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02. 06. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Wir stellen die deutsche Schule in ihrer Tradition in Frage"

SPD-Fraktion in Sachsen stellt Schulreformkonzept zur Diskussion

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Dr. Siegfried Kost

Bildung PLUS: Sie stellen ein eigenes Schulreformkonzept zur Diskussion. Warum machen Sie sich als kleine Fraktion so eine Arbeit?

Kost: Das Konzept ist keine schnelle Reaktion auf PISA oder auch TIMSS. Im Gegenteil: Wir sehen mit Unbehagen, dass die Ergebnisse der OECD-Studien nicht mit den anderen Analysen und Lösungsvorschlägen aus Deutschland selbst zusammengebracht werden. Das Forum Bildung hat ja selbst weitgehende Vorschläge unterbreitet, die im Wesentlichen auf eine Veränderung der deutschen Schul- und Lernkultur zielen. Es gibt ähnlich weit gehende Vorstellungen etwa der Bertelsmann-Stiftung oder von McKinsey. In der praktischen Schulpolitik kommt davon zu wenig an, auch wenn wir in Sachsen sicher noch eine besondere Situation haben. Erst langsam vollzieht die CDU-Regierung Veränderungen, welche in den alten Ländern seit zwanzig Jahren umgesetzt werden. Das wird dann eben auch nicht der große Durchbruch sein. Für uns ist die Zeit der Opposition eine Chance, Dinge nicht nur mit dem Blick auf den nächsten Tag anzugehen, sondern längerfristig und grundlegender zu durchleuchten. Wir arbeiten seit 1998 an diesem Reformmodell und sehen jetzt gute Chancen für eine nationale Diskussion.

Bildung PLUS: Was sind die Ansatzpunkte ihres Konzeptes? Worin unterscheidet es sich von dem, was in anderen Ländern oder von der KMK angedacht und angeschoben wird?

Kost: Wir setzen nicht an der Schulstruktur an, sondern wollen einen grundlegenden Wandel der deutschen Schul- und Lernkultur. Über die Beschreibung der nötigen Veränderungen herrscht ja noch einigermaßen Einigkeit. Verbal wird kaum jemand gegen eine stärkere Schüler-, Lebens- und Problemorientierung sein. Keiner wird bezweifeln, dass wir mehr Augenmerk auf die Entwicklung von Kompetenzen statt auf die bloße Wissensvermittlung legen müssen und dass das Spektrum der auszubildenden Kompetenzen erweitert werden muss. Wenn es allerdings konkret wird, fallen auch die Interpretationen dieser Ziele beträchtlich auseinander. Man sieht das ja gerade an der Diskussion der nationalen Kompetenzstandards und was da einige Länder schon wieder schnell an Lehrplanverschnitten parat hatten.

Wir stellen demgegenüber die deutsche Schule in ihrer Tradition doppelt in Frage: Wir wollen die Schulen einerseits positiv auf die Förderung jedes einzelnen Schülers orientieren. Und wir wollen den Schulen dazu keine neuen Strukturen verordnen, sondern Vielfalt ermöglichen. Dafür müssen einige Rahmenbedingungen gründlich geändert werden: Schulen sind nicht die Angelegenheit nur der Lehrer oder gar der Schulverwaltung. Die Interessen der Schüler, Eltern, Schulträger und Lehrer müssen bei der Erreichung der Bildungsziele einfließen können. Die Schulen sind heute nach wie vor in eine Verwaltungshierarchie mit Behördencharakter eingebunden, aus der sie herausgelöst werden sollen. Wir wollen die Schulen ganz stark auf das Ergebnis orientieren und setzen auf eine Output-Steuerung in einer Schule, die als Unternehmung funktioniert.

Bildung PLUS: Wie wollen Sie das erreichen?

