Sie von der Politik?

Salzer: Wir erwarten von der Politik, dass die Motivation der Lehrer nach dem Vorbild der Industrie wieder hergestellt wird. Die Industrie musste ja auch rationalisieren und Einschränkungen machen und ihre Organisation umstellen, um sich der neuen Konkurrenzfähigkeit der Märkte anzupassen. Und so ist es im Schulsystem auch. Nur hat die Industrie eben unheimlich viel Geld investiert, um ihre Teams mit Motivationstraining und Schulungen wieder zu funktionierenden Räderwerken zu machen. Und das passiert in der Schule überhaupt nicht, da werden Organisationserlasse heruntergefahren auf die einzelne Schule und keinerlei Vorbereitung für die Lehrer getroffen. Unser Förderverein bezahlt deshalb in unserer Schule eine Gesellschafts- und Erziehungspädagogin. Sie betreibt mit den Lehrern Vorbereitungsarbeit auf die neue Bildungssituation und mit den Eltern Aufbauarbeit zum Wir-Gefühl für die Belange der Schule. Und den Schülern gibt sie Hilfestellung im Umgang mit Wut und Ärger, sowie Sprachförderung. Nebenprodukte dabei sind, dass diese Dreiergruppe zusammen lernt, wo es Ansatzpunkte gibt, um erkannte Defizite - egal welcher Natur - zu verringern und gemeinsam Kraft und Motivation aus dem Zusammengehörigkeitsgefühl schöpft.
Das wäre für mich ein Beispiel, das auch auf großer Basis laufen könnte, wenn die Gelder fließen würden, denn das ist eine teure Angelegenheit. Aber so würde die Motivation der Lehrer auch wieder steigen.

Bildung Plus: In dem Dreieck Politik-Wirtschaft-Schule kann ein Landesverband den einzelnen Fördervereinen doch sicher helfen?

Salzer: Ich denke, dass als Landesverband auch Stiftungen angegangen werden können, die es sinnvoll finden, dort zu investieren. Ich glaube, dass jeder, der einen soliden Verband im Hintergrund sieht, der die Gelder sauber verteilt, auch spenden wird. Und auch vom Bundesverband der Schulfördervereine, der am 6. März in Köln gegründet worden ist, erhoffen wir vollere Kassen, auf die man zurückgreifen kann.

Bildung Plus: Einen Bundesverband haben die Schulfördervereine bereits - wozu braucht Baden Württemberg dann noch einen Landesverband?

Salzer: Darüber wird zurzeit viel diskutiert. Der Bundesverband stellt sich das so vor: Alle 5.000 oder 10.000 Schulfördervereine schreiben sich bei ihm ein und sind von dort aus auch Nutznießer von Versicherungen und von organisatorischen Hilfsmitteln. Unserer Meinung nach geht dann aber der Kontakt verloren. Eine hierarchische Zwischenebene, der Landesverband, könnte das effizienter regeln.
Außerdem wäre das dann ein wichtiges Sprachrohr gegenüber dem Kultusministerium und dem Städtetag. Mit dem Landesverband können wir diesen Institutionen mit einheitlicher Meinung besser gegenüber treten. Und das wollen wir natürlich auch, wir wollen auftreten und unsere Sorgen und Nöte publik machen. Ich denke schon, dass wir etwas bewegen können, wenn wir zusammen eine repräsentative Meinung vertreten.

Bildung Plus: Stehen die Schulen und Eltern hinter Ihnen?

Salzer: Es gibt schätzungsweise 30 bis 40 Prozent Fördervereine, in denen der Rektor selbst Vorsitzender oder Beirat ist - dann haben wir entsprechenden Rückhalt. Aber an Schulen, an denen der Rektor und das Lehrerteam sich vollkommen heraushalten aus der Arbeit der Fördervereine, ist es oft schwer, weil sie befürchten, dass der Eindruck entstehen könnte, sie wären nicht ausgelastet, wenn sie uns unterstützen.
Und auch die Eltern müssen erst angeworben werden. Erst wenn der Erfolg des Projekts für sie transparent gemacht wird und der Nutzen sichtbar ist, springen sie darauf an, aber das geht eben nicht von allein.

Bildung Plus: Wie sehen Sie die Erfolgsaussichten Ihres Projektes?

Salzer: Es hängt wieder vom einzelnen Verein, vom Engagement und vom Idealismus ab. Es steckt sehr viel Arbeit dahinter, aber wenn man sieht, wie die verfahrenen Fronten zwischen Lehrern und Eltern aufbrechen, dann ist das ein wunderschönes Erlebnis. Deshalb ist auch die Unterstützung neuer Vereinsgründungen sehr wichtig. Wenn alles irgendwo abrufbar ist - Vorlagen für Einladungsschreiben und Satzungen, Besuche beim Notar etc. - passiert es sicher öfter, dass ein neuer Verein entsteht. Und wenn sich jetzt noch mehr Schulen anmelden und die eine Schule sieht, was die andere tut, dann kommen zahlreiche Impulse. Das wird sicher eine Riesensache.
Und ich denke auch den Kultusministerien gegenüber rennen wir offene Türen ein. Wir haben ja nicht so eine Kritikfunktion wie der Elternbeirat, sondern sind rein positiv ausgerichtet. Und deshalb müsste auch das Kultusministerium helfen und sehen, da ist eine Organisation, eine Initiative in Gang, die unterstützt werden muss.

 

Werner Salzer, 53, lebt in Metzingen. Beruflich in der Beratung und im Verkauf von Hartmetallwerkzeugen tätig. Er ist seit 1999 aktives Mitglied im Elternbeirat und seit 2000 Vorsitzender im Schulförderverein "Freundeskreis der Uhlandschule e.V.".
Als Mitbegründer des Bundesverbandes der Schulfördervereine bemüht er sich aktiv um die Gründung eines Landesverbandes in Baden Württemberg.

 

Autor(in): Petra Schraml
Kontakt zur Redaktion
Datum: 18.06.2003
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