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28. 05. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Wir fangen hier wirklich nicht von vorne an"

Verzahnung als wichtige Zukunftsaufgabe in der Lehrerausbildung

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Edwin Stiller, RSD

Bildung PLUS: Pisa hat unter anderem festgestellt, dass Lehrer Probleme haben, mangelnde Sprachkenntnisse bei Schülern zu diagnostizieren. Wie reagiert die Lehrerausbildung darauf?

Stiller: Das Problem betrifft nicht nur die Diagnostik der mangelnden Sprachkenntnisse allein, sondern  Lehrerinnen und Lehrer sollten den gesamten Lernprozess der Schülerinnen und Schüler viel stärker unter diagnostischen Gesichtspunkten beobachten. Wenn sie den Lernstand erfassen und spezifische Schwächen und Stärken erkennen, können sie den Unterricht individuell darauf abstimmen. Das weiß die Pädagogik auch schon lange, aber mit Pisa haben wir das ins Aufgabenbuch geschrieben bekommen. Die Lehrerausbildung reagiert unmittelbar: In Nordrhein-Westfalen wird im Moment im Auftrag des Ministeriums für Schule, Jugend und Kinder eine Rahmenvorgabe erstellt, die  zum 1. Februar 2004 in Kraft treten soll. Dort werden Standards für die Lehrerausbildung in Schule und Seminar formuliert und ein wichtiger neuer Bereich ist die Diagnostik. Allerdings muss in diesem Bereich noch einiges getan werden, weil Forschungsergebnisse fehlen. In vielen neu konzipierten Studienordnungen sind Module zur diagnostischen Kompetenz schon enthalten. Im Referendariat wird die Diagnostik ein verpflichtendes Qualifikationsfeld sein. Insofern werden diese Dinge sehr zeitnah aufgegriffen .

Bildung PLUS: Ist Hochbegabung auch ein Teil der Diagnostik?

Stiller: Wir wollen das ganze Begabungsspektrum in den Blick nehmen. Die erfolgreichen Pisa-Länder schaffen es wesentlich besser, individuell auf ihre Schülerinnen und Schüler einzugehen und passende pädagogische Maßnahmen zu treffen. Die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer sollen in der Lage sein, Entwicklungsstände, Lernfortschritte und individuelle Lern- und Leistungshindernisse zu erkennen und diese Kenntnisse in differenzierte und individuelle Maßnahmen umzusetzen.

Bildung PLUS: Ein Mathelehrer hat es ja wesentlich schwerer als ein Deutschlehrer die Sprachkenntnisse eines Schülers zu beurteilen. Wie werden Fachlehrer geschult?

Stiller: Die Rahmenvorgabe in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel ist eine Richtlinie, die jenseits von Schulform und Schulfächern Kompetenzen beschreibt, die alle Lehrerinnen und Lehrer für ihre Berufspraxis benötigen. Die Fachlehrer auf diese Herausforderungen vorzubereiten ist Aufgabe der Fachseminarausbildung im Vorbereitungsdienst. Dort geht es im Prinzip für alle Fächer erst einmal darum zu rekonstruieren, welche Entwicklungsprozesse Schüler eigentlich durchlaufen, wenn sie sich mathematische, naturwissenschaftliche oder fremdsprachliche Bildung aneignen.

Bildung PLUS: Ist das Interesse von Lehrern seit PISA an Weiterbildungsangeboten  gestiegen - zum Beispiel in der Förderung von Migranten?

Stiller: Es gibt eine lange Tradition im Bereich der interkulturellen Pädagogik. Wir fangen hier wirklich nicht von vorne an, aber Pisa ist ein empirischer Denkzettel. Pisa ist ein Anlass, bisherige Maßnahmen zu überprüfen und weiterzuentwickeln.

Bildung PLUS: Bund und Länder wollen die Ganztagsschulen bedarfsgerecht ausbauen. Wie reagiert die  Lehrerausbildung auf die neuen Herausforderungen?

Stiller: Es ist noch nicht ganz klar, wie dies sinnvoll pädagogisch umgesetzt wird. Die Lehrerausbildung in der zweiten Phase geschieht ja im dualen System - im Studienseminar und der Ausbildungsschule. Wenn sich die Schulen nun in Richtung Ganztagsbetrieb entwickeln, ist das für den Referendar sehr konkret an seiner Ausbildungsschule erlebbar. Die Seminare werden das situationsorientiert aufgreifen. Sie gehen sowieso dazu über, sich als Unterstützungssystem zu begreifen, um die Ausbildung alltagstauglicher zu machen. In diesem Sinne würde das Thema Ganztagsschule über die Schulen selbst in die Ausbildung hineinkommen.

Bildung PLUS: Die Lehrerausbildung wird immer wieder wegen ihres fehlenden Praxisbezugs kritisiert. Wie soll sich das ändern?

Stiller: Praxisbezug ist in der Lehrerausbildung von zentraler Bedeutung. Das Studienseminar steht mitten in der Praxis und leistet hier auch gute Arbeit. Für die 1. Phase der Lehrerausbildung sieht die neue Lehramtsprüfungsordnung, die am 27.3.2003 in Kraft getreten ist, vor, dass Praxisphasen neu geordnet und ausgeweitet werden. Die Praxis und die Reflexion darüber müssen noch viel mehr in die Studiengänge gelangen. Natürlich hat es im Studium immer schon Praktika gegeben. Ein großes Problem bestand aber darin, dass sie nicht genug in die Systematik des Studiums einbezogen wurden - in die Vorbereitung und Nachbereitung. Die Konfrontation mit der Praxis hat nur dann einen Sinn, wenn sie theoriegeleitet betrachtet werden kann. Aber die Frage stellt sich, ob die Universitäten dafür genug personelle Kapazitäten haben. In anderen Bundesländern bezieht man hier auch die Studienseminare mit ein. In Baden-Württemberg kooperieren zum Beispiel Hochschulen mit den Seminaren, weil die Ausbilder der zweiten Phase viel näher an der Praxis dran sind. Die Verzahnung der Phasen der Lehrerbildung ist eine wichtige Zukunftsaufgabe.

Bildung PLUS: Fast alle Bundesländer wollen die Lehrerausbildung reformieren. Aber eben nicht auf die gleiche Art und Weise. Werden wir in der Zukunft in Deutschland eine einheitliche Lehrerausbildung haben?

Stiller: Es wäre anzustreben, die Phasen der Lehrerbildung bundesweit an einheitlichen Standards und Konzepten auszurichten, aber im Moment scheint es so, dass alle Bundesländer eigene Konzepte entwickeln, die zwar teilweise hochinteressant sind, aber keine gemeinsame Linie haben. So gibt es in Baden-Württemberg die neuen didaktischen Zentren, die sowohl für die Aus- als auch die Fortbildung und die Praktikumsbetreuung in der ersten Phase zuständig sind. Das Studienseminar ist dort zu einer wichtigen Gelenkstelle in der Lehrerausbildung geworden.

Bildung PLUS: Welche Rolle spielt die Fortbildung in der Lehrerbildung? 

Stiller: Die Ausbildung kann Lehrerinnen und Lehrer nicht für ihr gesamtes Berufsleben ausrüsten. Berufsbegleitend müssen alle Kompetenzbereiche weiter entwickelt werden. Die Fortbildung kann Lehrerinnen und Lehrer unterstützen, neue Herausforderungen und neue Ergebnisse aus empirischen Leistungsvergleichen sowie neue Erkenntnisse der Wissenschaft besser aufgreifen und die Belastungen des Berufsalltags besser bewältigen zu können.


 

 

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 28.05.2003
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