Kost: Die Schulen bekommen die Verantwortung und damit die entsprechende Gestaltungskompetenz für die individuellen Bildungsprozesse. Jede Schule muss dafür ein internes Controlling entwickeln und die Schulverwaltung darf nicht mehr unmittelbar administrativ in die Schulen eingreifen. Dazu führen wir einen Schulvorstand ein, der die operativen Entscheidungen trifft und auch die Personalhoheit hat. Die Schulleitung, die von der Schule eingesetzt wurde, setzt diese Entscheidungen eigenverantwortlich um. Wir nehmen also Verantwortung und Entscheidungskompetenz aus den Kultusbehörden und geben sie den Schulen, wo sie mit den vielfältigen Interessen und Motivationen der Betroffenen produktiv zusammentreffen können..

Bildung PLUS: Was konnten Sie für ihr Schulreformkonzept vom Ausland lernen?

Kost: In einigen Ländern bekommen wir praktisch demonstriert, dass eine solche Schule erfolgreich ist. Das ist insofern wichtig, als es nach wie vor vielen Deutschen schwer fällt, sich eine andere Schule vorzustellen. Auf der anderen Seite ist unser Konzept keine Kopie der Systeme anderer Länder. Aus unserer Sicht ist ein zweifaches Lernen notwendig. Zum einen die kritische Schau auf die eigenen Schulen: Warum liefern sie keine besseren Ergebnisse und was sind die internen, nachvollziehbaren Gründe dafür? Wer dies wirklich einmal tut, wird zu Einsichten kommen, die es eher erklärungsbedürftige erscheinen lassen, dass deutsche Schüler immer noch so gut sind. Aber das ist ein anderes Thema.

Zum anderen natürlich der Blick über den Zaun. Dieses Lernen ist aber wie gesagt keine Kopie, sondern muss über den Weg der Abstraktion und Respezifikation führen. Wir sind dabei zum Schluss gekommen, dass wir einen Wandel von einer instruktiven zu einer konstruktiven Pädagogik an unseren Schulen brauchen. Das führt zu einer neuen Lehrerrolle. Aber wir wollen auch nicht das Kind mit dem Bade ausschütten: Frontalunterricht behält seine Berechtigung dort, wo er zweckmäßig ist. Wir lassen uns bei unseren Reformvorstellungen überhaupt von der Maxime Hegels leiten, dass ein Prinzip nicht deshalb falsch ist, weil es verabsolutiert wird, sondern dass das Falsche eben die Verabsolutierung ist. Vielleicht noch etwas Grundsätzliches: Wir brauchen an den Schulen ein normales demokratisches und humanistisches Klima, in dem entsprechende Werte alltäglich erfahren und nicht nur theoretisch im Sozialkunde- oder Ethikunterricht vermittelt werden. Die Spielräume hierfür sind sehr viel größer, als viele glauben.

Bildung PLUS: Aber haben denn die jetzt an den Schulen tätigen Lehrkräfte auch die Kompetenzen für diese neue Schul- und Lernkultur?

Kost: Ja und Nein. Sie haben sie sicher nicht aktuell, aber sie haben alle Voraussetzungen, um sie schnell zu erwerben. Das Wichtigste für Lehrkräfte ist ein neues Rollenverständnis. Wenn dieser Wandel im Kopf tatsächlich vollzogen ist, sind die nötigen Kompetenzen schnell erwerbbar. Das habe ich in vielen Schulen, die sich auf den Weg gemacht haben, oft genug beobachtet. Keinesfalls brauchen wir etwa flächendeckende Weiterbildungsmaßnahmen zum offenen Unterricht oder zur konstruktiven Pädagogik.

Bildung PLUS: Sie wollen aber den Schulen nicht nur mehr Freiheiten geben, sondern das dreigliedrige Schulsystem gleich ganz abschaffen...

Kost: Wenn wir unsere angestrebte Schul- und Lernkultur umsetzen, die praktisch jedem jungen Menschen einen individuellen Bildungsweg ermöglicht, dann stellt sich doch die Frage, wozu wir ein gegliedertes Schulsystem noch brauchen, das zudem nicht das leistet, was es zu leisten verspricht. In Wirklichkeit haben wir doch mit der Verteilung der Schüler auf verschiedene Schularten ein Relikt vergangener Zeiten, das seiner sozialen Funktion völlig beraubt ist, aber beträchtlichen Schaden bei einem großen Teil der Schülerschaft anrichtet.


 

Autor(in): Bildung PLUS
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Datum: 02.06.2003
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