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08. 05. 2003

 

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Bildung + Innovation

Das Online-Magazin zum Thema Innovation und Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

"Evaluation ist bei Lehrern negativ besetzt"

Ein Jahr in der Praxis: Lehrer ziehen Bilanz, Teil 2

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Anja Schönhardt, 31, Lehrerin am Berufskolleg Richard-Riemerschmid-Schule in Köln. Fächer: Deutsch und Sozialwissenschaften

Bildung PLUS: Was ist der größte Unterschied, wenn man von der Uni an die Schule kommt?

Schönhardt: Der größte Unterschied ist die Quantität der Arbeit und dass man plötzlich auf sich alleine gestellt ist. Den Praxisschock habe ich schon im Referendariat hinter mich gebracht, aber plötzlich gibt es keinen Mentor und keinen Referendarstatus mehr, der einen schützt. Und dann ist da noch eine Menge Arbeit, die strukturiert werden will. 

Bildung PLUS: Was muss sich Ihrer Meinung nach in der Lehreraus- und -fortbildung ändern?

Schönhardt: Ich hatte eigentlich eine gute Ausbildung. Die Situation, in die man als Lehrer kommt, ist ja von der Ausbildungsseite her auch schwer vorzubereiten. Was mir in der Lehrerausbildung allerdings gefehlt hat, waren praktische Sachen wie zum Beispiel Zeitmanagement oder die juristischen Rahmenbedingungen, in denen man sich bewegt. Ein weiteres Defizit sehe ich in den Modetrends der Pädagogik: Es gibt in den Seminaren immer einen pädagogisch-didaktischen Ansatz, der von den Fachleitern vertreten wird. Und wenn man das Referendariat erfolgreich bestehen will, muss man diese "Schule" eben mitmachen. In der Fortbildung gibt es zwar gute Angebote, aber die sind meistens zu kurz und dann auch noch zu umständlich und zu wenig praxisorientiert. Lieber mal eine kompakte Woche als einzelne Tage übers Jahr verstreut - von denen man auch nicht besonders viel mitnimmt.

Bildung PLUS: Seit PISA wird viel über Schulreform diskutiert. Ist etwas von diesem neuen Elan in der Schule vor Ort angekommen?

Schönhardt: An der Schule, an der ich jetzt arbeite, hat sich seit PISA schon etwas getan. Die Schulleitung fordert die Lehrer zum Beispiel auch nachdrücklich zur Leseförderung auf. Inwieweit das in den einzelnen Klassen umgesetzt wird, kann ich nicht sagen. Ich persönlich lege sehr viel Wert darauf.

Bildung PLUS: Evaluation ist auch ein beliebtes Stichwort in der PISA-Debatte. Aber Lehrer lassen sich scheinbar so ungern über die Schulter schauen. Warum?

Schönhardt: Weil es keinen Zwang gibt. In jedem Wirtschaftsunternehmen werden die Mitarbeiter evaluiert - bei den Lehrern ist erst seit ein paar Jahren davon die Rede. Viele Lehrer sind einfach unsicher und deshalb ist meistens vor dem Klassenzimmer Schluss. Es hat auch etwas damit zu tun, dass das Wort Evaluation bei Lehrern negativ besetzt ist, weil es immer mit Kontrolle verbunden wird. Vielleicht betrifft das auch mehr die älteren Kollegen, denn meine Lehrergeneration ist mit der Evaluation aufgewachsen. Während der gesamten Ausbildung war die Evaluation ein ständiger Begleiter. Persönlich finde ich Evaluation sehr sinnvoll und  lasse mich auch gern von den Schülern evaluieren. Aber auch einer anderen Art von Evaluation stehe ich positiv gegenüber, weil man immer etwas über sich selbst lernen kann.

Bildung PLUS: Alle Politiker bekennen sich zur Ganztagsschule, weil diese die Kinder anscheinend besser fördert, soziale Ungerechtigkeiten ausgleicht etc. Sehen Sie das auch so?

Schönhardt: Nein, die Ganztagsschule ist sicher kein Allheilmittel. Ich war in meinem Referendariat an einer Gesamtschule mit Ganztagsangeboten und weiß, dass es sehr gute Angebote gibt, aber bei manchen Dingen fragt man sich schon, ob das nicht nur ein Zeitvertreib für Schüler ist. Ich glaube, dass es nicht darum geht, Ganztagsschulen flächendeckend einzuführen, sondern dass von Fall zu Fall entschieden werden sollte, ob eine Umwandlung Sinn macht. Mit Sicherheit ist es nicht für alle Schulen ein ideales Modell.

Bildung PLUS: Das halbe Jahr Ferien, mittags um eins Feierabend, unkündbar und überbezahlt. Was sagen Sie zu dem schlechten Image der Lehrer in der Öffentlichkeit?
 
Schönhardt: Das stimmt natürlich nicht. Eigentlich muss man bei gesundem Menschenverstand gar nicht darauf verweisen, was man als Lehrer zu tun hat, wenn man Korrekturfächer hat. Außerdem braucht es keine Ganztagsschule, um die Lehrer am Nachmittag in der Schule zu halten: Fachkonferenzen, Teamsitzungen und neue Aufgaben, zum Beispiel in der Beratung, bestimmen den Arbeitstag immer mehr mit. Das Berufsbild wandelt sich von ganz alleine. Zu den stereotypen Vorwürfen, Lehrer hätten das halbe Jahr Ferien und seien überbezahlt, kann ich nur sagen, dass es natürlich Lehrer gibt, die nur das Nötigste machen. Aber Dienst nach Vorschrift zahlt sich nicht aus, denn erstens spiegelt dieser sich im Karriereverlauf wider und zweitens würde diese Berufsauffassung bei mir persönlich zu einem Zerrbild von meinem Verständnis als Lehrer führen.

 

Autor(in): Udo Löffler
Kontakt zur Redaktion
Datum: 08.05.2003
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